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Sibirien und Steppe, Schamanismus und Tengrismus

Der Begriff „Schamanismus“ stammt aus dem tungusischen Wort šaman, der religiöse Spezialist, der durch Trance zwischen Menschen- und Geisterwelt vermittelt.

Von Sibirien (Tungusen, Burjaten, Jakuten, Ewenken, Tschuktschen) breitet sich diese religiöse Form über die mongolisch-türkische Steppe bis nach Korea und Japan, und in indigene amerikanische Traditionen aus. Der Tengrismus ist die monotheistisch-orientierte Form der Steppenvölker mit Tengri als oberstem Himmelsgott.

Tengri - Götter aus der Sibirisch-tengrismus-Tradition, historisch-illustrativ

Schamanismus, Religionsform, nicht Religion

Mircea Eliade prägte mit seinem Standardwerk Schamanismus (1951) den Begriff als religionswissenschaftliche Kategorie: Schamanismus ist eine religiöse Technik der Ekstase, nicht eine eigenständige Religion mit fester Doktrin.

Der Schamane (m. oder w.) tritt durch Trance, induziert durch Trommel, Tanz, Atemtechnik oder Pflanzen-Medizin, in Kontakt mit Geisterwelten, um zu heilen, Verlorenes zu suchen oder die Zukunft zu lesen. Konstitutive Elemente: Geisterhelfer, Seelenreise, Auf- und Abstieg an einer Welt-Achse (Welt-Baum, Welt-Berg).

Sibirische Schamanen, Tungusen, Burjaten, Jakuten

Die tungusisch-evenkischen Schamanen Sibiriens gelten als Prototyp. Ihre Trance-Praxis nutzt eine charakteristische Trommel (mit kosmologischen Darstellungen), einen Schamanenmantel mit Metallanhängern (Knochenrahmen-Symbol), Geweih-Krone und eine eiserne Sprache (Zungenförmiger Anhänger).

Die Burjaten am Baikal-See kennen weibliche und männliche Schamanen mit Initiation durch Vorfahrengeister. Bei den Jakuten gibt es die Unterscheidung zwischen weißen Schamanen (Heilung) und schwarzen (offensiv).

Tengrismus, Steppen-Theologie

Tengri (mongolisch: Tngri, türkisch: Tanrı) bezeichnet sowohl den Himmel als auch den Himmelsgott, eines der ältesten zentralasiatischen religiösen Konzepte, belegt seit den Xiongnu (3. Jh. v. u. Z.) und durchgehend bei Hunnen, Türken, Mongolen, Khitan.

Der mongolische Reichsgründer Tschingis Khan berief sich auf Tengri-Mandat. Die Tengri-Religion ist quasi-monotheistisch, Tengri steht über allen anderen Geistern und Naturkräften. Heutiger Neo-Tengrismus ist Identitätsbewegung in Mongolei, Kasachstan, Kirgisistan.

Schutzobjekte und Ritualinventar

Ongon (mongolisch) oder Ongor (burjatisch) sind Geist-Behältnisse, kleine Figurinen oder Anhänger aus Filz, Holz oder Metall, in denen sich der Hilfsgeist des Schamanen oder der Hausgeist niederlässt. Sie werden in der Yurte aufgehängt oder am Körper getragen.

Schamanen-Spiegel (Mongolisch: Toli) aus Bronze hängen in Reihen am Mantel und schützen durch Reflexion. Ovoo (mongolisch) sind Steinpyramiden an Bergpässen, an denen Reisende Steine, Khadak-Tücher oder Geldscheine ablegen. Schutz-Khadaks aus blauer Seide sind allgegenwärtig.

Pflanzen-Medizin und Tieretiketten

Sibirische Schamanen nutzen regional unterschiedliche Trance-Hilfen: in Westsibirien Fliegenpilz (Amanita muscaria, vermutlich indo-iranisches Soma-Korrespondenz), in Mittelsibirien Tabakextrakte und Wacholder-Räucherung. Tiergeist-Verbündete sind kulturkonstitutiv, Bär (besonders bei den Ainu Japans, deren religiöse Tradition mit der sibirischen verbunden ist), Wolf, Adler, Hirsch, Rentier. Der Schamanenmantel trägt oft Geweih- oder Federelemente, die die Tiergeist-Verbindung darstellen.

Sowjetzeit und Revitalisierung

Im 20. Jahrhundert wurden Schamanen in der Sowjetunion massiv verfolgt, als „Volksfeinde“ und „Aberglaubens-Funktionäre“. Viele wurden in den 1930ern erschossen oder in Lager geschickt, ihre Trommeln vernichtet, ihre Mäntel in Museen gebracht.

Mit Ende der Sowjetunion 1991 setzte eine schamanistische Renaissance in Burjatien, der Mongolei und Tuwa ein, mit eigenen Verbänden, Lehrenden und neuer Sichtbarkeit. Die Mongolei hat heute einige hundert praktizierende Schamanen.

Quellenlage und Forschung

Wichtige Werke: Mircea Eliade Le Chamanisme et les techniques archaïques de l’Ekstase (1951), Vladimir Basilov, Nikolai Šokorov, Caroline Humphrey, Roberte Hamayon.

Für Tengrismus: Jean-Paul Roux La religion des Turcs et des Mongols. Auch zentralasiatische Geheimgeschichte der Mongolen (13. Jh.) ist Quelle. Schamanismus als globale Vergleichskategorie diskutiert in Beiträgen von Michael Harner und der Foundation for Shamanic Studies.

Tengrismus als Begriff und seine Problematik

Der Begriff Tengrismus ist eine moderne Bildung und beschreibt keine einheitliche, historisch fest umrissene Religion. Er leitet sich vom Wort Tengri ab, das in zahlreichen Turk- und Mongolensprachen den Himmel und zugleich eine himmlische Macht bezeichnet.

In den ältesten Zeugnissen, den alttürkischen Runeninschriften des Orchon-Tals aus dem achten Jahrhundert, erscheint Tengri als die Instanz, die dem Herrscher seine Macht verleiht und dem Volk Ordnung gibt.

Die heutige Verwendung des Wortes Tengrismus ist jedoch stark von späteren Entwicklungen geprägt. Im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert prägten Forscher und später auch nationale Bewegungen in Zentralasien den Begriff, um eine angeblich gemeinsame, vorislamische und vorbuddhistische Religion der Steppenvölker zu beschreiben.

Die Religionswissenschaft mahnt hier zur Vorsicht. Was unter Tengrismus zusammengefasst wird, umfasst sehr unterschiedliche Traditionen über einen weiten Raum und einen langen Zeitraum.

Gesichert ist, dass die Verehrung des Himmels, einer Erdgottheit und einer Vielzahl von Geistern bei vielen Steppenvölkern eine zentrale Rolle spielte. Ob daraus ein zusammenhängendes Lehrgebäude rekonstruiert werden kann, ist umstritten.

Seriöse Darstellungen sprechen daher lieber von Himmelsglauben oder von der Religion der frühen Türken und Mongolen und behandeln den Tengrismus als modernes Sammelkonzept, nicht als historische Einheit.

Der Schamanismus Sibiriens in seiner regionalen Vielfalt

Neben dem Himmelsglauben der Steppe steht der Schamanismus der sibirischen Waldzone, der ebenfalls keine einheitliche Religion ist, sondern ein Bündel verwandter Praktiken.

Sie finden sich bei den Ewenken, Jakuten, Burjaten, Nganasanen, Chanten und vielen weiteren Völkern, die teils Turk-, teils Tungusen-, teils uralische Sprachen sprechen. Das Wort Schamane selbst stammt aus dem Tungusischen und wurde von russischen Reisenden in die europäischen Sprachen getragen.

Gemeinsam ist diesen Traditionen die Vorstellung, dass bestimmte Personen die Fähigkeit besitzen, mit der Geisterwelt in Verbindung zu treten, um zu heilen, verlorene Seelen zurückzuholen, die Jagd zu sichern oder Verstorbene zu geleiten.

Dabei kommt es jedoch auf die regionalen Unterschiede an. Bei den einen wird der Schamane von den Geistern berufen und durchläuft eine Krankheitskrise, bei den anderen ist das Amt eher erblich. Die Ausstattung mit Trommel, Kostüm und Krone unterscheidet sich von Volk zu Volk erheblich, und auch die Kosmologie variiert.

Verbreitet ist die Vorstellung einer in mehrere Ebenen geteilten Welt, oft als Oberwelt, Mittelwelt und Unterwelt, verbunden durch einen Weltbaum oder einen zentralen Pfahl. Die ältere Forschung, etwa Mircea Eliade, neigte dazu, all dies zu einem universalen Schamanismus zu verschmelzen.

Die neuere Ethnologie, unter anderem die Arbeiten von Roberte Hamayon, kritisiert diese Vereinheitlichung und betont, dass die einzelnen Traditionen aus ihren konkreten gesellschaftlichen und ökologischen Zusammenhängen heraus verstanden werden müssen.

Quellenlage zwischen Reiseberichten und Ethnographie

Die schriftliche Überlieferung zu den Religionen Sibiriens und der Steppe ist von außen geprägt. Aus der Frühzeit gibt es die alttürkischen und altmongolischen Inschriften sowie chinesische Berichte über die nördlichen Nachbarn. Diese Texte sind knapp und meist aus der Perspektive von Herrschaft und Diplomatie geschrieben, nicht aus religiösem Interesse.

Eine zweite Schicht bilden die Reiseberichte des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Europäische Gesandte und später russische Forschungsreisende beschrieben schamanische Sitzungen, allerdings oft mit Befremden, Spott oder dem Ziel, das Fremde als Aberglauben zu kennzeichnen.

Mit der russischen Expansion nach Sibirien entstand zudem eine umfangreiche Missions- und Verwaltungsliteratur, in der die einheimischen Religionen bekämpft, aber auch dokumentiert wurden.

Die wissenschaftlich verwertbarste Schicht stammt aus der ethnographischen Feldforschung des späten neunzehnten und des zwanzigsten Jahrhunderts. Forscher wie Wladimir Bogoras und Lew Schternberg, teils selbst politisch Verbannte, sammelten umfangreiches Material. In der Sowjetzeit wurde der Schamanismus dann staatlich unterdrückt, Schamanen wurden verfolgt, und viele Traditionen brachen ab oder wurden nur noch heimlich weitergegeben.

Diese Geschichte hat zur Folge, dass heutige Quellen Lücken aufweisen und dass spätere Wiederbelebungen sich teils auf ethnographische Bücher stützen mussten. Eine kritische Lektüre muss diesen Filter der Beobachter und der Unterdrückung stets mitdenken.

Revitalisierung und heutige Lage

Nach dem Ende der Sowjetunion kam es in mehreren Regionen Sibiriens und der angrenzenden Staaten zu einer Wiederbelebung der vorchristlichen und vorbuddhistischen Religionen.

In den Republiken Burjatien, Tuva und Sacha entstanden Schamanenvereinigungen, die das Amt teils neu organisierten, Ausbildungen anboten und öffentliche Rituale durchführten. Diese Bewegungen sind eng mit dem Wunsch nach kultureller Selbstbehauptung gegenüber jahrzehntelanger Russifizierung verbunden.

Die religionswissenschaftliche Einschätzung dieser Revitalisierung ist nüchtern. Zum einen knüpfen die heutigen Praktiken an reale, oft im Verborgenen bewahrte Traditionen an. Zum anderen sind Brüche unübersehbar, und manche Elemente werden aus der ethnographischen Literatur oder aus dem Austausch mit internationalen Strömungen neu zusammengesetzt. Forscher sprechen daher von einem Neoschamanismus, wo Rekonstruktion und Innovation zusammenfließen.

In der mongolischen Welt verbindet sich der Schamanismus zudem mit dem tibetischen Buddhismus, der seit Jahrhunderten präsent ist. Beide Systeme stehen teils in Konkurrenz, teils in praktischer Arbeitsteilung nebeneinander. Auch der moderne politische Tengrismus, der in einigen zentralasiatischen Ländern als Element nationaler Identität diskutiert wird, gehört in dieses Bild.

Er ist weniger eine gelebte Volksreligion als ein intellektuelles und politisches Projekt, das sich auf die Steppenvergangenheit beruft. Für eine seriöse Darstellung gilt: Die heutige Lage ist vielfältig, regional sehr verschieden und sollte weder als ungebrochene Fortsetzung uralter Religion noch als bloße Erfindung beschrieben werden.

Im sibirischen Tengrismus bildet die schutzpraxis einen festen Bestandteil des Schamanenrituals, in dem Trommel, Räucherung und Opfergaben Familie und Herde gegen Krankheits- und Wegegeister abschirmen sollen.

Verwandte Schlüsselbegriffe: Schamane Tengri Burjaten Tungusen Jakuten Mongolen Yurts Ongon Onggor Ovoo Khan Tengri Asbuiga.

Schutzobjekte in dieser Kulturtradition

Sibirisch-tengristische Tradition kennt Ongon-Figurinen als Geist-Behältnisse, Schamanenspiegel (Toli) aus Bronze, Khadak-Seidentücher und Ovoo-Steinpyramiden an Bergpässen als tragbare und stationäre Schutzobjekte.

iWell Guard fügt sich in diese kulturhistorische Linie tragbarer Schutzobjekte ein, in zeitgenössischer Materialarchitektur, gefertigt in Deutschland. 41 Ebenen, Echtgold, Platin, Silber. 30-Tage-Rückgaberecht.

Persönliche Erfahrungen können unterschiedlich sein. Kein Medizinprodukt. Kein Heilversprechen.