Nav ist Geist der slawischen Überlieferung.
Totenseelen ungetaufter Kinder als Mädchen oder klagender Vogel.
Nav, auch Nawia, bezeichnet in der slawischen Überlieferung die Totenseelen, vor allem die Seelen ungetaufter oder vor der Zeit gestorbener Kinder. Als Navki und Mavki erscheinen sie als schöne Mädchen oder als klagende schwarze Vögel. Anders als die Vampir-Untoten der slawischen Nachbarschaft sind sie reine Totengeister, keine Blutsauger.
Die Vorstellung ist gemeinslawisch verbreitet: Ostslawisch treten die Geister als Navka und Mavka auf, südslawisch überwiegend in Vogelgestalt. Nach ostslawischem Glauben irrt ein ungetauft gestorbenes Kind sieben Jahre lang umher und bettelt um die Taufe; findet es kein Mitleid, wird es endgültig zu einem dieser Geister.
Typ: Totenseele, vor allem ungetauft oder vorzeitig gestorbener Kinder
Herkunft: Slawischer Volksglaube um Tod, Taufe und das Totenreich unter Veles
Texte: gemeinslawische Überlieferung, grundlegend dargestellt bei Jan Máchal
Zeitraum: gemeinslawisch bis heute
Erscheinung: schöne Mädchen im weißen Hemd oder schwarze, klagende Vögel
Gemeinslawisch: Die Wortwurzel ist urslawisch belegt, der Glaube reicht damit in die gemeinsame Frühzeit der slawischen Völker zurück und ist bis heute in Kunst und Neuheidentum lebendig.
Der gesamte slawische Raum. Ostslawisch erscheint die Vorstellung als Navka und Mavka, südslawisch überwiegend in Vogelgestalt.
Gut: Die Vorstellung ist gemeinslawisch breit belegt, grundlegend dargestellt bei Jan Máchal und eingeordnet bei Perkowski und Ivanits.
Slawisch: Die urslawische Wurzel navь bedeutet tot oder Toter. Nav und Nawia bezeichnen zugleich die Totenseelen und die slawische Unterwelt unter der Obhut des Gottes Veles; Navka und Mavka sind die gebräuchlichen Verkleinerungsformen.
Erscheinung
Die Nav zeigt zwei Hauptbilder: als schöne, halbnackte Mädchen mit langem Haar im weißen Hemd, die nachts auf Baumästen schaukeln, oder, südslawisch, als große schwarze Vögel, die um die Taufe klagen. Das Vogelmotiv verbindet die Gestalt mit der älteren Vorstellung von der Seele als Vogel.
Wirkung
Die Navki locken junge Menschen, indem sie Kinderweinen nachahmen oder lachen, klagen um die versäumte Taufe und bringen teils Schaden. Wer die klagenden Vogel-Navje verspottet oder anpfeift, zieht ihren Zorn auf sich; wer Mitleid zeigt und sie symbolisch tauft, wird zu ihrem Wohltäter. Teils gelten sie auch als wetter- und erntewirksam.
Die wichtigsten Aspekte der slawischen Totenseele auf einen Blick.
Gemeinslawischer Totenseelen-Glaube, ostslawisch als Navka und Mavka, südslawisch in Vogelgestalt bekannt.
Ungetauft oder vorzeitig gestorbene Kinder sowie junge Menschen, die von den Navki angelockt werden.
Schöne Mädchen im weißen Hemd, die auf Baumästen schaukeln, oder, südslawisch, große schwarze klagende Vögel.
Locken, Klagen um die Taufe und teils Schaden; manche Überlieferung schreibt ihnen auch Einfluss auf Wetter und Ernte zu.
Die nachgeholte Taufe erlöst das Kind; vorbeugend gelten korrekte Bestattung, rechtzeitige Taufe und das Vermeiden von Spott.
Der Name führt auf die urslawische Wurzel navь zurück, tot oder Toter. Nav und Nawia bezeichnen im slawischen Glauben zugleich die Totenseelen selbst und das Totenreich, das der Obhut des Gottes Veles untersteht; Navka und Mavka sind die gebräuchlichen Verkleinerungsformen für die einzelnen Geister.
Als Ursprung gelten die Seelen von Kindern, die ungetauft starben, tot geboren oder von der eigenen Mutter getötet wurden. Nach ostslawischer Überlieferung irrt ein solches Kind sieben Jahre lang umher und bettelt um die nachgeholte Taufe; findet es dabei kein Mitleid, wird es endgültig zu einem dieser Geister. Belegt ist die Vorstellung unter anderem in Jan Máchals Darstellung der slawischen Mythologie.
International bekannt wurde die Mavka durch Lesja Ukrajinkas Drama Das Waldlied von 1911 und die ukrainische Animation Mavka von 2023, die verwandte Rusalka durch Dvořáks gleichnamige Oper von 1901. Nav und Nawia sind fester Bestandteil des modernen slawischen Neuheidentums und der Fantasy-Rezeption.
Religionswissenschaftlich ist Nav ein reiner Ausdruck des schlechten Todes ohne Vampir-Blutmotiv: Der vorzeitig, ungetauft oder unrein Gestorbene bleibt im Zwischenreich, weil ihm der rituelle Übergang fehlt. Die Erlösung durch Taufe zeigt die christliche Überformung eines älteren slawischen Totenseelen-Glaubens, in dem Nav das Totenreich unter dem Gott Veles ist.
Anders als bei den Vampir-Untoten steht bei der Nav die rituelle Erlösung im Vordergrund: Die symbolische, nachgeholte Taufe des ungetauft gestorbenen Kindes erlöst den Geist und beendet sein Umherirren. Vorbeugend gelten die korrekte Bestattung und die rechtzeitige Taufe der Kinder als wichtigster Schutz. Im Haus schützte man die Schwelle als Übergang zwischen drinnen und draußen, dazu dienten Salz und Kräuter wie Beifuß aus dem Umfeld der verwandten Rusalka als Abwehr. Verspotten oder Anpfeifen der klagenden Geister sollte unbedingt unterbleiben, denn das zieht ihren Zorn auf sich.
Innerhalb der slawischen Glaubenswelt grenzt sich die Nav deutlich von den Blutsaugern ab: Der Vukodlak der südslawischen und der Upiór der westslawisch-polnischen Überlieferung sind Vampir-Untote mit ausgeprägtem Blutmotiv, während die Nav als reine Totenseele ohne dieses Motiv auskommt. Als weiteres verwandtes Wesen gilt der skandinavische Myling.
Ist die Nav oder Navka ein Vampir?
Nein, sie gilt eher als Totengeist ertrunkener oder ungetaufter Verstorbener und ist mit der Rusalka und der Mavka verwandt, nicht mit den blutsaugenden Untoten.
Warum erscheinen sie als Vögel?
Südslawisch gelten die Navki als schwarze Vögel, die um die Taufe klagen, nach dem alten Motiv von der Seele als Vogel.
Wie erlöst man sie?
Durch die symbolische, nachgeholte Taufe des ungetauft gestorbenen Kindes; das ist die zentrale Erlösungshandlung der Überlieferung.
Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.
Als Nawia bezeichnet der slawische Volksglaube die Totenseele des ungetauften Kindes, den navki totengeist, der zwischen den Welten wandert, bis ihm die versäumte Taufe nachgeholt wird.
Gegen seine Einwirkung nennt die kulturübergreifende Überlieferung diese Schutzmittel:
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