Thanatos ist Gott der griechischen Tradition.
Ruhiger Bote des Todes, Bruder des Schlafes, Sohn der Nyx. Thanatos ist die Personifikation des Todes selbst, nicht als Chaos oder Qual, sondern als sanfte, unvermeidliche Überführung ins Jenseits.
Anders als Hades, der über die Unterwelt herrscht, ist Thanatos der Akt des Sterbens selbst. Mit dunklen Flügeln und einem umgekehrten Fackel folgt er den Menschen am Ende ihres Lebens.
Hesiod, Homer und die göttliche Personifizierung des Todes
Hesiod beschreibt in der Theogonie (ca. 700 v. Chr.) Thanatos als Sohn der Nyx (Nacht) und Bruder von Hypnos (Schlaf). Diese kosmologische Positionierung macht Thanatos zu einer primären Kraft der Ordnung anstelle eines bösartigen Dämons; der Todesgott ist notwendig für die Struktur des Universums.
Homer behandelt Thanatos in der Ilias als ambivalente Figur: Er ist unausweichlich und keine Bestechung kann ihn ablenken, aber er ist auch nicht sadistisch oder böse in der Weise eines Dämons.
Diese frühe Charakterisierung unterscheidet Thanatos von Hades, dem Unterweltsgott. Thanatos ist der Prozess des Sterbens oder des Übergangs, nicht die Herrschaft über die Toten. Hades ist Regent über ein Reich, Thanatos ist Kraft, die die Grenze überwindet. Diese Differenzierung wurde in der antiken Ikonographie und später in der christlichen Theologie beibehalten.
Thanatos erscheint bereits in Hesiods Theogonie als Sohn der Nyx und Bruder des Hypnos, der gemeinsam mit ihm in der Unterwelt wohnt. In Euripides‘ Alkestis tritt er als handelnde Bühnenfigur auf, die Herakles im Ringkampf bezwingt, um Alkestis dem Tod zu entreißen. Der Sisyphos-Mythos überliefert zudem, dass der listige König von Korinth Thanatos in Fesseln legte, sodass zeitweise niemand mehr sterben konnte.
Hesiod Theogonie ~700 v.Chr. älteste literarische Quelle. Homer Ilias V, 844; XVI, 672, 682 beschreibt Thanatos und Bruder Hypnos als sanfte Wesen die Tote forttragen. Apollodor 1. 2.Jh. n.Chr. und Vergil erweitern. Griechische Tragödie: Thanatos zur Metapher für menschliche Sterblichkeit und Unvermeidliche. Später Stoiker: Naturgesetz.
Verbreitungsraum: Thanatos ist primär griechisch mit Verehrung in ganz Hellas. Römer übernahmen ihn als Mors und Letum. In Dionysios-Mysterien und Orphischen Traditionen hatte Thanatos zentrale Rolle als Schwelle zwischen Leben und Unterwelt. Unteritalien und Sizilien (Magna Graecia) hatten spezialisierte Thanatos-Heiligtümer.
Primärquellen:
Hesiod, Theogonie 211, 225
Homer, Ilias XVI, 672, 682
Sophokles, Antigone
Euripides, Alkestis
Apollodor, Bibliotheca I, 3, 1; II, 5, 12
Sekundärquellen: Burkert; Dodds; Bremmer; Nilsson
Thanatos wird als geflügelter Dämon oder jugendlicher Mann dargestellt, oft mit schwarzen Flügeln ähnlich des Schlaf-Gottes Hypnos. Seine Attribute sind eine umgekehrte, erloschene Fackel (Ende des Lebens), häufig auch ein Schwert oder eine Sense.
Sein Gesicht ist ernst, aber nicht böse, eher melancholisch. Manche Darstellungen zeigen ihn mit der Urne der Asche, andere mit einem Schmetterling, Symbol der Seele (psyche).
Thanatos ist Objekt von Respekt und vorsichtigem Schutz-Gebet, ein Kult galt ihm nie. Statt ihn anzubeten, akzeptiert man ihn als notwendig. Sterbliche flehen eher zu Hades, Persephone oder anderen Göttern, um Erbarmen im Jenseits zu erhalten.
In Euripides‘ Drama Alkestis ringt Herakles mit Thanatos, um die sterbliche Alkestis zu retten, eine seltene Szene, die zeigt, dass selbst der Tod mit Gewalt abgewehrt werden kann, aber nicht sollte. Thanatos repräsentiert Akzeptanz und Würde angesichts der Sterblichkeit.
Erscheinung und Symbolik
Thanatos wird dargestellt als junger, beeinflussender Mann mit Flügeln (für die Beweglichkeit des Todes) und manchmal mit einer umgestülpten Fackel (Symbol des verloschenen Lebens) oder einer Sense. Manchmal trägt er dunkle Gewänder. Seine Farbe ist dunkelgrau oder schwarz.
Im Gegensatz zu modernen Horror-Darstellungen des Todes wirkt Thanatos keineswegs furchtbar, er ist eher scheu oder traurig. Er soll das Leben geliebt haben und wollte nicht, dass Menschen sterben; doch seine Pflicht war unverrückbar. Seine Nähe bringt statt Angst eine seltsame, friedliche Erleichterung.
Euripides und die Verhandlung mit dem Unausweichlichen
Euripides‘ Drama Alkestis (438 v. Chr.) zeigt Thanatos als dramatische Figur. Er kommt, um die sterbende Alkestis zu holen, wird aber durch das Opfer eines anderen abgelenkt; Herakles schlägt ihn nieder.
Das Drama stellt Thanatos als Kraft dar, die respektiert und gefürchtet, aber unter bestimmten Bedingungen auch überwunden werden kann. Euripides nutzt Thanatos als handelnden Charakter mit Willen und Motiven, anstelle eines abstrakten Konzepts.
Diese dramatische Realisierung machte Thanatos in der Folge auch für nicht-religiöse Kontexte relevanter. Literaten und Philosophen konnten sich mit Thanatos auseinandersetzen, ohne eine spezifische theologische Position einnehmen zu müssen. Die Alkestis wurde zur Standard-Referenz für literarische Todesfiguren.
Thanatos ist die griechische Personifikation des Todes, weder böse noch gnädig, sondern notwendig und unvermeidlich. Als Sohn der Nacht (Nyx) repräsentiert er eine kosmische Kraft älter als olympische Götter und selbst von Zeus respektiert.
Genealogie: Sohn der Nyx und als solcher Bruder des Hypnos (Schlaf). Seine Familie umfasst Charon (Fährmann), die Erinyen (Rachegeister), Nemesis (Gerechtigkeit) und alle anderen Kinder der Nyx. Diese Familie repräsentiert die unentrinnbaren Kräfte der Existenz.
Besonderheit: Im Unterschied zu anderen Göttern hat Thanatos keine Nachkommen, er ist terminal, nicht produktiv.
Nach griechischer Vorstellung kommt Thanatos grundsätzlich zu jedem Sterblichen, denn der Tod gilt als unausweichliches Los aller Menschen. In der Dichtung wird er besonders mit dem sanften, schicksalsgemäßen Sterben verbunden, während der gewaltsame Tod auf dem Schlachtfeld eher den Keren zugeordnet wurde. Die Alkestis des Euripides zeigt ihn als Gestalt, die gezielt diejenige Person abholt, deren Lebensfrist abgelaufen ist.
In der bildenden Kunst wandelt sich das Erscheinungsbild des Thanatos im Lauf der Antike deutlich. Auf weißgrundigen Lekythen des 5. Jahrhunderts v. Chr. den klassischen Grabgefäßen Athens, erscheint er gemeinsam mit seinem Bruder Hypnos als bärtiger, geflügelter Mann, der die Verstorbenen behutsam zur Bestattung trägt.
In hellenistischer und römischer Zeit setzt sich zunehmend das Bild eines jugendlichen, geflügelten Genius durch, der eine gesenkte, erloschene Fackel hält, ein Sinnbild des erlöschenden Lebens. Anders als in moderner Vorstellung ist der antike Thanatos selten schreckhaft dargestellt; die Überlieferung betont den sanften, unausweichlichen Tod im Gegensatz zum gewaltsamen Sterben, das den Keren zugeschrieben wurde.
Mythische Wirkung: In Euripides Alkestis tritt Thanatos als dramatische Figur auf, Priester in schwarzem Gewand kommt Alkestis holen. Herakles bekämpft ihn körperlich und besiegt ihn um Alkestis zurückzubringen, einziges Beispiel Thanatos wird besiegt und zeigt absolute Macht. Homer Ilias: Thanatos und Hypnos sanft toten Sarpedon forttragen. Hesiod: unvermeidlich aber nicht aktiv feindlich.
Eine dauerhafte Abwehr des Thanatos kannte die griechische Religion nicht, denn der Tod galt als Teil der von den Moiren gesetzten Ordnung. Die Mythen erzählen nur von vorübergehenden Ausnahmen: Sisyphos fesselte Thanatos durch List, Herakles bezwang ihn im Ringkampf um Alkestis. Im Kult begegneten die Griechen dem Tod weniger durch Schutzzauber als durch korrekte Bestattungsriten, die der Seele den Übergang in den Hades sichern sollten.
Die nächste Parallele zu Thanatos ist sein eigener Bruder Hypnos, mit dem er in der Ilias gemeinsam den gefallenen Sarpedon nach Lykien trägt. Als personifizierter Tod lässt er sich mit dem römischen Mors vergleichen, der weitgehend eine Übertragung der griechischen Gestalt ist. Anders als Totenrichter wie Yama oder Yanluo urteilt Thanatos nie über die Verstorbenen. Er vollzieht lediglich den Übergang vom Leben zum Tod.
Rituale zur Abwehr und Verehrung
Obwohl Thanatos nicht direkt abgewehrt werden konnte gab es Rituale zur Besänftigung und würdevollen Übergabe. Bestattungsrituale waren zentral: Libationen an Thanatos während Beerdigung um ihn zu bitten Verstorbene sanft zu führen. In Haushalten regelmäßige Gedenkfeste (Anthesteria) Thanatos und Verstorbene Ehre.
Beschwörungen und Anrufungen
Direkte Anrufe zu Thanatos waren selten aber es gab Gebete um sanften Tod. In Sterbebetten: „Komm sanft Thanatos und lass meinen Übergang schmerzlos sein.“ Orphischer Hymnus 87 beschreibt Thanatos als notwendig respektiert. Magische Papyri: Formeln gegen bösen Tod und Erbettung süßen Todes.
Amulette und Schutzsymbole
Granatapfel-Amulett (Symbol Unterwelt und Übergang) weit verbreitet. Münzen mit Thanatos-Bild in Grabbeigaben mitgenommen um Übergang zu sichern. Spätantike Rom-Ringe: Thanatos und Hypnos, Dualität als Schutzsymbole. Schwarze Steine als Thanatos-Amulette für würdevollen Tod.
Ähnliche Todes-Personifikationen finden sich überall: die römische Mors, die keltische Mór, die germanische Hel. In östlichen Traditionen ist Yama (Hindu) oder Dharmaraja (Buddhismus) der Richter der Toten, während der Westen Thanatos als beinahe poetisch darstellt.
Charon (Fährmann) ist sein Neben-Gott, Hades sein Auftraggeber. Thanatos unterscheidet sich von Malefiaz-Gottheiten dadurch, dass er nicht straft, er vollzieht nur.
Hellenistische Ikonographie und Freuds Todestrieb
In der hellenistischen Periode wurden Thanatos und sein Zwilling Hypnos in der Bildhauerkunst häufig dargestellt, oft als geflügelte Jünglinge, die gemeinsam über Verstorbene wachen. Diese ikonographische Stabilität deutet darauf hin, dass Thanatos über die Literatur hinaus auch religiös-ästhetisch verankert war. Römische Sarkophag-Dekoration übernahm diese Bildmotive und verbreitete sie über das Imperium.
In der modernen Psychoanalyse bezog sich Sigmund Freud (Jenseits des Lustprinzips, 1920) auf den antiken Thanatos, um seinen Todestrieb zu konzeptualisieren. Freud sah in Thanatos eine Verkörperung unbewusster destruktiver Tendenzen.
Diese analytische Lesart versetzte die antike Mythologie in einen neuen Kontext, wobei Thanatos zur Metapher psychologischer Prozesse wurde. Ob diese Verbindung historisch oder nur etymologisch gerechtfertigt ist, bleibt in der Forschung umstritten.
Die ausführlichste erzählerische Begegnung mit Thanatos in der antiken Literatur findet sich in der Alkestis des Euripides, aufgeführt 438 v. Chr. Das Stück beginnt mit einem Prolog, in dem Apollon und Thanatos auf der Bühne aufeinandertreffen.
Apollon hat dem König Admetos zugestanden, dem Tod zu entgehen, sofern ein anderer freiwillig an seiner Stelle stirbt. Seine Frau Alkestis hat sich dazu bereiterklärt, und Thanatos erscheint nun, um sie zu holen.
Bemerkenswert ist, dass Thanatos hier als handelnde, sprechende Figur auftritt, was in der griechischen Dichtung selten ist. Er weist Apollons Bitte um Aufschub schroff zurück und besteht auf seinem Recht.
Er beschreibt sich selbst als denjenigen, dem die Verstorbenen zustehen, und betont, dass er gerade an den Jungen und Schönen seine Ehre gewinne. Apollon prophezeit ihm, dass ein Mann ins Haus des Admetos kommen werde, der ihm die Frau mit Gewalt entreiße.
Dieser Mann ist Herakles. In einer späteren Szene, die statt auf der Bühne gezeigt nur berichtet wird, lauert Herakles dem Thanatos am Grab der Alkestis auf, als dieser vom Blut der Totenopfer trinken will, packt ihn und ringt ihn nieder, bis er die Tote freigibt.
Diese Episode ist eines der wenigen Zeugnisse dafür, dass Thanatos überwältigt werden kann, und sie steht in einer Reihe mit der Erzählung von Sisyphos, der Thanatos fesselte.
Die Forschung diskutiert, ob Euripides die Bühnenfigur des Thanatos selbst gestaltet hat oder ob er auf eine ältere Tradition zurückgriff. Sicher ist, dass das Drama die Vorstellung vom Tod als verhandelbarer, körperlich fassbarer Macht voraussetzt, eine Vorstellung, die sich von der späteren philosophischen Abstraktion deutlich unterscheidet.
Die ikonografische Überlieferung des Thanatos ist schmaler als die vieler anderer griechischer Gottheiten, aber sie ist aussagekräftig. Die berühmteste Darstellung findet sich auf dem sogenannten Euphronios-Krater, einem rotfigurigen Kelchkrater aus dem späten 6. Jahrhundert v. Chr. der heute wieder im archäologischen Museum von Cerveteri ausgestellt ist.
Er zeigt, wie Thanatos und sein Bruder Hypnos den toten Sarpedon vom Schlachtfeld tragen, beaufsichtigt von Hermes. Beide Brüder sind als geflügelte, bärtige Krieger dargestellt, was der homerischen Szene aus dem 16. Buch der Ilias folgt.
In der späteren Vasenmalerei und besonders auf weißgrundigen Lekythen, jenen Ölgefäßen, die als Grabbeigaben dienten, erscheinen Hypnos und Thanatos häufig als geflügelte Jünglinge, die einen Verstorbenen zur Grabstele tragen. Diese Bilder gehören zum festen Repertoire der attischen Grabkeramik des 5. Jahrhunderts.
Eine eigene Tradition entwickelte sich in der römischen Kaiserzeit. Auf Sarkophagen erscheint der Tod nun oft als geflügelter Knabe mit gesenkter, erloschener Fackel, ein Motiv, das in der modernen Grabkunst bis ins 19. Jahrhundert nachwirkt.
Ob diese Figur unmittelbar mit dem griechischen Thanatos identisch ist oder eine eigenständige römische Personifikation darstellt, ist in der Forschung umstritten.
Ein vieldiskutiertes Einzelstück ist eine Säulentrommel vom jüngeren Artemis-Tempel in Ephesos, die nach einer alten, aber nicht gesicherten Deutung eine geflügelte Gestalt mit Schwert zeigt, die als Thanatos angesprochen wurde.
Die Zuschreibung beruht auf einer Inschrift in der Nähe und gilt als unsicher. Insgesamt zeigt der Befund, dass Thanatos selten im Mittelpunkt eines Kultbildes stand, sondern fast immer in narrativen oder funerären Zusammenhängen erscheint.
Thanatos hat in der griechischen Dichtung keinen Vater. Hesiod ordnet ihn in der Theogonie den Kindern der Nyx, der Nacht, zu, die sie ohne Beilager gebar.
In dieser Aufzählung steht Thanatos neben Hypnos, dem Schlaf, neben Moros, dem Verhängnis, neben den Keren, den Todesgeistern, neben Momos, dem Tadel, neben Nemesis, der Vergeltung, und neben weiteren düsteren Mächten wie Apate, Geras und Eris.
Diese Genealogie ist mehr als eine Verwandtschaftsangabe. Sie ordnet den Tod einem Bereich zu, der dem olympischen Lichtbereich entgegengesetzt ist und der aus sich selbst heraus, ohne männliches Prinzip, hervorbringt.
Hesiod beschreibt, dass Hypnos und Thanatos im äußersten Westen wohnen, dort wo die Sonne untergeht, und dass die Sonne sie nie mit ihren Strahlen anblickt. Er kontrastiert ausdrücklich die Sanftheit des Schlafes mit der eisernen Härte des Todes, der ein erbarmungsloses Herz habe und niemanden wieder loslasse, den er einmal ergriffen hat.
Die enge Bindung an Hypnos durchzieht die gesamte Überlieferung. Die beiden gelten als Zwillinge oder zumindest als untrennbare Brüder, und ihre Darstellung als Paar, etwa beim Tragen des Sarpedon, betont die Verwandtschaft von Schlaf und Tod als Grundmotiv griechischen Denkens.
Von den Keren unterscheidet sich Thanatos durch seinen Charakter. Die Keren sind blutdürstige, gewaltsame Todesgeister, die auf dem Schlachtfeld nach Opfern jagen. Thanatos dagegen verkörpert eher den Tod als solchen, als unausweichliches Ende, ohne die Konnotation des grausamen, vorzeitigen Sterbens. Diese Abgrenzung ist nicht überall scharf, und antike Texte verwenden die Begriffe gelegentlich überlappend.
Schon in der Antike verlor Thanatos zunehmend seine mythische Gestalt und wurde zum bloßen Wort für den Tod als Begriff. In der philosophischen Literatur, etwa bei Platon und den Stoikern, erscheint thanatos als Sachbegriff, nicht als Person.
Der Übergang vom personhaften Wesen zur Abstraktion lässt sich an der Geschichte des Wortes ablesen und ist ein Beispiel dafür, wie Personifikationen in der griechischen Kultur zwischen Gestalt und Begriff oszillieren.
Eine zweite, einflussreiche Karriere machte der Name im 20. Jahrhundert. Sigmund Freud führte in seiner Schrift Jenseits des Lustprinzips von 1920 die Vorstellung eines Todestriebes ein, der dem Lebenstrieb gegenübersteht.
Freud selbst verwendete den Begriff Thanatos in seinen veröffentlichten Schriften nicht; er wurde von seinem Schüler Wilhelm Stekel und später von anderen in die Diskussion eingebracht und etablierte sich als Gegenbegriff zu Eros. In der psychoanalytischen Tradition steht Thanatos seither für die Tendenz zu Aggression, Destruktion und Rückkehr in den anorganischen Zustand.
Diese Verwendung ist von der antiken Gottheit weit entfernt und beruht auf einer modernen Aneignung. Sie hat jedoch dazu geführt, dass der Name Thanatos heute vielen Menschen eher aus der Psychologie als aus der griechischen Mythologie bekannt ist. Auch die Fachbezeichnung Thanatologie für die wissenschaftliche Beschäftigung mit Sterben und Tod leitet sich von hier ab.
In der modernen Populärkultur erscheint Thanatos in Romanen, Spielen und Comics meist als personifizierter Tod, oft vermischt mit Zügen anderer Todesgestalten. Diese Rezeption greift selten auf die spezifisch griechischen Quellen zurück, sondern bedient ein allgemeines Bild vom Tod als Figur.
Neben der Episode mit Herakles kennt die griechische Überlieferung eine zweite Erzählung, in der Thanatos überwunden wird: die Geschichte des Sisyphos, des Königs von Korinth. Sie ist in mehreren, teils widersprüchlichen Versionen erhalten, unter anderem bei dem Mythografen Pherekydes und in späteren Zusammenstellungen.
Nach der verbreitetsten Fassung soll Sisyphos, als Thanatos kam, um ihn zu holen, den Tod selbst überlistet und in Fesseln gelegt haben. Solange Thanatos gebunden war, konnte kein Mensch mehr sterben.
Dieser Zustand brachte die Ordnung der Welt durcheinander, denn die Toten gehören in die Unterwelt, und das Stocken des Sterbens betraf auch die Opferpraxis und das Verhältnis von Lebenden und Göttern.
Erst der Kriegsgott Ares befreite Thanatos und lieferte Sisyphos ihm aus, da besonders Ares ein Interesse daran hatte, dass im Krieg wieder gestorben werden konnte.
Sisyphos entkam dem Tod ein weiteres Mal, indem er seine Frau anwies, ihm kein Totenopfer darzubringen, und dann Persephone überredete, ihn ins Leben zurückzuschicken, um die Vernachlässigung zu rügen. Für seine wiederholte Auflehnung gegen die Todesordnung wurde er schließlich im Hades mit der bekannten Strafe belegt, einen Stein einen Hang hinaufzuwälzen, der immer wieder herabrollt.
Die Erzählung gehört in eine Gruppe von Mythen, die das Verhältnis von menschlicher List und unausweichlicher Sterblichkeit verhandeln. Sie zeigt Thanatos als eine Macht, die zeitweise außer Kraft gesetzt werden kann, deren Funktion aber für die kosmische Ordnung unverzichtbar ist. Allmächtig erscheint er hier gerade nicht.
Die Forschung hat darauf hingewiesen, dass solche Erzählungen vom gefesselten Tod kein Triumph über die Sterblichkeit sind, sondern ihre Notwendigkeit gerade durch das Chaos der Ausnahme bestätigen.
Im Unterschied zu den großen olympischen Göttern und auch zu Hades hatte Thanatos kaum eigenständigen Kult. Die Quellenlage gibt für regelrechte Tempel oder feste Opferfeste fast nichts her.
Der Geograph Pausanias berichtet im 2. Jahrhundert n. Chr. von einem Heiligtum in Sparta, in dem Hypnos und Thanatos gemeinsam dargestellt waren, und erwähnt an anderer Stelle, dass die Spartaner dem Tod und dem Lachen sowie ähnlichen Personifikationen Bilder errichtet hätten.
Auch in Gythion soll es ein Standbild gegeben haben. Diese Nachrichten sind knapp und lassen keine ausgearbeitete Kultpraxis erkennen.
Das passt zum Charakter der Figur. Thanatos ist weniger ein Adressat von Bitten als eine Macht, der man begegnet, ohne sie umstimmen zu können.
Anders als Hades, der über das Totenreich herrscht und in Mysterienkulten eine Rolle spielt, ist Thanatos der Vorgang des Sterbens selbst, und ein Vorgang lässt sich schwerer kultisch ansprechen als ein Herrscher.
Greifbar ist Thanatos dagegen in der funerären Praxis, also in den Handlungen rund um Bestattung und Totengedenken. Die weißgrundigen Lekythen mit der Darstellung von Hypnos und Thanatos wurden ins Grab gelegt oder am Grabmal aufgestellt.
Hier hatte das Bild des sanften Brüderpaares eine tröstende Funktion: Der Tod wird in die Nähe des Schlafes gerückt, das Forttragen des Verstorbenen erscheint als behutsamer Akt.
Insgesamt zeigt der Befund, dass die Griechen den Tod als unausweichlich anerkannten, aber kaum versuchten, ihn durch Kult zu beeinflussen. Wo religiöse Hoffnung auf ein Jenseits gerichtet war, etwa in den eleusinischen Mysterien, richtete sie sich auf Demeter und Persephone, nicht auf Thanatos.
Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.
Thanatos (griechisch Thanatos, Tod) ist in der griechischen Mythologie die Personifikation des friedlichen, gewaltlosen Todes, Sohn der Nyx (Nacht) und Bruder des Hypnos (Schlaf). Im Gegensatz zu den Keren (gewaltsam tötende Schicksalsgeister) holt Thanatos die Sterbenden sanft aus dem Leben.
Er wird typisch als geflügelter Jüngling mit einer erlöschenden Fackel dargestellt. Anders als der Hades (Reich der Toten) und seinen Herrscher gleichen Namens ist Thanatos ein eigenständiges Wesen, der Tod selbst, nicht das Totenreich.
Im griechischen Denken sind diese beiden Konzepte klar getrennt. Hades ist der Gott des Totenreichs und gleichzeitig Name dieses Reichs, er empfängt die Toten und herrscht über sie. Thanatos ist der Tod als Handlung, das Moment, in dem das Leben endet.
Im Alkestis-Mythos (Tragödie von Euripides) ringt Herakles mit Thanatos persönlich, um die Königin Alkestis zurückzubringen, eine Szene, die zeigt, dass Thanatos eine eigenständige Figur ist, mit der man verhandeln oder kämpfen kann. Sigmund Freud griff Thanatos später als Begriff für den Todestrieb auf.
Gegen seine Einwirkung nennt die kulturübergreifende Überlieferung diese Schutzmittel:
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