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Vir-ava, Herrin der Wälder an der Wolga

Vir-ava ist Göttin der mordwinischen Tradition.

Die Waldmutter, die über Bäume, Wild und Jagdglück gebietet. Als Herrin der Wälder an der Wolga entscheidet Vir-ava über Jagdglück und Jagdverbot.

GöttinFinno-Ugrisch

Inhaltsverzeichnis

Vir-ava, Göttin der finno-ugrischen Überlieferung
Vir-ava

Vir-ava (auch Vir’ava oder Virjava) ist die Waldmutter der mordwinischen Mythologie an der mittleren Wolga. Ihr Name verbindet vir, Wald, und ava, Frau oder Mutter; nach der Überlieferung gebietet sie über alles, was im Wald wächst und lebt.

Sie gehört zur Klasse der großen ava-Gottheiten, die das weiblich geprägte Pantheon der Ersja und Mokscha kennzeichnen: Mastorava für die Erde, Ved’ava für das Wasser, Varmava für den Wind, Norovava für die Ernte und eben Vir-ava für den Wald. Selbst der Eichengott Tumopaz untersteht der Waldmutter.

Im Überblick: Vir-ava

Typ: Waldmutter und Waldgottheit der ava-Klasse
Herkunft: Mordwinische Mythologie (Ersja und Mokscha) an der mittleren Wolga
Texte: Aufzeichnungen ab Mitte des 19. Jahrhunderts (Melnikov, Smirnov, Paasonen, Harva)
Zeitraum: dokumentiert ab dem 19. Jahrhundert, Wurzeln älter
Erscheinung: wandelbare Frauengestalt, in Sagen baumhoch mit langem offenem Haar

Herkunftsraum und Quellen

Zeitraum der Texte

Schriftliche Zeugnisse setzen erst mit den russischen Beschreibungen des 19. Jahrhunderts ein, gefolgt von den finnischen Sammlungen Paasonens; die maßgebliche deutschsprachige Gesamtdarstellung bleibt Harvas Werk von 1952.

Verbreitungsraum

Die mordwinischen Siedlungsgebiete an der mittleren Wolga, geteilt in die beiden Gruppen der Ersja und der Mokscha mit eigenen Sprachen und Überlieferungen.

Quellenlage

Fragmentarisch und volkskundlich: Melnikov, Smirnov, Paasonen und Harva; die Überlieferung ist durch Christianisierung und russische Nachbarschaft mehrfach überformt.

Name und Varianten

Mordwinisch: Vir-ava, aus vir, Wald, und ava, Frau oder Mutter: die Waldmutter. Die Namensendung ava kennzeichnet die ganze Klasse der weiblichen Schutzgottheiten der Mordwinen; Nebenformen sind Vir’ava und Virjava.

Erscheinungsbild

Erscheinung

Ein einheitliches Bild kennen die Aufzeichnungen nicht. Sagen aus dem 19. Jahrhundert beschreiben Vir-ava als riesenhafte Frauengestalt, hoch wie die Bäume ihres Reviers, mit langem offenem Haar; anderswo erscheint sie unauffällig als Frau am Wegrand. Hörbar wird sie öfter, als sie sichtbar wird: Rufen, Lachen und das Echo im Wald galten als ihre Stimme.

Wirkung

Vir-ava gebietet über Bäume und Wild; Jagderfolg und Sammelglück galten als ihre Gewährung. Wer den Wald achtsam nutzte, hatte von ihr nichts zu befürchten. Zugleich erzählen die Sagen von ihrer unheimlichen Seite: Sie führt Reisende in die Irre, erschreckt sie mit Stimmen und Gelächter und lässt Wege nicht enden. Ein fester Kanon von Schädigungen ist ihr nicht zugeordnet; die Bedrohung bleibt situativ.

Steckbrief: Vir-ava

Die wichtigsten Aspekte der Waldmutter auf einen Blick.

Kulturkontext

Eine der großen ava-Gottheiten des weiblich geprägten mordwinischen Pantheons, neben Mastorava, Ved’ava, Varmava und Norovava.

Zuständig für

Jäger, Sammlerinnen und Sammler sowie Reisende: Wild, Honig und Bauholz des Waldes galten als ihre Gewährung.

Darstellung

Wandelbare Frauengestalt, in Sagen baumhoch mit langem offenem Haar, anderswo unauffällig am Wegrand; oft nur als Stimme und Echo präsent.

Funktion

Herrin über Bäume, Wild und Baumgeister; sie gewährt Jagd- und Sammelglück und führt Unachtsame in die Irre.

Kult

Anrufungen vor Jagd und Holzschlag, Gaben wie Brot, Salz und erste Früchte am Waldrand, dazu die dörflichen Opferfeste (ozks).

Abgrenzung

Die estnische Metsaema und die lettische Meža mate als nächste Verwandte; der Komi-Waldgeist Vörsa ist ein Geist, keine Gottheit.

Die ava-Gottheiten der Ersja und Mokscha

Die Mordwinen bestehen aus den beiden Gruppen der Ersja und der Mokscha mit eigenen Sprachen; eine einheitliche mordwinische Mythologie ist nie entstanden, weshalb die Forschung beide Traditionen nebeneinander behandelt. Gemeinsam ist ihnen die Dominanz weiblicher Schutzgottheiten auf ava: Mastorava für die Erde, Ved’ava für das Wasser, Varmava für den Wind, Norovava für die Ernte und Vir-ava für den Wald.

Ein bei Uno Harva verzeichneter Mythos lässt drei dieser Schwestern aus den Eiern des Großen Vogels Ine Narmun schlüpfen, dessen Nest auf einer Birke ruht: die Erntemutter Norovava, die Windmutter Varmava und die Waldmutter Vir’ava. Der Windgott Varmanpaz gilt in der Ersja-Überlieferung als Sohn der Vir-ava, und die Baumhierarchie zeigt ihre Stellung: Selbst der Eichengott Tumopaz untersteht der Waldmutter. Die Quellenlage ist fragmentarisch und durch Christianisierung wie russische Nachbarschaft mehrfach überformt.

Rezeption und Einordnung

In der mordwinischen Nationalkultur der Gegenwart lebt die Götterwelt vor allem durch das Kunstepos Mastorava (A. M. Scharonow, 1994) fort; Vir-ava erscheint daneben in Märchensammlungen, Schulmaterialien und der finno-ugrischen Kulturbewegung. Außerhalb Russlands ist die Gestalt fast nur der Fachliteratur bekannt.

Vir-ava steht für die charakteristische ava-Klasse der mordwinischen Religion: weibliche Schutzherrinnen einzelner Lebensbereiche, denen männliche Gestalten lange nur als Gehilfen oder Söhne zugeordnet waren. Die ältere Forschung (Maskajew) deutete dies als Nachhall matriarchaler Verhältnisse; die heutige Religionswissenschaft urteilt zurückhaltender und verweist darauf, dass die mordwinischen Sprachen kein grammatisches Geschlecht kennen und die Geschlechtszuweisung der Gottheiten beweglich blieb. Typologisch verbindet die Waldmutter den Herrin-der-Tiere-Typus mit dem Mutter-Schema der Wolga-Finnen.

Bitten, Gaben und die Opferfeste ozks

Die Aufzeichnungen nennen zuerst die Bitte: Vor Jagd, Holzschlag oder Sammelgang wandte man sich mit Anrufungen an die Waldmutter. Kleine Gaben wie Brot, Salz oder erste Früchte wurden am Waldrand oder auf einem Baumstumpf niedergelegt; bei den dörflichen Opferfesten der Mordwinen (ozks) wurden die ava-Gottheiten insgesamt um Segen gebeten. Als Gegenmittel beim Verirren war im Wolga-Raum das Wenden der Kleidung oder das Vertauschen der Schuhe verbreitet. Respektregeln, kein Fluchen und keine Prahlerei im Wald, vervollständigen das Bild; förmliche Bannrituale gegen Vir-ava sind nicht überliefert.

Waldmütter und Waldherren im Vergleich

Die engsten Verwandten sind die estnische Waldmutter Metsaema und die lettische Meža mate; die Forschung nennt diese ostbaltisch-wolgafinnische Reihe weiblicher Waldherrinnen häufig in einem Zug. Im russischen Volksglauben entspricht ihr funktional der männliche Leshy, und das Motiv der mächtigen Alten im Wald verbindet sie mit der Baba Jaga. Vom Komi-Waldgeist Vörsa unterscheidet sie ihr Rang: Vir-ava ist Gottheit der ava-Klasse mit Kultanrufung, Vörsa ein Geisterherr der Jagd ohne Platz in einem Pantheon.

Häufige Fragen zu Vir-ava

Ist Vir-ava eine Göttin oder ein Waldgeist?

Die mordwinische Überlieferung unterscheidet hier nicht scharf. Vir-ava gehört zu den großen ava-Gottheiten und steht in der Hierarchie über den Baumgeistern, zugleich verhält sie sich in den Sagen wie ein ortsgebundener Waldgeist. Die Einordnung als Gottheit folgt ihrer Stellung im Pantheon, wie sie Harva beschreibt.

Wie gefährlich ist die Waldmutter?

Die Sagen zeigen sie ambivalent: Sie gewährt Jagd- und Sammelglück, kann Reisende aber in die Irre führen und erschrecken. Von gezielten, dauerhaften Schädigungen berichten die Quellen kaum.

Gilt Vir-ava bei Ersja und Mokscha gleichermaßen?

Ja, der Name ist in beiden Traditionen bezeugt, und beide kennen die Waldmutter als Herrin des Waldbereichs. Da Ersja und Mokscha aber getrennte Überlieferungen pflegen, unterscheiden sich Einzelmotive von Region zu Region.

Weiterführende Verlinkungen

Empfohlene interne Links:

Literatur (Auswahl)

Eine Auswahl zentraler Quellen und Studien:

  • Harva, Uno: Die religiösen Vorstellungen der Mordwinen. Helsinki 1952.
  • Deviatkina, Tatiana: Some Aspects of Mordvin Mythology. In: Folklore. Electronic Journal of Folklore 17, 2001.
  • Smirnov, Iwan N.: Mordva. Istoriko-etnografitscheski otscherk. Kasan 1895.

Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.

Als mordwinische Waldmutter steht Vir-ava für den Wald als gebenden und zugleich unverfügbaren Lebensraum; ohne ihre ava-Klasse ist die mordwinische Mythologie mit ihrem weiblich geprägten Pantheon nicht zu verstehen.

Classification & Protection

IILEVEL
The Protection Compass assigns this being to influence level II, Noticeable influence.

Against its influence, cross-cultural tradition names these protective means:

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