Pachakamak, Schöpfer- und Orakelgott der zentralandinen Pazifikküste

Pachakamak (Quechua Pacha Kamaq, Welt-Beleber, Welt-Bewahrer) ist der höchste Gott der zentralandinen Pazifikküste und Patron des wichtigsten präshispanischen Wallfahrtsortes der Anden. Sein Tempel südlich des heutigen Lima war über Jahrhunderte ein interregionaler Orakelort.

GottAnden / InkaOrakel-Hochgottheit

Inhaltsverzeichnis

Pachakamak - Götter aus der Anden-inka-Tradition, historisch-illustrativ

Einordnung im andinen Pantheon

Pachakamak ist die zentrale Hochgottheit der Lima-Region und der zentralandinen Pazifikküste, deren Verehrungsgeschichte älter ist als das Inka-Reich. Sein Hauptheiligtum, der monumentale Adobe-Komplex von Pachacamac (heute archäologische Zone südlich von Lima), bestand bereits in der Lima-Kultur (ca. 200, 700 n. Chr.), wurde dann in der Wari-Phase (700, 1000) ausgebaut, in der Ychsma-Phase (1100, 1470) erweitert und schließlich von den Inka in das Reich integriert, ohne dass sein eigenständiger Charakter verloren ging.

Die spanischen Chronisten, allen voran Miguel de Estete, der 1533 mit Hernando Pizarro den Tempel besuchte und ploent, beschreiben Pachakamak als tan grande templo y tan reverenciado, das größte und am meisten verehrte Heiligtum der Anden. Sein Orakel war über das gesamte Inka-Reich berühmt und wurde sogar vom Inka-Herrscher Huayna Capac konsultiert. Die religionswissenschaftliche Einordnung Pachakamaks als Pan-andines Orakelheiligtum hat Maria Rostworowski in ihrer Standardarbeit Pachacamac y el Senor de los Milagros (1992) systematisch durchgeführt.

Pachakamak steht in einer komplexen theologischen Verschränkung mit Viracocha: In einigen Quellen werden die beiden gleichgesetzt, in anderen als verwandt, etwa als Vater und Sohn oder als Doppelaspekt einer hoehren Wesenheit. Diese Verschränkung reflektiert die Tatsache, dass die Inka die ältere Küsten-Theologie Pachakamaks in ihre eigene Hochlands-Theologie integrieren mussten, ohne sie ganz aufzulösen.

Die Religion der Lima-Region hatte vor der Inka-Eroberung eine eigene Identität, in der Pachakamak nicht der einzige, aber der mächtigste Hochgott war. Neben ihm wurden lokale huaca-Heiligtümer und vorinkaische Gottheiten wie Vichama, ein Sohn-Avatar Pachakamaks, verehrt. Die Eroberung der Region durch den Inka Tupac Yupanqui (ca. 1470) erfolgte vorsichtig: Anders als in anderen Provinzen wurde der lokale Hauptgott nicht durch Inti ersetzt, sondern eine doppeltheologische Lösung gefunden, in der Inti-Tempel neben dem Pachakamak-Tempel errichtet wurden.

Name und Etymologie

Der Name Pacha Kamaq ist eine Quechua-Bildung aus pacha (Welt, Zeit, Raum, wie bei Pachamama) und kamaq (Beleber, Bewahrer, Hervorbringer). Diego Gonzalez Holguin übersetzt kamaq in seinem Vocabulario (1608) mit el criador, der Schöpfer. Damit ist Pacha Kamaq strukturell der Welten-Beleber.

Bemerkenswert ist die enge sprachliche Nähe zu kamay, dem Quechua-Begriff für die belebende Energie, die einer Sache ihre spezifische Form gibt. Der peruanische Anthropologe Gerald Taylor hat in seinen Arbeiten zur Quechua-Theologie (1974, 2001) gezeigt, dass kamay nicht eine substantielle Schöpfung im jüdisch-christlichen Sinn meint, sondern eine ständige Inform-Setzung, das fortwährende Belebt-Werden der Welt durch eine numinose Kraft. Pacha Kamaq ist demnach kein einmaliger Schöpfer wie der biblische Gott, sondern ein permanenter Welten-Beleber.

Die Region Pachacamac an der peruanischen Pazifikküste hat ihren Namen vom Gott übernommen. Der spanische Name für das Heiligtum lautete Pachacama oder Pachacamac, je nach Chronik. In der Lokalsprache der Ychsma (einem aymarischen Substratdialekt der Lima-Region) war möglicherweise eine eigene Bezeichnung gebräuchlich, die sich nicht erhalten hat.

Eine theologisch besonders aufschlussreiche Etymologisierung hat Marco Curatola in Adivinacion y oraculos en el mundo andino antiguo (2008) vorgeschlagen: Pacha Kamaq als Welt-Komprimierer oder Welt-Verbinder, in Anlehnung an die abgeleiteten Bedeutungen von kamay als etwas in Form bringen, verdichten, komprimieren. In dieser Lesart wäre Pachakamak die Kraft, die der Welt ihre konkrete Gestalt verleiht und sie zusammenhält, eine Lesart, die der modernen Diskussion um kamay als andinen Energie-Begriff entspricht.

Beschreibung und Ikonographie

Das wichtigste erhaltene Kultbild ist das berühmte hölzerne Doppelfiguren-Idol von Pachacamac, das 1938 unter dem Bodenbelag des oberen Tempelbereichs ausgegraben wurde und heute im Museo de Sitio von Pachacamac steht. Es ist eine etwa 2,30 m hohe geschnitzte Holzstele mit zwei gegenüberliegenden Gesichtern im oberen Drittel und einer Reihe stilisierter anthropomorpher Figuren auf dem Schaft. Das Doppelgesicht hat wiederholt zu der Spekulation geführt, Pachakamak sei eine janusartige Schau-nach-zwei-Seiten-Gottheit gewesen.

Die archäologische Datierung der Holzstele ist umstritten. Die jüngste Untersuchung mittels Radiokarbon (Eeckhout 2018) datiert sie auf ca. 760, 890 n. Chr. also in die Wari-Phase. Demnach wäre das Idol nicht aus inka-zeitlicher Produktion, sondern stand bereits bei der Inka-Integration des Heiligtums vor Ort und wurde von den Inka übernommen, ein bemerkenswerter Fall der Toleranz inka-zeitlicher Religionspolitik gegenüber lokalen Hochheiligtümern.

Miguel de Estete, der 1533 das Allerheiligste betreten durfte (was ein religiöses Sakrileg darstellte, da nur die höchsten Priester Zugang hatten), beschreibt die Kammer als finster, mit Bildschmuck an den Wänden, im Zentrum eine grobe Holzfigur mit menschlichem Antlitz. Diese Beschreibung passt zur erhaltenen Doppelfiguren-Stele.

Mythologische Erzählungen

Die wichtigste Quelle für die Pachakamak-Mythologie ist das in Quechua verfasste Huarochiri-Manuskript (ca. 1608), das der Pfarrer Francisco de Avila in der Provinz Huarochiri sammelte und das zu den wertvollsten erhaltenen Dokumenten indigener andiner Mythologie zählt. Es enthält mehrere Pachakamak-Mythen, darunter den berühmten Mythos von Kuni Raya Wiraqucha, der oft als Erzählung von Pachakamak und seinen Brüder selbst gelesen wird.

Ein zentraler Mythus erzählt von der Rivalität zwischen Pachakamak und seinem Bruder oder Doppelgänger Kon. Beide ringen um die Herrschaft über die Welt; Pachakamak siegt schließlich und verbannt Kon in die Wüste, woraus die küsten-andine Trockenheit erklärt wird. Eine andere Erzählung schildert Pachakamak als Vergewaltiger einer göttlichen Frau, deren Tochter sich aus Verzweiflung in einen Bach verwandelt, ein Mythos, der die typische Mehrdeutigkeit andiner Hochgottheiten zeigt.

Religionsethnologisch besonders interessant ist die Erzählung von der Schöpfung der ersten Menschheit: Pachakamak erschafft einen Mann und eine Frau, die er ohne Nahrung in der Welt aussetzt. Der Mann stirbt; die Frau schwört, sich am Schöpfer zu rächen, indem sie die Sonne anbetet. Aus dieser Anbetung wird ein Kind geboren, das Pachakamak tötet, dessen Körper er aber in Pflanzen verwandelt, das wird zur Aitiologie des andinen Anbaus von Mais, Bohnen und Kürbis. Gerald Taylor hat die Komplexität dieser Mythen in Ritos y tradiciones de Huarochiri (1987) systematisch untersucht.

Das Huarochiri-Manuskript ist insbesondere wegen seines doppelten Charakters als religiös-mythologischer Text und als spanischer Verfolgungs-Anlass von Interesse. Der Pfarrer Francisco de Avila sammelte die Mythen, um sie als Grundlage seiner extirpacion de idolatrias-Kampagne zu verwenden; gleichzeitig stellt das Manuskript eines der wenigen erhaltenen Dokumente indigener Kosmologie in der eigenen Sprache (Quechua) dar. Frank Salomon und George Urioste haben in ihrer englischen Ausgabe (The Huarochiri Manuscript, 1991) den vollständigen Text erschlossen und kommentiert.

Kult und Wallfahrt

Pachacamac war der wichtigste Wallfahrtsort des präshispanischen Südamerika. Pilger zogen aus dem gesamten Inka-Reich, ja sogar aus den vorgelagerten Reichen wie Chimu, an die Pazifikküste, um das Orakel zu konsultieren. Die Wallfahrer mussten in einem mehrstufigen Reinigungsritual die Tempelpyramide hochsteigen, mit zunehmender Nähe zum Allerheiligsten stärkere Fastenleistungen erbringen und Geschenke darbringen, Stoffe, Edelmetalle, Spondylus-Muscheln, Lamaopfer.

Das Orakel wurde von einer eigenen Priesterklasse vermittelt, die die Anfragen entgegennahm und die Antwort des Gottes in einer rituell festgelegten Form überbrachte. Die Antworten hatten oft die Form einer einfachen Ja/Nein-Aussage oder einer mehrdeutigen Voraussage. Berühmt ist die Orakelfrage Huayna Capacs über den Ausgang des Krieges gegen die Quitenser, die negativ beantwortet wurde, eine Antwort, die historisch retrospektiv durch den Tod Huayna Capacs an der Pocken-Epidemie bestätigt wurde.

Um den Haupttempel herum stand ein Komplex von Nebentempeln, die anderen Gottheiten gewidmet waren: Inti, Mama Killa, einem Mond-Tempel speziell für die Acllacuna, sowie kleineren Heiligtümern für regional importante Gottheiten. Maria Rostworowski hat die Lordschaft Pachacamac als geistliches und politisches Netzwerk beschrieben, das über Verwandtschaftsbeziehungen die Pilger an das Heiligtum band.

Der Pachakamak-Tempelkomplex umfasste neben dem Hauptpyramiden-Heiligtum ein eigenes Acllahuasi (Frauen-Tempel mit Sonnenjungfrauen-Klausur), einen Markt-Platz, mehrere Pilgerunterkünfte und einen Friedhof, der archäologisch über 1300 Mumien lieferte. Diese Mumien zeigen, dass das Heiligtum auch als Pilger-Sterbestätte diente: Wer das Wallfahrtsziel erreicht hatte, wurde nach dem Tod hier beerdigt, ein präshispanischer Äquivalent zum Wunsch, in Jerusalem oder Mekka begraben zu werden.

Schutzpraxis und Apotropäisches

Die spezifische Schutzpraxis im Pachakamak-Kontext richtete sich vor allem auf zwei Bereiche: Erdbeben-Schutz und Wahrsage-Sicherheit. Da die zentralandine Pazifikküste seismisch hochaktiv ist, galt Pachakamak in seiner Funktion als Welt-Erschütterer (eine seiner mehrdeutigen Doppel-Funktionen) als zugleich Verursacher und Schützer vor Erdbeben. Estete berichtet von Bittriten der Pilger gegen Erdbeben, in denen kleine Tonfigurinen in den Boden eingegraben wurden.

Apotropäisch gegen falsche Orakel-Antworten oder gegen den Zorn des Gottes bei mangelnder Reinheit dienten Spondylus-Muscheln, die als Halsschmuck oder Brust-Amulett getragen wurden. Diese roten oder orangen Muscheln aus den wärmeren Gewässern Ecuadors waren in den küsten-andinen Kulturen das wichtigste rituelle Tauschobjekt und wurden nach den archäologischen Befunden in großen Mengen am Pachakamak-Tempel deponiert. Maria Rostworowski hat dies als Spondylus-Wirtschaft beschrieben.

Eine besondere Verteilfunktion hatte Pachakamak als Vater von Senkindern: Er wurde von Familien angerufen, die zur Geburt eines Kindes anstanden, mit der Bitte um Schutz vor Fehlgeburten. Die diesbezügliche Opferpraxis umfasste das Aufhängen von kleinen geschnitzten Holzfigurinen am Tempel, was archäologisch im Bereich des Frauen-Tempels belegt ist.

Parallelen in anderen Kulturen

Strukturell lässt sich Pachakamak mit anderen großen Orakel-Hochgottheiten der Religionsgeschichte vergleichen. Das engste Pendant ist der griechische Apollon von Delphi, dessen Orakel über Jahrhunderte interregional konsultiert wurde und das durch eine institutionelle Priesterhierarchie vermittelt wurde. Auch das ägyptische Amun-Orakel von Siwa, das vor allem in der hellenistischen Zeit berühmt war, gehört in dieses strukturelle Muster.

Innerhalb Amerikas weist der Pachakamak-Kult Ähnlichkeiten zum aztekischen Quetzalcoatl-Orakel von Cholula und zur Maya-Wahrsageinstitution der chilam balam-Priester auf. Der Vergleich mit dem mesoamerikanischen Cholula-Wallfahrtsort ist besonders aufschlussreich, da auch dort ein vor-imperiales Heiligtum von einem nachfolgenden Reich (den Mexica) integriert wurde, ohne seine eigenständige Identität zu verlieren.

Die Doppelgesicht-Ikonographie der Pachakamak-Stele hat in der religionswissenschaftlichen Literatur wiederholt zur Vermutung geführt, Pachakamak sei eine andine Variante des Janus-Typs, ein Hochwesen, das nach zwei Seiten oder zwei Zeitebenen schauen kann. Ob diese Parallele über eine reine ikonographische Formähnlichkeit hinausgeht, ist umstritten.

Heutige Rezeption und Forschung

Der archäologische Komplex von Pachacamac (Ministerium für Kultur Perus, ca. 465 ha) ist heute eine der wichtigsten archäologischen Stätten Südamerikas. Die belgische Mission unter Peter Eeckhout hat seit den 1990er Jahren große Teile des Tempelkomplexes systematisch ergraben. Die Funde, darunter Mumien, Webereien, das berühmte Holz-Idol, Spondylus-Muschel-Depots, eine vollständige Acllahuasi-Klausur, sind teilweise im Site-Museum, teilweise im Museo de Antropologia in Lima zugänglich.

Religionswissenschaftlich hat Maria Rostworowski mit Pachacamac y el Senor de los Milagros (1992) die bemerkenswerte Kontinuität zwischen dem präshispanischen Pachakamak-Kult und dem modernen Senor de los MilagrosKult Limas gezeigt. Letztgenannter, der jährlich im Oktober Hunderttausende von Pilgern zur Christus-Prozession Limas zieht, ist nach Rostworowski strukturell und topographisch ein Nachfolger des Pachakamak-Kultes, derselbe interregionale Pilgerstrom, dieselbe Reinheits-Anforderung, dieselbe Erdbeben-Schutz-Funktion, nur unter neuer christlicher Verkleidung.

Diese funktionale Kontinuität bei theologischer Umbesetzung gehört zu den eindrucksvollsten Beispielen religiösen Synkretismus in Amerika und wird in den jüngeren Arbeiten von Peter Eeckhout, Krzysztof Makowski und Marco Curatola weiter ausgearbeitet. Die religionsethnologische Beobachtung gibt keine spirituelle Wirkungsbehauptung, sondern beschreibt einen langfristigen kulturellen Befund.

Eine aktuelle Forschungslinie befasst sich mit der Bauphasen-Sequenz des Tempel-Komplexes. Eeckhout hat sieben große Bauphasen identifiziert, die von der Lima-Kultur über Wari, Ychsma und Inka bis zur Kolonial-Phase reichen. Diese Bauphasen-Geschichte ist ein Mikrokosmos der zentralandinen Kulturgeschichte und erlaubt es, religiöse Kontinuitäten und Bruche im Materiellen nachzuvollziehen. Insbesondere die Inka-Phase (ca. 1470, 1533) zeigt eine respektvolle Integration des älteren Heiligtums, die mit der gewaltsamen Politik der Inka in anderen Regionen kontrastiert.

Literatur und Quellen

Die folgende Auswahl listet zentrale Werke der Archäologie und Religionsgeschichte zum Pachakamak-Heiligtum und zum Küsten-andinen Orakel-Wesen.

Das Orakel von Pachacamac und sein überregionaler Einfluss

Der Kultort Pachacamac an der zentralperuanischen Küste, südlich des heutigen Lima, war lange vor der Inka-Zeit ein bedeutendes Pilger– und Orakelheiligtum. Archäologische Arbeiten, beginnend mit Max Uhle um 1896 und fortgesetzt durch spätere Projekte, haben gezeigt, dass der Ort über mehr als ein Jahrtausend hinweg genutzt wurde und Bauschichten der Lima-Kultur, der Wari und schließlich der Inka aufweist. Das Orakel des Pachakamak galt als so mächtig, dass seine Autorität weit über die Region hinausreichte.

Spanische Quellen, vor allem die Berichte aus dem Umkreis der Pizarro-Expedition, schildern, wie Hernando Pizarro 1533 das Heiligtum aufsuchte, in der Erwartung, dort große Goldschätze zu finden. Der Bericht des Miguel de Estete beschreibt, wie die Spanier in das Allerheiligste eindrangen und dort ein hölzernes Kultbild vorfanden, das sie als unscheinbar empfanden. Diese Schilderung ist von Enttäuschung und religiöser Ablehnung gefärbt, dokumentiert aber, dass es ein zentrales, abgeschirmtes Idol gab, zu dem nur Priester Zugang hatten.

Das Orakel arbeitete offenbar über ein Netz von Filialheiligtümern, sogenannte Verwandte oder Kinder des Pachakamak, die in entfernten Regionen errichtet wurden und Tribut an das Hauptheiligtum entrichteten. Dieses System band weite Teile der Küste und des Hochlands rituell und ökonomisch an Pachacamac. Die Inka übernahmen das Heiligtum, ohne es zu zerstören, und fügten einen Sonnentempel hinzu, eine typische Strategie der Integration fremder Kulte. Die archäologische Erschließung des Geländes dauert bis heute an und liefert fortlaufend neue Befunde zu Bestattungen und Bauphasen.

Die Schöpfungserzählung bei den Chronisten und das Problem ihrer Herkunft

Mehrere koloniale Quellen überliefern Schöpfungsmythen, in denen Pachakamak als Welt- oder Menschenschöpfer auftritt. In einer bei dem Chronisten Pedro Cieza de León und ausführlicher bei Antonio de la Calancha im 17. Jahrhundert greifbaren Version erschafft Pachakamak ein erstes Menschenpaar, das jedoch hungert; nach dem Tod des Mannes entstehen aus dem begrabenen Körper einer von Pachakamak getöteten Figur die Nahrungspflanzen. Solche Erzählungen verbinden den Gott mit Tod, Erde und der Entstehung der Feldfrüchte.

Quellenkritisch ist hier besondere Vorsicht geboten. Calancha war Augustinermönch und schrieb mit dem Ziel, die Missionsgeschichte zu dokumentieren; seine Wiedergabe andiner Mythen ist durch christliche Deutungsmuster geprägt, etwa durch die Suche nach Parallelen zu biblischen Schöpfungs- und Sündenfallerzählungen. Es ist nicht immer zu entscheiden, wieviel an einer überlieferten Version vorkoloniale Tradition ist und wieviel die Chronisten harmonisierend oder vergleichend hinzufügten.

Hinzu kommt ein sprachliches Problem. Der Name Pachakamak, oft gedeutet als der die Welt belebt oder ordnet, ähnelt einem theologischen Begriff, den christliche Missionare gezielt aufgriffen, um einen einheimischen Ausdruck für den christlichen Gott zu finden. Die koloniale Missionsliteratur hat den Namen dadurch zusätzlich aufgeladen. Die heutige Forschung, etwa die Arbeiten von Sabine MacCormack zur kolonialen Wahrnehmung andiner Religion, mahnt deshalb, die Schöpfererzählungen nicht ungeprüft als reines vorkoloniales Erbe zu lesen, sondern als Texte, die im Spannungsfeld von einheimischer Überlieferung und missionarischem Interesse entstanden.

Literatur (Auswahl)

  • Maria Rostworowski: Pachacamac y el Senor de los Milagros (1992)
  • Gerald Taylor: Ritos y tradiciones de Huarochiri (1987)
  • Peter Eeckhout: Pachacamac et le Projet Ychsma (2003)
  • Miguel de Estete: Relacion del viaje (1533/1534)
  • Krzysztof Makowski: Senores de los Imperios del Sol (2010)
  • Marco Curatola: Adivinacion y oraculos en el mundo andino antiguo (2008)

Als orakelgott der zentralandinen Pazifikküste war Pachakamak schon vor der Inka-Zeit Ziel großer Pilgerschaften; sein Heiligtum südlich von Lima galt als eines der bedeutendsten Orakel der Andenwelt.

Verwandte Schlüsselbegriffe: Pachakamak Pacha Kamaq Pachacamac Ychsma Wari Huarochiri Spondylus Kuni Raya Orakel.

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