Duende, der ungebetene Herr des Hauses
Von Ralf Ittermann · zuletzt geprüft am
Der Duende ist ein Geist der spanischen Volksüberlieferung.
Der Poltergeist des Hauses, der Bewohner in die Flucht schlägt. Der Duende, der ungebetene Herr des Hauses, zählt zu den bekanntesten Hausgeistern Spaniens.
Der Duende ist der Hausgeist der spanischen Welt: ein Wesen, das ein Haus bewohnt und für sich beansprucht. Er ist schelmisch bis bösartig-plagend und poltergeistartig; im schlimmsten Fall belästigt er die Bewohner so hartnäckig, dass sie ausziehen.
Bezeugt ist er auf der iberischen Halbinsel, in ganz Hispanoamerika und im Portugiesischen, literarisch ab Spätmittelalter und Früher Neuzeit. Daneben trägt dasselbe Wort heute eine zweite, dominante Bedeutung: el duende als geheimnisvoller Zauber eines Künstlers, besonders im Flamenco.
Typ: Poltergeistartiger Hausgeist, genius loci des Hauses
Herkunft: Iberische und hispanische Folklore, ab Spätmittelalter
Texte: Fuentelapeñas El ente dilucidado (1676), Caro Baroja, RAE
Zeitraum: Spätmittelalter bis Gegenwart
Erscheinung: kleiner alter Mann oder Kind, spitze Ohren, Zipfelhut
Herkunftsraum und Quellen
Zeitraum der Texte
Iberische und hispanische Folklore, literarisch ab Spätmittelalter und Früher Neuzeit fassbar; die erste ausführliche Abhandlung ist Fuentelapeñas El ente dilucidado von 1676.
Verbreitungsraum
Die iberische Halbinsel, ganz Hispanoamerika und Portugal: Der Duende gehört zum gemeinsamen Bestand der spanischsprachigen Welt.
Belegdichte
Gut dokumentiert: die Definitionen der Real Academia Española, die Folklore-Studien Julio Caro Barojas und die frühneuzeitliche Abhandlung Fuentelapeñas.
Name und Varianten
Spanisch: duende. Die Real Academia Española leitet den Namen von duen de casa ab, Herr des Hauses, mit dem Verlust von casa; daneben stehen konkurrierende Vorschläge. Die Etymologie ist damit Standard, aber nicht letztgültig.
Erscheinung und Verhalten
Erscheinung
Nach der RAE hat der Duende die Gestalt eines alten Mannes oder eines Kindes; in der Folklore ist er klein, unter einem Meter, oft mit spitzen Ohren und Zipfelhut. Die Hutfarben Rot und Grün sind eher allgemeine Zwergenikonografie als quellenfest für den iberischen Duende.
Wirkung
Der Duende bewohnt ein Haus und beansprucht es; die RAE nennt ausdrücklich Unordnung und Lärm. Er ist schelmisch bis bösartig-plagend und kann Bewohner in die Flucht schlagen. Ein verwandter Typ ist der Martinico im Franziskanerhabit, der in Speiseschränken lärmt und bei Goya dargestellt ist.
Steckbrief: Duende
Die wichtigsten Aspekte des spanischen Hausgeistes auf einen Blick.
Hausgeist der spanischsprachigen Welt vom Typ des genius loci, bezeugt in Spanien, Hispanoamerika und Portugal.
Das Haus und seine Bewohner: Der Duende beansprucht das Haus als sein eigenes und lässt die Menschen darin seinen Anspruch spüren.
Kleiner alter Mann oder Kind, unter einem Meter, oft mit spitzen Ohren und Zipfelhut; die Hutfarben Rot und Grün sind eher allgemeine Zwergenikonografie.
Unordnung und Lärm im Haus, schelmische bis bösartige Plagen; im Extremfall treibt der Duende die Bewohner zum Auszug.
Religiös-apotropäische Anrufung und der Grundsatz, den Geist nicht zu kränken, nicht an ihm zu zweifeln und ihn nicht zu verspotten.
Der Trasgu in Asturien, der Trasno in Galicien, der Follet in Katalonien und der Iratxo im Baskenland; europäisch stehen Kobold, Brownie und Domovoi daneben.
Vom duen de casa zum Plagegeist der Casa
Die Real Academia Española leitet den Namen von duen de casa ab, Herr des Hauses, mit dem Verlust von casa; daneben stehen konkurrierende Vorschläge, letztgültig geklärt ist die Herkunft nicht. Das Wort trägt damit bereits die Kernidee des Wesens: Der Duende versteht sich als der eigentliche Herr des Hauses, in dem er wohnt.
Bezeugt ist der Duende auf der iberischen Halbinsel, in ganz Hispanoamerika und im Portugiesischen, literarisch ab Spätmittelalter und Früher Neuzeit. Die erste ausführliche Abhandlung ist Fuentelapeñas El ente dilucidado von 1676; im 20. Jahrhundert sammelte und ordnete Julio Caro Baroja die einschlägigen Überlieferungen.
Flamenco, Lorca und die zweite Bedeutung
Eine zweite, heute dominante Bedeutung ist el duende als geheimnisvoller, unaussprechlicher Zauber eines Künstlers, besonders im Flamenco. Federico García Lorca kanonisierte den Begriff 1933 in seinem Vortrag Spiel und Theorie des Duende als dunkle, todesnahe Schöpfungskraft. Dieser Flamenco-Duende ist eine Metaphorisierung desselben Wortes, nicht der Hausgeist.
Religionswissenschaftlich ist der Duende ein Hausgeist vom Typ des genius loci. Drei Klarstellungen sind wichtig: Der Flamenco-Duende ist nicht der Hausgeist, sondern eine übertragene Bedeutung. Die Etymologie ist RAE-Standard mit Nebenthesen, nicht letztgültig. Und die Theorie ausgestorbener Kleinwuchsvölker als Ursprung ist wissenschaftlich verworfen.
Anrufung, Redensart und der letzte Ausweg
Überliefert sind eher folkloristische Motive als ein festes Rezept. Dazu gehören die religiös-apotropäische Anrufung, die Redensart, alle Duendes seien mit der Bulle der Santa Cruzada verschwunden, und der Grundsatz, den Geist nicht zu kränken, nicht an ihm zu zweifeln und ihn nicht zu verspotten. Hilft nichts davon, bleibt der letzte Ausweg der Überlieferung: Die Bewohner ziehen aus und überlassen dem Duende das Haus.
Duendes, Kobolde und ihre Verwandten
Innerspanisch entsprechen dem Duende der Trasgu in Asturien, der Trasno in Galicien, der Follet in Katalonien und der Iratxo im Baskenland. Europäisch stehen der britische Brownie und Hobgoblin, der deutsche Kobold, der slawische Domovoi, der skandinavische Nisse und der französische Lutin daneben, dazu der japanische Zashiki-warashi.
Häufige Fragen zum Duende
Was ist ein Duende?
Ein Hausgeist der spanischen Welt, der ein Haus bewohnt, beansprucht und poltergeistartig plagen kann. Im Extremfall treibt er die Bewohner zum Auszug.
Was hat der Duende mit Flamenco zu tun?
El duende bezeichnet dort den ergreifenden Zauber eines Künstlers, eine übertragene Bedeutung desselben Wortes. Lorca kanonisierte den Begriff 1933; mit dem Hausgeist ist er nicht identisch.
Woher kommt der Name?
Nach der Real Academia Española von duen de casa, Herr des Hauses, mit dem Verlust von casa. Daneben stehen konkurrierende Vorschläge.
Weiterführende Verlinkungen
Weiterlesen:
- Trasgu – der asturische Hauskobold mit dem Loch in der Hand
- Domovoi – der slawische Hausgeist
- Lutin – der französische Verwandte
- Salz, Weihwasser, Eisen – überlieferte Schutzmittel
- Schutz-Kompass – Schutzmittel im Überblick
Literatur (Auswahl)
Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.
Als spanischer Hausgeist steht der Duende zwischen zwei Welten: Er ist der handfeste Kobold der Volksüberlieferung, der Häuser besetzt und Bewohner vertreibt, und zugleich das Wort, mit dem der Flamenco den Zauber der Kunst benennt.





