Hathor ist Göttin der ägyptischen Tradition.
Göttin der Liebe, Musik, Schönheit und Mutterschaft. Hathor ist die universelle Mutter und Muse, sie nährt, tröstet, erfreut. Mit Kuhgehörn und Sonnenscheibe, in Musik und Wein, in Luxus und erotischer Kraft, verkörpert sie die lebensbejahenden Momente, die zwischen den ernsten kosmischen Dramen funkeln. Sie ist nicht schwach, sondern lebendig, sinnlich und existenziell notwendig.
Typ: Ägyptische Hauptgottheit, Göttin der Liebe, Musik und Mutterschaft
Pantheon: Ägypten (alle Dynastien)
Funktion: Liebe, Musik, Tanz, Mutterschaft, Tote-Geleitsgottheit, Sonnen-Tochter
Hauptattribute: Kuhgehoern, Sonnenscheibe, Sistrum, Menat-Halskette
Hauptkultorte: Dendera, Edfu, Memphis
Griechische Identifikation: Aphrodite-Hathor (hellenistisch, in Alexandria)
Hathor ist seit der frühdynastischen Zeit (ca. 2900 v. Chr.) belegt, auf der Narmer-Palette erscheint sie als Kuhgöttin. Hauptblütezeit war das Neue Reich (1550–1070 v. Chr.); ihr Tempel in Dendera, einer der best-erhaltenen ägyptischen Tempel, datiert in die ptolemäische Spätzeit (1. Jh. v. Chr.). In hellenistischer Zeit Synkretismus mit Aphrodite und Isis.
Hauptkultorte: Dendera (das berühmte Hathor-Tempel-Komplex), Edfu (jährliche Festreise zur Begegnung mit Horus), Memphis (Hathor „Herrin des Sykomorenbaumes“), Theben (in der Nekropole). Auf dem Sinai war Hathor Schutzgottheit der Bergwerks-Expeditionen (Serabit el-Khadim).
Zentrale Quellen: die Pyramidentexte (Spr. 466), das Totenbuch (Spr. 18, 145), die Inschriften und Reliefs des Dendera-Tempels (vollständig erhaltene theologische Texte), die Sieben Hathoren-Tradition (Mythos vom Schicksalsdiktum bei der Geburt) und die Geschichte vom Auge des Re. Sekundärliteratur: Bleeker, Hathor and Thoth (Standardwerk); Bonnet, Reallexikon; Pinch, Egyptian Mythology.
Hathor wird mit Kuhkopf dargestellt, die Kuh war in Ägypten heilig, oder mit menschlichem Gesicht und Kuhgehörnen, zwischen denen die Sonnenscheibe (Aten) sitzt. Manchmal ist sie eine silberfarbene Kuh. Sie trägt eine Sistrum (Rasseln-Instrument), ein Weinglas oder einen Spiegel (ankh-Spiegel).
Ihr Körper ist oft golden, voller Schmuck und kostbaren Stoffen. Der Uräus (Schlange) ziert ihre Stirn. In Spiegeln und Schmuckdosen wurden ihre Bilder eingraviert, sie war Göttin der Kosmetik und Toilette.
Hathor nährt alle Lebewesen mit ihrer «himmlischen Milch», sie ist zugleich erotisch und mütterlich. Sie ist Göttin des Tanzes und der Musik; Tänzerinnen und Musikantinnen waren ihre Priesterinnen. Sie beschützt Frauen in Schwangerschaft und bei der Geburt.
Hathor liebt Wein, Duft und Luxus, ihre Tempel waren Orte der Freude. Pharaonen beschenkten Hathor mit wertvollen Opfergaben. Der Tempel in Dendera war reich ausgestattet und wurde bis zur ptolemäischen Zeit prachtvoll ausgebaut. Frauen-Hochzeiten und Liebesmagie wurden unter ihrem Namen durchgeführt.
Hathor wird als Frau mit Kuhohren und Sonnenscheibe zwischen ihnen dargestellt, oder als Kuh mit Sonnenscheibe auf der Stirn. Das Sistrum ist ihr heiliges Instrument. Sie trägt eine Halskette aus Gold und Lapislazuli, die Edelsteine des Universums.
Ihr Körper ist oft golden gefärbt. In kriegerischen Aspekten wird sie mit der Doppelkrone Ägyptens gezeigt. Die Kuh als heiliges Tier symbolisiert ihre mütterliche, lebensspendende Natur.
Die wichtigsten Aspekte von Hathor auf einen Blick. Die folgenden Felder fassen Herkunft, Funktion, Erscheinung, Verehrung, Symbole und Parallelen zusammen.
Hathor ist Tochter des Re, in einer Tradition gleich seinem Auge, dem solaren Aspekt seiner Macht.
Gattin des Horus von Edfu, Mutter des Ihy. In ihrer wilden Form ist sie Sechmet-Hathor, die Vernichterin der Menschheit (Mythos vom Sonnenauge). In einigen Traditionen identifiziert mit Isis, mit der sie sich in der Spätzeit zunehmend verschmilzt.
Patronin der Liebe, des erotischen Verlangens, der Musik und des Tanzes. Schutzherrin der Gebärenden und der Neugeborenen, die Sieben Hathoren erscheinen bei jeder Geburt und sprechen das Lebensschicksal. Zugleich Geleitgöttin der Toten in das Jenseits, weshalb sie häufig in Grabkapellen abgebildet ist. Auch Bergbau- und Handwerks-Göttin.
Drei Erscheinungsformen: (1) Anthropomorphe Frau mit Hathor-Krone, Kuhgehörn mit Sonnenscheibe; (2) als Kuh (oft mit Sonnenscheibe zwischen den Hörnern); (3) als kuhköpfige Frau. Häufige Attribute: Sistrum (rituelles Rasselinstrument), Menat-Kette (zeremonieller Halsschmuck mit Gegengewicht), Was-Zepter, Lotos. Die Hathor-Säulen in Dendera zeigen ihr stilisiertes Frauen-Antlitz mit Kuhohren.
Wirkungsbereich: Hathor wurde von Frauen aller Stände angerufen, in Liebesangelegenheiten, vor und während der Geburt, bei Krankheit. Musiker, Tänzer und Künstler galten als ihre besonderen Schützlinge. Das Schöne Vereinigungsfest (Begegnung mit Horus) zog jährlich tausende Pilger nach Edfu. Im Totenkult galt sie als Herrin des schönen Westens, die die Verstorbenen in das Jenseits geleitet.
Sistrum, Menat-Kette, Kuhgehörn mit Sonnenscheibe, Hathor-Säule, Lotos, Sykomorenbaum (als „Herrin des Sykomorenbaumes“), Spiegel. In den Tempelreliefs häufig zwei Greife oder Löwen als Begleitwesen.
Isis (Ägypten, spätere Überlagerung), Sechmet (wilder Aspekt im Sonnenauge-Mythos), Bastet (sanfter Schwester-Aspekt), Aphrodite (Griechenland, hellenistischer Synkretismus), Inanna/Ishtar (Mesopotamien, Liebe und Musik), Lakshmi (Hinduismus, weibliches Wohlstands- und Liebesprinzip).
Rituale und Anrufungen
Zu Hathors Festen zählten das „Fest der Trunkenheit“ und die „Schöne Vereinigung“ zwischen Dendera und Edfu. Musik und Tanz prägten ihren Kult, in dem sie als Göttin der Freude verehrt wurde.
Textüberlieferung und Formeln
Hathor erscheint in den Pyramidentexten und ausführlich in den Tempeltexten von Dendera. Der Mythos von der „Fernen Göttin“ verbindet sie eng mit der gefährlichen Löwengöttin Sachmet.
Materielle Apotropäika und archäologische Belege
Das Hathor-Sistrum und das Menat-Halsgehänge, hathorköpfige Säulen und Amulette sowie Spiegel mit Hathorgriff dienten sowohl im Tempelkult als auch als persönliche Schutzzeichen.
Hathor ähnelt Aphrodite (Griechenland), Göttin der Liebe und Schönheit. Sie teilt mit Freyja (Skandinavien) den Aspekt der Liebe und Sinnlichkeit. Sie erinnert an Demeter (Griechenland), eine nährende Muttergöttin. Das Motiv der universellen Mutter ist universal; Hathor ist eine besonders sinnliche und lebensfrohe Ausformung.
Ein wichtiger mythischer Erzählkreis um Hathor ist der vom „Heimholen der fernen Göttin“. Er ist vor allem aus der griechisch-römischen Zeit gut belegt, etwa durch Tempelinschriften und literarische Fassungen, geht aber auf ältere Vorstellungen zurück.
Der Erzählung liegt das Motiv der zürnenden Tochter des Sonnengottes zugrunde. Das „Auge des Re“, verkörpert als löwengestaltige Göttin, hat sich vom Sonnengott entfernt und in eine ferne Gegend zurückgezogen, häufig nach Nubien. Solange sie fern ist, fehlt der Welt etwas Wesentliches.
Re sendet Boten aus, meist Thot in Gestalt eines Pavians oder eines Affen, manchmal auch Schu, um die erzürnte Göttin zu besänftigen und zur Rückkehr zu bewegen. Thot setzt dabei auf Worte, auf Geschichten und auf Schmeichelei.
Auf dem Rückweg vollzieht sich eine Wandlung. Die wilde, gefährliche Löwin verwandelt sich in die friedliche, freundliche Hathor. Diese Verwandlung wird oft mit Wasser, mit Baden und mit dem Übergang von Zorn zu Freude verbunden. Ihre Heimkehr wird mit Musik, Tanz und Festfreude begangen.
Religionswissenschaftlich ist der Mythos eng mit dem ägyptischen Kalender und mit konkreten Festen verknüpft. Die Rückkehr der Göttin wurde an mehreren Tempeln, etwa in Dendera und Philae, festlich gefeiert.
Der Mythos verbindet zudem zwei Aspekte derselben Macht: die zerstörerische Löwin, die der Sekhmet nahesteht, und die segensreiche, freudige Hathor. Er erklärt damit, wie aus einer gefährlichen Kraft eine schützende werden kann, und liefert die mythische Grundlage für Riten der Besänftigung und des Feierns.
Der wichtigste erhaltene Kultort Hathors ist der große Tempel von Dendera, dessen heutige Bauten überwiegend aus der Ptolemäer- und Römerzeit stammen, jedoch eine viel ältere Kultstätte fortsetzen. Dendera ist eine der besterhaltenen Tempelanlagen Ägyptens und damit eine zentrale Quelle für die Kenntnis des Hathor-Kultes.
Charakteristisch sind die Hathor-Säulen, deren Kapitelle auf allen vier Seiten das Gesicht der Göttin zeigen, mit den typischen Kuhohren und der schweren Perücke. Dieser Säulentyp gilt als ikonografisches Kennzeichen Hathors und findet sich auch an anderen ihr geweihten Bauten.
Die Wände und Decken des Tempels sind dicht mit Reliefs und Inschriften bedeckt, die Riten, Feste und theologische Aussagen über die Göttin festhalten. Bekannt ist auch das Deckenrelief mit einer Darstellung des Tierkreises, das in der Forschungsgeschichte viel Aufmerksamkeit erhielt.
Hathor wird in der Bildkunst in mehreren Formen dargestellt: als Kuh, als Frau mit Kuhkopf, vor allem aber als Frau mit der Sonnenscheibe zwischen zwei Kuhhörnern auf dem Kopf. Häufig hält sie das menat-Halskragengegengewicht und das sistrum, ein Rasselinstrument, die beide eng mit ihrem Kult verbunden sind.
Zum Kult gehörte das Fest der „schönen Vereinigung“, bei dem das Kultbild der Hathor von Dendera in einer Prozession zum Tempel des Horus nach Edfu gebracht wurde.
Diese Feste, die Musik, Prozession und die Begegnung zweier Gottheiten verbanden, prägten den religiösen Jahreslauf der Region und zeigen Hathor als eine Gottheit der Freude, der Liebe und der festlichen Gemeinschaft.
Neben ihren Zügen als Göttin der Liebe, der Musik und der Freude hatte Hathor eine ausgeprägte Funktion im Totenglauben. Sie trug den Beinamen „Herrin des Westens“, wobei der Westen in Ägypten die Region des Sonnenuntergangs und damit das Reich der Toten bezeichnet.
In dieser Rolle empfing Hathor die Verstorbenen am Übergang ins Jenseits. Besonders verbreitet ist das Bild der „Hathor-Kuh“, die aus dem Berg oder aus dem Schilf des thebanischen Westgebirges hervortritt.
Auf zahlreichen Särgen, Grabwänden und Stelen erscheint sie, um den Toten zu schützen, zu nähren und in die Welt jenseits des Grabes aufzunehmen. Sie galt als diejenige, die den Verstorbenen Speise und Trank reicht und ihnen den Weg bereitet.
Diese Verbindung zum Totenreich steht nicht im Widerspruch zu ihren lebensfrohen Aspekten, sondern ergänzt sie. Hathor ist die Göttin, die das Leben in seiner ganzen Spanne begleitet, von der Geburt, bei der sie als eine der schicksalsbestimmenden Mächte auftreten konnte, über Liebe und Fest bis zum Tod und zur Wiedergeburt im Jenseits.
Im Raum von Theben überschnitt sich Hathors Funktion mit der anderer Totengottheiten, und in der Spätzeit verschmolzen einzelne ihrer Aspekte mit denen der Isis.
Religionswissenschaftlich ist Hathor ein deutliches Beispiel für die Mehrschichtigkeit ägyptischer Gottheiten: Eine einzige Göttin konnte Bereiche umfassen, die in anderen Religionen auf mehrere Gestalten verteilt sind. Wer mehr zur verwandten gefährlichen Seite sucht, findet weiterführende Hinweise im Eintrag zu Sekhmet.
Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.
Gegen seine Einwirkung nennt die kulturübergreifende Überlieferung diese Schutzmittel:
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