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Iblis, Gott der islamischen Tradition

Der Ablehnende, Widersacher des Islam.

Iblis im Engelsturz-Narrativ

Iblis ist primär die Engelsturz-Figur der islamischen Tradition. Sieben Suren (Q 2:34; 7:11-18; 15:28-43; 17:61-65; 18:50; 20:116-123; 38:71-85) berichten kohärent: Allah erschafft Adam aus Lehm, befiehlt allen Engeln und Iblis die Niederwerfung; Iblis verweigert mit der Begründung, er sei aus Feuer erschaffen, edler als Lehm. Diese Hochmuts-Sünde (kibr) führt zur Verfluchung.

Iblis bittet um Aufschub bis zum Jüngsten Tag und erhält ihn, als Versucher der Menschheit. In dieser Funktion heißt er auch al-Schaitan („der Gegner“) oder al-rajīm („der Gesteinigte“).

Die sufische Lesart (Hallaj, ʿAttar) deutet seine Verweigerung paradox um: aus Liebe zu Allah wollte er sich nur Gott niederwerfen, diese Lesart ist ketzerisch im Mainstream, aber theologisch elaboriert.

Inhaltsverzeichnis

Iblis - Götter aus der Islam-Tradition, historisch-illustrativ
Iblis

Iblis ist die Hauptgegenspieler-Figur der islamischen Tradition. Seine Schlüsselszene, im Koran an mehreren Stellen erzählt (u. a. Sure 2,34; 7,11, 18; 15,28, 35; 38,71, 85), ist die Verweigerung, sich vor Adam niederzuwerfen.

Als Gott den Menschen aus Lehm erschafft und die Engel zur Huldigung befiehlt, widerspricht Iblis: Er sei aus Feuer gemacht, Adam nur aus Lehm. Diese eine Verweigerung macht ihn zum Chef der Shayatin.

Strukturell unterscheidet er sich von Satan: Nach Sure 18,50 ist Iblis kein Engel, sondern ein Jinn, dennoch stand er unter den Engeln, so groß war sein Rang. Sein Fall ist nicht Machtkampf, sondern Ungehorsam. Sein Wirken bis zum Jüngsten Gericht ist Gott gestattet: Er darf den Menschen verführen, aber nicht zwingen.

Quranische Schlüsseltexte

Iblis tritt im Quran in mehreren Suren auf. Die zentrale Erzählung ist die Weigerung, sich vor Adam niederzuwerfen: Und als wir den Engeln sagten, ‚werft euch nieder vor Adam‘, da warfen sie sich nieder, außer Iblis (Sure 2,34; ähnlich 7,11, 12; 15,28, 32; 17,61; 18,50; 20,116; 38,71, 74).

Diese Weigerung ist die Ur-Sünde des Quran und etabliert Iblis als Hauptgegenspieler der menschlichen Erlösung.

In den begleitenden Versen führt Iblis seine Begründung aus: Er sei aus rauchlosem Feuer (marij min nar) erschaffen worden, Adam aus Lehm; die Niederwerfung vor einem niedriger erschaffenen Wesen sei für ihn unzumutbar. Diese Sure 38,76-Konstruktion macht den Hochmut zur strukturellen Ursache des Falls, parallel zur christlich-luziferischen superbia-Tradition.

Auf einen Blick: Iblis

Typ: Widersacher, Anführer der Shayatin
Herkunft: Jinn aus rauchlosem Feuer (Sure 18,50)
Namen: Iblis, Azazil (vorislamisch), ash-Shaytan al-Rajim
Texte: Koran (viele Stellen), Hadith, qisas al-anbiya
Funktion: Versucher, Lehrer der Unwahrheit, Endzeit-Gegenspieler

Einordnung

Zeitraum der Texte

Koranische Grundlegung im 7. Jh. n. Chr. Ausgearbeitete Rezeption in klassischer Koranexegese (Tafsir), qisas al-anbiya („Prophetengeschichten“), sufischer Literatur (besonders al-Hallaj, Ibn Arabi mit eigenwilligen Deutungen). Moderne Rezeption in islamischer Theologie und Volksfrömmigkeit.

Verbreitungsraum

Islamische Welt insgesamt. Lokale Volksfrömmigkeit verbindet Iblis-Erzählungen mit regionalen Dämonen-Motiven, nordafrikanisch, türkisch-zentralasiatisch, südostasiatisch.

Quellenlage

Koran (Sure 2, 7, 15, 17, 18, 20, 38 und weitere), Hadith-Sammlungen (Bukhari, Muslim), qisas al-anbiya (al-Kisa’i, al-Tha’labi), Sufi-Literatur (al-Hallaj, Ibn Arabi, Rumi), moderne theologische Darstellungen.

Bezeichnung und Schreibweisen

Arabisch: Iblis, vermutlich aus griechisch diabolos abgeleitet.
Vorislamisch/apokalyptisch: Azazil (in manchen Traditionen der vorsündige Name Iblis‘).
Beinamen: ash-Shaytan al-Rajim, „der gesteinigte Teufel“; al-Khannas, „der sich Zurückziehende“; ‚Aduw‘ Allah, „Feind Gottes“.

Die Etymologie aus diabolos markiert den Kontakt mit christlich-jüdischer Tradition vor dem Islam. Die Beinamen verteilen Aspekte: sein Ausstoß aus der Nähe Gottes, seine Flucht bei Allahs Erwähnung, seine Feindschaft.

Wesenszüge

Erscheinung

Koran gibt keine Bildbeschreibung. Sufi-Literatur betont sein Feuer-Wesen. Volkstradition zeigt ihn schrecklich, gehörnt, feurig. Keine kanonisch-bildhafte islamische Tradition im engeren Sinn.

Verhalten

Verweigert die Unterwerfung vor Adam. Bittet Allah um Aufschub bis zum Jüngsten Tag, um die Menschheit zu verführen. Allah gewährt es, Iblis wird zum Prüfstein, nicht zur kosmischen Gegenmacht.

Wirkungsbereich

Gesamte Menschheit. Sein bevorzugtes Werkzeug ist waswasa (Einflüsterung). Er agiert nicht durch Gewalt, sondern durch Flüstern von Zweifeln und falschen Gedanken.

Mythologische Einordnung

Nach Sure 18,50 Jinn, aus rauchlosem Feuer. Dadurch unterscheidet er sich wesentlich vom christlich-jüdischen „gefallenen Engel„. Sufi-Deutungen (besonders al-Hallaj) lesen Iblis‘ Verweigerung auch als Ausdruck reinsten Tauhid-Monotheismus: Er wollte sich nur vor Gott verbeugen, nicht vor einem Geschöpf.

Sufi-Tradition und ambivalente Lesarten

Eine eigene und religionsgeschichtlich faszinierende Schicht bildet die Sufi-Tradition zu Iblis. Mansur al-Hallaj (gest. 922) entwickelte in seiner Kitab al-Tawasin eine paradoxe Lesart: Iblis ist der wahre Monotheist, der sich selbst durch seine Weigerung absolut zu Gott bekennt, weil er sich vor keinem anderen Wesen niederwirft.

Diese Lesart wurde von der orthodoxen islamischen Tradition als Häresie verworfen und führte zu al-Hallajs Hinrichtung; sie blieb aber in der Sufi-Tradition lebendig. Farid ud-Din Attar (gest. 1221) entwickelte sie in seiner Mantiq at-Tair weiter; Ibn Arabi (gest. 1240) integrierte sie in seine spekulative Theosophie.

Die zeitgenössische akademische Aufarbeitung dieser Tradition findet sich in Peter J. Awn, Satan’s Tragedy and Redemption. Iblis in Sufi Psychology (Brill, Leiden 1983), und in Annemarie Schimmel, Mystische Dimensionen des Islam (Diederichs, Köln 1985).

Steckbrief: Iblis

Die wichtigsten Aspekte von Iblis auf einen Blick.

Iblis' Herkunft

Jinn aus rauchlosem Feuer, unter den Engeln in hoher Position. Verweigerte die Niederwerfung vor Adam, seitdem Verführer der Menschheit.

Iblis' Zielgruppe

Gesamte Menschheit, insbesondere die Gläubigen. Seine Flüsterung (waswasa) zielt auf Zweifel, Ungehorsam, Hochmut.

Iblis' Erscheinung

Keine kanonische Ikonografie. Sufi-Tradition betont sein feuriges Wesen. Volksbildsprache zeigt ihn gehörnt, schrecklich.

Iblis' Wirkung

Verführung durch Einflüsterung, nicht durch Zwang. Sein Wirken ist Gott gestattet als Prüfstand, der Mensch hat die Wahl.

Iblis' Abwehr

Ta’awudh-Formel („Ich nehme Zuflucht bei Allah vor dem gesteinigten Satan“), Basmala, Rezitation der drei Schutzsuren (Ikhlas, Falaq, Nas), Ruqya.

Iblis' Parallelen

Satan, Luzifer (christlich), Azazel (jüdisch), Ahriman (zoroastrisch), Mara (buddhistisch).

Abwehr und Umgang

Rituale zur Abwehr

Ta’awudh vor Gebet und Koranrezitation. Basmala vor jeder Handlung. Tägliche Rezitation der drei Schutzsuren und des Thronverses (Ayat al-Kursi). Ruqya bei verdächtiger Beeinflussung.

Theologische Haltung

Iblis ist nicht zu fürchten wie ein kosmischer Gegengott, er ist Geschöpf, von Gott begrenzt. Die wichtigste Abwehr ist das bewusste Gottgedenken (dhikr). Waswasa wirkt nur in Nachlässigkeit.

Amulette

Koranverse in Anhängern (Hirz, Taʿwidh), besonders Ayat al-Kursi und die drei Schutzsuren. Hamsa-Hand und blauer Augen-Talisman (nazar) als volksreligiöse Ergänzung, theologisch umstritten.

Parallelen und Sufi-Deutung

Christlich-jüdische Parallelen: Satan und Azazel sind die engsten Parallelen. Der Unterschied: Iblis ist Jinn, nicht gefallener Engel. Seine Verweigerung ist Ungehorsam, nicht Machtanspruch.

Zoroastrisch: Ahriman als Urgegenspieler ist strukturell anders: dualistischer Gegengott, nicht Geschöpf. Dennoch motivische Nähe durch den feurigen Charakter.

Sufi-Mystik: Al-Hallaj (10. Jh.) und Ibn Arabi deuten Iblis‘ Verweigerung paradox: Er habe gerade aus vollkommenem Monotheismus nicht vor Adam niederfallen wollen. Die orthodoxe Theologie weist diese Deutung zurück; die mystische Literatur bewahrt sie.

Vergleichende Position zu Satan und Luzifer

Iblis steht in struktureller Parallele zu Satan und Luzifer der jüdisch-christlichen Tradition, ist aber nicht mit ihnen identisch.

Drei Unterschiede sind religionsgeschichtlich entscheidend: Erstens ist Iblis im Quran nicht eindeutig ein Engel im strikten Sinn, sondern ein Jinn, der unter den Engeln gestanden hatte (Sure 18,50). Zweitens ist Iblis kein gefallener Erstgeborener wie Luzifer, sondern ein Wesen mit eigener Klassen-Zugehörigkeit (jinn).

Drittens ist die Verführung durch Iblis im Quran ausdrücklich als waswasa (Einflüsterung) charakterisiert, also als nicht-zwingende Einrede, der der Mensch widerstehen kann.

Diese theologische Konstruktion entlastet die menschliche Verantwortung weniger als die paulinisch-augustinische Sünden-Theologie und bewahrt einen stärkeren Akzent auf der freien Wahl (ikhtiyar). Eine ausführliche Behandlung der islamischen Dämonologie bietet die Sektion /jinn/.

Die Erzählung vom verweigerten Niederfall im Koran

Der zentrale koranische Bezugspunkt für Iblis ist die Erzählung von der Erschaffung Adams und der Aufforderung an die Engel, sich vor ihm niederzuwerfen.

Diese Szene wird im Koran an mehreren Stellen erzählt, unter anderem in den Suren 2, 7, 15, 17, 18, 20 und 38. Gott erschafft Adam und gebietet den Engeln, sich vor ihm niederzuwerfen. Alle gehorchen, nur Iblis weigert sich.

Die Begründung, die der Koran Iblis in den Mund legt, ist aufschlussreich. In Sure 7 und Sure 38 sagt er, er sei besser als Adam, denn er sei aus Feuer erschaffen, Adam aber aus Lehm.

Iblis stellt damit eine eigene Rangordnung gegen das göttliche Gebot. Die islamische Theologie hat diese Haltung über Jahrhunderte als die Ursünde des Hochmuts gedeutet, des kibr oder istikbar. Iblis gehorcht nicht, weil er sein eigenes Urteil über den ausdrücklichen Befehl Gottes stellt.

Als Folge wird Iblis aus der Nähe Gottes verstoßen und verflucht. Er erbittet jedoch Aufschub bis zum Tag der Auferstehung, und Gott gewährt ihn. Iblis kündigt daraufhin an, die Menschen vom rechten Weg abzubringen, ausgenommen die aufrichtigen Diener Gottes.

Damit ist im Koran die Rolle festgelegt, die Iblis bis zum Ende der Zeit spielt: die des Versuchers, der den Menschen täuscht, ihn aber nicht zwingen kann. Wichtig ist die theologische Pointe, dass Iblis kein Gegengott ist. Er handelt innerhalb der von Gott zugelassenen Grenzen, und sein Aufschub ist selbst eine göttliche Gewährung.

Engel oder Dschinn? Eine alte theologische Debatte

Eine der ältesten und am intensivsten geführten Debatten der islamischen Theologie betrifft die Natur des Iblis. Der Koran nennt ihn an einer Stelle, in Sure 18 Vers 50, ausdrücklich einen der Dschinn.

Andere Stellen erzählen seine Verweigerung jedoch im Zusammenhang mit der Aufforderung an die Engel, was die Frage aufwirft, ob er zu den Engeln zählte.

Aus diesem scheinbaren Widerspruch entwickelten die Gelehrten verschiedene Lösungen. Eine Richtung argumentierte, Iblis sei ein Engel gewesen, denn nur an die Engel sei der Befehl ergangen, und nur ein Adressat des Befehls könne ihn übertreten. Iblis hätte demnach durch seinen Ungehorsam seine Natur verändert.

Eine andere, später dominierende Richtung hielt ihn für einen Dschinn, der sich unter den Engeln aufhielt oder ihren Rang erreicht hatte, weshalb der Befehl ihn mit einschloss.

Diese Lösung hat den Vorzug, die ausdrückliche Aussage von Sure 18 zu wahren und zugleich zu erklären, dass Iblis, anders als die sündlosen Engel, ungehorsam sein und Nachkommen haben konnte, denn der Koran erwähnt seine Nachkommenschaft.

Hinter der Debatte stehen größere theologische Fragen. Wenn Engel grundsätzlich nicht ungehorsam sein können, dann muss Iblis entweder eine Ausnahme oder kein Engel sein. Die Klärung berührt damit die Lehre von der Sündlosigkeit der Engel und die Frage der Willensfreiheit.

Die Kommentarliteratur, etwa bei at-Tabari, bei az-Zamachschari und bei ar-Razi, dokumentiert diese Diskussion ausführlich und führt verschiedene überlieferte Meinungen an. Eine völlig einheitliche Lösung hat sich nicht durchgesetzt, doch die Einordnung als Dschinn überwiegt in der späteren Tradition. Zur Natur dieser Wesen siehe auch Dschinn.

Iblis und Schaitan: Namen und Begriffe

Im Arabischen werden zwei Begriffe verwendet, die im Deutschen oft beide mit Teufel oder Satan wiedergegeben werden, aber unterschiedlichen Ursprung und Gebrauch haben. Iblis ist im Koran ein Eigenname und bezeichnet die bestimmte Gestalt, die sich vor Adam nicht niederwarf.

Schaitan dagegen ist eher ein Funktionsbegriff. Er kann Iblis bezeichnen, wird im Koran aber auch im Plural schayatin verwendet und kann allgemein eine widergöttliche, versuchende Macht meinen, menschlich oder dschinnisch.

Die Herkunft des Namens Iblis ist sprachlich umstritten. Eine verbreitete Erklärung, die schon von muslimischen Gelehrten vertreten wurde, leitet ihn von der arabischen Wurzel b-l-s ab, die mit Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit zu tun hat.

Iblis wäre demnach der, der an der Barmherzigkeit Gottes verzweifelt oder verzweifeln muss. Die heutige Forschung hält dagegen eine Herleitung aus dem griechischen diabolos, dem Verleumder, für wahrscheinlicher, vermittelt möglicherweise über das Syrische oder andere christliche Überlieferungswege im vorislamischen Arabien.

Schaitan dagegen ist ein altsemitisches Wort, das mit dem hebräischen satan, Widersacher, verwandt ist. Die beiden Begriffe verweisen also auf zwei verschiedene Traditionslinien, die im Koran zusammengeführt werden.

Die genaue Klärung dieser Etymologien ist für die Religionsgeschichte wichtig, weil sie zeigt, wie die islamische Vorstellung vom Teufel sich aus älteren, jüdischen, christlichen und arabischen Elementen zusammensetzt, ohne mit einer von ihnen einfach identisch zu sein. Iblis ist eine eigenständige koranische Gestalt, die ältere Motive aufnimmt und neu ordnet.

Iblis in der islamischen Mystik

Eine besondere und für Außenstehende oft überraschende Deutung erfuhr Iblis in Teilen der islamischen Mystik, des Sufismus. Während die Mehrheit der Tradition Iblis eindeutig als hochmütigen Ungehorsamen verurteilt, entwickelten einzelne mystische Denker eine differenziertere, in manchen Fassungen geradezu paradoxe Sicht.

Der bekannteste Vertreter ist al-Hallaj, der im frühen 10. Jahrhundert hingerichtet wurde. In seinem Werk Kitab at-Tawasin stellt er Iblis als einen dar, der sich gerade aus Liebe und reinem Monotheismus weigerte, sich vor einem anderen als Gott niederzuwerfen.

Nach dieser Lesart stand Iblis vor einem unauflösbaren Konflikt: Gott befahl ihm den Niederfall vor Adam, doch Iblis wollte sich allein vor Gott niederwerfen. Sein Ungehorsam wäre demnach Ausdruck einer extremen, wenn auch fehlgeleiteten Treue zur Einheit Gottes.

Auch der spätere persische Dichter und Mystiker Ahmad al-Ghazali, ein Bruder des berühmteren Theologen, vertrat verwandte Gedanken und sah in Iblis einen Lehrer der absoluten Hingabe.

Diese Deutung blieb eine Minderheitenposition und wurde von der orthodoxen Theologie scharf zurückgewiesen. Sie ist religionshistorisch dennoch bedeutsam, weil sie zeigt, dass die Iblis-Erzählung in der islamischen Tradition nicht nur einen einzigen, festgelegten Sinn hatte.

Die Mehrheitsmeinung blieb stets, dass Iblis sein eigenes Urteil über den ausdrücklichen göttlichen Befehl stellte und damit den Kern des Hochmuts verkörpert.

Die mystische Gegenlesart aber machte Iblis zu einer Figur, an der grundsätzliche Fragen nach Gehorsam, Liebe und dem Verhältnis von göttlichem Willen und göttlichem Befehl verhandelt wurden. Sie wurde später von westlichen Orientalisten, vor allem von Louis Massignon in seiner Hallaj-Forschung, eingehend untersucht.

Das Wirken des Iblis und die Frage des freien Willens

Eine theologisch zentrale Frage betrifft, was Iblis tatsächlich vermag. Der Koran ist hier deutlich: Iblis flüstert ein, schmückt das Schlechte als schön aus, weckt falsche Hoffnungen und führt in die Irre, aber er hat keine zwingende Macht über die Menschen.

In Sure 14 Vers 22 lässt der Koran ihn am Tag des Gerichts selbst sagen, er habe die Menschen nur gerufen, und sie seien ihm gefolgt, deshalb sollten sie nicht ihn, sondern sich selbst tadeln. Die Verantwortung für die Sünde bleibt damit beim Menschen.

Aus dieser Aussage zogen die Theologen den Schluss, dass das Wirken des Iblis die menschliche Willensfreiheit nicht aufhebt. Iblis schafft eine Versuchung, aber er erzwingt nichts. Diese Lehre war wichtig, um die Gerechtigkeit Gottes zu wahren: Wäre der Mensch dem Iblis hilflos ausgeliefert, könnte er für seine Taten nicht verantwortlich gemacht werden.

Die verschiedenen theologischen Schulen, etwa Muʿtaziliten und Aschʿariten, gewichteten das Verhältnis von göttlicher Allmacht und menschlicher Verantwortung unterschiedlich, doch an der grundsätzlichen Begrenztheit des Iblis hielten sie fest.

Praktisch verbindet sich damit die Lehre von der waswasa, dem Einflüstern. Die Frömmigkeitstradition kennt zahlreiche Anweisungen, wie der Gläubige sich gegen diese Einflüsterungen schützt, etwa durch das Sprechen der Schutzformel, die Gott vor dem verfluchten Iblis um Beistand bittet, durch Gebet und durch das Gedenken an Gott.

Die letzten beiden Suren des Korans, die sogenannten Schutzsuren, werden in diesem Zusammenhang besonders rezitiert. Iblis bleibt in dieser Sicht ein realer, aber begrenzter Gegner, dessen Macht nur so weit reicht, wie der Mensch ihr Raum gibt. Mit dem Ende der Zeit, so der Koran, läuft sein gewährter Aufschub ab.

Weiterführende Verlinkungen

Empfohlene interne Links:

Literatur (Auswahl)

Eine Auswahl zentraler Arbeiten zu Iblis:

  • Awn, Peter J.: Satan’s Tragedy and Redemption. Iblīs in Sufi Psychology. Leiden 1983.
  • Bodman, Whitney: The Poetics of Iblis. Cambridge 2011.
  • Awad, Najib George: Orthodoxy in Arabic Terms. Berlin 2018.
  • Khalidi, Tarif: Images of Muhammad. New York 2009 (im Kontext qisas).
  • Smith, Jane I. / Haddad, Yvonne Yazbeck: The Islamic Understanding of Death and Resurrection. Oxford 2002.

Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.

Häufige Fragen zu Iblis

Wer ist Iblis im Islam?

Iblis ist im Islam die Figur, die der christlichen Satans-Gestalt entspricht. Laut Koran (Sure 7,11ff) weigerte sich Iblis, sich vor dem neu erschaffenen Adam niederzuwerfen, aus Hochmut, weil er aus rauchlosem Feuer geschaffen war und Adam nur aus Lehm.

Daraufhin wurde er verflucht. Iblis ist im islamischen Verständnis kein gefallener Engel, sondern ein Dschinn, ein Wesen aus rauchlosem Feuer.

Was ist der Unterschied zwischen Iblis und Schaitan?

Iblis ist der Eigenname der konkreten Figur, die sich Allah widersetzte. Schaitan (arabisch für Satan) ist ein Sammelbegriff für alle bösen Geister, die Menschen versuchen, Iblis ist der oberste unter ihnen.

In manchen Auslegungen ist Iblis der Anführer der Schaitan-Schar, in anderen sind Iblis und Schaitan praktisch identisch. Der Koran verwendet beide Begriffe in unterschiedlichen Kontexten.

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