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Anubis, Gott der ägyptischen Tradition

Anubis ist Gott der ägyptischen Tradition.

Wächter der Mumien, Richter der Toten, Schakal-Gott des Alten Ägypten. Anubis, seit den Anfängen der ägyptischen Zivilisation der Herr über die Toten, verkoepert den Übergang vom Sterben zum Jenseits und die Verwahrung der sterblichen Überreste.

Sein Name Inpu oder Anpu wurde bereits in den ägyptischen Pyramidentexten genannt. Sein Bild, ein Schakal oder ein menschlicher Körper mit Schalaskopf, war Inbegriff der Mumifikation und der Hoffnung auf Auferstehung im Totenreich, dem Reich der Beiden Wahrheiten.

Inhaltsverzeichnis

Anubis - Götter aus der Ägypten-Tradition, historisch-illustrativ

Anubis

Auf einen Blick: Anubis

Typ: Ägyptische Hauptgottheit, Toten- und Einbalsamierungsgott
Pantheon: Ägypten (alle Dynastien)
Funktion: Geleit der Toten, Einbalsamierung, Hüter des Westens, Wäger der Herzen
Hauptattribute: Schakalkopf, Was-Zepter, Anch, Mumien-Tuch, Waage
Hauptkultorte: Cynopolis (Hardai, Hauptkultort), Memphis, Theben
Griechische Identifikation: Hermanubis (Hermes-Anubis-Synkretismus, hellenistisch)

Einordnung

Zeitraum der Texte

Anubis ist seit den Pyramidentexten (ca. 24. Jh. v. Chr.) als Hauptgott der Toten belegt. Hauptblütezeit war das Alte Reich, vor der Verschmelzung mit dem Osiris-Mythos im Mittleren Reich, in dem Osiris zur dominierenden Toten-Gottheit aufsteigt, Anubis bleibt aber Hüter und Einbalsamierer.

Im Neuen Reich kanonische Rolle als Wäger der Herzen im Totengericht. In der hellenistisch-römischen Zeit Synkretismus mit Hermes als Hermanubis.

Verbreitungsraum

Hauptkultort war Cynopolis („Hundestadt“ ägyptisch Kasa, heute El-Qis nördlich von Asyut), mit dem zentralen Anubis-Tempel und tausenden mumifizierten Hunden in den Friedhöfen. Daneben Memphis, Theben (Anubis-Wesir-Funktion in Sarkophag-Reliefs), Sakkara (große Hunde-Friedhöfe). Im hellenistischen Ägypten in Alexandria mit dem Synkretismus zu Hermanubis verehrt.

Quellenlage

Zentrale Quellen: Pyramidentexte (Spr. 213 ff.), Sargtexte (Spr. 6, 215), Totenbuch (Spr. 17, 30, 125, das berühmte Herzenswägungs-Kapitel), Inschriften aus Cynopolis und Sakkara. Sekundärliteratur: DuQuesne, The Jackal Divinities of Egypt; Bonnet, Reallexikon; Wilkinson, Complete Gods and Goddesses; Lurker, Götter und Symbole der alten Ägypter.

Name

Ägyptisch: Inpu oder Anpu (Ursprung unklar, mögliche Deutung „der Unreine“ oder in Bezug auf verfallende Materie). Griechische Umschrift: Anoubis, Ἄνουβις (Anoubis). Beinamen: Khenti-Amentiu (Führer der Westlichen, der Toten), Neb-ta-djeser (Herr des Heiligen Landes, Friedhof), Neb-Sahu (Herr der Leichname), Imy-ut oder Im-p (im Imiut-Fetisch verkoepert).

Römisches/Hellenistisches Pendant: Hermanubis (Verschmelzung mit Hermes Psychopompos). In römischer Schreibweise auch Anubis ohne Veränderung. Wichtige Verwandte: Sohn des Osiris und der Nephthys (in klassischer Deutung); in älteren Texten teilweise als Sohn des Ra und der Hesat genannt. Bruder oder enger Helfer des Osiris. Ehepartner der Bastet oder Inpu-Bastet in synkretistischen Varianten.

Charakteristika

Erscheinung

Anubis wird in zwei Hauptformen dargestellt: entweder als aufrecht stehender Mensch mit Schalakopf, meist schwarz gefarbt und oft einen Kopfschmuck tragend (Uracus, Krone); oder als vollständig schwarzer liegender Schakal auf einer Standarte (das Imiut-Fetisch, ein ledernes Idolum mit Schwanz und Ohren).

Die schwarze Farbe bedeutet zugleich Verwesung und Fruchtbarkeit der Erde, nicht Bosheit. Die Standarte mit liegendem Schakal wurde in Prozessionen und Grab-Riten verwendet. Amulett-Darstellungen zeigen ihn oft in Mumien-Gestalt, also selbst bandagiert, was seine Doppelrolle als Gott und als bandagierter Toter unterstreicht.

Wesen und Wirken

Anubis ist nicht der Tod selbst, sondern der Verwalter und Garant des korrekten Übergangs in den Totenreich.

Seine Hauptaufgaben sind: (1) Beaufsichtigung der Mumifikation durch die Priester, die als Senu-Anubis (Serva-Priester) die Anubis-Maske trugen; (2) die Psychostasie, die Wiegung des Herzens des Verstorbenen gegen die Feder der Maat (Gerechtigkeit) vor dem Netre-nebu (Versammlung der 42 Richter) in der Halle der Beiden Wahrheiten; (3) der Schutz der Grabstätten vor Schändung.

Damit nahm er die zentrale Richter- und Geleitfunktion wahr, die später verstärkt auf Osiris überging.

Erscheinung und Symbolik

Anubis wird stets als schwarzer oder dunkelgrauer Schakal- oder Wildhundkopf auf menschlichem Körper dargestellt. Die schwarze Farbe symbolisiert die Zersetzung und Erneuerung im Grab.

Der Schakal war in der ägyptischen Wahrnehmung das Tier, das Friedhöfe durchstreifte und Körper schädigte; Anubis personifiziert die mystische Kraft, diese Prozesse zu kontrollieren und zu heiligen. Seine Attribute sind der Flegelhaken (das Werkzeug der Mumifizierung) und die Leine der Toten. In Mumifiziertempeln trugen die Priester eine Anubis-Maske.

Steckbrief: Anubis

Die wichtigsten Aspekte von Anubis auf einen Blick. Die folgenden Felder fassen Herkunft, Funktion, Erscheinung, Verehrung, Symbole und Parallelen zusammen.

Anubis' Herkunft

Anubis ist Sohn der Nephthys (in einer Tradition aus einer Affäre mit Osiris) und wurde von Isis aufgezogen, weil Nephthys ihn aus Furcht vor Set aussetzte.

In späteren Traditionen Sohn des Osiris (verbunden mit Osiris-Mythos). Vater der Kebechet (Reinigungs-Göttin). Vor der Aufstieg des Osiris-Mythos war Anubis selbst die zentrale Toten-Gottheit; nach der Verschmelzung dient er als Osiris-Wesir.

Anubis' Funktion

Geleit der Toten ins Jenseits. Patron der Einbalsamierung, die Mumifizierungspriester (wt) trugen bei der Präparation eine Anubis-Maske. Wäger der Herzen im Totengericht (Maat-Gericht): die Seele des Toten wird gegen die Feder der Maat (Wahrheit) gewogen, Anubis prüft das Gleichgewicht. Hüter der Friedhöfe und der Mumien gegen Grabräuber und Schädigung.

Anubis' Erscheinung

Schakalköpfige Gestalt mit menschlichem Körper, häufig schwarzer Hautfarbe (das Schwarz der Mumifizierung und der fruchtbaren Nilerde, nicht dämonisch verstanden). In der Hand Was-Zepter und Anch.

Häufig in der Pose der Anubis-Beuge über einer Mumie, mit der die Einbalsamierung vollzogen wird. Auch reine Schakal-Form (auf einem Schrein liegend) als Sarkophag-Symbol. In hellenistischer Synkretik (Hermanubis) mit Hermes-Caduceus dargestellt.

Anubis' Verehrung

Wirkungsbereich: Anubis stand am Anfang und Ende jeder ägyptischen Bestattung. Vor der Mumifizierung wurden Gebete an ihn gesprochen, die wt-Priester trugen Schakal-Masken. Bei der Beerdigungs-Prozession war er der Totengeleitende. Im Totengericht entscheidet seine Herzwägung über den Eintritt ins Jenseits. Im persönlichen Kult Anrufung um Schutz der Mumie der Verstorbenen vor Grabraub.

Anubis' Symbole

Schakal (in liegender Pose, Sarkophag-Wache), schwarze Hautfarbe, Was-Zepter, Anch, Waage, Mumien-Tuch, Geißel (in einigen Darstellungen), Imy-ut-Fetisch (Bündel mit Tierfell, Anubis-spezifisch). Heilige Tiere: Schakal, schwarzer Hund. Heilige Pflanze: Sykomorenbaum.

Anubis' Parallelen

Hermes Psychopompos (Griechenland, Totengeleit, hellenistisch synkretisiert als Hermanubis), Charon (Griechenland, Fährmann der Toten), Yama-Dharmaraja (Tibet/Buddhismus, Totenrichter), Yamaraja (Hinduismus), Mictlantecuhtli (Aztekisch, Totengott), Hel (Germanisch, Unterweltsherrscherin), Cerberus (Griechenland, als Hund-Form-Parallele).

Verehrung im Alltag

Anubis war präsenter in der täglichen ägyptischen Religionspraxis als viele andere Götter. Sein Kult durchzog alle Stände und Epochen.

Die Hauptrolle spielte Anubis in den Bestattungsritualen. Die Einbalsamierung begann mit einer Priester-Zeremonie, in der der Senu-Anubis, ein Priester, der die Anubis-Maske trug, die Leiche öffnete, die Organe entfernte und sie in Kanopen deponierte. Der maskierte Priester handelte buchstäblich als Anubis-Repräsentant.

Der Verstorbene wurde durch Salz-Behandlung konserviert, dann mit Ölen und Balsamen eingerieben, schließlich in Leinentücher bandagiert, jeder Schritt unter Anrufung von Anubis. Die Bandagierung war zentral für die Idee der Auferstehung: der Sahu (der Leichnam) sollte erhalten bleiben für das Jenseits-Leben des Ka (der Essenz) und Ba (der Persönlichkeit).

Im Priester-Dienst trugen Anubis-Priester die Maske während der Einbalsamierung, und zugleich bei Grabweihungen und Totenfesten. Die Imy-ut Standarte (liegender Schakal auf Stab) wurde in Prozessionen vorangetragen. Amulett-Trägerinnen und -Träger in allen Ständen trugen kleine Anubis-Figuren aus Fayence oder Lapislazuli zum Schutz und zur Hoffnung auf gutes Jenseits-Schicksal.

Die Herzwiegung (125. Spruch des Totenbuches) war zentral in der Jenseits-Eschatologie: Der Verstorbene stand vor Anubis, Osiris und den 42 Richtern. Sein Herz wurde gegen die Feder der Maat gewogen.

War der Verstorbene gerecht gelebt, war das Herz leicht; Lügen oder Bosheit beschwerte es. Nur durch die Waage von Anubis entschied sich das Schicksal: Aufnahme ins Amen-Tuat (Selige Gefilde) oder Verzeehrung durch Ammit, das Ungeheuer „Fresserin der Toten“. Dieser Glaube durchdrang die ägyptische Spiritualität für über zwei Jahrtausende.

Anubis, Parallelen in anderen Kulturen

Römische und Hellenistische Tradition

Hermanubis (Mischgestalt aus Hermes und Anubis) wurde vom ptolemäischen Herrscherhaus gefördert als Synkretismus zwischen griechischen und ägyptischen Glaubensvorstellungen. Apuleius beschreibt in seinen Metamorphosen Anubis-Prozessionen in römischen Städten. Hermanubis vereinte die Geleit-Funktion des Hermes Psychopompos mit der Mumifikationsexpertise des Anubis und wurde von Griechen und Römern bis ins 4. Jahrhundert n. Chr. verehrt.

Mesopotamische Tradition

Nergal (Unterwelt-Herrscher) und Ereshkigal (Herrin) erfuellen ähnliche Funktionen; Nergal wägt jedoch nicht die Seelen wie Anubis. Die mesopotamischen Jenseits-Vorstellungen sind düstre, ohne die Hoffnung auf Gerechtigkeit durch Wägung.

Hinduistische Tradition

Yamaraja (Herrscher des Totenreiches Yamaloka) teilt mit Anubis die Funktion des gerechten, unbestechlichen Richters und der Seelen-Wiegung. Yamaraja sitzt mit Chitragupta, seinem Schreiber-Helfer, und prüft die Taten des Verstorbenen. Wie Anubis ist Yamaraja nicht bösartig, sondern in seiner Strenge gerecht.

Griechische Tradition

Hades (Unterwelt-Herrscher) und Charon (Fährmann) teilen mit Anubis Geleit- und Wächter-Funktionen, aber nicht die Wiegung. Hermes Psychopompos (Seelenbegleiter) ist funktional dem Anubis als Geleiter am nächsten, daher Hermanubis.

Germanische Tradition

Hel (Tochter Lokis, Herrin des Totenreiches Helheim) hat Aufsichts-Funktionen, aber keine Wiegungsordeal wie Anubis. Helheim ist moralisch weniger differenziert als die ägyptische Halle der Beiden Wahrheiten.

Masoamerika

Mictlantecuhtli (Herr des Mictlan, des Azteken-Totenreiches) ist funktional ein Unterwelt-Herrscher wie Anubis, aber ohne die Wiegungsordeal oder Hoffnung auf Auferstehung. Die Aztek-Eschatologie ist kriegerischer als die ägyptische.

Das Wägen des Herzens und das Totengericht

Die zentrale Szene, in der Anubis erscheint, ist das Totengericht, die Prüfung des Verstorbenen vor dem Eintritt ins Jenseits. Die ausführlichsten bildlichen und textlichen Quellen dafür sind die Papyri des sogenannten Totenbuches, einer Sammlung von Sprüchen, die seit dem Neuen Reich den Verstorbenen mitgegeben wurde. Das berühmte Kapitel 125 schildert das Wägen des Herzens.

In dieser Szene wird das Herz des Verstorbenen auf die eine Schale einer Waage gelegt, auf die andere die Feder der Maat, die die Wahrheit und die rechte Ordnung verkörpert. Anubis bedient die Waage.

Er prüft, ob das Herz mit der Feder im Gleichgewicht steht, das heißt, ob der Verstorbene ein Leben im Einklang mit der Maat geführt hat. Der Gott Thot schreibt das Ergebnis nieder. Daneben lauert ein Mischwesen, die sogenannte Ammit, die Verschlingerin, bereit, das Herz eines Verurteilten zu fressen, was die endgültige Vernichtung bedeutet.

Anubis tritt in dieser Szene als unbestechlicher, sachlicher Prüfer auf. Er ist nicht Richter im eigentlichen Sinn, das ist der Gott Osiris, vor dem die Verhandlung stattfindet, sondern der Beamte, der den entscheidenden Vorgang durchführt.

Seine Rolle setzt voraus, dass das Urteil objektiv und nicht manipulierbar ist. Das Wägen des Herzens gehört zu den am häufigsten dargestellten Szenen der ägyptischen Religion und zeigt, wie eng ethisches Verhalten im Leben und das Schicksal nach dem Tod miteinander verbunden gedacht wurden.

Anubis und die Erfindung der Mumifizierung

Anubis gilt in der ägyptischen Überlieferung als der Gott, der die Einbalsamierung erfunden und zuerst durchgeführt hat. Diese Funktion ist eng mit dem Osiris-Mythos verbunden.

Nachdem Osiris von seinem Bruder Seth getötet und sein Körper zerstückelt worden war, sammelte man die Teile und setzte den Leichnam wieder zusammen. Anubis war es nach der Überlieferung, der diesen Körper behandelte und damit den ersten Mumifizierungsvorgang vollzog. So wurde Osiris zum Herrscher des Totenreiches.

Aus dieser mythischen Begründung leitete sich die kultische Praxis ab. Der Priester, der bei der tatsächlichen Einbalsamierung die Hauptrolle spielte, trug eine Anubismaske, einen Kopf in Schakalsgestalt, und handelte damit als Stellvertreter des Gottes.

Die Werkstatt der Einbalsamierer und der Ort der Behandlung standen unter dem Schutz des Anubis. Spruchsammlungen, die den Vorgang begleiteten, riefen ihn an und beschrieben die einzelnen Handlungen als göttliches Werk.

Anubis trägt in diesem Zusammenhang mehrere bezeichnende Beinamen. Er heißt der, der auf seinem Berg ist, ein Hinweis auf die über den Nekropolen liegenden Wüstenhöhen, und der Herr der heiligen Stätte, womit der Bereich der Einbalsamierung und der Bestattung gemeint ist.

Ein weiterer Beiname kennzeichnet ihn als den Vorsteher der Gotteshalle, des Raumes, in dem der Körper für die Ewigkeit hergerichtet wurde. Die Verbindung von Mythos und Ritualpraxis ist hier besonders eng: Jede Einbalsamierung wiederholte die mythische Urhandlung des Gottes an Osiris.

Ikonografie: der Schakalgott und seine Erscheinungsformen

Anubis wird auf zwei eng verwandte Weisen dargestellt. Die eine zeigt ihn ganz als liegendes schwarzes Tier mit gespitzten Ohren und langem Schwanz, oft auf einem Schrein oder einem Sockel ruhend. Die andere, häufigere Form zeigt ihn als Mann mit dem Kopf dieses Tieres.

Welches Tier genau gemeint ist, war lange umstritten. Traditionell sprach man von einem Schakal, die neuere Forschung neigt eher dazu, an einen Caniden zu denken, der dem afrikanischen Goldwolf nahesteht. Sicher ist, dass es sich um ein hundeartiges Wüstentier handelt.

Die Wahl gerade dieses Tieres erklärt sich aus der Beobachtung der Wirklichkeit. Schakale und verwandte Tiere streiften nachts über die Wüstenfriedhöfe und gruben dort.

Indem die Ägypter den Totengott in der Gestalt eben dieses Tieres dachten, machten sie aus der Bedrohung der Gräber einen Schutzgott der Gräber. Das Wesen, das die Toten gefährden konnte, wurde zu ihrem Bewahrer.

Auffällig ist die schwarze Farbe des Anubis. Schwarz war in Ägypten nicht die Farbe der Trauer im modernen Sinn, sondern die Farbe der fruchtbaren Nilerde und damit der Wiedergeburt und Regeneration. Zugleich ist es die Farbe des durch das Einbalsamierungsharz dunkel gewordenen Leichnams.

Anubis erscheint außerdem häufig mit einem Halsband und einem Geißel- oder Wedelinstrument. Auf Särgen, Grabwänden und Stelen ist er allgegenwärtig, oft an der Seite des Verstorbenen oder über der Mumie kniend. Die Häufigkeit seiner Darstellung macht ihn zu einer der bilddokumentierten Gottheiten Ägyptens.

Anubis im Wandel: von der Frühzeit bis zur griechisch-römischen Epoche

Die Stellung des Anubis im ägyptischen Pantheon war nicht über die ganze Geschichte hinweg gleich. In der Frühzeit und im Alten Reich gehörte Anubis zu den wichtigsten Totengöttern überhaupt. Die ältesten erhaltenen religiösen Texte, die Pyramidentexte des Alten Reiches, nennen ihn häufig, und er war damals die führende Gottheit des Totenreiches.

Mit dem Aufstieg des Osiris-Glaubens, der im Mittleren Reich an Bedeutung gewann, verschob sich diese Stellung. Osiris wurde zum Herrscher des Jenseits, und Anubis trat in eine dienende, vorbereitende Rolle zurück. Diese Neuordnung wurde mythologisch dadurch ausgedrückt, dass Anubis als Sohn des Osiris dargestellt wurde, in manchen Überlieferungen als Sohn des Osiris und der Nephthys.

Aus dem eigenständigen Totengott der Frühzeit wurde so der Gehilfe und Einbalsamierer im Dienst des Osiris. Diese Umstrukturierung ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich Götterhierarchien im Lauf der Religionsgeschichte verändern, ohne dass eine ältere Gestalt einfach verschwindet.

In der griechisch-römischen Zeit erfuhr Anubis eine neue Blüte. Die Griechen setzten ihn mit Hermes gleich, woraus die Mischgestalt Hermanubis entstand. Anubis wurde Teil der über das Mittelmeer verbreiteten ägyptischen Kulte, besonders im Umfeld der Isis-Verehrung.

In den Prozessionen dieser Kulte trat ein Priester mit Anubismaske auf, was auch römische Autoren erwähnen. Der Gott blieb damit über Jahrhunderte und weit über Ägypten hinaus präsent. Seine Geschichte reicht von den ältesten ägyptischen Texten bis in die religiöse Welt des Römischen Reiches.

Kultorte, Tierfriedhöfe und die Quellenlage

Der Hauptkultort des Anubis lag in Mittelägypten, in einer Stadt, die die Griechen Kynopolis nannten, die Hundestadt, weil dort der hundeartige Gott besonders verehrt wurde.

Daneben besaß Anubis Kultstätten an vielen Orten, da er als Gott der Nekropolen überall dort präsent war, wo bestattet wurde. Eine besondere Rolle spielte er auch in den Totentempeln und in den Werkstätten der Einbalsamierer.

Eine eigene und für die Forschung wichtige Quellengattung sind die Tierfriedhöfe. An mehreren Orten Ägyptens, besonders in Saqqara, legten Archäologen unterirdische Galerien frei, in denen riesige Mengen mumifizierter hundeartiger Tiere bestattet waren, dem Anubis als heilige Tiere geweiht. Solche Tiermumien wurden vielfach von Pilgern gestiftet, die sie als Weihegaben in den Heiligtümern niederlegten.

Die Zahl dieser Bestattungen geht in die Millionen und bezeugt eine breite, populäre Frömmigkeit, die in den großen religiösen Texten kaum sichtbar wird.

Was wir über Anubis wissen, stützt sich damit auf mehrere Quellengruppen, die einander ergänzen. Da sind zum einen die religiösen Texte, von den Pyramidentexten über die Sargtexte bis zum Totenbuch. Zum anderen die bildlichen Darstellungen auf Grabwänden, Särgen und Stelen.

Hinzu kommen die archäologischen Befunde, die Tierfriedhöfe, die Werkstätten und die Kultorte. Schließlich berichten griechische und römische Autoren über den Anubiskult ihrer Zeit. Diese Vielfalt der Quellen erlaubt ein vergleichsweise genaues Bild, zeigt aber auch, dass die Vorstellungen über die lange ägyptische Geschichte hinweg nicht einheitlich waren, sondern sich wandelten und regional unterschieden.

Forschungsliteratur

  • DuQuesne, Terence: The Jackal Divinities of Egypt. London 2005.
  • Lurker, Manfred: Götter und Symbole der alten Ägypter. Bern 1974.
  • Hornung, Erik: Die Gräber im Tal der Könige. Zürich 1982.
  • Walde, Christine (Hg.): Der Neue Pauly (Lemma „Anubis“).

Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.

Häufige Fragen zu Anubis

Wer war Anubis in der ägyptischen Religion?

Anubis (ägyptisch Inpw) war der schakalköpfige Totengott und Schutzherr der Mumifizierung im alten Ägypten. Vor dem Aufstieg des Osiris-Kults war Anubis der Hauptgott des Totenreichs.

Er wog beim Totengericht das Herz gegen die Feder der Maat und führte die Seele zur Bestattung. Seine Verbindung zum Schakal (oder Wildhund) hat einen realen Hintergrund: diese Tiere besuchten in der Wüste die Friedhöfe, daher der Schritt zur ‚Schutzgottheit gegen Grabschändung‘.

Wie wurde Anubis im hellenistischen Ägypten verehrt?

Im hellenistischen Ägypten (nach 332 v. Chr.) verschmolz Anubis mit dem griechischen Hermes zu Hermanubis, einem Vermittler zwischen den Welten, ähnlich dem griechischen Hermes Psychopompos.

Im römischen Reich verbreitete sich der Isis-Kult bis nach Rom und Britannien, und mit ihm Anubis als Begleiter der Isis. In Pompeji finden sich Wandmalereien mit Anubis, und in den koptisch-christlichen Wundergeschichten lebt sein Bild als Hundsköpfiger Heiliger Christophorus weiter.

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