Eros (griechisch Ἔρως) ist eine der ältesten und zugleich wandlungsfähigsten Figuren des griechischen Pantheons. Als griechischer Gott der Liebe gilt er zugleich als kosmische Urkraft. Anders als die olympischen Götter, die in der Ilias und der Odyssee als feste Personen auftreten, ist Eros zunächst weniger eine Individualgestalt als eine kosmische Kraft. Erst in der hellenistischen Zeit verfestigt sich das Bild des geflügelten Knaben mit Bogen, das die spätere Tradition geprägt hat.
Die früheste literarische Quelle ist Hesiods Theogonie (um 700 v. Chr.). Dort gehört Eros zu den ersten Wesen, die nach dem Chaos entstehen, gemeinsam mit Gaia (der Erde) und Tartaros (der Unterwelt). Hesiod beschreibt ihn als den schönsten unter den unsterblichen Göttern, der die Glieder löst und sowohl Götter wie Menschen ihres Verstandes und ihres klugen Rates beraubt (Theog. 120, 122). Diese Position macht Eros zur kosmogonischen Größe: er ist die Kraft, die Vereinigung möglich macht und damit den weiteren Fortgang der Götterwelt erst initiiert. Diese frühe Form unterscheidet sich grundlegend von der späteren personalen Liebesgott-Gestalt.
In der orphischen Tradition wird Eros mit Phanes identifiziert, dem aus dem kosmischen Ei geborenen Urgott der Schöpfung. Die orphischen Hymnen (vermutlich 2. bis 3. Jh. n. Chr.) singen Eros als ungezeugten Erstgott, Schöpfer aller Dinge. Diese theogonische Lesart entwickelt sich parallel zu philosophischen Spekulationen, die Eros als kosmisches Bindeprinzip deuten. Empedokles‘ Konzept von Liebe (philia) und Streit (neikos) als kosmische Grundkräfte gehört in diesen Diskurs, ebenso die platonische Eros-Lehre.
Im Symposion zeichnet Platon eine vielschichtige Eros-Theorie. Verschiedene Sprecher entwickeln unterschiedliche Auffassungen: Phaidros lobt Eros als ältesten Gott, Pausanias unterscheidet einen himmlischen von einem volkstümlichen Eros, Aristophanes erzählt den Mythos vom geteilten Urmenschen, der seine fehlende Hälfte sucht. Die berühmte Diotima-Rede des Sokrates beschreibt Eros als Daimon, also Mittlerwesen zwischen Mensch und Gott, und entwirft eine Stufenleiter des Begehrens, die vom Körper über die Seele zur Idee des Schönen aufsteigt. Diese philosophische Eros-Konzeption hat die platonische Tradition (Plotin, Marsilio Ficino, Pico della Mirandola) bis in die Renaissance geprägt.
Die populäre Vorstellung verbindet Eros mit Aphrodite als deren Sohn und Begleiter. Diese Verknüpfung ist literarisch erst spät: bei Hesiod ist Eros ohne Eltern, bei Homer fehlt er als personale Figur. Erst in der hellenistischen Dichtung (Apollonios, Theokrit) erscheint er als kindlicher Sohn der Liebesgöttin, der mit Pfeil und Bogen Götter und Menschen trifft. Das Apollonios-Argonautika-Bild des Eros, der Medea ins Herz schießt, gehört in diese Tradition. Die Verschmelzung der archaischen Kosmoseros-Gestalt mit dem hellenistischen Bogenschützen-Knaben hat die spätere Rezeption dominiert.
Die antike Bildtradition zeigt Eros mit wechselnden Attributen. Auf rotfigurigen Vasen des 5. Jahrhunderts ist er ein junger Mann mit Flügeln, oft in der Begleitung Aphrodites. Auf hellenistischen Reliefs erscheint er als Knabe mit Bogen und Köcher, manchmal mit verbundenen Augen, was die Blindheit der Liebe versinnbildlicht. In der römischen Kaiserzeit verschmilzt Eros mit Cupido und Amor; die Sarkophag-Reliefs zeigen ihn als Begleiter Verstorbener. Diese Bildtradition wirkte über die Renaissance bis in die Barockmalerei und die christliche Engelsikonographie hinein, in der die geflügelten Putten der Eros-Tradition entstammen.
In der modernen Religionswissenschaft wird Eros vor allem unter zwei Aspekten diskutiert. Zum einen als kosmogonisches Prinzip in der vorsokratischen und orphischen Spekulation, das mit ähnlichen Konzepten anderer Kulturen (chinesisches Yang-Yin, hinduistisches Kama, ägyptisches Bahnenpaar Geb-Nut) typologisch verglichen werden kann. Zum anderen als ethisch-philosophische Kategorie, die in der platonisch-augustinischen Tradition zur Grundlage einer Liebes-Theologie wurde. C. S. Lewis hat in The Four Loves (1960) Eros als eine von vier Liebesarten neben Storge, Philia und Agape beschrieben und damit die antike Differenzierung in die moderne Theologie eingeführt. Walter Burkert (Griechische Religion, 1977) ordnet Eros in das archaische Götter-Spektrum ein und betont die kosmogonische Tiefe der hesiodischen Position.
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In der römischen Mythologie heißt Eros Cupido (Verlangen) oder Amor (Liebe), und er rückt enger an die Mutter Venus heran als die ältere Form. Die Erzählung von Amor und Psyche aus Apuleius‘ Metamorphosen (2. Jh. n. Chr.) gibt Eros eine narrative Tiefe, die er in der griechischen Tradition nicht hatte: Hier wird er zum Liebenden, der auf eine sterbliche Frau fällt und sie nach langer Prüfung in den Götterstand erhebt. Diese Erzählung wird in der christlichen Spätantike als Allegorie der Seele gelesen, die durch göttliche Liebe zur Vollendung geführt wird.
Sigmund Freud nimmt den Eros-Begriff ab 1920 in Jenseits des Lustprinzips auf: Eros wird der Lebenstrieb, der gegen den Todestrieb (Thanatos) wirkt, der Kohäsions-Drang gegen die Auflösung. Diese psychoanalytische Lesart hat antike Wurzeln (Empedokles‘ Streit zwischen Liebe und Hass), gibt dem Eros-Begriff aber eine biologische Dimension, die er in der antiken Mythologie nicht hatte. C. G. Jung erweitert den Begriff zum Symbol der Beziehungskraft schlechthin und stellt ihn als psychologische Funktion neben den Logos.
Eros gehört zu einer breiten Familie von Liebes-Gottheiten quer durch die Religionsgeschichte. Im mesopotamischen Pantheon füllt Inanna/Ischtar eine ähnliche Rolle, allerdings mit deutlich kämpferischer Komponente. Im ägyptischen Bereich ist Hathor die zentrale Gottheit der Liebe und Sinnlichkeit. Im germanischen Norden entspricht ihm Freya als Göttin der Liebe und Magie. In der hinduistischen Tradition findet sich Kamadeva, der Bogen-tragende Liebes-Gott, bemerkenswerterweise in Bildtradition und Symbolik dem griechischen Eros nahe verwandt, was im 19. Jahrhundert zur These einer indoeuropäischen Urgottheit der Begierde geführt hat. Diese These ist heute religionswissenschaftlich umstritten, aber die Parallelen bleiben bemerkenswert.
In zeitgenössischen neoheidnischen, neoplatonischen und tantrisch geprägten Spiritualitäts-Strömungen wird Eros häufig als kosmische Anziehungskraft verstanden, die Bewegung, durch die das Getrennte zueinander strebt. Diese Lesart ist platonisch im Kern, vermittelt aber gut zwischen mythischer Tradition und psychologischer Erfahrung. In der praktischen Spiritualität dient Eros als Vermittler zwischen sinnlicher und geistiger Erfahrung, eine Funktion, die schon in den platonischen Symposion-Reden anklingt.
Eros, der griechischer Gott der Begierde, tritt in der hesiodischen Theogonie als Urgott auf.
Die griechische Überlieferung kennt zwei sehr unterschiedliche Vorstellungen von Eros, die sich nicht ohne Weiteres vereinbaren lassen. Die ältere, kosmogonische Tradition macht Eros zu einer der ersten Mächte überhaupt. In Hesiods Theogonie aus dem späten achten oder frühen siebten vorchristlichen Jahrhundert entsteht Eros gleich nach dem Chaos, der Gaia und dem Tartaros. Er ist dort keine niedliche Gestalt, sondern eine ursprüngliche, treibende Kraft, die Götter und Menschen bezwingt und ohne die keine Verbindung und keine Zeugung möglich wäre.
Auch in der orphischen Kosmogonie spielt Eros eine Rolle als schöpferische Macht, dort teilweise unter dem Namen Phanes oder mit ihm verbunden, als ein leuchtendes Wesen, das aus einem Ei hervorgeht. Diese kosmogonischen Eros-Vorstellungen betonen seine Funktion als Prinzip der Verbindung, das die getrennten Elemente der Welt zusammenführt.
Die jüngere und volkstümlich bekanntere Tradition macht Eros zum Sohn der Aphrodite, oft mit Ares als Vater. In dieser Gestalt ist er der jugendliche oder kindliche Begleiter seiner Mutter, der mit Pfeil und Bogen Liebe entfacht. Diese Version setzt sich besonders in der Dichtung der klassischen und hellenistischen Zeit durch.
Die Forschung sieht in dieser Doppelheit kein bloßes Missverständnis, sondern zwei verschiedene Funktionen desselben Begriffs. Das griechische Wort eros bezeichnet sowohl die kosmische Anziehungskraft als auch das individuelle erotische Verlangen. Die Mythologie hat diese Bedeutungsbreite in zwei Göttergestalten ausgeprägt, ohne sie je vollständig zu vereinheitlichen.
Die berühmteste zusammenhängende Erzählung über Eros findet sich nicht in einem griechischen, sondern in einem lateinischen Text: dem Roman Metamorphosen des Apuleius aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus, auch bekannt als Der goldene Esel. Dort ist die Geschichte von Amor und Psyche als längere Binnenerzählung eingefügt.
Psyche ist eine Königstochter von solcher Schönheit, dass die Menschen sie wie Aphrodite verehren. Die eifersüchtige Göttin schickt ihren Sohn Eros aus, um Psyche in eine schimpfliche Liebe zu treiben, doch Eros verliebt sich selbst in sie. Er holt sie in einen verborgenen Palast, besucht sie aber nur in der Dunkelheit und verbietet ihr, sein Gesicht zu sehen. Von ihren neidischen Schwestern angestachelt, beleuchtet Psyche ihn schlafend mit einer Lampe, ein Tropfen heißes Öl weckt ihn, und Eros flieht.
Psyche muss nun eine Reihe scheinbar unlösbarer Aufgaben erfüllen, die ihr Aphrodite stellt, darunter das Sortieren eines Getreidehaufens und das Holen von Wasser aus einer unzugänglichen Quelle. Schließlich steigt sie sogar in die Unterwelt hinab. Am Ende werden Eros und Psyche unter den Göttern vereint, und Psyche wird unsterblich.
Die Forschung hat diese Erzählung vielfach gedeutet. Das griechische Wort psyche bedeutet Seele, weshalb die Geschichte schon in der Antike allegorisch als Weg der Seele gelesen wurde. Andere betonen die märchenhafte Struktur mit ihren Aufgaben und Helfern. Unabhängig von der Deutung wurde die Erzählung zu einem der einflussreichsten Stoffe der europäischen Kunst und Literatur und prägte das Eros-Bild der Neuzeit nachhaltig.
Eros ist nicht nur eine Gestalt der Mythologie und Dichtung, sondern auch ein zentraler Begriff der griechischen Philosophie. Die wichtigste Auseinandersetzung damit findet sich in Platons Dialog Symposion aus dem vierten vorchristlichen Jahrhundert, in dem mehrere Redner bei einem Gastmahl Lobreden auf Eros halten.
Den Höhepunkt bildet die Rede des Sokrates, der die Lehre der Seherin Diotima wiedergibt. Dort wird Eros nicht als Gott im vollen Sinne dargestellt, sondern als ein daimon, ein vermittelndes Wesen zwischen Göttern und Menschen. Eros ist nach Diotima der Sohn von Poros, dem Reichtum oder der Findigkeit, und Penia, dem Mangel. Daher ist er weder reich noch arm, weder schön noch hässlich, sondern immer auf der Suche, immer strebend.
Aus dieser Bestimmung entwickelt Platon seine berühmte Lehre vom Aufstieg. Der Eros beginnt mit der Anziehung durch einen schönen Körper, soll sich aber stufenweise lösen: von einem Körper zur Schönheit aller Körper, von dort zur Schönheit der Seelen, der Gesetze, der Erkenntnisse, bis hin zur Schau des Schönen selbst. Eros ist damit die Kraft, die den Menschen über das Sinnliche hinaus zur Erkenntnis treibt.
Diese philosophische Deutung gab dem Wort eine Wirkungsgeschichte, die weit über die Mythologie hinausreicht. Der Begriff der platonischen Liebe geht auf diese Lehre zurück, auch wenn er im heutigen Sprachgebrauch oft verkürzt verstanden wird. Die Forschung betont, dass Platon den mythologischen Eros bewusst umdeutete, um ihn für sein philosophisches System fruchtbar zu machen.
Die bildliche Darstellung des Eros hat sich im Lauf der griechischen und römischen Kunstgeschichte stark verändert. In der archaischen Zeit erscheint Eros meist als schöner Jüngling, oft geflügelt, in der Blüte der Jugend. Diese Darstellung passt zu seiner frühen kosmogonischen Bedeutung und zu seiner Rolle als mächtige, ernstzunehmende Kraft.
In der klassischen Zeit bleibt der jugendliche Typ verbreitet, doch tritt Eros zunehmend als Begleiter der Aphrodite auf und wird tendenziell jünger dargestellt. Der berühmte Bildhauer Praxiteles und seine Schule trugen zur Verbreitung anmutiger Eros-Figuren bei.
In der hellenistischen Zeit vollzieht sich der entscheidende Wandel: Eros wird zum Kind, zum pausbäckigen Knaben mit Bogen, oft verspielt oder schlafend dargestellt. Aus dieser Tradition entwickelt sich in der römischen Kunst der Amor oder Cupido, häufig im Plural als eine ganze Schar von geflügelten Liebesknaben, den sogenannten Eroten oder Amoretten, die Wandmalereien, Sarkophage und Mosaike bevölkern.
Diese späte, kindliche Form prägte das nachantike Bild am stärksten. Über die römische Kunst gelangte der geflügelte Liebesknabe in die Kunst der Renaissance und des Barock, wo er als Putto allgegenwärtig wurde. Die Forschung sieht in diesem Wandel von der ursprünglichen Urmacht zum kindlichen Putto eine schrittweise Verniedlichung, die den ursprünglichen Ernst der Gestalt fast vollständig überdeckte. Wer den frühen, mächtigen Eros verstehen will, muss bewusst hinter dieses spätere Bild zurückgehen.
Als antiker Gott der Liebe verkörpert Eros zugleich eine kosmische Schöpfungskraft: bei Hesiod zählt er zu den ältesten Urgottheiten, während ihn die spätere Dichtung als jugendlichen Sohn der Aphrodite ausgestaltet.
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