Chowaniec, der Aufgezogene mit Seelenpreis
Von Ralf Ittermann · zuletzt geprüft am
Der Chowaniec ist ein Geist der slawischen Tradition.
Aus dem Ei gebrütet, bringt er Reichtum und fordert die Seele. Als Reichtumsgeist des polnischen Hauses fordert der Chowaniec einen hohen Seelenpreis.
Der Chowaniec, auch Hodowaniec, der Aufgezogene, ist ein polnischer Hausgeist und zugleich ein aus dem Ei gebrüteter Reichtumsgeist: Oft aus einem Ei unter der Achsel ausgebrütet, bringt er seinem Halter Reichtum und Glück, doch dessen Seele verfällt.
Damit gehört der Chowaniec zum aitvaras-nahen Reichtumsgeist-Typ, nicht zum wohlwollenden Domovoi-Typ. Seine dämonisierte Ausprägung ist vor allem in den Hexenprozess-Protokollen des 17. und 18. Jahrhunderts bezeugt, wo die Wesen als diabły-chowańce erscheinen.
Typ: Reichtumsgeist mit Seelenpreis, Familiar in Tiergestalt
Herkunft: Polnischer Volksglaube
Texte: Hexenprozess-Protokolle des 17. und 18. Jahrhunderts, Sammlungen von Pełka und Podgórski
Zeitraum: gesamtpolnisch, Schwerpunkt Hexenprozesse 17./18. Jahrhundert
Erscheinung: kleiner Hausgeist oder Familiar in Tiergestalt
Herkunftsraum und Quellen
Zeitraum der Texte
Gesamtpolnisch bezeugt; die dämonisierte Ausprägung stammt vor allem aus den Hexenprozess-Protokollen des 17. und 18. Jahrhunderts.
Verbreitungsraum
Polen: Der Chowaniec gehört zum festen Bestand der polnischen Volksdemonologie, vom Bauernhaus bis in die Prozessakten.
Belegdichte
Gut belegt: die Standardwerke von Pełka und Podgórski sowie Moszyńskis Kultura ludowa Słowian.
Name und Varianten
Polnisch: chowaniec, von chować, aufziehen, hegen und halten, auch verbergen, dialektal hodować, züchten: der Aufgezogene oder Gehaltene. Synonyme sind hodowaniec, inkluz und domownik.
Erscheinung und Verhalten
Erscheinung
Ursprünglich ist der Chowaniec ein kleiner graubärtiger Hausgeist oder Zwerg, teils kükenartig. Später erscheint er als Familiar in Tiergestalt: als schwarze Katze, Hund, Kröte oder Schlange.
Wirkung
Der Chowaniec bringt Wohlstand und holt Geld oder Getreide, oft vom Nachbarn gestohlen. Der Preis ist hoch: Die Seele des Halters verfällt der Hölle. Bei Vernachlässigung wird er bösartig und macht Mensch und Vieh krank.
Steckbrief: Chowaniec
Die wichtigsten Aspekte des polnischen Reichtumsgeistes auf einen Blick.
Polnischer Volksglaube; der Chowaniec gehört zum aitvaras-nahen Reichtumsgeist-Typ, nicht zum wohlwollenden Domovoi-Typ.
Den Halter und seinen Haushalt: Ihm bringt der Chowaniec Reichtum, von ihm fordert er am Ende die Seele.
Kleiner graubärtiger Hausgeist, Zwerg oder kükenartiges Wesen; später ein Familiar als schwarze Katze, Hund, Kröte oder Schlange.
Bringt Wohlstand, Geld und Getreide, oft vom Nachbarn gestohlen; als Gegenleistung verfällt die Seele des Halters der Hölle.
Fütterung mit ungesalzener Kost und Milch hinter dem Ofen; Vernachlässigung macht den Chowaniec bösartig.
Vom Ziehkind zum Teufelsfamiliar der Hexenprozesse
Der Name kommt von chować, aufziehen, hegen und halten, auch verbergen: Der Chowaniec ist der Aufgezogene, ein Wesen, das man sich selbst heranzieht. Das Erwerbsritual ist genau überliefert: Ein znosek, ein dotterloses Zwerg-Ei, teils einer schwarzen Henne, wird neun Tage unter der linken Achsel ausgebrütet, wobei man nicht betet, sich nicht wäscht und sich nicht bekreuzigt.
Die dämonisierte Ausprägung dieser Gestalt ist vor allem in den Hexenprozess-Protokollen des 17. und 18. Jahrhunderts als diabły-chowańce bezeugt. Dahinter liegt eine ältere, mildere Schicht, in der der Chowaniec dem wohlwollenden Hausgeist näherstand; die bekannte Gestalt aber ist der teuflische Familiar der Prozessakten.
Moderne Welle und Einordnung
Der Chowaniec ist fester Teil der aktuellen polnischen Slawentums- und Demonologie-Welle in Blogs und Lexika, ohne ein einzelnes prägendes Werk.
Religionswissenschaftlich ist der Chowaniec kein harmloser Wichtel, sondern ein Reichtumsdämon mit Seelenpreis, der bei Vernachlässigung Mensch und Vieh krank macht. Zwei Klarstellungen sind wichtig: Er ist nicht schlicht der gute Hausgeist, das war die ältere Bedeutung, die bekannte ist der teuflische Familiar. Und der Seelenpreis-Aspekt ist überwiegend christlich-gegenreformatorische Überformung, nicht nachweislich urslawisch.
Fütterung hinter dem Ofen
Der überlieferte Umgang mit dem Chowaniec ist Pflege, nicht Abwehr: Man füttert ihn mit ungesalzener Kost und Milch hinter dem Ofen, denn Vernachlässigung macht ihn bösartig. Salz meidet er, weshalb reine, ungesalzene Gaben zum ambivalenten Umgang gehören. Ehrlich einzuordnen: Ein geordnetes Loswerd-Ritual ist nicht sauber belegt; überliefert sind eher Vernichtungspraktiken gegen die Tiergestalt im Hexen-Kontext.
Aitvaras, Skrzat und die Reichtumsgeister
Der Chowaniec ist sehr eng mit dem litauischen Aitvaras verwandt, mit Ei-Geburt, gestohlenem Reichtum und Seelenpreis. Die ältere Schicht der Überlieferung steht dem Domovoi nahe, doch der bekannte Chowaniec ist eindeutig der aitvaras-Typ. In dieselbe westslawische Familie gehören der polnische Skrzat und der slowakische Škriatok.
Häufige Fragen zum Chowaniec
Was ist ein Chowaniec?
Ein polnischer Hausgeist, der aus einem Ei gebrütet wird, Reichtum bringt und am Ende die Seele fordert.
Wie erwirbt man ihn?
Indem man ein dotterloses Ei neun Tage unter der linken Achsel ausbrütet, ohne zu beten oder sich zu waschen.
Ist er ein guter Hausgeist?
Nein. Der bekannte Chowaniec ist ein teuflischer Reichtumsdämon mit Seelenpreis.
Weiterführende Verlinkungen
Literatur (Auswahl)
Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.
Als polnischer Hausgeist vom aitvaras-Typ und als aus dem Ei gebrüteter Reichtumsgeist steht der Chowaniec für die dunkle Seite des Hausgeist-Glaubens: Wohlstand, der nicht geschenkt, sondern mit der Seele bezahlt wird.





