Das Besprechen ist eine in der deutschsprachigen Volksüberlieferung besonders dicht belegte Praxis, bei der eine Person durch das leise oder halblaut Sprechen einer überlieferten Formel versucht, Schaden von einem Menschen oder Tier abzuwenden. Das Wort „besprechen“ meint hier, jemanden oder etwas mit einer Formel zu überdecken, also mit Worten zu umhüllen und dadurch von schädigender Einwirkung zu schützen oder eine bereits eingetretene Einwirkung rückgängig zu machen.
Das Besprechen unterscheidet sich vom Bannspruch in einem wesentlichen Punkt: Es richtet sich weniger auf die Austreibung oder Bindung eines Wesens als auf die Person oder das Tier, das geheilt oder geschützt werden soll. Die Formeln des Besprechens sind in der Überlieferung oft kürzer, konkreter und auf bestimmte Beschwerden oder Gefahren zugeschnitten, etwa auf Blutungen, Verbrennungen, den bösen Blick, Erysipel oder Kinderkrankheiten. Gleichzeitig setzt die Praxis in vielen Überlieferungen eine besondere Befähigung der besprechenden Person voraus, die entweder durch Herkunft, Alter, Geschlecht oder eine als göttliche Gabe verstandene Fähigkeit definiert ist.
Das Besprechen gehört zur Kategorie der Schutzrituale und Anrufungen.
Das Besprechen setzt das gesprochene Schutzwort als Mittel gegen Krankheit und Unheil ein.
Besprechen bezeichnet das schützende oder heilende Sprechen einer überlieferten Formel über eine Person oder ein Tier. In der deutschsprachigen Volksüberlieferung ist die Praxis vom Mittelalter bis ins frühe 20. Jahrhundert gut dokumentiert. Sie verbindet christliche Elemente, Anrufung von Heiligen oder Gottesnamen, mit vorchristlichen Strukturen, mythologischem Präzedenzfall und Gebietsformel. Nicht jeder gilt als befähigt, sondern besondere Personen wie ältere Frauen, der siebte Sohn oder die Hebamme. Die Formel ist in vielen Überlieferungen geheim und darf nicht laut oder nicht vor Fremden gesprochen werden.
Die Wurzeln des Besprechens reichen tiefer als die christliche Überlieferung. Die Merseburger Zaubersprüche aus dem 10. Jahrhundert, die ältesten erhaltenen deutschsprachigen Zeugnisse dieser Art, zeigen eine Grundstruktur, die als charakteristisch für diese Praxis gilt: ein mythologischer Präzedenzfall, in dem ein Gott oder Heros ein Problem löst, gefolgt von der Formel „So wie das dann geschah, so möge es jetzt geschehen“. Diese Struktur, der sogenannte historiola-Typus, findet sich in Bespreche-Formeln aus ganz Europa, was auf ein hohes Alter und weite Verbreitung hindeutet.
In der christlichen Tradition werden die heidnischen Götternamen durch Jesus, Maria und die Heiligen ersetzt, die Struktur bleibt aber oft erkennbar ähnlich. Die besprechende Person beruft sich darauf, dass Christus eine Wunde geheilt habe, dass Maria das Fieber vom Jesuskind gewandt habe, um dann fortzusetzen: So soll diese Wunde auch heilen, dieses Fieber auch weichen. Das Kirchenrecht hat solche Praktiken wiederholt verurteilt, was für ihre Verbreitung und Hartnäckigkeit spricht.
In der Frühen Neuzeit dokumentieren Hexenprozessakten, medizinische Ratschlagbücher und Diözesanvisitationsprotokolle, dass das Besprechen im Alltag weit verbreitet war. Oft handelte es sich um Frauen, die für ihr Dorf oder ihre Gemeinde bespruchen, also Formeln für Wunden, Erkrankungen von Vieh oder Schäden durch den bösen Blick zur Verfügung hielten. Im 19. Jahrhundert haben Volkskundler in Deutschland, Österreich und der Schweiz umfangreiche Sammlungen solcher Formeln angelegt.
Das Wirkprinzip des Besprechens basiert auf der Vorstellung, dass Sprache, wenn sie korrekt und in der richtigen inneren Haltung geäußert wird, eine ordnende Kraft auf das kosmische Informationsfeld ausübt. Der Schaden, die Einwirkung, das Übel, gilt als etwas, das von außen an eine Person herangetreten ist. Die Formel benennt dieses Übel, erklärt es als fremd und unzugehörig, und weist es zurück.
Die Berufung auf sakrale Autorität ist dabei zentral: Die besprechende Person spricht nicht in eigenem Namen, sondern als Vermittlerin oder Vermittler einer Kraft, die über ihr steht. Das ist der Grund, warum die Praxis in vielen Überlieferungen an eine bestimmte Art von Person gebunden ist: nicht jeder darf oder kann diese Vermittlerfunktion ausfüllen. Wo die persönliche Befähigung fehlt, gilt die Formel als wirkungslos.
Die geheime Weitergabe der Formel, von Frau zu Mann, vom Älteren zum Jüngeren, zu einem bestimmten Zeitpunkt und unter bestimmten Bedingungen, ist ebenfalls ein fester Bestandteil der Überlieferungslogik. Formeln, die öffentlich bekannt sind, gelten in vielen Beschreibungen als verbraucht oder schwächer.
Das Grundprinzip des Besprechens ist nicht auf den deutschsprachigen Raum beschränkt. Verwandte Praktiken lassen sich in nahezu allen europäischen Volksüberlieferungen nachweisen. In Skandinavien heißen die Praktizierenden kloka gubbar oder kloka gummor, weise Männer und weise Frauen. In England ist von „cunning folk“ die Rede, die Bespreche-Formeln aus handschriftlichen Manuskripten zogen. In Russland und im übrigen Slawischen gibt es das sogenannte Scheptanie, das Flüstern heilender Worte, das strukturell eng mit dem deutschen Besprechen verwandt ist.
In Irland und Schottland sind Heilformeln im Gälischen überliefert, sogenannte Ortha oder Eolas, die denselben historiola-Aufbau aufweisen. Eine irische Formel für das Heilen von Verbrennungen beruft sich auf die heilige Brigid, die eine Verletzung heilte, genau wie eine niederdeutsche Formel für dasselbe Problem auf Christus verweist.
Auch außerhalb Europas finden sich strukturell verwandte Praktiken. In Teilen Westafrikas und in der afrokaribischen Tradition sind Formeln bekannt, die über eine erkrankte oder bedrohte Person gesprochen werden und eine schützende oder heilende Kraft bewirken sollen. In einigen Regionen Lateinamerikas hat sich die koloniale Überlagerung von indigenen und christlichen Bespreche-Traditionen erhalten.
Das Besprechen richtet sich in der Überlieferung vor allem gegen Einwirkungen, die von außen auf eine Person eingewirkt haben oder weiter einwirken. Zu den häufigsten dokumentierten Anwendungsbereichen gehören:
Der böse Blick, der in vielen Kulturen als eine durch Neid oder böse Absicht übertragene Kraft verstanden wird, die Krankheit oder Unglück verursacht. Geister und Gespenster, besonders solche, die nach dem Tod einer Person unruhig geblieben sind und Lebende verfolgen oder krank machen. Hexensegen und Schadenszauber, also Einwirkungen, die von einer anderen Person mit böser Absicht ausgeübt wurden. Bestimmte Krankheiten des Menschen und des Viehs, die in der vorindustriellen Welt häufig auf übernatürliche Einwirkung zurückgeführt wurden, darunter Erysipel, Rose, Würmer oder der Alp. Die Alpen und Nachtmahre schließlich, die als Ursache von Schlafstörungen, Erstickungsangst und nächtlichem Erschrecken galten.
In der Überlieferung gilt das Besprechen als an bestimmte Bedingungen geknüpft, die sich je nach Region und Quelle unterscheiden, aber einen gemeinsamen Kern zeigen. Die Formel muss korrekt sein, also vollständig überliefert und unverändert gesprochen. Die besprechende Person muss als befähigt gelten. Das Besprechen soll in der Regel nicht beobachtet werden, oder zumindest soll die Formel selbst nicht hörbar ausgesprochen werden. In einigen Überlieferungen ist eine bestimmte Tageszeit, oft Morgengrauen oder Sonnenuntergang, vorgeschrieben.
Zu den überlieferten Grenzen gehört auch die Vorstellung, dass das Besprechen nicht gegen einen mächtigeren Gegner wirkt. Gegen einen Dämon hoher Stufe reicht eine einfache Heilformel nicht, dort braucht es das vollständige Bannritual. Das Besprechen ist in dieser Logik für alltägliche Einwirkungen zuständig, nicht für außergewöhnliche Fälle.
Es hat eine enge Verwandtschaft zum Bannspruch, unterscheidet sich aber durch seinen Fokus auf die betroffene Person statt auf das einwirkende Wesen. In manchen Überlieferungen werden beide Formen kombiniert: Die Formel bespricht zuerst die Person und verweist dann das Übel.
Verwandte Schlüsselbegriffe: besprechen besprecher gesundbeten heilformel.
Das Besprechen zeigt, wie tief verankert die Idee ist, dass Sprache und Symbol einen schützenden Raum um eine Person schaffen können. Dieser Gedanke, der sich von den Merseburger Zaubersprüchen über mittelalterliche Segensformeln bis in die Volksmedizin des 20. Jahrhunderts zieht, findet einen modernen Ausdruck im iWell Guard: einem Objekt, das Schutzgedanken aus vielen Traditionen bündelt und als getragenes Zeichen die Verbindung zu diesen Überlieferungen hält.
Persönliche Erfahrungen können unterschiedlich sein. Kein Medizinprodukt. Kein Heilversprechen.