Mama Killa, Mondgöttin und Schwester-Gemahlin des Sonnengottes

Mama Killa (Quechua Mama Killa) ist die Mondgöttin der Inka, Schwester-Gemahlin des Sonnengottes Inti und Patronin von Frauen, kalendarischer Zeitordnung und ritueller Reinheit. Ihr Tempelbereich im Coricancha von Cusco war mit Silberplatten ausgekleidet.

GöttinAnden / InkaMondgöttin

Inhaltsverzeichnis

Mama Killa - Götter aus der Anden-inka-Tradition, historisch-illustrativ

Mama Killa, die Inka-Mondgöttin, gilt als Schwester und Gattin Intis und regiert die nächtliche Sphäre.

Einordnung im andinen Pantheon

Mama Killa zählt zu den höchsten weiblichen Gottheiten des Inka-Staatskults. Garcilaso de la Vega beschreibt sie in seinen Comentarios Reales (1609) als Schwester und Gemahlin Intis; ihr eigener Tempelbereich im Coricancha von Cusco lag direkt neben dem Sonnentempel, war jedoch mit Silberplatten statt mit Gold ausgekleidet, ein konsequenter ikonographischer Ausdruck der nachgeordneten und doch eigenständigen Position der Mondgöttin.

Religionswissenschaftlich fügt sie sich in das verbreitete Muster der lunar-solaren Geschwister-Paare ein, das von der altägyptischen Hathor/Re-Konstellation über die japanische Tsukiyomi/Amaterasu-Paarung bis zur mesopotamischen Ishtar/Shamash-Beziehung reicht. Innerhalb der Anden bildet sie das weibliche Komplement zum männlichen Solartheologie-Komplex und definiert zugleich den kultischen Status der hochrangigen Coya, der Hauptgemahlin des Inka.

Catherine Allen weist darauf hin, dass Mama Killa in den modernen quechua-sprachigen Dörfern weit weniger präsent ist als Pachamama; sie wirkt eher als zeitlich-kalendarisches Ordnungsprinzip, das die Aussaat- und Erntezeiten festlegt, weniger als persönlich angerufene Schutzgottheit. Diese Distanz erklärt sich aus dem staatlich-imperialen Charakter ihrer inka-zeitlichen Verehrung, die mit dem Untergang der politischen Inka-Struktur ihren institutionellen Halt verlor.

Die Inka-Hauptstadt Cusco war kosmologisch in ein hanan (oberes) und hurin (unteres) Cusco geteilt, die nach Tom Zuidema komplementäre männlich/weiblich, solar/lunar konnotiert waren. Mama Killa wurde insbesondere in den Quartieren des hurin-Cusco verehrt, das die untere, feuchtere, weiblicher konnotierte Hälfte der Stadt darstellte. Diese Strukturierung war kein bloß formales Schema, sondern bestimmte Heiratsregeln, Pflichten zwischen den Quartieren und kalendarische Ritualfunktionen.

Name und Etymologie

Der Name Mama Killa ist eine einfache Quechua-Zusammensetzung aus mama (Mutter, Frau, hohe weibliche Person) und killa (Mond, Monat). Wie bei inti bezeichnet das Wort sowohl den physischen Himmelskörper als auch die personifizierte Gottheit, die für das andine Denken typische Verschmelzung von Natur- und Numinosumebene.

Diego Gonzalez Holguin gibt in seinem Vocabulario (1608) die Bedeutung von killa mit luna o mes an. Die Doppelbedeutung Mond/Monat ist bezeichnend: Mama Killa ist nicht nur die Mondgestalt am Himmel, sondern auch die Personifikation der kalendarischen Monatszeit, an der sich Frauenbiologie, Aussaat und Ernte orientieren.

Im Aymara-Raum trifft man auf das Äquivalent Phaxsi Mama, ebenfalls Mondmutter. Die regionale Variante Quilla mit doppeltem l findet sich in einigen älteren spanischen Chroniken (Sarmiento, Cobo) und reflektiert die frühe Orthographie der spanischen Missionare.

Sprachhistorisch interessant ist die enge Verwandtschaft von killa und killay, dem Quechua-Verb für warten oder warten auf. Cesar Itier hat in seinen sprachwissenschaftlichen Arbeiten zur Inka-Theologie die Hypothese vertreten, dass killa ursprünglich die Wart-Phase zwischen den Aussaaten markiert haben könnte, in der die Mondzyklen den Bauern die Geduld zwischen Saat und Ernte strukturierten. Diese Hypothese erklärt die ungewöhnliche Doppelfunktion der Mondgöttin als Wartezeit-Personifikation und kalendarisches Ordnungsprinzip in einer Weise, die einer rein astronomischen Interpretation überlegen ist.

Beschreibung und Ikonographie

Mama Killa wird in den Quellen als silberglänzende Scheibe mit anthropomorphem Gesicht beschrieben, das weibliche Pendant zum goldenen Punchao Intis. Diese silberne Scheibe stand im sogenannten Killakancha, dem Mondkammerbereich des Coricancha. Polo de Ondegardo und Bernabe Cobo berichten, dass die Mondscheibe nach der spanischen Eroberung eingeschmolzen wurde und damit nicht erhalten ist.

In der kolonialen Cusquena-Malerei erscheint Mama Killa häufig als Frauenfigur mit silbernem Mondscheibe-Diadem, oft begleitet von einem stilisierten Sternenhimmel. In einigen Bildwerken der Cusco-Schule wird sie als Virgen Maria-Pachamama-Mama Killa-Synkresis dargestellt, etwa in den Engelbildwerken der Kirche San Pedro in Andahuaylillas.

Bemerkenswert ist die astronomische Beobachtung der Mondflecken in der Inka-Theologie: Die dunklen Maria des Mondes wurden als Fuchs interpretiert, der sich aus Liebe an Mama Killa heranschmiegte und in ihrem Antlitz für immer eingebrannt wurde. Diese Mondflecken-Geschichte ist von Cristobal de Molina überliefert und gehört zu den seltenen erhaltenen Inka-Mythen mit astronomisch-aitiologischem Charakter.

Die Silberscheibe der Mama Killa im Killakancha war nach Garcilaso etwa von der gleichen Größe wie das goldene Punchao-Bild Intis. Anders als das Punchao, das nur an Festtagen aus dem Allerheiligsten getragen wurde, war die Mondscheibe ständig sichtbar, weil die Mond-Theologie nicht den Schwerpunkt der politischen Selbstinszenierung des Inka bildete und daher weniger restriktiv inszeniert werden musste. An den Innenwänden des Killakancha standen zudem die mumifizierten Körper der verstorbenen Hauptgemahlinnen (Mallqui Coya), das weibliche Gegenstück zur Mallqui-Ahnengalerie des Inti-Tempels.

Mythologische Erzählungen

Der wichtigste Mythos um Mama Killa erklärt die Mondfinsternisse. Nach Garcilaso de la Vega glaubten die Inka, dass bei einer Mondfinsternis ein kosmischer Puma oder eine Schlange die Mondgöttin angreife und zu verschlingen drohe. Um diesen Angriff abzuwehren, schlugen die Menschen an Mondfinsternis-Nächten in Cusco groß Lärm: Sie trommelten auf Pfannen, riefen die Hunde zum Bellen, schossen mit Pfeilen in Richtung Mond und versuchten so, das angreifende Tier zu verscheuchen. Diese Praxis ist auch in der Chronik des Felipe Guaman Poma de Ayala (1615) abgebildet.

Eine weitere Erzählung verbindet Mama Killa mit der Aitiologie der Silberablagerungen in den Anden. Nach einer Überlieferung des chronisten Antonio Vasquez de Espinosa weinte Mama Killa silberne Tränen, die in den Bergspalten zu Silberadern erstarrten, eine mythische Begründung des andinen Silberreichtums, der die spanische Kolonisation ökonomisch erst attraktiv machte.

In den Lebenszyklus-Mythen der Inka ist Mama Killa die Patronin der weiblichen Reife. Beim ersten Menstruationsritual eines jungen Mädchens (quikuchikuy) wurde Mama Killa angerufen, ebenso bei Hochzeiten und im Wochenbett. Cobo berichtet von einem festen Ritualtext, in dem die Mondgöttin um Schutz für Mutter und Kind gebeten wurde.

Eine dritte mythologische Erzählung verbindet Mama Killa mit der inkaischen Reichsgründung. Nach einem Bericht Sarmiento de Gamboas hatte Mama Ocllo, eine der mythischen Geschwister Manco Capacs, ihren Namen vom Ocllo-Aspekt der Mondgöttin selbst. Damit ist die Reichsgründerin nicht nur Tochter Intis, sondern zugleich Manifestation Mama Killas, ein theologisches Konstrukt, das die Legitimität der Inka-Dynastie doppelt absicherte und die Coya-Position über das Geblueet der Sonne hinaus auch über das des Mondes legitimierte.

Kult und Verehrung

Der Mama-Killa-Kult war im Coricancha-Tempel von Cusco institutionalisiert. Sein Personal bildeten ausschließlich Frauen, allen voran die Hauptpriesterin, die regelmäßig die Schwester der amtierenden Coya (Hauptgemahlin des Inka) war. Diese Frauen, die Acllacuna (siehe auch Inti), webten silberverzierte Mondkleider, brauten Chicha aus weißem Mais und führten die monatlichen Mond-Rituale durch.

Höhepunkt des Kultjahres war das September-Fest Coya Raymi (Festen der Coya/Mondgöttin), das den Beginn des Aussaat-Zyklus markierte. An diesem Fest fand auch das citua-Reinigungsritual statt, bei dem die männlichen Krieger der Inka-Hauptstadt mit Fackeln durch die Straßen liefen, alle bekannten Krankheiten und bösen Geister, darunter die schadhaften Supay, aus der Stadt vertrieben und am Ende symbolisch in die vier Himmelsrichtungen weggespült wurden.

Die astronomische Beobachtung der Mondphasen war Aufgabe spezialisierter Priester (kallpa-rikoq), die auf den Stein-Observatorien von Cusco (z.B. dem Saqsaywaman) den Mondkalender festlegten. Brian Bauer hat in The Sacred Landscape of the Inca (1998) die Topographie dieser Mond-Observatorien rekonstruiert.

Die monatliche Festfolge des Inka-Reichsjahres trug regelmäßig Bezug auf Mama Killa: Der Mondkalender bestimmte sowohl die Aussaat-Zeiten als auch die internen Verwaltungsperioden. Cieza de Leon und Polo de Ondegardo beschreiben, dass jede Mondphase eine bestimmte Funktion im Reichsalltag hatte: Vollmond für Feste und Aussaat, Neumond für Reinigungsriten und Trauer. Diese mondbasierte Zeitstruktur stand in einer komplexen Korrespondenz zur solaren Zeitstruktur der großen Sonnenfeste und produzierte ein doppelschichtiges Kalenderwerk, dessen vollständige Rekonstruktion die Andenforschung bis heute beschäftigt.

Schutzpraxis und Apotropäisches

Mama Killa wurde in der inka-zeitlichen Praxis besonders bei Geburten, Krankheiten von Frauen und Reisen bei Nacht angerufen. Cobo berichtet von einem Brauch, in der Nacht vor einer langen Reise eine Silbermünze (in inkaischer Zeit ein Silberblatt) unter das Kopfkissen zu legen, um den Schutz der Mondgöttin zu erbitten.

Apotropäisch gegen Albtraueme und nächtliche Schadgeister, insbesondere gegen die als nachtaktiv geltenden Supay, galten kleine Silberamulette in Form einer Halbmondscheibe (tumi) oder einer stilisierten Frauenfigur. Diese wurden Kindern beim Schlafengehen auf die Stirn gelegt oder am Bettrahmen befestigt.

In den heutigen quechua-sprachigen Dörfern ist diese Praxis weitgehend in die katholische Marienverehrung übergegangen. Die Maria-Medaillen, die viele andine Mestizen tragen, haben funktionell die Silber-Amulette der Mama Killa abgelöst. Die religionsethnologische Forschung, insbesondere die Arbeiten von Olivia Harris und Marisol de la Cadena, hat diese funktionale Kontinuität bei gleichzeitigem theologischen Umsturz eingehend beschrieben.

Eine sehr spezielle Schutzpraxis ist die Verwendung von Mondsilber gegen Mondfinsternisse: An Tagen einer angekündigten Mondfinsternis trugen Mutter mit Kleinkindern silberne Stirnbänder, um zu verhindern, dass das angreifende Tier durch die geschwächte Mama Killa Zugang zur Welt der Lebenden bekam. Diese Praxis wird von Cobo und Albornoz übereinstimmend beschrieben und zeigt, wie das astronomische Ereignis kosmologisch interpretiert und mit konkreten apotropäischen Handlungen verkoppelt wurde.

Parallelen in anderen Kulturen

Mama Killa fügt sich in das weltweite Muster der weiblichen Mondgottheiten ein. Strukturell vergleichbar sind die griechische Artemis-Selene, die römische Diana-Luna, die agyptische Isis in ihrem lunaren Aspekt, die mesopotamische Nanna-Sin-Beziehung und die hinduistische Chandra-Figur (die allerdings männlich konzipiert ist).

Innerhalb Amerikas weist Mama Killa Ähnlichkeiten zur aztekischen Mondgöttin Coyolxauhqui auf, die im aztekischen Hauptmythos der Sonnengeburt Huitzilopochtlis von ihrem Bruder zerschlagen wird. Die Aggressionsdynamik zwischen Sonne und Mond ist im aztekischen Mythos schärfer als im inkaischen, in dem die Schwester-Gemahlin-Beziehung harmonischer gefasst ist.

Bemerkenswert ist auch der Vergleich mit der nordamerikanischen Changing Woman der Navajo, die ebenfalls Lebenszyklus, weibliche Reife und kalendarische Zeit in einer Figur verbindet, allerdings ohne die spezifisch lunare Dimension. Eliade hat in seinem Werk Patterns in Comparative Religion (1958) das Mond-Frau-Muster systematisch beschrieben.

Innerhalb der Inka-zeitlichen Vergleichsperspektive sind ferner die Aymara-Variante Phaxsi Mama und die nordandine Variante der Cara-Religion bei Quito bedeutsam. Letztere kannte eine Mondgöttin Quilla, deren Tempel der spanische Chronist Padre Velasco beschreibt; Hinweise auf eine vor-inkaische Mond-Theologie im hohen Norden des Tawantinsuyu sind also vorhanden. Frank Salomon hat in Native Lords of Quito (1986) diesen nordandinen Mondkult systematisch beschrieben und ihn von der inka-staatlichen Theologie unterschieden.

Heutige Rezeption und Forschung

Im modernen Andenraum ist Mama Killa kein eigenständiges Kultobjekt mehr, lebt aber in Folklore, Festen und in der wachsenden indigenen Kulturbewegung wieder auf. Im rekonstruierten Coya Raymi-Fest (seit den 1990er Jahren in einigen cusquenischen Dörfern wiederbelebt) wird sie als Patronin des Weiblichen und der Saatzeit angerufen.

In der akademischen Forschung steht heute weniger die institutionelle Mond-Theologie als die archäoastronomische Frage nach dem Inka-Mondkalender im Vordergrund. Tom Zuidema hat in The Calendar of the Incas (2010, posthum) die These vertreten, dass die Inka ein 328-Tage-Mondjahr verwendeten, das mit den 328 huaca-Heiligtümern des ceque-Systems korrespondierte. Diese These ist umstritten; Brian Bauer und Gary Urton haben sie teilweise relativiert.

Aus religionswissenschaftlicher Sicht bleibt Mama Killa ein wichtiges Beispiel für eine institutionelle Frauengottheit innerhalb einer männlich dominierten Hochkultur. Ihre Position zeigt, dass das Inka-Reich keine reine Patriarchats-Theologie kannte, sondern komplementäre geschlechtliche Strukturen entwickelte, die in den Coya-Inka-Doppelregenten politisch und in den Inti-Killa-Geschwister-Gemahlen theologisch ihren Ausdruck fanden.

In der gegenwärtigen Pachakuti-Mama-Bewegung Boliviens und Perus erscheint Mama Killa zudem als Identifikationsfigur indigener Feministinnen. Autorinnen wie Domitila Barrios de Chungara und später Silvia Rivera Cusicanqui haben die Wiederentdeckung der weiblichen Komplementärität im andinen Religionssystem zum Gegenstand soziologischer Forschung gemacht. Die Mama-Killa-Figur dient hier nicht als historische Kultobjekt-Restauration, sondern als symbolischer Bezugspunkt einer eigenen indigenen Geschlechterordnung jenseits der eurozentrischen Patriarchats-Kritik.

Literatur und Quellen

Die folgende Auswahl listet zentrale Werke der Andenethnologie und Religionsgeschichte zu Mama Killa, mit Schwerpunkt auf archäoastronomischen und frauengeschichtlichen Studien.

Mama Killa im Mondkalender und in der Mondfinsternis-Deutung

Mama Killa, die Mondgöttin der Inka, war eng an die Zeitmessung des Reiches gebunden. Während der Sonnengott Inti den Jahreslauf und die großen Aussaat- und Erntefeste strukturierte, regelte der Mond den kürzeren Zyklus, an dem sich religiöse Feste und vermutlich Teile des landwirtschaftlichen Kalenders orientierten. Spanische Chronisten wie Bernabé Cobo berichten, dass mehrere Feste im Festkalender von Cusco nach dem Mond berechnet wurden, auch wenn die genaue Funktionsweise des inkaischen Kalenders bis heute umstritten ist.

Besonders aufschlussreich sind die Berichte über die Deutung der Mondfinsternis. Die Chronisten überliefern, dass die Inka eine Verdunkelung des Mondes als Angriff eines Raubtiers, häufig genannt wird ein Puma oder eine Schlange, auf Mama Killa verstanden. Um die Göttin zu retten, machten die Menschen Lärm: Sie schlugen auf Gefäße, schrien und ließen Hunde bellen, damit das angreifende Tier vertrieben werde. Diese Praxis ist nicht inka-spezifisch, sondern in vielen Kulturen belegt, doch ihre Bezeugung für die Anden zeigt, dass der Mond als verletzliches, fürsorgebedürftiges Wesen galt.

Quellenkritisch ist anzumerken, dass die Chronisten diese Riten oft aus zweiter Hand und mit dem Interesse beschrieben, andine Religion als Aberglauben darzustellen. Dennoch decken sich verschiedene Berichte in den Grundzügen, was die Episode glaubwürdig macht. Die Furcht um Mama Killa bei der Finsternis verdeutlicht ihre Stellung als Garantin eines verlässlichen Zeitlaufs, deren zeitweiliges Verschwinden als kosmische Bedrohung empfunden wurde. Zur Sonnenseite dieses Götterpaares siehe den Beitrag zu Inti.

Der Mondtempel im Coricancha und die Silber-Ikonographie

Im Coricancha, dem zentralen Heiligtum von Cusco, hatte Mama Killa nach übereinstimmenden Chronistenberichten einen eigenen Bereich. Während der Tempelteil des Inti mit Gold ausgestattet war, der Metall, das mit der Sonne assoziiert wurde, berichten die Quellen, dass der Mondbereich mit Silber verkleidet war. Garcilaso de la Vega, selbst Sohn einer inkaischen Mutter, beschreibt eine silberne Scheibe oder ein Bildnis der Mama Killa und betont die Geschlechtsymbolik: Gold und Sonne als männlich, Silber und Mond als weiblich.

Diese Berichte sind mit Vorsicht zu lesen. Garcilaso schrieb seine Comentarios Reales Jahrzehnte nach der Eroberung in Spanien, aus der Erinnerung und mit dem Wunsch, die inkaische Vergangenheit würdevoll darzustellen. Der Coricancha selbst wurde von den Spaniern weitgehend abgetragen; auf seinen Mauern steht heute das Kloster Santo Domingo. Archäologisch lässt sich die Silberverkleidung daher nicht mehr verifizieren, doch die Edelmetallplünderung durch die Eroberer ist gut bezeugt und macht den Bericht plausibel.

In diesem Mondbereich wurden nach den Chronisten auch die mumifizierten Körper verstorbener Coyas, der inkaischen Königinnen, aufbewahrt und verehrt. Mama Killa war damit nicht nur kosmische Göttin, sondern auch in die Ahnenverehrung der weiblichen Herrscherlinie eingebunden. Die Verbindung von Mond, Silber, Weiblichkeit und königlicher Ahnenreihe zeigt, dass Mama Killa im religiösen System der Inka eine klar umrissene Sphäre besetzte, die der des Sonnengottes komplementär gegenüberstand, ohne ihr untergeordnet zu sein im Sinne völliger Abhängigkeit.

Literatur (Auswahl)

  • Garcilaso de la Vega: Comentarios Reales de los Incas (1609)
  • Bernabe Cobo: Historia del Nuevo Mundo (1653)
  • Tom Zuidema: The Calendar of the Incas (2010)
  • Brian Bauer: The Sacred Landscape of the Inca (1998)
  • Felipe Guaman Poma de Ayala: Nueva Coronica y Buen Gobierno (1615)
  • Catherine Allen: The Hold Life Has (2002)
  • Sabine MacCormack: Religion in the Andes (1991)

Verwandte Schlüsselbegriffe: Mama Killa Quilla Killakancha Coya Raymi Quikuchikuy Citua Mondfinsternis.

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