Shedim ist Dämon der jüdischen Tradition.
Der klassische Dämonenbegriff des Judentums, zwischen Talmud und Zauberschale.
Shedim ist der am breitesten verwendete Sammelbegriff für Dämonen in der jüdischen Tradition. Anders als Lilith, Asmodai oder Azazel meint das Wort keine einzelne Gestalt, sondern eine Klasse unsichtbarer, oft gefährlicher Wesen, die zwischen Engeln und Menschen stehen.
Im biblischen Hebräisch nur zweimal belegt (Dtn 32,17; Ps 106,37), wird shedim in der rabbinischen Literatur zum Standardterm für alle Dämonen überhaupt.
Die Beleglage ist enorm. Der Talmud enthält zahlreiche Erzählungen und rechtliche Entscheidungen, die Shedim voraussetzen; die aramäischen Zauberschalen bannen sie namentlich; mittelalterliche Kabbalisten ordnen sie in Hierarchien der „anderen Seite“.
Bis in die moderne chassidische Volksreligion bleibt der Begriff in Gebrauch. Seine Etymologie verbindet ihn mit dem mesopotamischen shedu (Schutzgenius, teils bedrohlich), eine der dichtesten sprachlich-religiösen Brücken zwischen Mesopotamien und Judentum.
Typ: Sammelbegriff für Dämonen und unsichtbare Schadenswesen
Herkunft: Vermutlich mesopotamisch (shedu), biblisch-hebräisch in Übernahme
Texte: Dtn 32,17; Ps 106,37; Talmud (u. a. Pesachim 110, 112); aramäische Zauberschalen; Kabbala
Zeitraum: Vorexilisch bis Gegenwart
Verbreitung: Babylonien, Palästina, weltweite Diaspora
Abwehr: Gebet, Namenmagie, Amulette, Mesusa, rabbinisch geregelte Schutzhandlungen
Die beiden Bibelstellen stehen im Kontext von Götzenopfer-Polemik; Shedim sind hier die „fremden Mächte“, denen Israel unrechtmäßig Opfer darbringt. Die Ausarbeitung erfolgt in der rabbinischen Literatur des 3. 6. Jh. n. Chr. besonders im babylonischen Talmud. Die aramäischen Zauberschalen (4. 7. Jh.) geben reiche praktische Einblicke. Mittelalterliche Kabbala und Volksmagie führen die Tradition fort.
Zentrum ist Babylonien (sasanidisches Reich), wo die Zauberschalen entstehen. Daneben Palästina und die gesamte spätere Diaspora. In modernen jüdischen Gemeinden weltweit weiterhin präsent, besonders in orthodoxen und chassidischen Milieus.
Biblische Einzelstellen, rabbinische Literatur (Mischna, Tosefta, Talmud), midraschische Texte, aramäische Zauberschalen mit hunderten Exemplaren, mittelalterliche Kabbala (Sefer Raziel, Zohar), Amulette, moderne volksreligiöse Handbücher. Eine der am besten bezeugten Dämonenklassen des gesamten Mittelmeerraums.
Hebräisch: shed (שֵׁד, Singular), shedim (שֵׁדִים, Plural).
Aramäisch: shīdā, Plural shīdē.
Verwandte Begriffe: mazzikim (Schädiger), ruchot ra’ot (böse Geister), lilin (Nachtgestalten). Alle bezeichnen überschneidende, nicht identische Kategorien.
Die wahrscheinliche Herleitung vom mesopotamischen shedu (Schutzstiergenius an Tempel– und Palasttoren) ist linguistisch interessant: Was in Mesopotamien eine Schutzkraft war, wird in Israel zur Bedrohung. Das spiegelt die religionsgeschichtliche Position des biblischen Monotheismus, was andere als Schutzgötter verehrten, kann im israelitischen System nur Dämon sein.
Erscheinung
Weitgehend unsichtbar. Der Talmud beschreibt sie humorvoll: „Wer ihre Spuren sehen will, streue Asche um sein Bett, morgens sieht er Hahnenspuren.“ Einzelne Texte geben ihnen Flügel, menschliche Grundgestalt, nicht-menschliche Füße. Die Ikonografie der Zauberschalen zeigt sie gefesselt, meist anthropomorph.
Verhalten
Shedim bewohnen unreine Orte (Ruinen, Latrinen, Friedhöfe), Grenzen und Übergangsplätze. Sie verursachen Krankheit, stören Schlaf, stiften Streit, verführen. Anders als Lilith haben sie keinen speziellen Aufgabenbereich, sie sind die „allgemeine“ dämonische Bedrohung des Alltags.
Wirkungsbereich
Unreine Orte, Übergänge, nächtliche Situationen, Reisen. Der Talmud nennt spezifische Gefährdungszonen: Kanten, Türschwellen, Brunnen, Abtritte, Wege in der Dämmerung.
Mythologische Herkunft
Midraschische Traditionen kennen verschiedene Ursprünge: als letzte Wesen der Schöpfungswoche, als Nachkommen Adams mit Lilith, als aus dem Staub geformte Wesen, die vor Vollendung der Schöpfung stehenblieben. Die Vielfalt dieser Erzählungen ist selbst Ausdruck der Offenheit der Kategorie.
Die wichtigsten Aspekte der Shedim auf einen Blick. Die Ausführung zu Name, Beschreibung, Abwehr und Parallelen finden Sie in den Kapiteln 2, 3, 5 und 6.
Sammelbegriff, kein einzelnes Wesen. Etymologisch wahrscheinlich aus dem mesopotamischen shedu übernommen, in biblischem und rabbinischem Hebräisch ins Negative gewendet.
Allgemeine Bedrohung. Menschen, die sich an unreinen Orten oder an Schwellen aufhalten; Reisende in der Dämmerung; Schlafende ohne Schutzformel.
Weitgehend unsichtbar. Gelegentlich mit Hahnenfüßen, Flügeln, menschlicher Oberform beschrieben. Auf Zauberschalen anthropomorph und gefesselt abgebildet.
Krankheit, nächtliche Störungen, Streit, plötzlicher Schreck. Schadenswirkung ohne zugespitzte thematische Spezialisierung.
Gebet, Namenmagie, Amulette, Mesusa an der Tür, Schutzformeln beim Betreten unreiner Orte. Der Talmud gibt detaillierte Verhaltensregeln (z. B. beim Gang zur Latrine).
Mesopotamische shedu/lamassu (etymologisch verwandt), griechische daimones (vergleichbare Sammelkategorie), christliche Dämonen allgemein, arabische jinn.
Rituale zur Abwehr
Der Talmud gibt detaillierte Anweisungen: Schutzformeln beim Betreten einer Latrine, das Spucken dreimal bei bestimmten Begegnungen, die Handwaschung nach dem Aufwachen. Diese kleinen Alltagsrituale halten Shedim auf Distanz, ohne mit ihnen direkt zu verhandeln.
Beschwörungen
Die aramäischen Zauberschalen sind die reichste Quelle. Ihre Texte beschwören einzelne Shedim namentlich, binden sie mit Gottesnamen und Engelsnamen und verweisen sie an unreine Orte zurück. Die zentrale Logik: Wer den Namen eines Shed kennt, hat Macht über ihn.
Amulette und Schutzsymbole
Mesusa an jedem Türpfosten, der Gottesname Shaddai darauf gilt als Wächter. Kimpetzettel für Wochenbett und Säugling. Amulette mit Psalmversen und Engelsnamen. Chamsa-Hand gegen den bösen Blick.
Mesopotamien
Der Name geht wahrscheinlich auf shedu zurück, dort Schutzstier, hier Dämon. Diese Umbewertung ist ein Modellfall religionsgeschichtlichen Wandels.
Islamische Tradition
Die arabischen jinn übernehmen strukturell viele Shedim-Merkmale: Klasse unsichtbarer Zwischenwesen, ambivalent, zwischen Mensch und Engel. Die Parallelen sind dicht, ohne dass eine direkte Abhängigkeit nachweisbar wäre.
Moderne jüdische Folklore
In osteuropäisch-chassidischen Traditionen bleibt die Shedim-Vorstellung lebendig. Moderne Literatur (I. B. Singer, Dybbuk-Erzählungen) greift auf sie zurück. In der israelischen Gegenwartssprache wird shed volkstümlich für „Schlingel“ oder „Kobold“ verwendet, eine ambivalent verschmitzte Abschwächung.
Das hebräische Wort schedim kommt im gesamten Tanach nur an zwei Stellen vor, beide im Plural. Im Buch Deuteronomium wird Israel vorgeworfen, es habe den schedim geopfert, die keine Gottheit seien, neuen Göttern, die die Väter nicht kannten.
In einem Psalm heißt es, das Volk habe Söhne und Töchter den schedim geopfert und damit unschuldiges Blut vergossen. Beide Stellen verbinden das Wort eng mit verbotenem Opferkult, besonders mit Kinderopfern, die fremden Mächten dargebracht werden.
Schon diese schmale Belegbasis macht deutlich, dass der biblische Befund kaum etwas über die Natur dieser Wesen aussagt. Die Texte sind polemisch, sie wollen fremde Kulte abwerten, nicht eine Dämonologie entfalten. Schedim erscheint hier als Sammelbezeichnung für die Empfänger eines Kultes, den die biblischen Autoren als götzendienerisch und blutig brandmarken.
Die Forschung verbindet das Wort mit großer Wahrscheinlichkeit mit dem akkadischen schedu. Dieser bezeichnete im mesopotamischen Raum einen Schutzgeist, oft in Gestalt eines geflügelten Stiermenschen, der die Tore von Palästen und Tempeln bewachte.
Was in Mesopotamien ein wohlwollender Schutzgenius war, wurde in der hebräischen Bibel zu einer fremden, unrechtmäßigen Macht umgedeutet, der man nicht opfern darf.
Diese Umdeutung ist ein gutes Beispiel für ein verbreitetes Muster. Die Götter und Geister der Nachbarvölker werden im biblischen Monotheismus nicht geleugnet, sondern abgewertet, sie sind keine echten Gottheiten, sondern bloße schedim, an die sich kein rechtmäßiger Kult richten darf.
Die spätere jüdische Dämonologie hatte also kaum ein biblisches Fundament, auf dem sie aufbauen konnte, und musste das Bild dieser Wesen weitgehend neu entwickeln.
Erst die rabbinische Literatur, vor allem der babylonische Talmud und die zugehörigen Auslegungswerke, machte aus dem dürren biblischen Wort eine ausgearbeitete Dämonenklasse. Hier erscheinen die schedim als eine zahlreiche, allgegenwärtige Gattung von Wesen.
Ein oft zitierter Abschnitt im Talmudtraktat Berachot beschreibt, dass die Schedim die Menschen in ungeheurer Zahl umgeben, dass jeder von ihnen tausende zur Linken und zur Rechten habe und dass das Gedränge im Lehrhaus oder die Ermüdung der Knie von ihrem Wirken herrühre.
Die Rabbinen ordneten die Schedim in eine Zwischenstellung ein.
Ein bekannter Text zählt drei Eigenschaften auf, in denen sie den Dienstengeln gleichen, sie haben Flügel, sie fliegen von einem Ende der Welt zum anderen und sie wissen, was kommen wird, und drei, in denen sie den Menschen gleichen, sie essen und trinken, sie vermehren sich und sie sterben.
Die Schedim stehen damit zwischen Engel und Mensch, sie sind körperlich genug, um zu sterben, und geistig genug, um verborgenes Wissen zu besitzen.
Über ihre Entstehung kursierten verschiedene Vorstellungen. Eine verbreitete Überlieferung verbindet sie mit der Dämmerung des sechsten Schöpfungstages, an dem Gott ihre Seelen erschaffen, aber wegen des anbrechenden Schabbat ihre Körper nicht mehr vollendet habe, weshalb sie unfertig zwischen den Sphären blieben. Andere Texte führen bestimmte Dämonen auf Adam zurück.
Die rabbinische Literatur entwickelte auch Namen einzelner Anführer, gibt Hinweise auf ihre bevorzugten Aufenthaltsorte, etwa Ruinen, Latrinen, Schatten von Bäumen und einsame Wege bei Nacht, und nennt Zeiten besonderer Gefahr. Damit wurde aus dem biblischen Sammelbegriff ein detailliertes Lehrgebäude, das das alltägliche Leben durchzog.
Wenn die Welt nach rabbinischer Vorstellung dicht von schedim bevölkert ist, dann braucht der Alltag Schutzvorkehrungen. Die jüdische Tradition entwickelte über die Jahrhunderte ein reiches Repertoire an Abwehr- und Vorsichtsmaßnahmen, das aus dem Talmud, den nachfolgenden Rechtswerken und der volkstümlichen Praxis stammt.
Im Zentrum steht das Wort. Das Aussprechen von Segenssprüchen, das Studium der Tora und besonders das Rezitieren bestimmter Psalmen, allen voran des sogenannten Psalms gegen die Plagen, galten als wirksamer Schutz.
Auch das Schma, das jüdische Glaubensbekenntnis, das beim Schlafengehen gesprochen wird, wurde als Abwehr gegen die Schrecken der Nacht verstanden. Die Mesusa am Türpfosten, die Verse aus der Tora enthält, schützt nach verbreiteter Auffassung auch das Haus vor schädlichen Mächten.
Daneben standen konkrete Verhaltensregeln. Der Talmud rät, bestimmte gefährdete Orte zu meiden, allein und nachts nicht durch Ruinen zu gehen, kein Wasser zu trinken, das die Nacht über offen gestanden hat, und an gefährlichen Stellen nicht zwischen zwei Personen oder zwischen zwei Bäumen hindurchzugehen.
Auch das paarweise Verrichten bestimmter Handlungen, das Vermeiden gerader Zahlen in bestimmten Zusammenhängen, gehörte zu diesen Vorschriften.
In der volkstümlichen Frömmigkeit, vor allem im Umfeld der Lurianischen Kabbala und des osteuropäischen Judentums, kamen Amulette hinzu, beschriebene Pergamente mit Gottesnamen, Engelnamen und biblischen Versen, die am Körper getragen oder im Haus angebracht wurden.
Besonders verbreitet war ihr Einsatz beim Schutz von Wöchnerinnen und Neugeborenen, die als besonders gefährdet galten. Diese Praktiken zeigen, dass die Schedim keine bloße Lehrmeinung waren, sondern eine Größe, mit der die gelebte Religion täglich rechnete.
Eine eigene Traditionslinie verbindet die schedim mit König Salomo. Sie geht von der biblischen Darstellung aus, die Salomo überlegene Weisheit und Herrschaft über die ganze Schöpfung zuschreibt, und entfaltet daraus die Vorstellung, dass der König auch die Geister und Dämonen beherrschte.
Im babylonischen Talmud findet sich bereits eine ausführliche Erzählung, in der Salomo den Anführer der Dämonen mithilfe eines Siegelrings, auf dem der Gottesname eingraviert ist, fängt und zwingt, ihm beim Bau des Tempels zu dienen. Im Verlauf der Geschichte verliert Salomo durch eigenen Hochmut zeitweise die Macht über den Dämon.
Diese talmudische Erzählung wurde zur Keimzelle einer ausufernden nachbiblischen Legendentradition. In späteren, teils außerhalb des rabbinischen Judentums entstandenen Texten wird Salomo zum großen Meister über die Dämonen, der ihre Namen, ihre Zuständigkeiten und die Mittel zu ihrer Bezwingung kennt.
Auf dieser Vorstellung baut ein Teil der jüdischen und der von ihr beeinflussten Magieliteratur des Mittelalters auf.
Wissenschaftlich ist diese Linie aufschlussreich, weil sie zeigt, wie aus knappen biblischen Andeutungen und einzelnen talmudischen Erzählungen ein ganzes Genre erwächst. Der Siegelring, die Liste der Dämonen mit ihren Eigenheiten, die Idee, dass Wissen um den Namen Macht über das Wesen verleiht, all das wurde zu festen Bausteinen.
Zugleich blieb das normative rabbinische Judentum gegenüber der praktischen Beschwörung von Dämonen zurückhaltend bis ablehnend. Die Salomo-Tradition bewegte sich daher oft am Rand der offiziellen Religion oder darüber hinaus.
Sie belegt aber, dass die schedim nicht nur als Bedrohung gedacht wurden, sondern auch als beherrschbare Mächte, deren Kräfte ein hinreichend weiser und frommer Mensch in Dienst nehmen konnte. Diese Spannung zwischen Abwehr und Beherrschung durchzieht die gesamte jüdische Auseinandersetzung mit den Schedim.
Empfohlene interne Links:
Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.
Die hier beschriebene Schutzpraxis ist wissenschaftliche Einordnung historischer Traditionen. iWell Guard knüpft an diese kulturhistorische Linie tragbarer Schutzobjekte an und stellt eine zeitgenössische Form davon dar. Mehr über den iWell Guard →
Shedim (Mehrzahl von Shed, hebräisch שדים) sind in der jüdischen Tradition eine Klasse von Geist-Wesen, meist als zerstörerisch oder zumindest moralisch ambivalent charakterisiert.
Im Tanach erscheint der Begriff selten (5. Mose 32,17; Psalm 106,37), wo er als Bezeichnung für die heidnischen Götter verwendet wird, denen die Israeliten ihre Söhne opferten. Im Talmud (besonders Pesachim 110a-112b) werden Shedim als reale, übernatürliche Wesen behandelt, die in Toiletten, an Wegkreuzungen, in Dörfern und in Brombeerhecken leben.
Die jüdische Dämonologie kennt mehrere Klassen: Shedim sind die allgemeinste Klasse, körperähnliche, intelligente Wesen mit freiem Willen. Mazzikim (Schädiger) sind speziell auf Schaden ausgerichtet. Lilin sind die Nachkommen Liliths, Nachtdämonen.
Ruchot sind reine Geistwesen, manchmal abgeschiedene Seelen. Im Talmud (Chagiga 16a) wird festgehalten, dass Shedim mit Menschen drei Eigenschaften teilen (Essen, Fortpflanzung, Sterblichkeit) und mit Engeln drei (Flügel, Allwissenheit, Unsichtbarkeit), sie sind Zwischenwesen.
Gegen seine Einwirkung nennt die kulturübergreifende Überlieferung diese Schutzmittel:
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