Die Andenregion, von Kolumbien bis Nordchile, beherbergt seit dem dritten Jahrtausend v. u. Z. komplexe Hochkulturen: Caral, Chavín, Moche, Nazca, Wari, Tiwanaku und schließlich Inka. Quechua- und Aymara-sprachige Gemeinschaften pflegen bis heute religiöse Traditionen, in denen die Erdmutter Pachamama, die Sonnengottheit Inti und die Berge (Apus) zentrale Bezugspunkte bilden.
Die andine Schutzpraxis wird in einem eigenen Abschnitt eingeordnet.
Lange vor den Inka entwickelten andine Gesellschaften religiöse Komplexe: Caral als ältester Tempelort der Neuen Welt (ab ca. 2600 v. u. Z.), Chavín de Huántar (1200, 500 v. u. Z.) mit der Lanzon-Stele als zentralem Kultobjekt, Moche (100, 800 u. Z.) mit Huaca-Pyramiden und Opferpraxis, Tiwanaku am Titicacasee als kosmologisches Zentrum mit Sonnentor und Viracocha-Ikonographie. Die Inka (etwa 1438, 1533 u. Z.) verstanden sich als Nachfolger und Synthetisierer dieser Traditionen.
Inti, der Sonnengott, gilt als Vater der Inka-Herrscherdynastie. Pachamama (Mutter Erde) ist die zentrale weibliche Gottheit, verantwortlich für Fruchtbarkeit der Felder und der Tiere. Viracocha tritt als Schöpfer aller Dinge auf, er stieg aus dem Titicacasee, formte Sonne und Mond, schuf die Menschen. Mama Killa (Mondgöttin) ist Schwester und Gemahlin Intis. Pachakamak ist eine eigene panandine Gottheit (Erde, Erdbeben), ihr Heiligtum bei Lima war ein Pilgerort über Jahrtausende.
Die Berge (Apus) sind in der andinen Vorstellung keine Landschaftselemente, sondern lebende Wesen mit Persönlichkeit, Geschlecht und Hierarchie. Wichtige Apus: Ausangate (Cusco-Region), Salkantay, Illimani (La Paz), Huayna Picchu, Chimborazo (Ecuador). Sie werden mit Despacho-Opfern (Ceremonial-Beuteln mit Coca-Blättern, Maishaaren, Süßigkeiten, Süßweinen) bedacht. Diese Praxis ist auch heute in ländlichen quechua- und aymarasprachigen Gemeinden lebendig.
Die Chakana, das gestufte vierstellige Andenkreuz, ist das prägnanteste Symbol der andinen Kosmologie. Sie repräsentiert die drei Welten, Hanan Pacha (Oberwelt, Sterne, Götter), Kay Pacha (Mittelwelt, Menschen) und Uku Pacha (Unterwelt, Verstorbene, Saatgut), sowie die vier Himmelsrichtungen und die zentralen Tugenden (Ayni, Reziprozität, Munay, Liebe, Yachay, Wissen, Llank’ay, Arbeit). Tragbare Chakana-Anhänger aus Silber sind heute weit verbreitet.
Schutz- und rituelle Objekte: Aguayo (gewebte Decke aus Alpaka- oder Schafwolle mit symbolischen Mustern, getragen, als Lasttuch und in Zeremonien verwendet), Despacho-Beutel (rituelle Opferpakete für Pachamama), Mesa (Ritualtisch mit Steinen, Federn, Figurinen). Coca-Blätter sind allgegenwärtig, geweiht, gekaut, geräuchert, als Orakel gelegt (Coca-Leyendo). Khipus (geknotete Schnüre) dienten ursprünglich zur Verwaltung, hatten aber auch zeremonielle Funktion.
Mit der spanischen Eroberung (Pizarro 1532) wurde die Inka-Religion offiziell verdrängt, faktisch aber durch Synkretismus erhalten. Heutige andine Volksfrömmigkeit verbindet katholische Heiligenverehrung mit Pachamama-Ritualen: zur Karwoche steigen Pilger zum Apu Qoyllur Riti, an Allerheiligen werden Despachos für die Verstorbenen vorbereitet, die Jungfrau von Copacabana ist auch Pachamama. Religionswissenschaftlich ein Paradigma für die Resilienz indigener Traditionen.
Wichtige Werke: Frank Salomon und Stuart Schwartz South America (Cambridge History of the Native Peoples), Catherine Allen The Hold Life Has, Tom Zuidema zur Kalender-Struktur, Gary Urton zu Khipus. Spanische Chronisten: Garcilaso de la Vega (selbst Mestize), Cristóbal de Molina, Bernabé Cobo. Quellen oft kolonial gefärbt und kritisch zu lesen.
Das Inkareich war in der langen Geschichte des andinen Kulturraums eine späte und kurzlebige Erscheinung. Es bestand in seiner imperialen Form nur etwa ein Jahrhundert vor der spanischen Eroberung. Davor hatten sich über Jahrtausende zahlreiche Kulturen entwickelt, deren religiöse Vorstellungen das Inkareich teils übernahm, teils überformte.
Zu den frühen Zentren gehört der Tempelkomplex von Chavín de Huántar im peruanischen Hochland, dessen Bildkunst um die Mitte des ersten Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung weite Verbreitung fand. An der Nordküste Perus entstanden später die Moche mit ihrer ausdrucksstarken Keramik und ihren Opferritualen sowie das Reich Chimú mit der großen Lehmziegelstadt Chan Chan. Im Hochland um den Titicacasee lag das Zentrum von Tiwanaku, dessen monumentale Architektur und Ikonografie das spätere Andendenken stark beeinflussten.
Diese Kulturen teilten Grundzüge wie die Verehrung von Bergen, Wasserquellen und Vorfahren, die Bedeutung von Textilien als Trägern von Bedeutung und eine ausgeprägte Beziehung zwischen Lebenden und Toten. Zugleich unterschieden sie sich in Sprache, politischer Form und Bildsprache erheblich.
Die Inka selbst stellten ihre Herrschaft in eigenen Ursprungserzählungen dar und ordneten ältere Heiligtümer in ihr eigenes religiöses System ein. Die Forschung betont deshalb, dass vieles, was als typisch inkaisch gilt, auf älteren andinen Grundlagen ruht. Verwandte Themen behandelt der Hub Mythologie Mesoamerikas.
Im andinen Denken ist die Landschaft selbst beseelt. Berge, Felsen, Quellen, Seen und besondere Orte gelten als huaca, als Träger einer eigenen Macht und als Adressaten von Verehrung. Die hohen Berggipfel, apu genannt, gelten als mächtige Schutzwesen, die über Wetter, Herden und Menschen wachen. Diese Vorstellung verbindet Religion eng mit der konkreten Geografie des Hochlands.
Die Erde wird als Pachamama angesprochen, ein weibliches Prinzip von Fruchtbarkeit und Nahrung. Der Begriff pacha bezeichnet zugleich Raum und Zeit, sodass eine genaue Übersetzung schwierig ist. Verbreitet ist eine Gliederung der Welt in eine obere, eine mittlere und eine untere Sphäre, die nicht streng als gut und böse, sondern als aufeinander bezogene Bereiche gedacht werden.
Die Grundeinheit der Gesellschaft war der ayllu, eine Verwandtschafts- und Wirtschaftsgruppe, die über gemeinsame Ahnen, gemeinsames Land und gemeinsame Heiligtümer verbunden war. Religiöse Praxis und soziale Ordnung lassen sich hier kaum trennen, weil die Ahnen, oft als mumifizierte Körper bewahrt, weiter als Mitglieder der Gemeinschaft galten und an Festen beteiligt wurden.
Ein Leitprinzip ist die Reziprozität, der geregelte gegenseitige Austausch. Zwischen Menschen äußert sie sich in Arbeitsverpflichtungen und Gabentausch, zwischen Menschen und Mächten in Opfergaben. Eine verbreitete Form ist die despacho– oder Erdopfergabe, bei der ausgewählte Gegenstände, Blätter und Nahrungsmittel zu einem Bündel zusammengestellt und der Erde oder den Bergen dargebracht werden. Reziprozität ist damit kein bloßer Brauch, sondern das Grundmuster, nach dem das Verhältnis zwischen Mensch und Kosmos gedacht wird.
Die andinen Kulturen kannten keine Buchschrift im engeren Sinn. Das wichtigste Aufzeichnungsmittel war das khipu, ein System geknüpfter Schnüre, mit dem vor allem Zahlen, Verwaltungsdaten und vermutlich auch erzählende Inhalte festgehalten wurden. Die Forschung kann die zahlenbezogenen khipu weitgehend lesen, während eine mögliche erzählende Verwendung umstritten bleibt. Damit fehlt für die Religionsgeschichte eine indigene Textüberlieferung, die mit der mesoamerikanischen vergleichbar wäre.
Die schriftlichen Hauptquellen stammen deshalb aus der Kolonialzeit und sind von Spaniern oder von in spanischer Schrifttradition ausgebildeten Andinen verfasst. Zu den frühen Chronisten gehören Pedro de Cieza de León und Juan de Betanzos. Besonders wertvoll ist das umfangreiche Werk des Felipe Guamán Poma de Ayala, eines indigenen Autors, der um 1615 eine bebilderte Chronik mit scharfer Kolonialkritik verfasste. Der Mestize Inca Garcilaso de la Vega wiederum schrieb aus der Perspektive einer halb inkaischen Herkunft.
Eine eigene Quellengruppe sind die sogenannten Götzenausrottungs-Akten. Im 17. Jahrhundert führten kirchliche Kampagnen im Erzbistum Lima systematische Verfahren gegen andine Kulte. Die dabei entstandenen Verhörprotokolle, etwa im Umfeld von Francisco de Ávila, liefern, gegen ihre Absicht, detaillierte Beschreibungen lokaler Religion, darunter den in der Sprache Quechua verfassten Text von Huarochirí, eine der wenigen indigenen Sammlungen andiner Mythen.
Alle diese Quellen sind durch die Lage ihrer Entstehung gefärbt. Die Chronisten ordneten andine Vorstellungen in europäische Kategorien ein, die Ausrottungsakten entstanden unter Zwang. Die moderne Forschung, etwa die Arbeiten von Frank Salomon oder Sabine MacCormack, liest sie deshalb quellenkritisch und ergänzt sie durch Archäologie und durch ethnografische Feldarbeit in heutigen Andengemeinden.
Die spanische Eroberung und die anschließende Missionierung haben die andine Religion nicht ausgelöscht, sondern in neue Formen gezwungen. In vielen Hochlandgemeinden Perus, Boliviens und Ecuadors bestehen bis heute Praktiken, die ältere Vorstellungen mit dem Katholizismus verbinden. Heilige der Kirche werden mit Bergen und Orten verknüpft, Wallfahrtsfeste fallen mit dem Agrar- und Festkalender zusammen.
Erdopfergaben an die Pachamama und an die Berge sind weiterhin verbreitet, besonders zu Beginn der Anbauzeit, beim Bau eines Hauses oder beim Beginn wichtiger Vorhaben. Spezialisten, in den Quechua- und Aymara-sprachigen Regionen unter verschiedenen Bezeichnungen bekannt, führen solche Riten durch, deuten Zeichen und behandeln Krankheiten, die als gestörtes Verhältnis zu Orten und Mächten verstanden werden.
Manche dieser Praktiken sind in den vergangenen Jahrzehnten in den touristischen und esoterischen Markt geraten. Begriffe wie Pachamama oder Apu werden international vermarktet, und Zeremonien werden für zahlende Besucher inszeniert. Die Religionswissenschaft mahnt hier zur Unterscheidung zwischen der gelebten Praxis lokaler Gemeinschaften und ihrer kommerziellen Aneignung.
Zugleich hat die andine Tradition politische Bedeutung gewonnen. In Bolivien und Ecuador fanden Begriffe wie Pachamama und das Leitbild des guten Lebens, sumak kawsay beziehungsweise suma qamaña, Eingang in Verfassungstexte und politische Programme. Wie weit das die gelebte Religion abbildet oder eher ein staatliches Symbolprojekt ist, wird kontrovers diskutiert. Eine angemessene Darstellung zeigt die andine Religion damit als lebendiges, umkämpftes und regional sehr unterschiedliches Feld, nicht als verlorenes Inkaerbe.
Verwandte Schlüsselbegriffe: Pachamama Inti Viracocha Mama Killa Apus Chakana Aguayo Quechua Aymara Cusco Tiwanaku Sacsayhuamán Despacho.
Andenkulturen, von Chavín bis Inka, nutzen Chakana-Anhänger, Aguayo-Webereien, Despacho-Beutel und Coca-Blätter als tragbare Schutzobjekte; Apus-Berge werden mit Steinpyramiden (Apachetas) entlang der Wege verehrt.
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Das Lexikon der Schutzsymbole behandelt mehrere Zeichen und Objekte aus den Anden auf eigenen Seiten: Chakana. Einen kulturübergreifenden Überblick bietet die Seite zu den Schutzsymbolen.