Aitvaras, der feurige Bringer fremden Gutes
Von Ralf Ittermann · zuletzt geprüft am
Der Aitvaras ist ein Geist der baltischen Tradition.
Der Feuerdrache, der gestohlenes Gut ins Haus bringt. Als Bringer fremden Gutes zählt der Aitvaras zu den zwiespältigsten Hausgeistern der baltischen Überlieferung.
Der Aitvaras ist der feurige Reichtums-Hausgeist der Litauer: ein fliegender Feuerdrache, der seinem Besitzer Getreide, Milch und Geld bringt, allesamt von den Nachbarn gestohlen. Er ist moralisch ambivalent und oft an einen Seelenpreis gebunden.
Erstmals erwähnt wird er 1547 im Katechismus des Martynas Mažvydas, dem ersten gedruckten litauischen Buch; die Belege reichen vom 16. bis ins 20. Jahrhundert. Draußen zieht er als Feuerschlange mit feurigem Schweif wie ein Meteor über den Himmel, im Haus erscheint er meist als schwarzer Hahn.
Typ: Feuriger Reichtums-Hausgeist mit Seelenpreis
Herkunft: Baltischer Volksglaube, Belege ab 1547
Texte: Katechismus des Mažvydas, Folklorebelege bis ins 20. Jahrhundert
Zeitraum: 16. bis 20. Jahrhundert
Erscheinung: fliegender Feuerdrache, im Haus schwarzer oder weißer Hahn
Herkunftsraum und Quellen
Zeitraum der Texte
Baltischer Volksglaube mit Erstbeleg 1547 bei Mažvydas; die Überlieferung ist vom 16. bis ins 20. Jahrhundert dokumentiert.
Verbreitungsraum
Litauen, Lettland und Altpreußen: der baltische Kulturraum, in dem der feurige Hausgeist über den Höfen gesichtet wurde.
Belegdichte
Gut belegt: ab dem Katechismus des Mažvydas von 1547, dazu die Studien von Greimas, Vėlius und Gimbutas.
Name und Varianten
Litauisch: aitvaras. Die Etymologie ist umstritten; diskutiert werden eine Verbindung zu schneller Bewegung, ein iranisches Lehnwort und eine Herleitung aus polnisch poczwara, Nachtmahr. Eine sichere Deutung des Namens gibt es nicht.
Erscheinung und Verhalten
Erscheinung
Der Aitvaras ist wechselgestaltig. Draußen fliegt er als feuriger Drache oder Feuerschlange mit feurigem Schweif wie ein Meteor durch den Himmel; im Haus erscheint er meist als schwarzer oder weißer Hahn. Stirbt er, zerfällt er zu einem Funken.
Wirkung
Er bringt Getreide, Flachs, Milch, Geld, Gold und Silber, die er von reichen oder geizigen Nachbarn stiehlt. Er begünstigt eher nicht-gierige Menschen, kann aber auch strafen, Brände legen und als Wirbelwind Ernten zerstören.
Steckbrief: Aitvaras
Die wichtigsten Aspekte des Feuerdrachen auf einen Blick.
Feuriger Reichtumsgeist des baltischen Volksglaubens, bezeugt ab 1547 und nach der Christianisierung zunehmend dämonisiert.
Den Halter und seinen Haushalt: Der Aitvaras trägt Getreide, Milch und Geld herbei, alles auf Kosten der Nachbarn.
Am Himmel ein feuriger Drache mit meteorartigem Schweif, im Haus ein schwarzer oder weißer Hahn; im Tod ein zerfallender Funke.
Reichtum durch Diebstahl, aber auch Strafe: Er kann Brände legen und als Wirbelwind ganze Ernten vernichten.
Fütterung mit Rührei, Milch und Honig; loswerden lässt er sich kaum, überliefert sind Töten und rituelles Weitergeben.
Praktisch identisch mit dem lettischen pūkis, verwandt mit Drak, Škriatok und kratt; anders als der gutartige Kaukas ambivalent und diebisch.
Vom Hahnenei zum Seelenpreis
Die Herkunft des Namens bleibt offen: Diskutiert werden eine Verbindung zu schneller Bewegung, ein iranisches Lehnwort und eine Herleitung aus polnisch poczwara, Nachtmahr. Fassbar wird der Aitvaras 1547 im Katechismus des Martynas Mažvydas, dem ersten gedruckten litauischen Buch, und die Belege reichen von dort bis ins 20. Jahrhundert.
Zentral ist der Erwerb: Man brütet das Ei eines sehr alten Hahns unter der Achsel aus, oder man kauft den Aitvaras vom Teufel, im Tausch gegen die eigene Seele. Damit ist der Wohlstand, den er bringt, doppelt belastet: Er ist gestohlen, und er hat einen Preis, der über das Leben hinausreicht.
Nationalsymbol und Einordnung
Der Aitvaras ist ein Nationalsymbol der litauischen Folklore und Namensgeber für Vereine, Mannschaften und Marken; auch im baltischen Neuheidentum ist er präsent.
Religionswissenschaftlich ist er ein feuriger, ambivalenter Reichtumsgeist mit Seelenpreis. Drei Klarstellungen sind wichtig: Nach der Christianisierung wurde er zunehmend dämonisiert. Die litauischen Kernquellen sprechen vom Ei eines alten Hahns, nicht einer schwarzen Henne; das Hennen-Motiv gehört zum ungarischen lidérc. Und seine Etymologie bleibt offen.
Fütterung, Abwehr und der Rockzipfel-Trick
Der Aitvaras muss gefüttert werden und bevorzugt Rührei, daneben Milch und Honig. Ihn loszuwerden ist schwierig, da er sich weigert zu gehen; überliefert sind das Töten und das rituelle Weitergeben an einen neuen Halter. Wer ihm das Diebesgut abjagen will, heftet der Erzählung nach rückhändig mit dem Messer seinen Rockzipfel an den Boden, ohne sich dabei umzusehen.
Feurige Verwandte in Ost und West
Der Aitvaras ist praktisch identisch mit dem lettischen pūkis, der den ersten Bissen jeder Mahlzeit erhält, und verwandt mit dem deutschen Drak, dem slowakischen Škriatok und dem estnischen kratt. Innerhalb Litauens bildet er das Gegenstück zum gutartigen Kaukas: Der eine ist luftig, feurig und diebisch, der andere chthonisch und mild. Auch die heilige Hausschlange Žaltys gehört zu den baltischen Bringern des Haussegens.
Häufige Fragen zum Aitvaras
Was ist ein Aitvaras?
Der feurige Reichtums-Hausgeist der Litauer: ein fliegender Feuerdrache, der seinem Halter gestohlenes Gut bringt, von Getreide bis Geld.
Wie erwirbt man ihn?
Indem man das Ei eines sehr alten Hahns unter der Achsel ausbrütet oder ihn vom Teufel kauft, im Tausch gegen die eigene Seele.
Ist er gutartig?
Nein. Er ist ambivalent und diebisch, kann strafen, Brände legen und Ernten zerstören, im Gegensatz zum durchweg gutartigen Kaukas.
Weiterführende Verlinkungen
Literatur (Auswahl)
Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.
Als litauischer Reichtumsgeist und Feuerdrache zugleich verkörpert der Aitvaras die dunkle Seite des Haussegens: Wohlstand, der gestohlen ist, und ein Bündnis, das mit der eigenen Seele bezahlt wird.





