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Osiris, Gott der ägyptischen Tradition

Osiris ist Gott der ägyptischen Tradition.

Herrscher des Totenreichs, Richter der Verstorbenen, Gott der Auferstehung und Fruchtbarkeit. Osiris ist eine der aeltesten und beliebtesten Gottheiten Aegyptens, er repraesentiert zugleich die Hoffnung auf das Jenseits und den jaehrlichen Kreislauf von Tod und Erneuerung. Nach seiner Ermordung durch seinen eifersuechtigen Bruder Seth zerstückelt, wurde er durch die Magie seiner Gattin Isis wiederhergestellt und auferweckt. Jeder aegyptische Pharao ist im Tod ein Osiris; jeder verstorbene Aegypter hofft, durch die Osiris-Mysterien seine Auferstehung zu erreichen.

Inhaltsverzeichnis

Osiris - Götter aus der Ägypten-Tradition, historisch-illustrativ

Osiris

Im Überblick: Osiris

Typ: Totengottheit, Fruchtbarkeits- und Auferstehungsgott
Pantheon: Aegypten (Heliopolitan-Ennead)
Funktion: Herrscher der Unterwelt (Duat), Richter in der Halle der Beiden Wahrheiten, Garant der Auferstehung
Hauptattribute: Atef-Krone, Heka und Nechecha (Krummstab und Geissel), Djed-Pfeiler, gruene Hautfarbe
Hauptkultorte: Abydos (Pilgerstaette und Mysterienspiele), Busiris im Delta, Philae
Roemisches Pendant: Sarapis (Synkretismus)

Historische Einordnung

Zeitraum der Texte

Osiris ist ab den Pyramidentexten des Alten Reiches belegt, also mindestens seit dem 24. Jahrhundert v. Chr. Damit ist er eine der aeltesten Gottheiten schriftlich überlieferter Kulte. Seine Mysterien und sein Mythos erfahren ihre reichste Ausarbeitung waehrend des Mittleren Reiches (ca. 2055–1650 v. Chr.), wo er auch in Privat-Steinen und Sargtexten verankert wird. Die groessten Pilger-Festspiele zu Osiris‘ Ehren finden in Abydos statt und sind bis ins 6. Jahrhundert n. Chr. belegt. Mit der roemischen Eroberung verschmilzt Osiris, besonders in seinem Synkretismus als Sarapis, mit hellenen und roemischen Gottheiten und breitet sich ueber das gesamte Mittelmeerreich aus.

Mythologische Einordnung

Osiris, König der Toten und des Jenseits, ist das zentrale Wesen der ägyptischen Mythologie von Tod und Auferstehung. Nach der klassischen Erzählung war Osiris ein fruchtbarer König Ägyptens, der von seinem eifersüchtigen Bruder Seth getötet und zerstückelt wurde. Seine Gemahlin Isis sammelte die Teile und beschwor ihn zurück zum Leben. Osiris wurde zum König der Unterwelt und zum Archetyp des Sterbenden und Wiederauferstehenden Gottes. Die Pharaonen wurden nach ihrem Tode mit Osiris identifiziert und erhielten damit Unsterblichkeit.

Verbreitungsraum

Die Osiris-Verehrung erstreckt sich ueber ganz Aegypten. Abydos ist der Hauptkultort und zieht jaehrlich Tausende von Pilgern an, die an den Mysterien teilnehmen. Der Tempel des Osiris-Sokar-Ptah in Memphis ist ein zweites religioeses Zentrum. Weitere Heiligtum existieren in Busiris im Delta, in Philae und im ganzen Land verteilt. Mit der Spaetzeit und unter roemischer Herrschaft erfasst die Osiris-Religion auch das Mittelmeergebiet, besonders in Form des Sarapis-Kultes, der in Alexandria entsteht und sich bis nach Rom, Griechenland und in die Schwarzmeerregion ausbreitet.

Quellenlage

Die Osiris-Tradition ist ungewoehnlich breit überliefert: Pyramidentexte (24. Jh. v. Chr.), Sargtexte (20.–17. Jh. v. Chr.), Totenbuch-Sprueche, religioese Papyri (z. B. Papyrus d’Orbiney), Tempel-Inschriften, Privatstelen und Harfner-Lieder. Essentiell sind auch die spaetgriechischen Quellen: Plutarchs Traktat De Iside et Osiride (2. Jh. n. Chr.) fasst den aegyptischen Mythos für ein griechisch-roemisches Publikum zusammen. Aegyptologische Spezialliteratur und spaete Darstellungen geben ein kohaerent rekonstruiertes Bild.

Name

Aegyptisch: Wesir oder Asar (Osiris ist die griechische Transkription des aegyptischen Namens). Die Wortbedeutung ist umstritten; mögliche Deutungen: „der Kraft Habende“ oder „der am Thron Sitzende.“ Beinamen: Chenti-Amentiu (der Erste der Westlichen, der Verstorbenen), bezieht sich auf sein Herrschen ueber das Jenseits. Nefer Tem (der Schoene, der Vollendete). Un-nefer (der Unvollkommen-Gewordene, späterer Titel, der die Auferstehung markiert). Synkretische Form: Sarapis (Gr. Σάραπις), ein hellenisierter Synkretismus von Osiris und dem Apis-Stier, in der Spaetzeit und roemischen Periode besonders verbreitet. Wichtige Verwandte: Sohn von Geb (Erde) und Nut (Himmel), Bruder (und später Gemahl) von Isis, Bruder von Seth und Nephthys. Vater des Horus (mit Isis gezeugt).

Beschreibung

Erscheinung

Osiris wird auf aegyptischen Darstellungen als mumifizierter Mensch gezeigt, ein mumifizierter Koenig in voller Herrschaftsgewalt. Er traegt die Atef-Krone, einen hohen kegelfoermigen Aufsatz mit Straussen-Federn an den Seiten (Symbol für Herrschaft). Sein Koerper ist gruenlich oder schwarz getoent, gruene Farbe steht für Vegetation und fruchtbare Erde, schwarz für die fruchtbare Seulenerde oder für Trauer. Die Haut ist teilweise verwaelbt oder wie eine Mumie liniert. Seine Haende sind gekreuzt und halten Heka (Krummstab oder Hirtenstock) und Nechecha (Geissel), Symbole pharaonischer Herrschaft. Aus seiner Lendengegend wachst ein Weizen- oder Lotus-Stengel, Zeichen seiner Auferstehung und Vegetationsgottheit.

Wesen und Wirken

Osiris repraesentiert die Hoffnung auf Auferstehung und ewiges Leben. Im Gegensatz zu anderen Toten-Göttern ist er selbst auferstanden, durch die Magie und Liebe seiner Gattin Isis. Dadurch wird er zum Vorbild für alle Verstorbenen. Im Totenreich (Duat) sitzt Osiris auf seinem Thron und praesident ueber die Halle der Beiden Wahrheiten (Aaru), wo die Herzen der Verstorbenen gegen die Feder der Gerechtigkeit (Maat) gewogen werden. Er ist ein gerechter, liebevoller, aber auch strenger Richter, keineswegs eine Gestalt der Bosheit oder Verdammnis. Seine Zerstückelung und Wiederherstellung machen ihn auch zum Symbol des Sterbens und Werdens aller Natur.

Erscheinung und Symbolik

Osiris wird dargestellt als mumifizierte Gestalt mit grüner oder schwarzer Hautfarbe, grün für Fruchtbarkeit und Erneuerung, schwarz für Nekromantie und Todesgewalt. Er trägt die Doppelkrone Ägyptens und hält das Szepter des Rechts (Krummstab und Dreschflegel, Werkzeuge der königlichen Autorität und der Ernte). Sein Körper ist vollständig mit Mumienbinden bewickelt, das Gesicht jedoch frei. Die grüne oder schwarze Farbe unterstreicht seine liminale Position zwischen Leben und Tod.

4. Steckbrief: Osiris

Die wichtigsten Aspekte von Osiris auf einen Blick. Die Tabelle fasst Herkunft, Funktion, Erscheinung, Verehrung, Symbole und Parallelen zusammen.

Osiris' Herkunft

Sohn von Geb (Erde) und Nut (Himmel), der fuenf schoepferischen Kinder, die in der Heliopolitan-Kosmogonie entstehen. Als aeltester Sohn erhaelt er die Herrschaft ueber Aegypten von seinem Vater. Sein Bruder Seth, eifersuechtig auf die Macht und die Gattin Isis, bringt ihn um, ein Motiv der kosmischen Spannung zwischen Ordnung (Maat) und Chaos (Isfet).

Osiris' Funktion

Herrscher des Totenreichs (Duat), Richter der Verstorbenen in der Halle der Beiden Wahrheiten. Garant der Auferstehung nach dem Tode. Zugleich Gott der Vegetation und der Fruchtbarkeit, sein jaehrliches Sterben und Auferstehen symbolisiert den Nil-Hochwasser-Zyklus und die Ernte. Jeder Pharao wird im Tode zu Osiris; jeder frommer Aegypter hoffenauf eine Osiris-aehnliche Auferstehung.

Osiris' Erscheinung

Mumifizierter Koenig mit Atef-Krone, gekreuzten Haenden mit Heka und Nechecha, gruener oder schwarzer Haut. Oft auf Thron oder lagernd. Der Djed-Pfeiler, seine symbolische Wirbelsaeule, ist ein eigenstaendiges Identitaets-Amulett.

Osiris' Verehrung

Hauptkultort: Abydos mit jaehrlichen Pilger-Mysterien und Festspielen. Weitere Heiligtum in Busiris, Memphis, Philae. Osiris wird durch private Andachten und Ammulette verehrt (besonders der Djed-Pfeiler). Opfer: Getreide (Emmer, Gerste), Honig, Wein, Brot. Graeber wurden oft mit Hiernoglyphen-Amuletten und Osiris-Hymnen ausgestattet. Koenige und wohlhabende Privatpersonen ließen sich mit Osiris-Accessoires bestatten, um ihre Auferstehung zu sichern.

Osiris' Symbole

Atef-Krone (Herrschaft und Auferstehung), Djed-Pfeiler (Stabilitaet, Wirbelsaeule), Heka (Krummstab, Herrschaft), Nechecha (Geissel, Macht), gruene und schwarze Farbe, Lotus und Getreide (Auferstehung und Fruchtbarkeit), Ankh (Ewiges Leben).
Osiris' Parallelen

Anubis (aegyptisch, aber Geleiter und Priester, nicht Herrscher des Jenseits), Hades (griechisch, Herrscher der Unterwelt, aber ohne Auferstehungs-Aspekt), Sarapis (Synkretismus), Adonis und Tammuz (sterbende und auferstehende Vegetationgoetter), Dionysos (Mysterienkult), Yamaraja (indisch, Richter der Toten).

5. Der Mythos, Zerstückelung und Auferstehung

Der Osiris-Mythos ist der zentrale aegyptische Schoepfungs- und Erloesungsmythos. Seine Grundzuege sind bereits in den Pyramidentexten belegt, erfahren aber ihre reichste Darstellung in Sargtexten und dem Totenbuch.

Der Mord: Osiris wird Koenig von Aegypten und heiratet seine Schwester Isis. Sein Bruder Seth, neidisch auf die Macht und besessen von Isis, plant Osiris‘ Vernichtung. Er oergt einen Festmahl, bei dem er einen wunderschoen verzierten Sarg bringt und verheisst, ihn demjenigen zu schenken, der genau hineinpasst. Als Osiris sich hineinkleidet, wird er von Seth und seinen Komplizen in den Sarg eingesperrt und in den Nil geworfen.

Die Suche der Isis: Isis durchsucht traurig ganz Aegypten nach ihrem Gemahl und findet schließlich den Sarg in einem Tamarisken-Baum in Byblos verwoben. Sie bringt den Sarg nach Aegypten zurueck, versteckt ihn in einem Dickicht des Delta.

Die Zerstückelung: Seth entdeckt den Sarg und, in Rache, zerstückelt Osiris‘ Leichnam in vierzehn Teile und verteilt sie im ganzen Land (oder in einigen Versionen sechzehn Teile).

Die Wiederversammlung: Isis macht sich mit ihrer Schwester Nephthys auf, um alle Teile einzusammeln. Für jeden Fundort wird ein Heiligtum oder eine Statue errichtet. Der Leichnam wird durch die Magie von Isis und Anubis (dem Geleiter) reunifiziert und mumifiziert, die erste Mumifizierung, die als Vorlage für alle spätere aegyptische Bestattung dient.

Die Auferstehung: Durch die magischen Zaeuber von Isis wird Osiris temporaer belebt, gerade lange genug, um mit Isis den Sohn Horus zu zeugen. Danach besteigt Osiris seinen ewigen Thron in der Unterwelt und wird zum Herrscher der Toten und zur Garantie ihrer Auferstehung. Horus waechst auf, bekaempft seinen Onkel Seth und sichert sich das Reich seines Vaters.

6. Osiris, Parallelen in anderen Kulturen

7. Parallelen in anderen Kulturen

Griechische Tradition

Hades teilt mit Osiris die Herrschaft ueber die Toten, ist aber weniger ein Auferstehungs-Gott. Dionysos teil mit Osiris den Aspekt der Wiedergeburt und des Mysterien-Kultes, beide erleben einen Tod und eine Wiedergeburt im rituellen Sinne.

Mesopotamische Tradition

Nergal und seine Gemahlin Ereshkigal herrsche ueber das todesreich (Kur), aehnlich wie Osiris und Isis. Das Inanna-Descent-Motiv (Inanna’s Abstieg in die Unterwelt und ihre Erneuerung) hat strukturelle Parallelen zu Osiris‘ Zerstückelung und Auferstehung.

Levantinische und kleinasiatische Tradition

Adonis (phaenizisch/syrisch) und Tammuz (babylonisch-sumerisch) sind sterbende und auferstehende Vegetationgoetter, aehnlich wie der Auferstehungs-Aspekt des Osiris. Alle drei repraesentieren den Kreislauf von Fruchtbarkeit und Verfall in der Natur.

Germanische Tradition

Baldr, der schoene Gott in der nordischen Mythologie, wird ebenfalls durch Betrug getoetet und kann (mit Ausnhamen) nicht auferstehen, ein Kontrast zu Osiris, dessen Auferstehung gewaehrleistet ist.

Hinduistische Tradition

Yamaraja ist der Richter und Herrscher der Toten, teilt aber nicht den Auferstehungs-Mythos des Osiris. Die Auferstehung in indischem Denken erfolgt durch Reinkarnation, nicht durch Wiederherstellung eines Leichnams.

Christliche Tradition

Die Parallelen zwischen Osiris und Jesus sind historisch umstritten. Moderne Forscher sind skeptisch gegenueber direkten „Einfluessen,“ aber strukturelle Aehnlichkeiten existieren: Passionsmythos, Auferstehung, rituelles Gedenken durch mystische Teilhabe (Eucharistie, Ageyptische Mysterien).

Weiterführende Verlinkungen

  • [Isis, Aegypten](/isis/)
  • [Seth, Aegypten](/seth/)
  • [Horus, Aegypten](/horus/)
  • [Anubis, Aegypten](/anubis/)
  • [Nephthys, Aegypten](/nephthys/)
  • [Sarapis, Synkretismus](/sarapis/)
  • [Hades, Griechenland](/hades/)
  • [Yamaraja, Hinduismus](/yamaraja/)
  • [Totengottheiten, Sub-Kategorie](/totengottheiten/)
  • [Götter, Klassen-Uebersicht](/goetter/)

Forschungsliteratur

  • Assmann, Jan: Der Koenig im Auge des Mondes: Aegyptens solare Neuordnung in der Ramessidenzeit. Muenchen 2012.
  • Assmann, Jan: Tod und Jenseits im Alten Aegypten. Muenchen 2001.
  • Budge, E. A. Wallis: The Gods of the Egyptians. Dover 1969.
  • Dunand, Franoise: La religion populaire dans l’Égypte ancienne. Paris 2006.
  • Frankfurter, David: Religion in Egypt: Assimilation and Difference. Princeton 1998.
  • Plutarch: De Iside et Osiride. (Engl. transl. J. Gwyn Griffiths.) Swansea 1970.
  • Walde, Christine (Hg.): Der Neue Pauly (Lemma „Osiris“). Stuttgart 1996ff.