Gnosis — Erkenntnisweg zwischen Pleroma und Demiurg
Gnosis bezeichnet den spätantiken Erkenntnisweg zwischen göttlichem Pleroma und materieller Welt des Demiurgen — eine dualistische Kosmologie mit Erlösungs-Mythos.
Gnosis – griechisch gnōsis, Erkenntnis – bezeichnet eine spätantike religiös-philosophische Strömung, in deren Mitte die Überzeugung steht, dass der Mensch durch ein verborgenes inneres Wissen aus seiner kosmischen Verstrickung erlöst werden kann. Die Welt gilt nicht als gute Schöpfung des höchsten Gottes, sondern als Werk eines unvollkommenen Demiurgen; der wahre, transmundane Gott bleibt jenseits, und nur die im Menschen schlafende göttliche Funkenseele kann sich in Erkenntnis an ihn erinnern.
Quellen und Textfunde
Bis zum 20. Jahrhundert kannten Forscher die Gnosis fast ausschließlich aus den polemischen Schriften der Kirchenväter Irenäus, Hippolyt, Tertullian und Epiphanius, die sie als Häresie bekämpften. 1945 fand ein ägyptischer Bauer in Nag Hammadi 13 koptische Codices mit 52 gnostischen Originaltexten – das Apokryphon des Johannes, das Evangelium der Wahrheit, das Evangelium nach Thomas, das Evangelium nach Philippus, der Donner. Vollkommener Verstand, die Pistis Sophia. Erst dieser Fund erlaubte den Innenblick in die gnostische Selbstbeschreibung.
Grundlehren
Trotz erheblicher Vielfalt teilen die meisten gnostischen Systeme einen Kernkomplex. An der Spitze des Seins steht der unaussprechliche Vater, das Pleroma der Aionen entfaltet sich aus ihm. Durch einen Fall in der niederen Sophia entsteht der Demiurg, oft mit dem Namen Jaldabaoth oder Saklas, der die materielle Welt als Gefängnis erschafft. Die Menschen tragen den göttlichen Funken, sind sich seiner aber nicht bewusst. Ein Bote aus dem Pleroma – bei den Christen Christus, in anderen Systemen Seth oder Sophia selbst – bringt die rettende Erkenntnis. Wer sie aufnimmt, befreit seinen Funken aus der körperlichen Hülle und kehrt nach dem Tod zum Pleroma zurück.
Schulen und Strömungen
Die antike Gnosis ist keine einheitliche Bewegung. Die Valentinianer um Valentinus (2. Jh.) entwickeln eine elaborierte Ainonenlehre und bewegen sich nahe der christlichen Großkirche. Die Sethianer arbeiten mit der Figur Seths als Heilbringer und greifen massiv auf jüdisches Schrifttum zurück. Der Manichäismus Manis (3. Jh.) wird zu einer eigenständigen Weltreligion, die von Nordafrika bis China reicht. Die Mandäer im Süden des heutigen Iraq sind die einzige bis heute bestehende gnostische Gemeinschaft – sie verehren Johannes den Täufer und betrachten Jesus als Pseudopropheten.
Dualismus und seine Schattierungen
Charakteristisch für die Gnosis ist ein metaphysischer Dualismus. Er reicht von der scharfen Trennung Gott/Demiurg, Geist/Materie bis zur radikaleren manichäischen Lehre zweier ewig gegenüberstehender Prinzipien. Diese dualistischen Strukturen wirken in der westlichen Religionsgeschichte fort – in den Bogomilen Bulgariens, den Katharern Südfrankreichs (12./13. Jh.), partiell in der protestantischen Theologie der Verworfenheit der Welt.
Moderne Rezeption
Im 19. und 20. Jahrhundert wird die Gnosis von verschiedenen Seiten aufgenommen. C. G. Jung sieht in ihr eine Vorform tiefenpsychologischer Selbsterkenntnis und kommentiert die Pistis Sophia ausführlich. Hans Jonas legt mit Gnosis und spätantiker Geist (1934) eine philosophiegeschichtliche Standardstudie vor und stellt eine Wahlverwandtschaft zur existenzialistischen Daseinserfahrung des 20. Jahrhunderts heraus. In der Esoterik gilt die Gnosis vielen modernen Strömungen – von der Theosophischen Gesellschaft über Rudolf Steiner bis zu zeitgenössischen Bewegungen – als geheime europäische Gegentradition zum Mainstream-Christentum.
Esoterische Aufnahme heute
In der gegenwärtigen Esoterik-Szene wird Gnosis oft als allgemeine Chiffre für „erfahrungsbasiertes geistliches Wissen jenseits dogmatischer Religion“ verwendet. Diese Verwendung ist sympathisch, aber historisch ungenau. Die antike Gnosis ist sehr konkret eine dualistische Erlösungslehre mit eigenen Texten, Riten und Mythen. Wer sie historisch ernst nimmt, kommt nicht an der Auseinandersetzung mit den Nag-Hammadi-Originalen vorbei. Wer sie nur als Chiffre nutzt, darf das tun, sollte aber den Begriff nicht für historische Behauptungen einspannen.
Abgrenzungen
Gnosis ist nicht identisch mit Hermetik (auch wenn beide spätantike Wurzeln teilen), nicht mit Kabbala (auch wenn die Klipot-Lehre dualistisch klingt), nicht mit Neuplatonismus (der die Welt als emanative Selbstmitteilung des Einen ansieht, nicht als Demiurgenfehler). Wer in einer Detail-Page „gnostisch“ liest, sollte prüfen, welche der drei Sphären gemeint ist.
Quellen
- Hans Jonas: Gnosis und spätantiker Geist, Göttingen 1934/54 (Standardwerk).
- James M. Robinson (Hg.): The Nag Hammadi Library in English, Brill 4. Aufl. 1996.
- Kurt Rudolph: Die Gnosis. Wesen und Geschichte einer spätantiken Religion, Göttingen 1977.
- Christoph Markschies: Die Gnosis, Beck Wissen, München 2001.
- April D. DeConick: The Gnostic New Age, Columbia UP 2016.