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Schrat, der Behaarte aus den alten Glossen

Der Schrat ist Geist der deutschen Überlieferung.

Der zottige Waldgeselle, der nachts zum drückenden Schrättel wird. Der Steckbrief stützt sich auf alten Glossen, die den Schrat erstmals greifbar machen.

Inhaltsverzeichnis

Schrat, Geist der germanischen Überlieferung
Schrat

Der Schrat ist das behaarte Waldwesen des deutschen Sprachraums. Althochdeutsche Glossen geben mit scrato und scraz die lateinischen Wörter pilosus (der Behaarte) und satyrus wieder; damit ist die Gestalt seit dem frühen Mittelalter schriftlich bezeugt.

In der späteren Überlieferung wandelt sich der Waldgeist zum Hausgeist und zum nächtlichen Drückgeist, dem Schrättel. Im Wort Waldschrat lebt die Gestalt bis heute fort.

Im Überblick: Schrat

Typ: Behaarter Waldgeist, später auch Hausgeist und nächtlicher Drückgeist (Schrättel)
Herkunft: deutscher Sprachraum, mit Lehnformen im Westslawischen und im Alpenraum
Texte: althochdeutsche Glossen, mittelhochdeutsche Dichtung, Sagensammlungen
Zeitraum: 10. und 11. Jahrhundert bis in neuzeitliche Sagensammlungen
Erscheinung: kleiner bis mannshoher, stark behaarter Waldbewohner

Überlieferungskontext

Zeitraum der Texte

Greifbar wird der Schrat zuerst in den Glossaren des 10. und 11. Jahrhunderts; über die mittelhochdeutsche Dichtung reicht die Überlieferung bis in die neuzeitlichen Sagensammlungen.

Verbreitungsraum

Der deutsche Sprachraum mit Ausstrahlung in den Alpenraum; früh entlehnt wurde das Wort ins Westslawische, wie polnisch skrzat, tschechisch skritek und slowenisch skrat zeigen.

Quellenlage

Für ein Volksglaubenswesen gut: Glossen, mittelhochdeutsche Dichtung, Sagensammlungen und der Artikel Schrat im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens.

Name und Varianten

Deutsch: althochdeutsch scrato und scraz, mittelhochdeutsch schrat, schrate, schraz und das Diminutiv schretel; dazu altnordisch skratti für Zauberer oder Troll. Die Glossatoren wählten scrato, um die pilosi der Vulgata (Jesaja 13,21), haarige Wüsten- und Walddämonen, sowie den antiken satyrus zu verdeutschen; damit banden gelehrte Schreiber eine einheimische Vorstellung an biblisch-antike Dämonengestalten.

Wesen und Wirkung

Erscheinung

Die ältesten Zeugnisse betonen ein einziges Merkmal: die Behaarung, denn pilosus heißt schlicht der Behaarte. Sagenbeschreibungen zeichnen den Schrat als struppigen, zottigen Gesellen von kleiner bis mannshoher Gestalt, halb tierhaft, mit wildem Haar; gelegentlich werden zusammengewachsene Brauen genannt. Das Schrättel dagegen dachte man sich klein und leicht; es schlüpft durch Astloch oder Schlüsselloch in die Schlafkammer.

Wirkung

Als Waldwesen neckt der Schrat: Er führt Waldgänger in die Irre, äfft Rufe nach, erschreckt und verwirrt, gilt aber kaum als tödlich. Als Hausgeist verhält er sich koboldartig, poltert, plagt das Vieh und beansprucht den Hof. Die dritte Rolle ist die des Schrättels im süddeutsch-alpenländischen Raum: ein Drückgeist, der sich nachts auf die Schlafenden legt und Beklemmung verursacht. Wer das Wesen duldet oder bewirtet, hat Ruhe oder sogar Nutzen; wer es verspottet, wird geplagt.

Steckbrief: Schrat

Die wichtigsten Aspekte des behaarten Waldgeistes auf einen Blick.

Tradition

Seit den althochdeutschen Glossen bezeugt, von Jacob Grimm 1835 als Waldgeist neben Wildleuten und Kobolden behandelt; das Wort wanderte früh ins Westslawische.

Bezogen auf

Waldgänger bei Tag und Dämmerung, Bauern auf dem Hof und Schlafende, die das Schrättel nachts in der Kammer heimsucht.

Darstellung

Struppiger, zottiger Geselle von kleiner bis mannshoher Gestalt, halb tierhaft, mit wildem Haar; das Schrättel klein und leicht, durch Astloch und Schlüsselloch schlüpfend.

Funktion

Necken und Irreführen im Wald, Poltern und Viehplagen im Haus, nächtliches Drücken als Schrättel, funktionsgleich mit Alp und Mahr.

Abwehrformen

Drudenfuß an Tür oder Bettstatt, verkehrt gestellte Schuhe, Eisen unter dem Kopfkissen, Gebet und Segenszeichen; Schwellen und Astlöcher wurden gesichert.

Abgrenzung

Vom Wilden Mann der Bildkunst und den hilfreichen Moosleuten unterscheidet den Schrat sein neckisches, plagendes Wesen.

Vom scrato der Glossen zum Schrättel der Sagen

Greifbar wird der Schrat zuerst in den Glossaren des 10. und 11. Jahrhunderts: Die Glossatoren wählten scrato, um die pilosi der Vulgata und den antiken satyrus zu verdeutschen, und banden damit eine offenkundig einheimische Vorstellung an biblisch-antike Dämonengestalten. Jacob Grimm behandelte den Schrat 1835 in der Deutschen Mythologie als Waldgeist neben Wildleuten und Kobolden.

Ein mittelhochdeutsches Märe (um 1300) erzählt vom schretel, das nachts einen Hof beherrscht, bis ein durchreisender Eisbär es verprügelt; hier ist aus dem Waldwesen längst ein Hausplagegeist geworden. Das geprügelte Wesen fragt am Morgen, ob die große Katze noch im Haus sei, und meidet den Hof fortan. Claude Lecouteux hat diesen Weg 1985 als Abfolge von Dämonisierung, Mythologisierung und Euphemisierung beschrieben. Neuzeitliche Sagenlandschaften vom Alpenraum bis Böhmen kennen Schratt und Schrättel als Wald-, Haus- und Drückgeist.

Vom Sagenwesen zum Wortschatz

Umgangssprachlich bezeichnet Waldschrat heute einen kauzigen Einzelgänger, eine Bedeutungsverschiebung, die Wörterbücher seit dem 20. Jahrhundert verzeichnen. In Phantastik und Rollenspiel wurde der Schrat dagegen zum baumartigen Waldwesen umgedeutet, deutlich entfernt vom haarigen Gesellen der Glossen. Die slawischen Lehnformen führen ein Eigenleben: Der slowenische skrat ist als Berg- und Hausgeist bis heute populär, und in Sagenorten des Alpenraums halten Flurnamen und Erzählungen vom Schrattl die ältere Überlieferung fest.

Religionswissenschaftlich ist der Schrat ein Lehrstück für die Quellenlage volkssprachlicher Geisterwesen: Fassbar wird er zuerst nicht durch Erzählungen, sondern durch Übersetzungsentscheidungen von Glossatoren, die einheimische Wesen mit biblischen pilosi und antiken Satyrn gleichsetzten und damit dämonisierten. Lecouteux beschreibt die Gegenbewegung der Volksüberlieferung als Euphemisierung, erkennbar am Diminutiv Schrättel. Typologisch überlagern sich drei Schichten: der Waldgeist vom Typus der Wilden Leute, der leistende und strafende Hausgeist sowie das Alpwesen der Nachtangst. Kontinuität besteht eher im Wort als in einem einheitlichen Wesen; genau darin liegt der religionsgeschichtliche Wert der Gestalt.

Drudenfuß und verkehrte Schuhe: die Abwehr

Gegenüber dem Waldwesen empfahl die Überlieferung Zurückhaltung: nicht verspotten, nicht nachäffen, den Wald nicht mit Gejohle durchziehen. Gegen das drückende Schrättel nennt das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens die Mittel, die auch gegen Alp und Drude üblich waren: den Drudenfuß an Tür oder Bettstatt, die Schuhe verkehrt herum vor das Bett gestellt, Eisen oder Stahl unter dem Kopfkissen, dazu Gebet und Segenszeichen vor dem Schlafen. Türschwellen und Astlöcher als Eintrittswege wurden gesichert oder verstopft.

Waldherr, Hausgeist, Nachtdrücker: die Verwandtschaft

Als Waldherr entspricht dem Schrat der slawische Leshy, der Irreführung und Stimmenspott mit ihm teilt; die Hausgeist-Seite verbindet ihn mit dem Domovoi des russischen Volksglaubens. Für die nächtliche Drückfunktion stehen Alp, Mahr und die skandinavische Mara unmittelbar neben dem Schrättel. Die gelehrte Gleichsetzung mit Satyr und Faun der Antike stammt bereits aus den mittelalterlichen Glossen, und mit dem Wilden Mann teilt er die Zugehörigkeit zum Komplex der Wilden Leute. Im Ostseeraum ist der estnische Waldalte Metsavana ein verwandter Typus.

Häufige Fragen zum Schrat

Sind Schrat und Waldschrat dasselbe?

Im Kern ja. Waldschrat ist die jüngere, verdeutlichende Zusammensetzung, die sich durchsetzte, als das einfache Wort Schrat zu verblassen begann. Heute wird Waldschrat überwiegend übertragen für menschenscheue Einzelgänger gebraucht, während die Sagengestalt in beiden Namensformen dieselbe ist.

Was ist ein Schrättel?

Die Verkleinerungsform des Schrats, die in Süddeutschland, der Schweiz und Österreich zur eigenen Gestalt wurde: ein nächtlicher Drückgeist nach Art von Alp und Mahr. Wo alpenländische Sagen vom Schrattl oder Schrättele erzählen, ist dieses Nachtwesen gemeint, nicht der Waldgeist.

Ist der Schrat gefährlich?

Die Überlieferung zeichnet ihn lästig, aber selten zerstörerisch. Im Wald neckt und verwirrt er, im Haus poltert er, und als Schrättel verursacht er nächtliche Beklemmung. Tödliche Übergriffe gehören nicht zum festen Bestand der Sagen; die traditionellen Gegenmittel zielen auf Fernhalten und Ruhe, nicht auf Kampf.

Weiterführende Verlinkungen

Empfohlene interne Links:

Literatur (Auswahl)

Eine Auswahl zentraler Quellen und Studien:

  • Grimm, Jacob: Deutsche Mythologie. Göttingen 1835.
  • Lecouteux, Claude: Vom Schrat zum Schrättel. Dämonisierungs-, Mythologisierungs- und Euphemisierungsprozesse einer volkstümlichen Vorstellung. In: Euphorion 79, 1985.
  • Bächtold-Stäubli, Hanns (Hg.): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Artikel Schrat. Berlin/Leipzig 1927-1942.
  • Petzoldt, Leander: Kleines Lexikon der Dämonen und Elementargeister. München 1990.

Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.

Ob als Waldschrat im heutigen Sprachgebrauch oder als Schrättel der Alpensagen: Der Schrat zeigt, wie ein altes Wort sein Wesen wechselt, vom behaarten Waldgesellen der Glossen bis zum Nachtgeist der Schlafkammer.

Einordnung & Schutz

IISTUFE
Der Schutz-Kompass ordnet dieses Wesen der Einwirkungsstufe II zu – Spürbare Einwirkung.

Gegen seine Einwirkung nennt die kulturübergreifende Überlieferung diese Schutzmittel:

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