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Osiris, Gott der ägyptischen Tradition

Osiris ist Gott der ägyptischen Tradition.

Herrscher des Totenreichs, Richter der Verstorbenen, Gott der Auferstehung und Fruchtbarkeit. Osiris ist eine der ältesten und beliebtesten Gottheiten Ägyptens, er repräsentiert zugleich die Hoffnung auf das Jenseits und den jährlichen Kreislauf von Tod und Erneuerung.

Nach seiner Ermordung durch seinen eifersüchtigen Bruder Seth zerstückelt, wurde er durch die Magie seiner Gattin Isis wiederhergestellt und auferweckt. Jeder ägyptische Pharao ist im Tod ein Osiris; jeder verstorbene Ägypter hofft, durch die Osiris-Mysterien seine Auferstehung zu erreichen.

Inhaltsverzeichnis

Osiris - Götter aus der Ägypten-Tradition, historisch-illustrativ
Osiris

Im Überblick: Osiris

Typ: Totengottheit, Fruchtbarkeits- und Auferstehungsgott
Pantheon: Ägypten (Heliopolitan-Ennead)
Funktion: Herrscher der Unterwelt (Duat), Richter in der Halle der Beiden Wahrheiten, Garant der Auferstehung
Hauptattribute: Atef-Krone, Heka und Nechecha (Krummstab und Geissel), Djed-Pfeiler, grüne Hautfarbe
Hauptkultorte: Abydos (Pilgerstätte und Mysterienspiele), Busiris im Delta, Philae
Römisches Pendant: Sarapis (Synkretismus)

Historische Einordnung

Zeitraum der Texte

Osiris ist ab den Pyramidentexten des Alten Reiches belegt, also mindestens seit dem 24. Jahrhundert v. Chr. Damit ist er eine der ältesten Gottheiten schriftlich überlieferter Kulte. Seine Mysterien und sein Mythos erfahren ihre reichste Ausarbeitung während des Mittleren Reiches (ca. 2055, 1650 v. Chr.), wo er auch in Privat-Steinen und Sargtexten verankert wird.

Die größten Pilger-Festspiele zu Osiris‘ Ehren finden in Abydos statt und sind bis ins 6. Jahrhundert n. Chr. belegt. Mit der römischen Eroberung verschmilzt Osiris, besonders in seinem Synkretismus als Sarapis, mit hellenen und römischen Gottheiten und breitet sich über das gesamte Mittelmeerreich aus.

Mythologische Einordnung

Osiris, König der Toten und des Jenseits, ist das zentrale Wesen der ägyptischen Mythologie von Tod und Auferstehung. Nach der klassischen Erzählung war Osiris ein fruchtbarer König Ägyptens, der von seinem eifersüchtigen Bruder Seth getötet und zerstückelt wurde.

Seine Gemahlin Isis sammelte die Teile und beschwor ihn zurück zum Leben. Osiris wurde zum König der Unterwelt und zum Archetyp des Sterbenden und Wiederauferstehenden Gottes. Die Pharaonen wurden nach ihrem Tode mit Osiris identifiziert und erhielten damit Unsterblichkeit.

Verbreitungsraum

Die Osiris-Verehrung erstreckt sich über ganz Ägypten. Abydos ist der Hauptkultort und zieht jährlich Tausende von Pilgern an, die an den Mysterien teilnehmen. Der Tempel des Osiris-Sokar-Ptah in Memphis ist ein zweites religiöses Zentrum.

Weitere Heiligtum existieren in Busiris im Delta, in Philae und im ganzen Land verteilt. Mit der Spätzeit und unter römischer Herrschaft erfasst die Osiris-Religion auch das Mittelmeergebiet, besonders in Form des Sarapis-Kultes, der in Alexandria entsteht und sich bis nach Rom, Griechenland und in die Schwarzmeerregion ausbreitet.

Quellenlage

Die Osiris-Tradition ist ungewöhnlich breit überliefert: Pyramidentexte (24. Jh. v. Chr.), Sargtexte (20. 17. Jh. v. Chr.), Totenbuch-Sprüche, religiöse Papyri (z. B. Papyrus d’Orbiney), Tempel-Inschriften, Privatstelen und Harfner-Lieder.

Essentiell sind auch die spätgriechischen Quellen: Plutarchs Traktat De Iside et Osiride (2. Jh. n. Chr.) fasst den ägyptischen Mythos für ein griechisch-römisches Publikum zusammen. Ägyptologische Spezialliteratur und späte Darstellungen geben ein kohärent rekonstruiertes Bild.

Name

Ägyptisch: Wesir oder Asar (Osiris ist die griechische Transkription des ägyptischen Namens). Die Wortbedeutung ist umstritten; mögliche Deutungen: „der Kraft Habende“ oder „der am Thron Sitzende.“ Beinamen: Chenti-Amentiu (der Erste der Westlichen, der Verstorbenen), bezieht sich auf sein Herrschen über das Jenseits. Nefer Tem (der Schöne, der Vollendete).

Un-nefer (der Unvollkommen-Gewordene, späterer Titel, der die Auferstehung markiert). Synkretische Form: Sarapis (Gr. Σάραπις), ein hellenisierter Synkretismus von Osiris und dem Apis-Stier, in der Spätzeit und römischen Periode besonders verbreitet.

Wichtige Verwandte: Sohn von Geb (Erde) und Nut (Himmel), Bruder (und später Gemahl) von Isis, Bruder von Seth und Nephthys. Vater des Horus (mit Isis gezeugt).

Beschreibung

Erscheinung

Osiris wird auf ägyptischen Darstellungen als mumifizierter Mensch gezeigt, ein mumifizierter König in voller Herrschaftsgewalt. Er trägt die Atef-Krone, einen hohen kegelförmigen Aufsatz mit Straussen-Federn an den Seiten (Symbol für Herrschaft).

Sein Körper ist grünlich oder schwarz getönt, grüne Farbe steht für Vegetation und fruchtbare Erde, schwarz für die fruchtbare Seulenerde oder für Trauer.

Die Haut ist teilweise verwaelbt oder wie eine Mumie liniert. Seine Hände sind gekreuzt und halten Heka (Krummstab oder Hirtenstock) und Nechecha (Geissel), Symbole pharaonischer Herrschaft. Aus seiner Lendengegend wachst ein Weizen- oder Lotus-Stengel, Zeichen seiner Auferstehung und Vegetationsgottheit.

Wesen und Wirken

Osiris repräsentiert die Hoffnung auf Auferstehung und ewiges Leben. Im Gegensatz zu anderen Toten-Göttern ist er selbst auferstanden, durch die Magie und Liebe seiner Gattin Isis. Dadurch wird er zum Vorbild für alle Verstorbenen.

Im Totenreich (Duat) sitzt Osiris auf seinem Thron und präsident über die Halle der Beiden Wahrheiten (Aaru), wo die Herzen der Verstorbenen gegen die Feder der Gerechtigkeit (Maat) gewogen werden.

Er ist ein gerechter, liebevoller, aber auch strenger Richter, keineswegs eine Gestalt der Bosheit oder Verdammnis. Seine Zerstückelung und Wiederherstellung machen ihn auch zum Symbol des Sterbens und Werdens aller Natur.

Erscheinung und Symbolik

Osiris wird dargestellt als mumifizierte Gestalt mit grüner oder schwarzer Hautfarbe, grün für Fruchtbarkeit und Erneuerung, schwarz für Nekromantie und Todesgewalt. Er trägt die Doppelkrone Ägyptens und hält das Szepter des Rechts (Krummstab und Dreschflegel, Werkzeuge der königlichen Autorität und der Ernte).

Sein Körper ist vollständig mit Mumienbinden bewickelt, das Gesicht jedoch frei. Die grüne oder schwarze Farbe unterstreicht seine liminale Position zwischen Leben und Tod.

Steckbrief: Osiris

Die wichtigsten Aspekte von Osiris auf einen Blick. Die Tabelle fasst Herkunft, Funktion, Erscheinung, Verehrung, Symbole und Parallelen zusammen.

Osiris' Herkunft

Sohn von Geb (Erde) und Nut (Himmel), der fünf schöpferischen Kinder, die in der Heliopolitan-Kosmogonie entstehen. Als ältester Sohn erhält er die Herrschaft über Ägypten von seinem Vater. Sein Bruder Seth, eifersüchtig auf die Macht und die Gattin Isis, bringt ihn um, ein Motiv der kosmischen Spannung zwischen Ordnung (Maat) und Chaos (Isfet).

Osiris' Funktion

Herrscher des Totenreichs (Duat), Richter der Verstorbenen in der Halle der Beiden Wahrheiten. Garant der Auferstehung nach dem Tode. Zugleich Gott der Vegetation und der Fruchtbarkeit, sein jährliches Sterben und Auferstehen symbolisiert den Nil-Hochwasser-Zyklus und die Ernte. Jeder Pharao wird im Tode zu Osiris; jeder frommer Ägypter hoffenauf eine Osiris-ähnliche Auferstehung.

Osiris' Erscheinung

Mumifizierter König mit Atef-Krone, gekreuzten Händen mit Heka und Nechecha, grüner oder schwarzer Haut. Oft auf Thron oder lagernd. Der Djed-Pfeiler, seine symbolische Wirbelsäule, ist ein eigenständiges Identitäts-Amulett.

Osiris' Verehrung

Hauptkultort: Abydos mit jährlichen Pilger-Mysterien und Festspielen. Weitere Heiligtum in Busiris, Memphis, Philae. Osiris wird durch private Andachten und Ammulette verehrt (besonders der Djed-Pfeiler). Opfer: Getreide (Emmer, Gerste), Honig, Wein, Brot. Gräber wurden oft mit Hiernoglyphen-Amuletten und Osiris-Hymnen ausgestattet. Könige und wohlhabende Privatpersonen ließen sich mit Osiris-Accessoires bestatten, um ihre Auferstehung zu sichern.

Osiris' Symbole

Atef-Krone (Herrschaft und Auferstehung), Djed-Pfeiler (Stabilität, Wirbelsäule), Heka (Krummstab, Herrschaft), Nechecha (Geissel, Macht), grüne und schwarze Farbe, Lotus und Getreide (Auferstehung und Fruchtbarkeit), Ankh (Ewiges Leben).
Osiris' Parallelen

Anubis (ägyptisch, aber Geleiter und Priester, nicht Herrscher des Jenseits), Hades (griechisch, Herrscher der Unterwelt, aber ohne Auferstehungsaspekt), Sarapis (Synkretismus), Adonis und Tammuz (sterbende und auferstehende Vegetationgötter), Dionysos (Mysterienkult), Yamaraja (indisch, Richter der Toten).

Der Mythos, Zerstückelung und Auferstehung

Der Osiris-Mythos ist der zentrale ägyptische Schöpfungs- und Erlösungsmythos. Seine Grundzüge sind bereits in den Pyramidentexten belegt, erfahren aber ihre reichste Darstellung in Sargtexten und dem Totenbuch.

Der Mord: Osiris wird König von Ägypten und heiratet seine Schwester Isis. Sein Bruder Seth, neidisch auf die Macht und besessen von Isis, plant Osiris‘ Vernichtung.

Er oergt einen Festmahl, bei dem er einen wunderschön verzierten Sarg bringt und verheisst, ihn demjenigen zu schenken, der genau hineinpasst. Als Osiris sich hineinkleidet, wird er von Seth und seinen Komplizen in den Sarg eingesperrt und in den Nil geworfen.

Die Suche der Isis: Isis durchsucht traurig ganz Ägypten nach ihrem Gemahl und findet schließlich den Sarg in einem Tamarisken-Baum in Byblos verwoben. Sie bringt den Sarg nach Ägypten zurück, versteckt ihn in einem Dickicht des Delta.

Die Zerstückelung: Seth entdeckt den Sarg und, in Rache, zerstückelt Osiris‘ Leichnam in vierzehn Teile und verteilt sie im ganzen Land (oder in einigen Versionen sechzehn Teile).

Die Wiederversammlung: Isis macht sich mit ihrer Schwester Nephthys auf, um alle Teile einzusammeln. Für jeden Fundort wird ein Heiligtum oder eine Statue errichtet. Der Leichnam wird durch die Magie von Isis und Anubis (dem Geleiter) reunifiziert und mumifiziert, die erste Mumifizierung, die als Vorlage für alle spätere ägyptische Bestattung dient.

Die Auferstehung: Durch die magischen Zaeuber von Isis wird Osiris temporär belebt, gerade lange genug, um mit Isis den Sohn Horus zu zeugen.

Danach besteigt Osiris seinen ewigen Thron in der Unterwelt und wird zum Herrscher der Toten und zur Garantie ihrer Auferstehung. Horus wächst auf, bekämpft seinen Onkel Seth und sichert sich das Reich seines Vaters.

Osiris, Parallelen in anderen Kulturen

Parallelen in anderen Kulturen

Griechische Tradition

Hades teilt mit Osiris die Herrschaft über die Toten, ist aber weniger ein Auferstehungsgott. Dionysos teil mit Osiris den Aspekt der Wiedergeburt und des Mysterien-Kultes, beide erleben einen Tod und eine Wiedergeburt im rituellen Sinne.

Mesopotamische Tradition

Nergal und seine Gemahlin Ereshkigal herrsche über das todesreich (Kur), ähnlich wie Osiris und Isis. Das Inanna-Descent-Motiv (Inanna’s Abstieg in die Unterwelt und ihre Erneuerung) hat strukturelle Parallelen zu Osiris‘ Zerstückelung und Auferstehung.

Levantinische und kleinasiatische Tradition

Adonis (phaenizisch/syrisch) und Tammuz (babylonisch-sumerisch) sind sterbende und auferstehende Vegetationgötter, ähnlich wie der Auferstehungsaspekt des Osiris. Alle drei repräsentieren den Kreislauf von Fruchtbarkeit und Verfall in der Natur.

Germanische Tradition

Baldr, der schöne Gott in der nordischen Mythologie, wird ebenfalls durch Betrug getötet und kann (mit Ausnhamen) nicht auferstehen, ein Kontrast zu Osiris, dessen Auferstehung gewährleistet ist.

Hinduistische Tradition

Yamaraja ist der Richter und Herrscher der Toten, teilt aber nicht den Auferstehungs-Mythos des Osiris. Die Auferstehung in indischem Denken erfolgt durch Reinkarnation, nicht durch Wiederherstellung eines Leichnams.

Christliche Tradition

Die Parallelen zwischen Osiris und Jesus sind historisch umstritten. Moderne Forscher sind skeptisch gegenüber direkten „Einflüssen,“ aber strukturelle Ähnlichkeiten existieren: Passionsmythos, Auferstehung, rituelles Gedenken durch mystische Teilhabe (Eucharistie, Ageyptische Mysterien).

Der Osiris-Mythos nach Plutarch und den ägyptischen Quellen

Der zusammenhängende Osiris-Mythos, wie er heute meist erzählt wird, stammt in seiner ausführlichsten Form nicht aus Ägypten selbst, sondern aus der Schrift De Iside et Osiride des griechischen Autors Plutarch aus dem frühen zweiten Jahrhundert nach Christus.

Die ägyptischen Quellen, von den Pyramidentexten des dritten Jahrtausends bis zu den Tempelinschriften der Spätzeit, setzen den Mythos meist als bekannt voraus und spielen nur auf einzelne Episoden an.

Nach Plutarch war Osiris ein König, der Ägypten Ackerbau, Gesetze und Götterverehrung brachte. Sein Bruder Seth, von Neid getrieben, lockte ihn in eine kostbar gefertigte Truhe, ließ sie verschließen und in den Nil werfen. Isis, Schwester und Gattin des Osiris, suchte den Leichnam und fand ihn schließlich.

Seth jedoch zerstückelte den Körper in vierzehn Teile und verstreute sie über ganz Ägypten. Isis sammelte die Teile, und mit Hilfe von Anubis und Thoth wurde Osiris einbalsamiert und wiederbelebt, lange genug, um mit Isis den Sohn Horus zu zeugen.

Die ägyptischen Quellen bestätigen die Grundzüge, weichen aber in Details ab. Die Zahl der Körperteile schwankt, und die Liste der Fundorte hängt mit lokalen Kultstätten zusammen, die jeweils ein Glied des Osiris zu besitzen beanspruchten. Abydos galt als Begräbnisort des Kopfes oder des ganzen Gottes und wurde zur wichtigsten Osiris-Kultstätte.

Die Forschung, etwa bei Jan Assmann, betont, dass der Mythos keine bloße Erzählung war, sondern das Fundament der ägyptischen Jenseitsvorstellung. Osiris wird zum Herrscher des Totenreichs, und jeder Verstorbene hofft, an seinem Schicksal teilzuhaben. Wer den Bruderkonflikt weiterverfolgen will, findet bei Seth und Horus die Gegenseiten.

Osiris und das Totengericht

Im Zentrum der ägyptischen Jenseitshoffnung steht die Vorstellung vom Gericht, dem sich jeder Verstorbene stellen muss. Osiris ist der Vorsitzende dieses Gerichts. Die ausführlichste bildliche Darstellung findet sich im Totenbuch des Neuen Reichs, besonders in der berühmten Vignette zu Spruch 125, dem sogenannten negativen Sündenbekenntnis.

In dieser Szene wird das Herz des Verstorbenen auf einer Waage gegen die Feder der Maat aufgewogen, die Wahrheit und kosmische Ordnung verkörpert.

Anubis bedient die Waage, Thoth notiert das Ergebnis, und ein Mischwesen namens Ammit, eine Verschlingerin, lauert darauf, das Herz eines Verurteilten zu fressen. Osiris thront am Ende der Szene und empfängt den Gerechtfertigten in sein Reich.

Vor dem Gericht spricht der Verstorbene das negative Sündenbekenntnis, eine Liste von Vergehen, die er nicht begangen haben will. Dieses Bekenntnis ist eine wichtige Quelle für die ägyptische Ethik, weil es zeigt, welches Verhalten als verwerflich galt: Lüge, Diebstahl, Gewalt, das Verrücken von Grenzsteinen, das Vorenthalten von Opfern.

Der Verstorbene, der das Gericht besteht, wird maa-cheru genannt, übersetzt etwa wahr an Stimme oder gerechtfertigt. Er gilt damit als Osiris, das heißt, er nimmt am Schicksal des Gottes teil, der den Tod überwand.

Aus diesem Grund tragen Verstorbene in Inschriften des Neuen Reichs und der Spätzeit oft den Namen Osiris vor ihrem eigenen Namen. Die Forschung sieht darin die Demokratisierung der Jenseitsvorstellung: Was im Alten Reich vor allem dem König vorbehalten war, wurde später für jeden Ägypter zugänglich, der die nötigen Riten und Texte besaß.

Die Mysterien von Abydos und die Osiris-Feste

Abydos in Mittelägypten war über mehr als zwei Jahrtausende das bedeutendste Kultzentrum des Osiris. Hier befand sich das Grab des Königs Djer aus der ersten Dynastie, das in späterer Zeit als das Grab des Osiris selbst gedeutet wurde und zum Ziel zahlreicher Pilger und Votivstiftungen wurde.

Aus dem Mittleren Reich sind die sogenannten Osiris-Mysterien von Abydos überliefert, ein mehrtägiges Festspiel, das Tod, Suche, Wiederfindung und Triumph des Osiris in ritueller Form nachvollzog.

Eine zentrale Quelle dafür ist die Stele des Ichernofret, eines Beamten Sesostris III. der berichtet, dass er im Auftrag des Königs die Festprozessionen ausstattete und an einzelnen rituellen Handlungen teilnahm. Die Stele nennt eine Prozession der Götterbarke und ein Geschehen, das als Schlacht oder Auseinandersetzung gedeutet wird.

Ein weiteres charakteristisches Element des Osiris-Kults waren die Osiris-Figuren aus Erde und Korn, die sogenannten Kornosirisse. In Tempeln wurden Formen mit fruchtbarer Erde und Getreidekörnern gefüllt und befeuchtet, sodass die Körner austrieben.

Die keimende Saat in der Gestalt des Gottes machte die Idee der Wiederbelebung unmittelbar sichtbar. Solche Kornmumien wurden in Gräbern beigegeben und sind archäologisch in größerer Zahl erhalten.

Das große jährliche Osiris-Fest im Monat Choiak verband landwirtschaftlichen Jahreslauf, Nilflut und Mythos. Die Forschung betont, dass Osiris in Ägypten nie nur ein Totengott war, sondern ebenso eng mit dem wiederkehrenden Pflanzenwachstum und der lebensspendenden Überschwemmung verbunden blieb. Diese doppelte Bedeutung, Tod und Erneuerung, macht den Kern seines Kultes aus.

Ikonografie und materielle Kultur des Osiris

Osiris ist einer der am leichtesten zu erkennenden ägyptischen Götter, weil seine Darstellung über lange Zeit erstaunlich konstant blieb.

Er erscheint als mumiengestaltige Figur, eng umwickelt, mit nur den Händen frei, die Krummstab und Wedel halten, die Insignien des Königtums. Auf dem Kopf trägt er die Atef-Krone, eine hohe weiße Krone, die seitlich von Federn flankiert wird.

Seine Haut wird häufig grün oder schwarz dargestellt. Beide Farben sind bedeutungstragend: Grün verweist auf Vegetation und neues Leben, Schwarz auf den fruchtbaren Nilschlamm und zugleich auf das Reich der Toten. Die Forschung sieht in dieser Farbwahl die mythologische Doppelnatur des Gottes unmittelbar ausgedrückt.

Ein zentrales Symbol des Osiris ist der Djed-Pfeiler, ein Pfeiler mit mehreren Querbalken am oberen Ende. Er gilt als Rückgrat des Osiris und als Zeichen von Dauer und Stabilität.

Das rituelle Aufrichten des Djed-Pfeilers, bezeugt in Tempelszenen, symbolisierte die Wiederaufrichtung des Gottes und damit den Sieg über den Tod. Djed-Amulette gehören zu den häufigsten Funden in ägyptischen Gräbern.

Materiell ist der Osiris-Kult durch eine große Zahl von Bronzestatuetten der Spätzeit greifbar, die Gläubige als Votivgaben in Tempeln niederlegten. Hinzu kommen die erwähnten Kornmumien, Stelen aus Abydos und unzählige Särge und Papyri mit Osiris-Darstellungen.

Diese Fülle an Objekten macht Osiris zu einem der archäologisch am besten dokumentierten Götter Ägyptens und erlaubt es, die Entwicklung seines Kultes über fast drei Jahrtausende zu verfolgen.

Osiris in der griechisch-römischen Welt und seine Nachwirkung

Mit der griechischen und römischen Herrschaft über Ägypten breitete sich der Osiris-Kult über die Grenzen des Niltals hinaus aus.

Eine Schlüsselrolle spielte dabei die Gestalt des Serapis, eine in ptolemäischer Zeit geförderte Gottheit, die Züge des Osiris mit griechischen Vorstellungen verband. Serapis und vor allem Isis fanden in der gesamten Mittelmeerwelt Anhänger, und mit ihnen wanderte auch die Vorstellung des Osiris.

In den Isis-Mysterien der römischen Kaiserzeit, von denen der Roman Metamorphosen des Apuleius einen literarischen Eindruck gibt, war Osiris als jenseitiger Herrscher präsent. Heiligtümer für die ägyptischen Götter sind archäologisch von Britannien bis zum Schwarzen Meer nachgewiesen. Die Forschung diskutiert, wie weit die ursprünglich ägyptischen Inhalte dabei verstanden oder umgedeutet wurden.

Plutarchs Schrift De Iside et Osiride ist nicht nur eine Quelle für den Mythos, sondern auch ein Zeugnis der antiken Deutung. Plutarch las den Mythos philosophisch und allegorisch, als Auseinandersetzung zwischen ordnenden und zerstörenden Kräften. Diese allegorische Lektüre prägte das europäische Osiris-Bild bis in die Neuzeit.

Mit der Entzifferung der Hieroglyphen durch Jean-François Champollion im frühen 19. Jahrhundert und der wachsenden Ägyptologie wurde Osiris erneut zu einer kulturell wirksamen Figur. Er erscheint in der Freimaurerei, in der Esoterik des 19. Jahrhunderts und in der modernen Populärkultur.

Religionswissenschaftlich ist dabei zu unterscheiden zwischen dem historischen Osiris der ägyptischen Quellen und den vielfältigen späteren Aneignungen, die ihn als Symbol für Wiedergeburt, Geheimwissen oder Unsterblichkeit in Anspruch nahmen.

Weiterführende Verlinkungen
  • [Isis, Ägypten](/isis/)
  • [Seth, Ägypten](/set/)
  • [Horus, Ägypten](/horus/)
  • [Anubis, Ägypten](/anubis/)
  • [Nephthys, Ägypten](/nephthys/)
  • [Sarapis, Synkretismus](/sarapis/)
  • [Hades, Griechenland](/hades/)
  • [Yamaraja, Hinduismus](/yamaraja/)
  • [Totengottheiten, Unterkategorie](/totengottheiten/)
  • [Götter, Klassenübersicht](/götter/)

Forschungsliteratur

  • Assmann, Jan: Der König im Auge des Mondes: Ägyptens solare Neuordnung in der Ramessidenzeit. München 2012.
  • Assmann, Jan: Tod und Jenseits im Alten Ägypten. München 2001.
  • Budge, E. A. Wallis: The Gods of the Egyptians. Dover 1969.
  • Dunand, Franoise: La religion populaire dans l’Égypte ancienne. Paris 2006.
  • Frankfurter, David: Religion in Egypt: Assimilation and Difference. Princeton 1998.
  • Plutarch: De Iside et Osiride. (Engl. transl. J. Gwyn Griffiths.) Swansea 1970.
  • Walde, Christine (Hg.): Der Neue Pauly (Lemma „Osiris“). Stuttgart 1996ff.

Häufige Fragen zu Osiris

Wer war Osiris in der ägyptischen Mythologie?

Osiris (ägyptisch Wesir) war der ägyptische Gott des Jenseits, der Wiedergeburt und der Vegetation, eine der zentralen Götter-Figuren der ägyptischen Religion.

Im Osiris-Mythos ist er König Ägyptens, wird von seinem Bruder Set ermordet und zerstückelt; seine Schwester-Gemahlin Isis sammelt seine Glieder und erweckt ihn so weit zum Leben, dass sie noch ihren Sohn Horus von ihm empfangen kann.

Osiris wird daraufhin Herrscher des Jenseits. Jeder verstorbene Pharao wurde als Osiris in den Sarkophag gelegt und mit dem Osiris-Beinamen versehen.

Was ist die Osiris-Symbolik des Sterbens und Wiederauferstehens?

Der Osiris-Mythos ist eine der ältesten dokumentierten Sterbens- und Auferstehungsgeschichten der Religionsgeschichte. Er hat archetypische Parallelen zu Adonis, Tammuz, Dionysos und im Christentum zu Jesus Christus, alles sterbende und wieder auferstehende Gottheiten, die mit Vegetations- und Jahreszyklen verbunden sind.

Im Pyramiden-Texten und im Totenbuch wird der Verstorbene mit Osiris identifiziert, um an dessen Auferstehung Anteil zu haben. Die jährliche Nil-Überschwemmung galt als Osiris-Tränen, Tod und Lebenserneuerung in einem.

Einordnung & Schutz

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