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Der Wilde Mann zwischen Wald, Wappen und Fastnacht

Der Wilde Mann ist Geist der europäischen Tradition.

Die behaarte Gestalt der Wildnis in Sage, Wappen und Brauch.

Inhaltsverzeichnis

Wilder Mann, Geist der germanischen Überlieferung
Wilder Mann

Der Wilde Mann, in England Woodwose oder Wodewose genannt, ist die behaarte Menschengestalt des mittelalterlichen Europas: halb Waldwesen, halb Gegenbild des zivilisierten Menschen. Als Wilder Mann begegnet er in Kirchenkunst und Wappen ebenso wie in Sagen und lebenden Fastnachtsbräuchen.

Anders als Dämonen ist er keine gezielt schädigende Macht, sondern die Verkörperung ungebändigter Wildnis; die Gefahr liegt in seiner Unberechenbarkeit und Körperkraft, nicht in Schadenszauber.

Auf einen Blick: Wilder Mann

Typ: Behaartes Waldwesen und Gegenbild des zivilisierten Menschen
Herkunft: Mitteleuropa, britische Inseln, Alpenraum
Texte: Bildkunst und Literatur des 12. bis 16. Jahrhunderts, Sagen und Bräuche bis in die Gegenwart
Zeitraum: Hochmittelalter bis heute
Erscheinung: menschengroße, ganzkörperbehaarte Gestalt mit Laubschurz und Keule

Historische Einordnung

Zeitraum der Texte

Seit dem 12. Jahrhundert erscheint der Wilde Mann durchgehend in der europäischen Bildkunst; Sagen und Bräuche tragen die Gestalt bis in die Gegenwart.

Verbreitungsraum

Mitteleuropa, die britischen Inseln und der Alpenraum; im Spätmittelalter ist die Figur an Kapitellen, auf Teppichen, in der Druckgraphik und in der Heraldik allgegenwärtig.

Quellenlage

Bildquellen, Heraldik, Brauchtum und Volkssagen; die Standardstudie legte Richard Bernheimer 1952 vor, den Bildbestand erschloss Timothy Husband 1980.

Name und Varianten

Deutsch und Englisch: Wilder Mann, englisch Woodwose oder Wodewose. Seit dem Spätmittelalter erscheinen neben ihm wilde Frauen und ganze wilde Familien; als Wirtshausname Zum Wilden Mann wurde die Gestalt zum vertrauten Hauszeichen.

Beschreibung

Erscheinung

Kennzeichen ist die vollständige Behaarung des Körpers bei freiem Gesicht, freien Händen und Füßen; dazu treten Laubkranz und Laubschurz sowie eine Keule oder ein ausgerissener junger Baum als Waffe. In der Brauchgestalt überwiegen Moos- oder Strohkostüme, die den Träger vollständig verhüllen.

Wirkung

Die Sagen zeichnen den Wilden Mann ambivalent. Er kann erschrecken, Vieh versprengen und in älteren Erzählungen Menschen entführen; häufiger aber ist das Motiv des wissenden Wilden: Wird er bewirtet oder gefangen, gibt er Wetterregeln und andere Ratschläge preis und wird dann wieder freigelassen. Im Brauchtum wirkt er als Verkörperung des Winters oder der Wildnis, die gebunden und ausgetrieben oder symbolisch getötet wird. Von planvoller Bosheit erzählen die Quellen nichts.

Steckbrief: Wilder Mann

Die wichtigsten Aspekte des behaarten Waldwesens auf einen Blick.

Kulturkontext

Bild- und Brauchfigur des mittelalterlichen Europas, gespeist aus antiken Waldwesen, dem biblischen Nebukadnezar-Bild und den Erzählungen vom Waldwahnsinn.

Wirkungsgegenstand

Jäger, Hirten und Waldgänger in den Sagen; in Brauchzeiten wie der Fastnacht wird die Wildnis symbolisch ins Dorf geholt und wieder ausgetrieben.

Darstellung

Ganzkörperbehaarte Gestalt mit Laubkranz, Laubschurz und Keule; in der Heraldik Schildhalter, unter anderem im dänischen Königswappen und im preußischen Wappen.

Funktion

Gegenbild der Zivilisation und Wächterfigur: theologisch als Gottferne gelesen, volkstümlich als Gestalt von Kraft, Naturnähe und Wetterwissen.

Umgang

Höflichkeit und Bewirtung in den Sagen, das Binden und Austreiben im Jahreslaufbrauch; ein besonderes Abwehrmittel kennt die Überlieferung nicht.

Vergleichbares

Der behaarte Schrat der Glossen, der slawische Leshy und der baskische Basajaun mit seinen Kulturbringer-Zügen.

Vom Kapitell zum Bal des Ardents: die Karriere einer Bildfigur

Seit dem 12. Jahrhundert erscheint der Wilde Mann in der europäischen Bildkunst durchgehend als ganzkörperbehaarte Gestalt mit Keule. Die Wurzeln sind vielschichtig: Antike Waldwesen wie Silvanus und der Satyr-Kreis wirkten ebenso ein wie das biblische Bild des zum Tier gewordenen Nebukadnezar und die Erzählungen vom Waldwahnsinn, etwa Merlin als Waldmensch in der Vita Merlini des Geoffrey von Monmouth oder der verwilderte Iwein der Artusepik.

Im Spätmittelalter wird die Figur allgegenwärtig: an Kapitellen und Chorgestühl, auf Teppichen und in der Druckgraphik, als Schildhalter in der Heraldik sowie in Fastnachtsspielen, in denen ein Wilder Mann gefangen und ausgetrieben wird. Historisch fassbar wird die Verkleidungspraxis 1393 beim Pariser Bal des Ardents, als König Karl VI. und Adlige in Wildleute-Kostümen auftraten und mehrere Tänzer verbrannten. Die Volkssagen des Alpenraums erzählen bis ins 19. Jahrhundert von wilden Männern und wilden Leuten mit Wetter- und Kräuterwissen.

Nachleben und Deutung

Schongauer und Dürer machten Wildleute zum beliebten Gegenstand der Druckgraphik; die Heraldik führt sie bis heute. Lebendig sind die Brauchgestalten: der Wilde-Mändle-Tanz in Oberstdorf, der nur alle fünf Jahre aufgeführt wird, und der Wild Maa des Basler Vogel Gryff. Der Fotograf Charles Fréger dokumentierte im Band Wilder Mann (2012) europäische Wildleute-Bräuche von Portugal bis zum Balkan. In der Populärkultur klingen Wildmensch-Motive in Gestalten wie Bigfoot und Yeti nach, die jedoch eigene Erzähltraditionen bilden.

Religionswissenschaftlich las Bernheimer den Wilden Mann als Projektionsfigur: als Bild des verdrängten Trieblebens und Gegenentwurf zur höfisch-christlichen Ordnung. Er ist eine Schwellengestalt zwischen Natur und Kultur, deren Bedeutung stärker im Bild- und Brauchbereich liegt als im Glauben an ein reales Wesen. Die Mannhardt-Schule deutete die Brauchspiele als Vegetationsriten; die neuere Forschung ist mit solchen Kontinuitätsthesen vorsichtig und versteht die Fastnachtsgestalten als historisch gewachsene Inszenierungen von Wildheit, die soziale Ordnung durch ihr Gegenteil sichtbar machen.

Binden, Austreiben, Bewirten: der Umgang

Quellenfest sind vor allem Bräuche der Bannung und des Ausgleichs: Im Fastnachts- und Jahreslaufbrauch wird der Wilde Mann gefangen, gebunden und aus dem Dorf geführt, womit die Wildnis symbolisch gebändigt ist. Die Sagen empfehlen gegenüber wilden Leuten Höflichkeit und Bewirtung; wer sie verspottet oder ihr Vertrauen missbraucht, verliert Rat und Hilfe. Daneben stehen die allgemeinen christlichen Schutzzeichen der Sagenwelt, Gebet und Kreuzzeichen, wenn eine Begegnung im Wald unheimlich wird. Ein besonderes Abwehrmittel gegen den Wilden Mann kennt die Überlieferung nicht, weil er nicht als Schadwesen galt.

Wildleute von Enkidu bis zum Basajaun

Die früheste literarische Wildmensch-Gestalt ist Enkidu im Gilgamesch-Epos, der behaart unter Tieren lebt, ehe er Mensch wird; den Hintergrund ordnet die Kulturseite Mesopotamien ein. Bildlich verdankt der Wilde Mann dem antiken Kreis um Satyr, Faun und Silvanus viel. Als territorialer Herr des Waldes entspricht ihm der slawische Leshy, als Bergwaldwesen der japanische Tengu; der baskische Basajaun teilt Behaarung und Kulturbringer-Züge.

Häufige Fragen zum Wilden Mann

War der Wilde Mann ein Dämon?

Nein. Die mittelalterliche Theologie nutzte ihn zwar als Bild der Gottferne, doch in Sage und Brauch ist er kein Schadgeist, sondern die Verkörperung ungebändigter Natur. Er schädigt nicht planvoll, sondern erschreckt durch Fremdheit und Körperkraft.

Wo begegnet man dem Wilden Mann heute?

In Wappen und Gasthausnamen sowie in lebenden Bräuchen wie dem Oberstdorfer Wilde-Mändle-Tanz oder dem Wild Maa des Basler Vogel Gryff. Museal ist er in der Druckgraphik und Teppichkunst des Spätmittelalters breit vertreten.

Hat der Wilde Mann etwas mit Bigfoot zu tun?

Beide gehören zum weltweiten Erzähltyp des behaarten Wildmenschen, sind aber eigenständige Traditionen. Der europäische Wilde Mann ist eine Bild- und Brauchfigur des Mittelalters, Bigfoot eine moderne nordamerikanische Erzählung mit kryptozoologischem Anspruch.

Weiterführende Verlinkungen

Empfohlene interne Links:

Literatur (Auswahl)

Eine Auswahl zentraler Quellen und Studien:

  • Bernheimer, Richard: Wild Men in the Middle Ages. A Study in Art, Sentiment, and Demonology. 1952.
  • Husband, Timothy: The Wild Man. Medieval Myth and Symbolism. 1980.
  • Grimm, Jacob: Deutsche Mythologie. 1835.
  • Fréger, Charles: Wilder Mann. 2012.

Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.

In der englischen Heraldik gewann der Woodwose Bedeutung als Schildhalter, und so verbindet der Typus Wilder Mann Sage, Bildkunst und lebendiges Brauchtum: eine Gestalt, an deren wildem Gegenbild Europa seit dem Mittelalter die eigene Ordnung misst.

Classification & Protection

IILEVEL
The Protection Compass assigns this being to influence level II, Noticeable influence.

No specific protective means is recorded in the tradition for this being.

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