Hades ist Gott der griechischen Tradition.
Herrscher der Unterwelt, Bruder von Zeus und Poseidon, unsichtbarer Lenker des Totenreichs. Hades regiert das Reich der Verstorbenen ohne Anspruch auf den Olymp, er teilt mit seinen Bruedern die Welt nach dem Sieg ueber die Titanen, behaelt aber bewusst die Unterwelt. Sein Name war den Griechen so unheimlich, dass man ihn meist mit Umschreibungen bezeichnete: Plouton, der Reiche; Polydegmon, der Vielempfaenger; Eubuleus, der gut Beratende.
Hades ist der bekannteste Unterwelts-Gott Griechenlands.
Typ: Griechische Hauptgottheit, Herrscher der Unterwelt
Pantheon: Griechenland (eine der drei Brüder nach Zeus und Poseidon)
Funktion: Herrscher der Unterwelt, Bewahrer der Toten, Reichtum-Besitzer
Hauptattribute: Tarnkappe (Aidos-Helm), Bidens (Zweizack), Zypressenkranz, Cerberus
Hauptkultorte: Eleusis, Hermione (Argolis), Pylos, Lokroi Epizephyrioi
Römisches Pendant: Pluto / Dis Pater
Hades ist seit Homer (8. Jh. v. Chr.) zentral in der griechischen Mythologie. Sein Name Aides („der Unsichtbare“) ist Tabu, im Volkskult wurde er häufig Plouton („der Reiche“) genannt, ein Euphemismus zur Vermeidung. In Eleusis ist er Persephone-Gemahl in den Mysterien. In hellenistisch-römischer Zeit als Pluto / Dis Pater übernommen, in der christlichen Spätantike als Pluton-Hades Personifikation der Unterwelt beibehalten.
Eigene Hades-Tempel sind selten (sein Name war Tabu). Hauptkultorte: Eleusis (in den Persephone-Mysterien als Plouton verehrt), Hermione (Argolis, Pausanias erwähnt einen besonderen Hades-Kult), Pylos, Lokroi Epizephyrioi. In Eleusis ist die Plutonion-Grotte (sein angeblicher Eingang zur Unterwelt) bis heute zu besichtigen. Römisch in Pompeji und Rom (Iseum-Komplex) verbreitet.
Zentrale Quellen: Hesiod (Theogonie), Homers Ilias und Odyssee (Buch XI, Odysseus’ Nekyia), Homerischer Hymnos an Demeter (Persephone-Raub), Apollodor Bibliothek, Vergil Aeneis Buch VI, Pausanias Beschreibung Griechenlands. Sekundärliteratur: Sourvinou-Inwood, „Reading“ Greek Death; Garland, The Greek Way of Death; Burkert, Griechische Religion.
Griechisch: Ἅιδης (Háidēs), urspruenglich vermutlich „der Unsichtbare“ (zu *a-wid- „nicht sehen“). In klassischer Zeit auch Ἀΐδης (Aïdēs). Beinamen: Plouton (der Reiche, von Plutos „Reichtum“), wegen der unterirdischen Bodenschaetze. Polydegmon (Vielempfaenger), Eubuleus (gut Beratender), Klymenos (der Beruehmte), Agesilaos (Volksfuehrer der Toten). Roemisches Pendant: Pluto (lateinisch Pluto, von gr. Plouton); auch Dis Pater („reicher Vater“) als roemische Eigenform. Etruskisch: Aita. Wichtige Verwandte: Bruder von Zeus und Poseidon, Sohn des Kronos und der Rhea, Gemahl der Persephone (Tochter der Demeter).
Hades wird als reifer, baertiger Mann dargestellt, dem Aeusseren nach Zeus aehnlich, aber meist mit dunklerem, ernsterem Ausdruck. In der Hand traegt er ein Zepter mit Vogelkopf oder einen zweizinkigen Stab. Sein Tarnhelm, Geschenk der Kyklopen, macht ihn unsichtbar; er teilt diesen Helm gelegentlich mit Göttern und Heroen. Sein Wagen wird von vier schwarzen Pferden gezogen. An seiner Seite oder zu seinen Fuessen liegt der dreikoepfige Hoellenhund Kerberos.
Hades ist nicht „der Tod“ selbst, das ist Thanatos. Er ist der Verwalter des Totenreichs, gerecht und unbestechlich, aber unerbittlich. Wer einmal in sein Reich gelangt ist, kommt nur in Ausnahmefaellen wieder heraus (Orpheus, Herakles, Odysseus‘ Nekyia). Im Gegensatz zu seinen olympischen Geschwistern mischt sich Hades selten in irdische Angelegenheiten, die einzige große Ausnahme ist die Entfuehrung der Persephone, die zum Wechsel der Jahreszeiten und zum Eleusinischen Mysterienkult fuehrt.
Hades wird dargestellt als bärtiger, reifer Mann, oft mit einem Zepter oder einer Krone (dem Helm der Unsichtbarkeit, dem Adamant). Seine Farbe ist schwarz oder dunkelblau – die Farbe der Unterwelt. Der Totenkopf, die Krone und der Zweizack sind seine Attribute. Der Hund Kerberos, der dreiköpfige Wächter des Hades-Reichs, ist sein treuer Gefährte. Der Mohn und die Zypresse waren ihm geheiligt. Im Gegensatz zu Zeus‘ Blitzstrahl oder Poseidons Dreizack ist Hades Macht subtiler – unsichtbar, unausweichlich. Die Hölle selbst ist sein Körper; der Hades-Fluss sein Atem.
Die wichtigsten Aspekte von Hades auf einen Blick. Die folgenden Felder fassen Herkunft, Funktion, Erscheinung, Verehrung, Symbole und Parallelen zusammen.
Hades ist Sohn des Kronos und der Rhea, älterer Bruder von Zeus, Poseidon, Hera, Demeter und Hestia. Bei der Aufteilung der Welt nach dem Sieg über die Titanen erhält Zeus den Himmel, Poseidon das Meer, Hades die Unterwelt, durch Los, nicht durch Wahl. Gemahl der Persephone, die er aus der Oberwelt entführt, der zentrale Hades-Mythos. Im Gegensatz zu seinen Brüdern hat er kaum Affairen oder Nachkommen: streng auf seine Domäne beschränkt.
Herrscher der Unterwelt, nicht der Toten-Richter (das ist Minos, Rhadamanthys, Aiakos), sondern der oberste Herr des Reichs. Bewahrer der Toten: aus seinem Reich kehrt niemand zurück, außer durch besondere Götter-Erlaubnis (Orpheus, Herakles, Persephone teilweise). Als Plouton auch Patron des Reichtums, Bodenschätze, Kornkammer-Reserven, mineralische Reichtümer aus der Erde. Im eleusinischen Kult chthonisch-fruchtbarer Aspekt überwiegt.
Reife matronale Mannsgestalt mit dichten Locken und Vollbart, ähnlich Zeus, aber strenger und düsterer. Aidos-Helm (Tarnkappe, geschmiedet von den Kyklopen) als Hauptattribut, macht ihn unsichtbar. Bidens (Zweizack, ähnlich Poseidons Dreizack), Zypressenkranz (Trauer-Symbol), in einigen Darstellungen ein Granatapfel (durch Persephones Bindung). Begleitet vom dreiköpfigen Cerberus-Hund. Im Lokroi-Pinakes häufig thronend mit Persephone an seiner Seite. Hautfarbe oft dunkler als bei Zeus.
Wirkungs-Bereich: Hades wurde direkt eher selten angerufen, sein Name galt als Tabu. Eher angerufen wurden Plouton (Reichtum), Klymenos („der Berühmte“) oder Eubouleus („der gut Beratende“). In Eleusis war er als Plouton zentral. Im persönlichen Kult Anrufung um sicheres Sterben (gnadenvoller Tod). Bei Bestattungen Tieropfer (schwarze Lämmer, Schweine). Beim Schwur wurde er unter dem Beinamen Hades selten angerufen, weil das einen Zorn-Anteil mit einbezog.
Aidos-Helm (Tarnkappe), Bidens (Zweizack), Zypressenkranz, Cerberus (dreiköpfiger Hund), Granatapfel (durch Persephone), Wagen mit schwarzen Pferden, Schlüssel (zur Verriegelung der Unterwelt). Pflanzen: Zypresse, Asphodelos, Mohn, Narzisse (Persephones Blume). Heilige Tiere: schwarze Schafe, Cerberus.
Pluto (Rom, nahezu identische Übernahme), Dis Pater (Rom, frühere römische Form), Yamaraja (Hinduismus, Totenrichter), Yama (Buddhismus), Anubis/Osiris (Ägypten, Toten-Geleit + Toten-König), Hel (Germanisch, Unterweltsherrscherin), Mictlantecuhtli (Aztekisch, Mictlan-Herr), Yanluo (China, Diyu-Herr), Ereshkigal (Mesopotamien, weibliche Unterweltskönigin).
Hades war kein Gott der oeffentlichen Festkultur, sein Name wurde gemieden, Tempel waren selten und meist abgesondert. Im Privatbereich praegte sich seine Praesenz vor allem in zwei Zusammenhaengen aus: in den Bestattungsritualen und in den Mysterienkulten.
Bei Bestattungen erhielt der Verstorbene eine Muenze auf dem Mund (Charons Obolus) als Faehrgeld für Charon, gelegentlich Honigkuchen für Kerberos. Trauerfeiern (Trita, Enata) am dritten und neunten Tag nach dem Tod folgten festen Gebeten an die chthonischen Götter. Familiengraeber waren Orte fortgesetzter Pflege, Totenmahle (Perideipnon) und periodische Spenden hielten den Bezug zu den Verstorbenen lebendig.
Die Eleusinischen Mysterien, in den Hades und Persephone zentrale Rollen spielten, versprachen den Eingeweihten ein besseres Schicksal im Jenseits. Die genauen Riten blieben durch Schweigegebot geheim, doch Hades als Plouton erschien in den Mysterien als gerechter, weniger furchteinfloessender Aspekt seiner selbst.
Roemische Tradition: Pluto (von gr. Plouton uebernommen) und Dis Pater (eigenstaendig roemisch). Die Vermengung mit dem griechischen Hades ist nahtlos. Die Lemuria und Parentalia als Roemisches Aequivalent zu griechischen Toten-Festen.
Etruskische Tradition: Aita (Hades) und seine Gemahlin Phersipnai (Persephone), oft auf etruskischen Sarkophagen und Wandmalereien dargestellt. Die etruskische Unterwelt-Vorstellung beeinflusste die roemische und schimmert in spaeten griechisch-roemischen Bildwerken durch.
Mesopotamische Tradition: Ereshkigal als Herrin der Unterwelt (Kur, Irkalla), nicht männlich, aber funktional vergleichbar. Ihr Gemahl Nergal entspricht dem Hades-Aspekt teils direkter. Das Inanna-Descent-Motiv hat Strukturparallelen zur Persephone-Geschichte.
Aegyptische Tradition: Die Funktion teilt sich zwischen Osiris (Herrscher des Totenreichs als gerechter Richter), Anubis (Geleiter der Seelen) und Hor-em-aha-bait (Totenwaechter). Die griechisch-roemische Spätantike verschmolz Osiris und Hades zum Synkretismus Sarapis.
Hinduistische Tradition: Yamaraja als Herrscher des Totenreichs (Yamaloka), erster Sterblicher, der den Weg ins Jenseits fand. Yamaraja teilt mit Hades die Funktion des gerechten, unbestechlichen Richters; im Gegensatz zu Hades ist er aber nicht dauerhaft im Totenreich, sondern besucht es regelmaessig.
Germanische Tradition: Hel als Tochter Lokis, Herrin des gleichnamigen Totenreichs Helheim. Funktional Hades-aehnlich, aber mit anderem moralischen Akzent: Helheim war der Ort für Verstorbene, die nicht im Kampf gefallen waren, also nicht zwingend ein Strafort.