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Izanami, Göttin der japanischen Tradition

Schöpfergöttin, verdammt zur Unterwelt, Symbol des Verfalls.

Izanami ist Göttin der japanischen Tradition und Mutter-Gottheit des Shinto-Schöpfungsmythos.

GöttinJapan

Inhaltsverzeichnis

Izanami - Götter aus der Japan-Tradition, historisch-illustrativ

Izanami gehört zum kosmogonischen Götterpaar des japanischen Shintō und wurde nach ihrem Tod zur Herrin der Unterwelt Yomi.

Izanami

Auf einen Blick: Izanami

Typ: Japanische Hauptgottheit (Shinto), Schöpfungs-Göttin und Königin der Unterwelt Yomi
Pantheon: Shinto
Funktion: Schöpfung Japans und der Kami, Geburts- und Toten-Göttin
Hauptattribute: Hofgewand, Kammgriff (mit dem Izanagi sie sah), Rückkehr ins Yomi
Hauptkultorte: Taga-Taisha (Shiga), Iya-Schrein (Tokushima), Hiba-Berg (mythisches Grab)
Gemahl: Izanagi (Schöpfungs-Paar)

Historische Einordnung

Zeitraum der Texte

Izanami (jap. Izanami-no-Mikoto, „die zur Verehrung Einladende“) ist seit dem 8. Jh. n. Chr. literarisch im Kojiki (712) und Nihon shoki (720) belegt.

Sie ist die zentrale Schöpfungs-Göttin der Shinto-Tradition: gemeinsam mit ihrem Gemahl Izanagi rührt sie das Urmeer mit dem Speer Ame-no-Nuboko und schafft daraus die japanischen Inseln, dann die Kami. Bei der Geburt des Feuergottes Kagutsuchi verbrennt sie sich und stirbt, sie steigt nach Yomi (Unterwelt).

Hauptblütezeit ihrer Theologie: bis ins Mittelalter zentral; danach durch die Amaterasu-zentrierte Ise-Tradition relativ zurückgedrängt.

Verbreitungsraum

Hauptkultorte: Taga-Taisha in der Shiga-Präfektur (gemeinsam mit Izanagi, einer der ältesten Schreine Japans), Iya-Schrein in Tokushima auf Shikoku, Hiba-Berg in Shimane (mythisches Grab Izanamis), Kumano-Schreine (in einigen Traditionen mit Izanami verbunden). Im Volksglauben des ländlichen Japans bis heute präsent als Schöpfungs-Mutter.

Quellenlage

Zentrale Quellen: Kojiki (Buch I, Schöpfungs-Mythos und Yomi-Abstieg), Nihon shoki (Buch I, mehrere Versionen). Sekundärliteratur: Aston, Shinto. The Way of the Gods; Kanda, Shinto in History; Heldt (Übers.), The Kojiki. An Account of Ancient Matters; Bocking, A Popular Dictionary of Shinto.

Bezeichnung und Schreibweisen

Izanami war ursprünglich wunderbar, eine junge Göttin mit glänzendem Haar, würdevoll in himmlischen Gewändern. Doch ihr Mythos-Bild ist dominiert von ihrer Verfalls-Erscheinung in Yomi: verfaulte Haut, Maden-Befall, verfaulende Innereien, muffiger Geruch des Todes.

Izanagi, der ihr folgte, sah sie nur beim Licht einer leuchtenden Zahnbürste und war entsetzt. Die Lanze des Ozean-Rührens (Ama-no-Nuboko) ist ihr primäres Symbol der Schöpferkraft.

Beschreibung

Izanami gebar die Inseln Japans, die Götter der Jahreszeiten und des Wetters. Doch bei der Geburt des Feuergottes wurde sie tödlich verbrannt. Sie starb und sank in Yomi hinab, wo sie zur Göttin der Unterwelt wurde, nicht böse, sondern traurig und gefangen.

Der Kojiki berichtet von Izanagis Versuch, sie zurückzuholen: Er folgte ihr in Yomi, bat sie, mit ihm zurückzukehren. Sie weigerte sich, zu sehr verformt von Yomi, zu sehr Göttin des Todes geworden. Seine Flucht und sein rituelles Reinigungsbad (Misogi) nach der Begegnung etablierten Shintōs Konzept von ritueller Unreinheit durch Todeskontakt.

Steckbrief: Izanami

Die wichtigsten Aspekte von Izanami auf einen Blick. Die folgenden Felder fassen Herkunft, Funktion, Erscheinung, Verehrung, Symbole und kulturelle Parallelen zusammen.

Tradition

Izanami und Izanagi sind die letzte Generation der Sieben Generationen der himmlischen Kami. Sie steigen auf die schwimmende Brücke des Himmels und rühren mit dem Speer Ame-no-Nuboko das Urmeer; aus den Tropfen entstehen die japanischen Inseln.

Dann zeugen sie miteinander zahlreiche Kami: Sturm, Berge, Flüsse, Meer. Bei der Geburt des Feuergottes Kagutsuchi verbrennt sich Izanami und stirbt.

Izanagi steigt ihr nach in Yomi (Unterwelt) und versucht sie zurückzuholen, aber sie hat schon von der Yomi-Speise gegessen und ist verwest.

Als Izanagi sie im Licht seines Kammgriffs sieht, ist sie ein verwesender Leichnam, er flieht entsetzt, sie verfolgt ihn rasend und schwört jeden Tag tausend Menschen zu töten; Izanagi schwört, jeden Tag eintausendfünfhundert zu zeugen.

Bezogen auf

Doppelfunktion: Schöpfungs-Mutter der japanischen Inseln und der Kami; Königin der Unterwelt Yomi nach ihrem Tod. Diese tragische Doppel-Rolle ist einzigartig in der Welt-Mythologie, die selbe Göttin, die das Leben schafft, wird zur Toten-Herrscherin. Im persönlichen Kult als Geburts-Göttin angerufen (an Taga-Taisha vor allem), aber auch als Toten-Mutter in Bestattungen.

Darstellung

Izanami hat keine festgelegte ikonografische Darstellung, in der orthodoxen Shinto-Tradition wird das Bilden von Götter-Statuen vermieden. In späteren bildlichen Traditionen als feierliche Frau in mehrlagigem Hofgewand (junihitoe) dargestellt, häufig in der Schöpfungsszene mit dem Speer Ame-no-Nuboko (gemeinsam mit Izanagi auf der Himmelsbrücke).

In Yomi-Szenen als verwesender Leichnam mit acht Donnergeistern auf dem Körper, eine der eindringlichsten Toten-Darstellungen der Welt-Mythologie.

Tätigkeit

Wirkungsbereich: Izanami wird in Taga-Taisha besonders um Geburt und Eheschliessung angerufen. Im ländlichen Volksglauben als Schöpfungs-Mutter Japans zentral. In Toten-Riten als Yomi-Herrscherin. Das Kojiki-Story um ihren Yomi-Abstieg ist eines der am meisten studierten Mythen der Welt-Religionsgeschichte (vergleichbar mit Persephone-Demeter, Inanna-Ereshkigal). Im Iya-Schrein jährliches Festival mit ungewöhnlichen Riten.

Izanamis Abwehr

Speer Ame-no-Nuboko (Schöpfungs-Werkzeug), Hofgewand junihitoe, Yomi-Speise, acht Donnergeister (auf ihrem verwesenden Körper), Yomi-Felsen-Tor (das Izanagi nach der Flucht verschloss). Heilige Berge: Hiba-Berg (mythisches Grab). Heilige Pflanzen: Pfirsich (Izanagi warf Pfirsiche, um Yomi-Dämonen abzuwehren).

Izanamis Parallelen

Persephone (Griechenland, vom Unterwelts-Herrn entführt), Inanna/Ishtar (Mesopotamien, Abstieg in die Unterwelt), Ereshkigal (Mesopotamien, Unterweltskönigin), Hel (Germanisch, halb-tote Unterweltsherrscherin), Eve (jüdisch-christlich, erste Frau, mit Sterblichkeit verbunden), Pandora (Griechenland), Yamuna (Hinduismus, Schwester Yamas). Das Sterben-bei-Geburt-und-Königin-der-Unterwelt-Motiv ist einzigartig in dieser Konstellation.

Praktische Abwehr

Verehrungsrituale (distanziert)

Izanami (japan. „Die Einladende“) ist im Kojiki (712) und Nihon Shoki (720) Schöpfergöttin der japanischen Inseln, gemeinsam mit Izanagi. Nach dem Geburtstod (Verbrennung bei Kagutsuchis Geburt) wird sie zur Herrin von Yomi-no-Kuni (Unterwelt).

Direkte Izanami-Verehrung ist im Shinto sehr begrenzt, der Hauptkultort ist der Yomotsu Hirasaka in Shimane (Eingang zur Unterwelt). Im Higashi-Hongū Schrein gilt sie als Ahnengottheit. Rituale sind apotropäisch-meidend statt devotional (vgl. Nelson, A Year in the Life of a Shinto Shrine).

Anrufungen

Im Kojiki (Bd. 1) erscheint die zentrale Anrufung Izanamis durch Izanagi am Eingang von Yomi, der Mythos endet mit dem Bann durch den großen Felsen. Im Norito-Reinigungsgebet Ōharae no kotoba wird die Trennung der Welten (Yomi vs. Naka-tsu-kuni) bekräftigt.

Amulette und Schutzsymbole

Pfirsichfrüchte (momo) gelten seit dem Kojiki als apotropäisch wirksam, Izanagi warf drei Pfirsiche, um die shikome (häßliche Frauen aus Yomi) zu vertreiben. Pfirsich-Schnitzereien finden sich an traditionellen japanischen Hauseingängen. Reinigungssalz (shio) wird vor Häusern gestreut, eine Praxis, die mythisch auf Izanagis erste Misogi-Reinigung nach Yomi zurückgeht.

Izanami, Parallelen in anderen Kulturen

Izanami teilt Motive mit der sumerischen Inanna (Abstieg in die Unterwelt), der griechischen Persephone, der indischen Sati (Verbrennung). Im Gegensatz zu Persephones Ambivalenz ist Izamami jedoch definitiv in Yomi gefangen, kein Saisonalzyklus, sondern dauerhafter Verfall. Sie ähnelt auch der mexikanischen Coatlicue oder der japanischen Mononoke-Konzepten, Göttinnen, die Schöpfung und Zerstörung gleichzeitig verkörpern.

Das Kojiki und das Nihon Shoki: die Quellen des Schöpfungsmythos

Was über Izanami bekannt ist, stammt fast vollständig aus zwei Werken des frühen 8. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung. Das Kojiki („Aufzeichnung alter Geschehnisse“), abgeschlossen 712, und das Nihon Shoki oder Nihongi („Chronik Japans“), abgeschlossen 720, enthalten beide den Mythos von Izanami und ihrem Bruder und Gemahl Izanagi.

Beide Texte wurden im Auftrag des Hofes verfasst und dienten unter anderem dazu, die Abstammung des Kaiserhauses von den Göttern zu begründen.

Sie sind daher keine neutralen Mitschriften alter Mythen, sondern bewusst gestaltete Werke mit politischem Zweck. Das Nihon Shoki bietet zudem oft mehrere Varianten einer Erzählung nebeneinander, was zeigt, dass schon im 8. Jahrhundert konkurrierende Überlieferungen umliefen.

Nach diesen Texten gehören Izanami und Izanagi zu den letzten einer Reihe von Göttergenerationen, die nach der Trennung von Himmel und Erde entstehen.

Die älteren Götter beauftragen das Paar, das noch ungeformte Land zu festigen. Mit einem juwelenbesetzten Speer rühren sie vom Himmelssteg aus im Urmeer; ein vom Speer tropfender Wassertropfen verfestigt sich zur ersten Insel.

Auf dieser Insel vollziehen Izanami und Izanagi ihre Vermählung und beginnen, weitere Inseln und zahlreiche Gottheiten zu zeugen. Izanami ist damit eine der Schöpfergottheiten des japanischen Archipels selbst.

Wer den Mythos genau verstehen will, muss die beiden Chroniken als das nehmen, was sie sind: höfische Werke, die ältere mündliche Überlieferung in eine geordnete, legitimierende Form gebracht haben.

Der Gang in die Unterwelt: Izanami in Yomi

Die eindringlichste Episode des Mythos ist Izanamis Tod und der Abstieg Izanagis in die Unterwelt. Bei der Geburt des Feuergottes Kagutsuchi wird Izanami so schwer verbrannt, dass sie stirbt. Sie ist damit die erste Gottheit, die den Tod erfährt. Sie geht hinab nach Yomi, dem „Land der Finsternis“ dem japanischen Totenreich.

Izanagi, der seine Gemahlin zurückholen will, folgt ihr. Izanami erklärt, sie habe bereits von der Speise der Unterwelt gegessen und könne darum nur schwer zurückkehren, sie wolle es aber mit den Mächten von Yomi besprechen.

Sie verbietet Izanagi, sie dabei anzusehen. Er hält das Verbot nicht ein, zündet ein Licht an und erblickt ihren verwesenden, von Maden bedeckten Leib.

Entsetzt flieht Izanagi. Izanami, beschämt und erzürnt, schickt die Schrecken der Unterwelt hinter ihm her. An der Grenze zwischen der Welt der Lebenden und Yomi wälzt Izanagi einen gewaltigen Felsen vor den Durchgang.

Durch diesen Stein voneinander getrennt, sprechen die einstigen Gatten ihre Trennung aus. Izanami droht, täglich tausend Menschen sterben zu lassen; Izanagi entgegnet, dann werde er täglich tausendfünfhundert geboren werden lassen.

Diese Episode ist religionsgeschichtlich dicht. Sie erklärt mythisch die Unumkehrbarkeit des Todes, die Trennung der Lebenden von den Toten und zugleich das Gleichgewicht von Sterben und Geborenwerden. Das Motiv des verbotenen Blicks auf die Tote hat Parallelen in anderen Mythologien, etwa der griechischen Orpheus-Erzählung, ohne dass eine direkte Verbindung anzunehmen wäre.

Reinigung und die Geburt der großen Götter

Die Folgen von Izanagis Rückkehr aus der Unterwelt sind für die japanische Religion grundlegend. Nachdem er aus Yomi entkommen ist, fühlt sich Izanagi durch die Berührung mit dem Tod verunreinigt. Er begibt sich zu einem Fluss und vollzieht eine rituelle Waschung, im Mythos misogi genannt.

Aus dieser Reinigung gehen weitere Gottheiten hervor. Als Izanagi sein linkes Auge wäscht, entsteht die Sonnengöttin Amaterasu; aus dem rechten Auge der Mondgott Tsukuyomi; aus der Nase der ungestüme Sturmgott Susanoo. Diese drei zählen zu den bedeutendsten Gottheiten des Shinto, und Amaterasu gilt als Ahnin des Kaiserhauses.

Bemerkenswert ist, dass diese zentralen Gottheiten nicht aus der Vereinigung von Izanami und Izanagi hervorgehen, sondern aus dem Reinigungsakt nach Izanamis Tod. Der Mythos verbindet damit die Entstehung der wichtigsten Götter unmittelbar mit dem Thema der Verunreinigung durch den Tod und ihrer Beseitigung.

Dieser Zusammenhang erklärt einen Grundzug des Shinto: die große Bedeutung von Reinheit und Reinigung. Kegare, die rituelle Befleckung, vor allem durch Tod und Blut, und misogi sowie andere Reinigungshandlungen, mit denen sie aufgehoben wird, gehören zu den Kernbegriffen der shintoistischen Praxis.

Izanamis Tod und Izanagis anschließende Waschung sind die mythische Urszene, auf die diese Vorstellungen zurückgeführt werden.

Quellen und Literatur

  • Heldt, Gustav (Übers.): The Kojiki. An Account of Ancient Matters. New York 2014.
  • Breen, John / Teeuwen, Mark: A New History of Shinto. Chichester 2010.
  • Walde, Christine (Hg.): Der Neue Pauly (Lemma „Izanami“).

Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.

Einordnung & Schutz

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