Onryo und die Rache der Oiwa
Von Ralf Ittermann · zuletzt geprüft am
Onryo ist ein Geist der japanischen Überlieferung.
Der Groll, der über den Tod hinaus Rache sucht.
Onryo ist der rachsüchtige Geist Japans, meist eine im Zorn oder Unrecht gestorbene Frau mit bleicher Haut, langem schwarzem Haar und weißem Totengewand. Er verfolgt die Verantwortlichen für sein Leid, bis die Rache vollzogen ist, und gilt als Kernfigur des japanischen Horrors.
Die Vorstellung ist seit dem 8. Jahrhundert belegt und überschneidet sich mit dem Goryo. Wichtigstes Beispiel ist Oiwa aus dem Kabuki-Stück Yotsuya Kaidan: Durch ein Gift entstellt, stirbt sie und verfolgt als Onryo ihren Mann Iemon und dessen neue Frau mit psychischem Terror statt physischer Gewalt.
Typ: Rachsüchtiger Geist, Kernfigur der japanischen Geisterwelt
Herkunft: Konzept seit dem 8. Jahrhundert belegt, dramatisch verdichtet in der Edo-Zeit
Texte: Kabuki-Stück Tokaido Yotsuya Kaidan (1825) und weitere Überlieferung
Zeitraum: seit dem 8. Jahrhundert bis heute lebendig
Erscheinung: meist eine im Zorn gestorbene Frau mit bleicher Haut, langem schwarzem Haar und weißem Totengewand
Textgeschichte
Zeitraum der Texte
Seit dem 8. Jahrhundert belegt und in der Edo-Zeit dramatisch verdichtet: Das Konzept ist alt, seine bekannteste Ausprägung aber ein Bühnenstoff des 19. Jahrhunderts.
Verbreitungsraum
Landesweit, als zentrale Kategorie der japanischen Geisterwelt. Der Oiwa-Inari-Schrein in Tokyo ist bis heute ein lebendiger Ort der Verehrung.
Quellenlage
Sehr gut: das Kabuki-Stück Tokaido Yotsuya Kaidan von 1825, Lafcadio Hearns Kwaidan von 1904 und die Übersichtswerke Michael Dylan Fosters.
Name und Varianten
Japanisch: on bedeutet Groll, ryo Geist: Onryo heißt wörtlich Grollgeist oder Rachegeist. Der Name benennt damit unmittelbar den Antrieb dieser Gestalt, nicht nur ihre äußere Erscheinung.
Gestalt und Wirken
Erscheinung
Der ikonische Look aus langem schwarzem Haar, weißem Totengewand und entstelltem, teils hängendem Gesicht prägte die visuelle Sprache des japanischen Horrors. Der Onryo symbolisiert das über den Tod hinaus fortwirkende Unrecht und eine weibliche Ohnmacht, die sich postum in Macht verkehrt.
Wirkung
Der Onryo fügt seinen Feinden Schaden zu und kann Wahnsinn, Unglück, Krankheit und Tod bewirken, in Extremfällen wie beim Goryo auch Naturkatastrophen. Die Heimsuchung ist gezielt und hält an, bis der Groll gesühnt ist.
Steckbrief: Onryo
Die wichtigsten Aspekte des Rachegeistes auf einen Blick.
Zentrale Kategorie der japanischen Geisterwelt, seit dem 8. Jahrhundert belegt und in der Edo-Zeit im Kabuki-Theater verdichtet.
Die Verantwortlichen für das erlittene Unrecht und deren Umfeld, denen die Heimsuchung gezielt gilt.
Bleiche Frau mit langem schwarzem Haar, weißem Totengewand und entstelltem Gesicht, wie sie Oiwa in Yotsuya Kaidan prägte.
Wahnsinn, Unglück, Krankheit und Tod bei den Schuldigen, in Extremfällen dem Goryo vergleichbare Naturkatastrophen.
Buddhistische Totenriten, Sutren-Rezitation und Gedenkstätten; für Oiwa besteht bis heute der Oiwa-Inari-Schrein in Tokyo.
Oiwa und der Ursprung der Yotsuya Kaidan
Der Name verbindet on, Groll, und ryo, Geist, zum Grollgeist oder Rachegeist. Die Vorstellung ist seit dem 8. Jahrhundert belegt und überschneidet sich mit dem Goryo. Wichtigstes Beispiel ist Oiwa: Der Stoff geht auf reale Personen des Edo des 17. Jahrhunderts zurück und wurde 1825 von Tsuruya Nanboku IV. im Kabuki-Stück Tokaido Yotsuya Kaidan dramatisiert.
Oiwa wird durch ein Gift entstellt, stirbt und verfolgt als Onryo ihren Mann Iemon und dessen neue Frau, mit psychischem Terror statt physischer Gewalt. An dieser einen Figur zeigt sich das ganze Muster des Typus: ein im Unrecht gestorbener Mensch, dessen Groll ihn an die Welt bindet, bis die Schuldigen zur Rechenschaft gezogen sind.
Von der Kabuki-Bühne zum Weltkino
Der Onryo ist die zentrale Vorlage des japanischen Horrorkinos: Die Figuren Sadako aus Ring und Kayako aus Ju-on übernehmen Oiwas Bildsprache. Über internationale Neuverfilmungen ist der Onryo weltweit einflussreich geworden.
Der Onryo ist der Prototyp des Rachegeists: ein im Unrecht gestorbener Mensch, dessen Groll ihn an die Welt bindet. Er ist eng mit dem Konzept der unversorgten Toten und der Goryo-shinko verwandt, in der Besänftigung an die Stelle der Bekämpfung tritt.
Besänftigung statt Bekämpfung
Quellenfest sind buddhistische Totenriten und die Rezitation von Sutren zur Befriedung der Seele sowie die Errichtung von Gedenkstätten und das regelmäßige Totengedenken. Für Oiwa besteht bis heute der Oiwa-Inari-Schrein in Tokyo, an dem Beteiligte von Yotsuya-Kaidan-Aufführungen um Schutz bitten, ein lebendiger Besänftigungskult. Weihwasser gilt als Zeichen der Reinheit gegen den Grollgeist, Räucherwerk begleitet die Sutren-Rezitation zur Befriedung der Seele, und ein Amulett dient als buddhistischer Schutztalisman. Das Grundprinzip ist, den Groll durch Anerkennung, Riten und Verehrung aufzulösen.
Rachegeister in Japan und anderswo
Onryo, Goryo und Ubume bilden das Kern-Trio der japanischen Rache- und Trauergeister, wobei der Onryo die individuelle Rache, oft einer Frau, verkörpert. In anderen Kulturen entsprechen ihm die griechischen Erinnyen, die vergossenes Blut rächen, die europäische White Lady und die mexikanische La Llorona.
Häufige Fragen zu Onryo
Ist jeder japanische Geist ein Onryo?
Nein, nur die von Groll getriebenen Rachegeister zählen dazu.
Wer ist die berühmteste Onryo?
Oiwa aus dem Kabuki-Stück Yotsuya Kaidan von Tsuruya Nanboku IV.
Wie wird ein Onryo befriedet?
Durch buddhistische Riten, Schreine und regelmäßiges Totengedenken.
Weiterführende Verlinkungen
Literatur (Auswahl)
Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.
Als japanischer Rachegeist gehört der Onryo zu den Yurei der japanischen Überlieferung: Von Oiwas weißem Totengewand bis zu Sadako und Kayako trägt er seinen Groll über den Tod hinaus, bis die Schuldigen zur Rechenschaft gezogen sind.





