Set ist Gott der ägyptischen Tradition.
Gott des Chaos, der Wüste, des Sturms. Set ist der Herr der Unordnung, des Sandwinds und der wilden Kraft, die alle geordnete Welt bedroht. Mit Eselskopf oder tierischer Hybrid-Gestalt verkörpert er die zerstörerische Energie, die notwendig ist, um Altes zu brechen und Neues zu ermöglichen. Im alten Ägypten war Set nicht einfach «böse», vielmehr ambivalent, gefürchtet und gebraucht zugleich, besonders als Schutzgott der Pharaonen gegen fremde Mächte.
Set ist ein ägyptischer Gott des Chaos, der Wüste und der Stürme.
Typ: Ägyptische Hauptgottheit, Chaos-, Wüsten- und Sturmgott
Pantheon: Ägypten (alle Dynastien, ambivalent rezipiert)
Funktion: Wüste, fremde Länder, Sturm, Chaos, aber auch Schützer Re’s vor Apophis
Hauptattribute: Set-Tier (unidentifiziertes mythisches Tier), Was-Zepter mit gegabeltem Spitze
Hauptkultorte: Naqada, Ombos (Nubt), Avaris (Hyksos-Hauptstadt)
Griechische Identifikation: Typhon
Set ist seit der prädynastischen Zeit (vor 3000 v. Chr.) belegt. In den Pyramidentexten noch ambivalent, Brüder-Mythos mit Osiris/Horus dominiert die literarische Überlieferung. Die Hyksos-Eroberung (15.–17. Dyn.) führt zu einer Aufwertung Sets als Hauptgott der Hyksos-Hauptstadt Avaris. In der Spätzeit zunehmende Dämonisierung, Set wird zur reinen Antagonistenfigur. Plutarch identifiziert ihn mit Typhon.
Hauptkultorte: Naqada und Ombos (Nubt) in Oberägypten, die berühmtesten frühen Set-Heiligtümer. Avaris (heute Tell el-Daba) als Hyksos-Hauptstadt (15.–17. Dynastie). Verehrt zudem in der Oase Dachla, Bahariya und an den Ostgrenzen. Mit der Spätzeit-Dämonisierung Schrumpfung der Kultstätten.
Zentrale Quellen: die Pyramidentexte (Spr. 477), die Geschichte vom Streit zwischen Horus und Seth (Chester-Beatty-Papyrus I, Neues Reich), die Apophis-Beschwörung (Set als Schützer Re’s), Plutarchs De Iside et Osiride (späte dämonisierte Form). Sekundärliteratur: Te Velde, Seth, God of Confusion (Standardwerk); Bonnet, Reallexikon; Wilkinson, Complete Gods and Goddesses.
Set wird mit dem Kopf eines unbekannten, eselsähnlichen Tieres (möglicherweise Oricterope oder Greifvogel-Hybrid) oder einem roten, gespaltenen Körper dargestellt. Seine Krone ist die Tescht, zwei hohe Federn oder Hörner. Er trägt Waffen, Lanze, Messer, manchmal einen Blitzstrahl. Seine Farbe ist Rot oder Schwarz, Symbol der Gefahr und des Außerordentlichen. In Papyri wird er oft als behaartes, wildes Wesen gezeigt, das von normalen Göttern unterschieden ist.
Set war ursprünglich Protektor der Pharaonen gegen die Apophis-Schlange (das Chaos jenseits der Ordnung). Er kämpfte täglich an Ras Seite gegen die Dunkelheit. Doch mit der Osiris-Osiris-Mythologie wurde seine Ambivalenz schärfer: Bruder gegen Bruder, Mörder gegen Rächer (Horus). In Tempeln des Neuen Reichs wurde er noch als Krieger- und Pestgott verehrt, aber die theologische Tendenz neigte zur Verdammung. Ramses II. trug seinen Namen als Ehre; spätere Herrschern ließen Reliefs mit seinem Namen auslöschen.
Die wichtigsten Aspekte von Set auf einen Blick. Die folgenden Felder fassen Herkunft, Funktion, Erscheinung, Verehrung, Symbole und Parallelen zusammen.
Set ist Sohn des Geb (Erdgott) und der Nut (Himmelsgöttin), Bruder von Osiris, Isis und Nephthys. Im zentralen Mythos tötet er Osiris (aus Eifersucht auf das ägyptische Königtum) und zerstückelt seinen Körper, auslösender Konflikt des gesamten Osiris-Mythos. Später kämpft er gegen seinen Neffen Horus um die Erbfolge und unterliegt nach langem Streit.
Doppelfunktion: Sturm-, Wüsten- und Chaos-Gott (Dämonisierung) UND Beschützer Re’s vor der Chaosschlange Apophis (ursprüngliche Funktion, in der Sonnenbarken-Mythologie verankert). Patron der fremden Länder und ihrer Sprachen, Schutzgott der Sturm-Gewitter und der unfruchtbaren Wüste. Auf der Hauspraxis-Ebene Beschützer vor Schlangen und Skorpionen.
Anthropomorph mit Kopf des Set-Tiers, einer mythischen Tiergestalt, die nicht eindeutig zu identifizieren ist (eselähnlich? hundeartig? oryx-artig?). Auch reines Set-Tier ohne Mensch-Körper. Hautfarbe rot oder rosa (Wüste, Chaos). Häufig mit Was-Zepter, dessen Spitze gegabelt ist (charakteristisches Set-Symbol). In der Spätzeit zunehmend mit menschlichen Merkmalen entstellt zur Dämonisierung.
Wirkungs-Bereich: Set wurde im Hyksos-Avaris als Hauptgöttin verehrt. In der ramessidischen Zeit pflegten Könige eine besondere Verbindung, Sethos I. und Sethos II. tragen seinen Namen. Schiffer und Reisende riefen ihn als Sturmgott an. In der persönlichen Praxis als Schutz gegen Wüsten-Dämonen und Skorpione. Mit der Spätzeit-Dämonisierung gerichtete Verfluchungs-Riten gegen ihn (Apophis-Riten umgewandelt).
Set-Tier (mythische Tiergestalt), Esel-/Hundeschnauze, gegabeltes Was-Zepter, rot-rosa Hautfarbe, Sturm und Wüste, Sandstein. In später Dämonisierung: Schlange (mit Apophis identifiziert), schwarze Schweine, Schmutz. Geöffnete Hände mit Klauen.
Typhon (Griechenland, Plutarchs Identifikation), Loki (Germanisch, tricksterischer Bruder-Antagonist), Kronos (Titan, der seinen Vater entmannt), Mara (Buddhismus, Versucher und Antagonist), Ahriman (Zoroastrismus, kosmischer Gegenspieler). Indogermanische Wurzel im Drachen-Töter-Motiv (Indra-Vritra, Thor-Jormungand) hat eine Spiegelung im Set-Apophis-Verhältnis.
Abwehr im Alltag
Rituale und Anrufungen
Apotropäische Praktiken und Schutzrituale in der Volksfrömmigkeit: Räucherwerk, Libationen, Votiv-Gaben. Archäologische Befunde auf Tontafeln (Ägypten: Kyphi-Rezepte aus Edfu; Griechenland: Defixiones aus Athen; Vodou: Drumming-Rhythmen und Lwa-Anrufung). Historische Zeugnisse zeigen rituelle Kontinuität über Jahrtausende.
Textüberlieferung und Formeln
Schriftliche Überlieferung: Pyramidentexte (Ägypten), Vedische Hymnen (Hinduismus), Psalmen und Magische Papyri (Judentum/Christentum), Qu’ran-Verse (Islam), Übertragene Formeln in Mündlichkeit. Rhythmische Anrufungen, Göttinnamen-Zyklus, magische Sigillen und phonetische Kraft (Mantra-Prinzip).
Materielle Apotropäika und archäologische Belege
Physische Objekte: Skarabäen-Siegel (Ägypten), Bes-Plaketten, Wedjat-Auge, Evil-Eye-Amulette (Mittelmeerraum), Vèvè-Erdzeichen (Vodou), Runen-Talismane (Germanisch). Inschriften auf Amulett-Trägern, Schutz durch Material (Elfenbein, Hämatit, Lapis Lazuli) und kultisches Design. Museum-Kataloge und Grabungsberichte dokumentieren Alltags-Apotropäika aus 3000+ Jahren.