Shiva ist Gott der hinduistischen Tradition.
Der Zerstörer und Erneuerer, der tanzende Gott der Meditation.
Shiva ist einer der drei Götter der Trimurti, jener kosmischen Dreiheit, die das Universum erschafft, erhält und zerstört. Mit seinem dritten Auge, das Welten in Asche verwandelt, mit Dreizack in der Hand und Schlangen um den Nacken, tanzt Shiva den *Nataraja*, den Kosmischen Tanz, der Zeit, Raum und Materie durcheinanderbringt.
Ein Gott der Extreme: der wilde Asket in der Höhle des Himalayas, zugleich der liebende Gatte der Parvati und Vater des Ganesha.
Typ: Hinduistische Hauptgottheit, Vernichter und Transformator (Trimurti), Asketenpatron
Pantheon: Hinduismus (besonders Shaivismus, eine der zwei größten Hindu-Konfessionen)
Funktion: Vernichtung und Wiederaufbau des Universums, kosmischer Tanz, Yoga, Tantra
Hauptattribute: Trishula (Dreizack), Damaru (Trommel), drittes Auge, Schlangen, Mondsichel, Tigerfellschurz
Hauptkultorte: Varanasi (Kashi-Vishwanath), Mt. Kailash (Tibet), Kedarnath, Rameswaram, die 12 Jyotirlingas
Hauptmanifestationen: Nataraja (kosmischer Tänzer), Bhairava (wrathful), Ardhanarishvara (androgyn), Lingam (formloses Symbol)
Shiva entwickelt sich aus dem vedischen Sturm- und Heilgott Rudra (Rigveda, 1200–900 v. Chr.), in den vedischen Hymnen ist Rudra noch eine periphere, gefürchtete Gottheit. Aufstieg zur Hauptgottheit in den Purâṇas (besonders &Saacute;iva Purâṇa und Linga Purâṇa, 4.–10. Jh. n. Chr.).
Hauptblütezeit der tantrischen Shaiva-Traditionen ab dem 8. Jh. (Kâpâlika, Kâlâmukha, Shaiva-Siddhânta, Trikasambândha-Schule des Kashmir-Shaivismus mit Abhinavagupta). Im Tamil-Land der bedeutende Nâyanârs-Bhakti-Korpus (6.–9. Jh.). Heute eine der drei Haupt-Hindu-Gottheiten neben Vishnu und Devi; die Shaiva-Tradition umfasst etwa ein Drittel aller Hindus.
Hauptkultorte: Varanasi (Kashi, mit dem Kashi-Vishwanath-Tempel, einer der heiligsten Orte des Hinduismus, wo Sterben angeblich direkten Mokṣa-Eintritt bringt), Mt. Kailash (im westlichen Tibet, sein mythischer Wohnsitz), Kedarnath (Uttarakhand, Himalaya), Rameswaram (Tamil Nadu, einer der vier Char-Dham-Pilgerorte).
Die Zwölf Jyotirlingas bilden eine Pilger-Hauptkette, die Indien geografisch umspannt: Somnath, Mallikarjuna, Mahakaleshwar (Ujjain), Omkareshwar, Kedarnath, Bhimashankar, Kashi-Vishwanath, Trimbakeshwar, Vaidyanath, Nageshwar, Rameshwar, Ghushmeshwar. Im Tamil-Land ist Chidambaram als Nataraja-Kultzentrum der theologische Mittelpunkt der Tamil-Shaiva-Tradition. International in jedem Hindu-Tempel mit Lingam-Verehrung.
Zentrale Quellen: Rigveda (Rudra-Hymnen, besonders Rg.V. 2.33), das &Saacute;iva Purâṇa, Linga Purâṇa, Skanda Purâṇa, Kûrma Purâṇa. Tantrische Texte: Vijñâna Bhairava Tântra, Mâlinivijayottara Tântra, Svacchanda Tântra, Netra Tântra. Tamil-Bhakti: Tevâram der drei Nâyanârs (Sambandar, Appar, Sundarar) und Tiruvâcakam des Manikkavâcakar.
Kashmir-Shaivismus: Abhinavaguptas Tantrâloka. Sekundärliteratur: Doniger, Asceticism and Eroticism in the Mythology of &Saacute;iva (klassisch); Sanderson, The &Saacute;aiva Age; Kramrisch, The Presence of &Saacute;iva; Michaels, Der Hinduismus.
Shiva wird als blaukehliger Gott dargestellt, oft nackt oder mit Tigerfell bekleidet, die Haare zu einem Knoten aufgesteckt, aus dem ein Sichelmond und der Fluss Ganga herunterfließt. Sein drittes Auge, vertikal auf der Stirn, wird zur Waffe bei Zorn.
In Shivas Haar wohnt der Mond und die Ganga selbst. Er trägt einen Dreizack (Trishula), eine kleine Trommel (Damaru), und Schlangen als Schmuck. Das Lingam, eine abstrakte, phallische Form, ist sein primäres Verehrungssymbol. Die Asche (Vibhuti) auf seiner Haut verweist auf Entsagung und kosmische Zerstörung.
Shiva repräsentiert das kosmische Bewusstsein, das schöpferisch zerstört, um zu erneuern. Sein Nataraja-Tanz ist nicht grausam, sondern notwendig, ohne Zerstörung keine Wiedergeburt. In der Meditation werden Yogis und Asketen Shiva gleichgesetzt; Om Namah Shivaya ist das zentrale Mantra des Shaivismus.
Shivaratri, die »Nacht Shivas«, wird jährlich mit nächtlichen Wachen, Feiern und dem Umgang des Lingams begangen. Die Lingas in Tempeln wie Varanasi sind Zentren intensiver Verehrung und Pilgerfahrt.
Die wichtigsten Aspekte von &Saacute;iva auf einen Blick. Die folgenden Felder fassen Herkunft, Funktion, Erscheinung, Verehrung, Symbole und kulturelle Parallelen zusammen.
Shiva ist in einer Tradition aus dem ungeschaffenen Brahman selbst hervorgegangen, in einer anderen Sohn der Brahma-Schöpfung. Gemahl der Parvati, auch in den Aspekten Sati (erste Gemahlin), Durga (Kriegerin), Kali (rasende Vernichterin). Vater des elefantenköpfigen Ganesha und des Kriegsgottes Skanda/Murugan/Kartikeya. Wohnsitz: Mt. Kailash im Himalaya.
Charakter-Mix einzigartig in der Welt-Mythologie: zugleich Asket (Mahâyogî, meditiert über Äonen) und ekstatischer Tänzer (Nataraja); zugleich vernichtender wrathful Gott (Bhairava-Aspekt) und milde-mitleidvoller Familien-Mann (mit Parvati und den Söhnen).
Vernichter im Trimurti-Konzept, aber Vernichtung als notwendige Wieder-Schöpfung: am Ende jedes Mahâ-Yuga zerstört Shiva das Universum durch seinen kosmischen Tanz (Tâṇḍava), aus der Asche ersteht die nächste Welt. Patron der Asketen (Sannyasi, Sâdhus, Aghoris), Yogis, Tantrikas.
In der Bhakti-Tradition Adressat persönlicher Gottesliebe (Tamil-Nâyanârs als die berühmtesten Shaiva-Bhakti-Dichter). Im Lingam-Kult als formloser Energie-Aspekt verehrt, das Lingam (mit der Yoni als Basis) symbolisiert die ungeschaffene Schöpfungs-Energie. Im Kashmir-Shaivismus höchste Bewusstseins-Realität (Paramâšiva).
Anthropomorph als asketische Mannsgestalt mit blau-grauer Hautfarbe (in tantrischer Tradition: aschebedeckt, „weiß wie der Schnee von Kailash“). Drittes Auge auf der Stirn (Auge der höheren Wahrnehmung, mit ihm verbrennt er Kama, den Liebesgott). Mondsichel im verfilzten Haar (jata), das den Ganges-Strom auffängt (Ganga-Avataraṇa-Mythos). Schlangen um den Hals und als Heiligen Schmuck.
Trishula (Dreizack) und Damaru (Sanduhr-Trommel, deren Klang das Universum erschafft). Tigerfellschurz. In Nataraja-Form als kosmisch tanzende Figur in einem Feuerring (prabhâmaṇḍala): rechtes Bein hebt sich, linkes zertritt den Zwergdämon Apasmâra (Unwissenheit). In Ardhanarishvara-Form androgyn, eine Hälfte Shiva, andere Parvati. In Bhairava-Form wrathful mit Schädel-Schmuck.
Wirkungsbereich: Shiva wird täglich von Hunderten Millionen Hindus angerufen. Hauptfeste: Maha-Shivaratri („große Nacht Shivas“ Februar/März, eines der größten hinduistischen Feste, durchwacht in Tempeln mit Lingam-Abhiṣeka-Ritualen), Kârttika Purṇimâ, Pradosha Vrata (zweimonatliches Fasten am 13. Mondtag).
In Varanasi gilt das Sterben als direkter Mokṣa-Eintritt durch die tägliche Shiva-Anrufung des Sterbenden ins Ohr. Tantrische Praktiken in Aghori- und Kâpâlika-Traditionen (extreme Askese, Friedhofs-Riten).
Lingam-Verehrung in jedem Shiva-Tempel zentral, das Lingam wird mit Wasser, Milch, Honig, Kokosmilch und Ghee gewaschen (Pañcâmṛta-Abhiṣeka). In Chidambaram führen die Dikṣitar-Brâhmins seit über 1000 Jahren das gleiche Nataraja-Ritual durch.
Trishula (Dreizack), Damaru (Sanduhr-Trommel), drittes Auge, Mondsichel im verfilzten Haar, Schlangen-Halskette (besonders Vasuki), Tigerfellschurz, Lingam (formloses Energie-Symbol, das wichtigste Shiva-Symbol überhaupt), Nandi-Stier (Reittier, immer am Eingang von Shiva-Tempeln), vibhûti (heilige Asche, dreistreifig auf der Stirn), Rudrâkṣa-Gebetskette (Samen des heiligen Baums).
Heilige Pflanzen: Bilva-Baum (Aegle marmelos, seine Blätter gelten als Shiva besonders lieb), Datura, Banyan-Baum. Heilige Asche aus Cremationsstätten.
Rudra (vedischer Vorläufer), Bhairava (wrathful Aspekt, eigene Page), Mahakala (Buddhismus, Vajrayana-Adaption als wrathful Schutz-Gottheit), Pashupati (möglicher Indus-Tal-Vorläufer auf pra-historischen Siegeln aus Mohenjo-Daro), Dionysos (Griechenland, ekstatischer-vernichtender Aspekt, Tanz, Wein-Tradition), Hades-Plouton (Griechenland, chthonisch-fruchtbarer Doppelaspekt), Wotan-Odin (Germanisch, einäugiger Yogi-König), Cernunnos (Keltisch, gehörnter Wald-Asket-Gott). Funktional: alle vernichtend-erneuernden Hochgottheiten, alle asketisch-tantrischen Lehrer-Gottheiten teilen Shiva-Aspekte.
Verehrungsrituale
Shiva ist neben Vishnu Hauptgott des Hinduismus (Trimurti). Tägliche Verehrung umfasst abhisheka (Linga-Übergiessung mit Milch, Honig, Joghurt, Ghee, Wasser, die panchamrita) und Bilva-Blätter-Opfer am Linga.
Mahashivaratri (im Phalguna-Monat, Februar/März) ist sein Hauptfest mit Nachtwache und Fasten (vgl. Doniger, Hindu Myths). Sein wichtigstes Pilgerziel ist Varanasi (Kashi Vishvanath); die zwölf Jyotirlinga-Heiligtümer (Somnath, Mahakaleshwar, Kedarnath etc.) prägen die regionale Devotionalpraxis.
Mantren und Anrufungen
Das Mahamrityunjaya-Mantra (Rigveda 7.59.12), „Om Tryambakam Yajamahe“, ist Indiens berühmtestes Heilungs- und Schutzmantra. Das Panchakshara-Mantra „Om Namah Shivaya“ (Yajurveda) wird in japa-Wiederholung 108-mal mit Rudraksha-Mala gebetet. Die Shiva-Stuti aus dem Lingapurana ist liturgischer Standard.
Amulette und Schutzsymbole
Rudraksha-Beten (samen der Eleocarpus-Frucht, „Tränen Shivas“) in Mala-Ketten von 27/54/108 Beten. Vibhuti (heilige Asche) wird auf Stirn als drei horizontale Streifen aufgetragen (tripundra). Trishula (Dreizack), Damaru (Sanduhrtrommel) und Linga selbst als ikonische Apotropäika.
Eine der bekanntesten und theologisch dichtesten Erscheinungsformen Shivas ist Nataraja, der König des Tanzes. Diese Gestalt wurde besonders in Südindien ausgeprägt und fand in der Bronzekunst der Chola-Dynastie zwischen dem 9. und 13. Jahrhundert ihre klassische bildliche Form. Die Nataraja-Bronzen gehören zu den bedeutendsten Werken der indischen Kunstgeschichte.
Die Darstellung ist ein durchkomponiertes theologisches Bild. Shiva tanzt innerhalb eines Flammenkreises, der das Universum bezeichnet. Unter seinem rechten Fuß zertritt er einen Zwerg, der die Unwissenheit verkörpert. Eine seiner Hände hält eine kleine Trommel, deren Schlag den Rhythmus der Schöpfung markiert.
Eine andere Hand hält eine Flamme, das Zeichen der Auflösung und Zerstörung. Eine weitere Hand zeigt die Geste der Furchtlosigkeit, eine vierte weist auf den erhobenen Fuß, der die Befreiung verheißt.
In diesem einen Bild sind die fünf Tätigkeiten Shivas zusammengefasst, die die hinduistische Theologie ihm zuschreibt: Schöpfung, Erhaltung, Auflösung, Verhüllung und Befreiung. Der Tanz ist deshalb keine bloße Bewegung, sondern Ausdruck des fortlaufenden kosmischen Prozesses, in dem Werden und Vergehen unauflöslich verbunden sind.
Der Kunsthistoriker Ananda Coomaraswamy hat diese Deutung in einem viel beachteten Essay des frühen 20. Jahrhunderts ausführlich entfaltet. Der wichtigste Kultort dieser Erscheinungsform ist der große Tempel von Chidambaram in Tamil Nadu, der als Ort gilt, an dem Shiva diesen Tanz vollführte.
Im Gegensatz zu vielen anderen hinduistischen Gottheiten wird Shiva im Tempelkult überwiegend nicht in menschengestaltiger Form verehrt, sondern in Gestalt des Lingam, eines meist zylindrischen, oben abgerundeten Steins.
Das Lingam steht in der Regel auf einer Basis, die yoni genannt wird. Diese Verbindung wird in der Tradition als das Zusammenwirken des männlichen und des weiblichen Prinzips, Shivas und der Göttin, gedeutet.
Die Deutung des Lingam war Gegenstand vieler Diskussionen. Die ältere westliche Forschung verstand es vorrangig als phallisches Symbol. Die hinduistische Tradition selbst und ein Teil der neueren Forschung betonen demgegenüber eine weitere Bedeutungsschicht: Das Wort linga bedeutet im Sanskrit auch Zeichen oder Merkmal.
Das Lingam ist demnach das Zeichen Shivas, eine bewusst nicht-figürliche Form, die gerade dadurch das Unbegrenzte und über alle Gestalt Hinausgehende der Gottheit ausdrückt. Eine Erzählung des Lingapurana berichtet, Shiva sei als endlose Lichtsäule erschienen, deren Anfang und Ende selbst Brahma und Vishnu nicht finden konnten. Das Lingam erinnert an diese Säule ohne Grenzen.
Lingams gibt es in zahlreichen Formen, von kunstvoll gearbeiteten Tempel-Lingams über die als besonders heilig geltenden natürlichen, nicht von Menschenhand geformten Steine bis zu den zwölf Jyotirlinga, den Lichtlingams, die über Indien verteilt als die bedeutendsten Shiva-Heiligtümer gelten.
Im täglichen Tempelkult wird das Lingam mit Wasser, Milch, Blättern des Bilva-Baums und anderen Gaben verehrt. Es ist damit nicht ein abstraktes Symbol, sondern der konkrete Mittelpunkt einer lebendigen, alltäglichen rituellen Praxis.
Shiva vereint in seiner Gestalt Züge, die auf den ersten Blick unvereinbar erscheinen. Er ist der große Asket, Mahayogi, der reglos in Meditation auf dem Berg Kailash im Himalaya verweilt, den Körper mit Asche bestrichen, das Haar zu wirren Locken aufgetürmt.
Zugleich ist er Familienvater, mit der Göttin Parvati vermählt und Vater der Söhne Ganesha und Skanda. Er ist der Herr der wilden Tiere und der Einöde, trägt eine Schlange als Schmuck und ein Tigerfell, lebt aber auch im Kreis seiner Familie.
Diese Spannung ist kein Widerspruch der Überlieferung, sondern gehört zum theologischen Kern der Gestalt. Shiva steht für die Überwindung der gewöhnlichen Gegensätze.
Er ist der, der Gift trinkt und doch nicht stirbt: In der Erzählung von der Quirlung des Milchozeans schluckt Shiva das Weltgift, das die Schöpfung zu vernichten droht, und hält es in seiner Kehle zurück, die davon blau anläuft, woher sein Beiname Nilakantha, der Blaukehlige, stammt.
Zu seinen festen Attributen gehören der Dreizack, das Mondsichelzeichen im Haar, das dritte Auge auf der Stirn, dessen Blick verzehren kann, und der heilige Fluss Ganges, der nach der Überlieferung über seinen Kopf zur Erde herabsteigt, von seinem Haar gebremst, damit die Wucht des Wassers die Erde nicht zerstört.
Sein Reittier ist der Stier Nandi. In dieser Fülle von Zügen zeigt sich Shiva als eine Gottheit, die das Gefährliche und das Schützende, das Wilde und das Beherrschte, den Tod und die Befreiung in einer einzigen Gestalt zusammenfasst.
Innerhalb des Hinduismus gibt es eine umfassende religiöse Strömung, die Shiva nicht als eine Gottheit unter anderen, sondern als die höchste Wirklichkeit verehrt: den Shaivismus. Diese Strömung ist keine einheitliche Größe, sondern umfasst zahlreiche regional und philosophisch unterschiedene Schulen, die sich über Jahrhunderte ausgebildet haben.
Eine bedeutende Schule ist der kaschmirische Shaivismus, eine im nördlichen Indien zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert ausgearbeitete philosophische Tradition, deren wichtigster Denker Abhinavagupta war. Sie versteht die ganze Wirklichkeit als Entfaltung des einen Bewusstseins, das mit Shiva gleichgesetzt wird.
Eine andere bedeutende Richtung ist der Shaiva Siddhanta, besonders in Südindien verbreitet, der eine eigene Lehre über das Verhältnis von Gott, Seele und Welt entwickelte. Daneben gab es asketische und teils gesellschaftlich abgesonderte Gruppen, die ältesten unter ihnen schon in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung bezeugt.
Eine wichtige Bewegung innerhalb des südindischen Shaivismus waren die Nayanar, eine Gruppe von dichtenden Heiligen des frühen Mittelalters, deren Hymnen in tamilischer Sprache Shiva in einem Ton persönlicher Hingabe besingen.
Ihre Lieder wurden gesammelt und gehören bis heute zum liturgischen Repertoire südindischer Shiva-Tempel. Der Shaivismus zeigt, dass Shiva nicht nur eine mythologische Figur ist, sondern Gegenstand durchgearbeiteter Theologie und Philosophie.
Für seine Anhänger ist er der Grund und das Ziel von allem, und die Vielfalt der Schulen belegt, wie unterschiedlich diese eine Überzeugung im Lauf der Geschichte ausgelegt wurde.
Die Gestalt Shivas hat eine lange Vorgeschichte, die sich in den Quellen verfolgen lässt. Im ältesten Schrifttum, den Veden, kommt der Name Shiva als Gottesname noch nicht in der späteren Bedeutung vor. Das Wort shiva bedeutet zunächst günstig, gnädig, und erscheint als Eigenschaftswort.
Eine vedische Gottheit jedoch trägt deutlich Züge, die später für Shiva charakteristisch werden: der Gott Rudra, eine furchterregende, mit Sturm, Krankheit und der Wildnis verbundene Gestalt, die man durch Anrufung gnädig zu stimmen suchte. Eben in solchen besänftigenden Anrufungen wurde Rudra mit dem Beiwort shiva bedacht.
Aus dieser vedischen Wurzel und vermutlich aus weiteren, nicht-vedischen Traditionen entwickelte sich über mehrere Jahrhunderte die klassische Shiva-Gestalt. Eine wichtige Zwischenstufe bildet die Shvetashvatara-Upanishad, in der Rudra-Shiva bereits als höchste Gottheit erscheint.
Die ausführlichsten mythologischen Erzählungen finden sich dann in den Epen, vor allem im Mahabharata, und in den Puranas, einer umfangreichen Literatur, die zwischen dem frühen und dem hohen Mittelalter entstand. Texte wie das Shivapurana und das Lingapurana bündeln das mythologische Material.
Manche Forscher haben außerdem vermutet, dass bis in die Indus-Kultur zurückreichende Wurzeln vorliegen, und auf bestimmte Siegelfunde verwiesen, die eine sitzende, von Tieren umgebene Gestalt zeigen. Diese Deutung ist jedoch sehr umstritten und lässt sich nicht beweisen.
Sicher ist, dass die Shiva-Gestalt das Ergebnis eines langen Prozesses ist, in dem ältere Gottheiten, regionale Traditionen und theologische Reflexion zusammenflossen. Wer Shiva historisch verstehen will, muss diese Schichtung beachten und darf die voll ausgebildete Gestalt der Puranas nicht ohne Weiteres in die Frühzeit zurückprojizieren.
Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.
Shiva ist einer der drei Hauptgötter des Hinduismus, neben Brahma (Schöpfer) und Vishnu (Erhalter). Shiva ist der Zerstörer, aber im hinduistischen Verständnis ist Zerstörung notwendig für Erneuerung, er löst das Universum am Ende eines Weltzeitalters auf, damit es neu erschaffen werden kann.
Shivas Hauptattribute: Dreizack (Trishul), Trommel (Damaru), das dritte Auge (Wissens-Auge), die Schlange um den Hals (Vasuki) und der Mondsichel im Haar. Er meditiert auf dem Berg Kailash.
Shiva Nataraja (Herr des Tanzes) ist eine der wichtigsten Shiva-Formen, der kosmische Tänzer, der in seinem Tandava-Tanz das Universum zugleich schafft, erhält und zerstört.
Die berühmten Bronze-Skulpturen aus der Chola-Zeit (10.-12. Jh.) zeigen ihn vierarmig im Flammenring, tanzend auf dem Zwerg Apasmara (Unwissenheit). Jede Geste hat Bedeutung: der erhobene Fuß ist Befreiung, der niedergedrückte Zwerg ist die zerstörte Unwissenheit. Der Tanz ist Sinnbild des kosmischen Rhythmus.
Gegen seine Einwirkung nennt die kulturübergreifende Überlieferung diese Schutzmittel:
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