Nasnas, der halbierte Mensch der Einöden
Von Ralf Ittermann · zuletzt geprüft am
Der Nasnas ist ein Dämon der arabischen Tradition.
Der halbe Mensch, der auf einem Bein durch die Einöde hüpft. Der Steckbrief verortet den Nasnas als halbierten Menschen der arabischen Wüste.
Der Nasnas ist ein halbmenschlicher Wüstendämon der klassischen arabischen Überlieferung: ein der Länge nach halbierter Mensch mit einem Arm, einem Bein und einem halben Gesicht, der auf seinem einen Bein hüpft und Reisende in den Einöden bedroht.
Verortet ist er vor allem im Hadramaut und Jemen sowie auf den Inseln des Indischen Ozeans, mit literarischer Fixierung im 13. und 14. Jahrhundert. Anders als viele Randgestalten der Djinn-Welt ist er gut bezeugt, bei al-Qazwini ebenso wie bei Edward Lane.
Typ: Halbmenschlicher Wüstendämon, niedere körperliche Djinn-Klasse
Herkunft: Klassische arabische Überlieferung, Hadramaut und Jemen
Texte: al-Qazwini, al-Damiri, Edward Lane
Zeitraum: klassisch-arabisch, 13. bis 14. Jahrhundert
Erscheinung: der Länge nach halbierter Mensch mit einem Arm und einem Bein
Herkunftsraum und Quellen
Zeitraum der Texte
Klassisch-arabisch mit literarischer Fixierung im 13. und 14. Jahrhundert, unter anderem bei al-Qazwini und al-Damiri.
Verbreitungsraum
Hadramaut und Jemen, dazu die Inseln des Indischen Ozeans: die Einöden und Randzonen der arabischen Welt.
Belegdichte
Gut: al-Qazwini und Lane beschreiben den Nasnas ausführlich, al-Damiri führt ihn in seinem Tierlexikon.
Name und Varianten
Arabisch: nasnas, Plural nasanis, meist zum Stamm um n-s und Mensch gestellt, passend zur Deutung als Halb- oder Fast-Mensch. Wichtig ist die Doppelbedeutung: Nasnas bezeichnet im Arabischen sowohl den mythischen halbierten Dämon als auch zoologisch eine Affenart, was erklärt, warum al-Damiri ihn in seinem Tierlexikon führt.
Erscheinung und Verhalten
Erscheinung
Nach Edward Lane ist der Nasnas ein halber Mensch: halber Kopf, halber Körper, ein Arm und ein Bein, mit dem er behände hüpft. Regionale Varianten zeigen den Kopf im Brustkorb oder geben ihm Fledermausflügel.
Wirkung
Der Nasnas ist eine Gefahr für Reisende in Einöden: Er tarnt sich, lockt oder erschlägt Wanderer. Im Hadramaut gibt es eine Motivumkehr, dort galt der Nasnas selbst als jagdbar und essbar. Die Erzählung von den schwatzhaften Nasnas im Baum, die sich durch Reden verraten, illustriert seine halbe Intelligenz.
Steckbrief: Nasnas
Die wichtigsten Aspekte des halben Menschen auf einen Blick.
Niedere, körperliche Djinn-Klasse der klassischen arabischen Überlieferung, zugehörig zum Motivkreis der halbierten Monopoden-Dämonen.
Wanderer und Reisende in den Einöden des Hadramaut, Jemens und der Inseln des Indischen Ozeans.
Der Länge nach halbierter Mensch: halber Kopf, halber Körper, ein Arm, ein Bein; regional mit Kopf im Brustkorb oder Fledermausflügeln.
Bedrohung der Wanderer: Er tarnt sich, lockt und erschlägt; im Hadramaut kehrt sich das Motiv um, dort wird er selbst gejagt.
Kein festes apotropäisches Repertoire überliefert; der Schutz liegt erzähllogisch im Überlisten oder, im Hadramaut, im Jagen.
Vom Tierlexikon zur Djinn-Zoologie
Nasnas, Plural nasanis, wird meist zum Stamm um n-s und Mensch gestellt, passend zu Halb- oder Fast-Mensch. Die Doppelbedeutung ist dabei wesentlich: Das Wort bezeichnet sowohl den mythischen halbierten Dämon als auch zoologisch eine Affenart, weshalb al-Damiri ihn in seinem Tierlexikon führt. Klassisch verortet ist der Nasnas vor allem im Hadramaut und Jemen, mit literarischer Fixierung im 13. und 14. Jahrhundert.
Auch seine Herkunft hat die Überlieferung geregelt: Die verbreitetste Erklärung macht ihn zum Nachkommen eines Menschen und eines Shiqq, der selbst ein halber Dämon ist. Alternativ gilt er als gestrafter Rest des Stammes Ad. Beide Deutungen erklären dasselbe: warum dieses Wesen halb Mensch ist und halb etwas anderes.
Von Borges bis zur Koranexegese
Der Nasnas steht nicht im Koran; in schiitischen Quellen erscheint er dagegen im Kontext von Sure 2,30 als präadamitisches Wesen, der akademisch interessanteste Punkt seiner Rezeption. Jorge Luis Borges nahm ihn in sein Buch der imaginären Wesen auf.
Religionswissenschaftlich gehört der Nasnas zum Motivkreis der halbierten Monopoden-Dämonen. Drei Klarstellungen sind festzuhalten: Die pauschale Gleichsetzung mit einem Zombie unter Übergehung der Affen-Bedeutung ist irreführend. Die Doppelbedeutung als Dämon und Affe ist wesentlich. Und er ist als Nachkomme eines Shiqq und eines Menschen gedeutet.
Überlisten statt Beschwören
Ein festes apotropäisches Repertoire gegen den Nasnas ist in den Quellen nicht überliefert. Der Schutz liegt erzähllogisch im Überlisten: Wer den halben Menschen durchschaut, entgeht ihm. Im Hadramaut kehrt sich das Verhältnis sogar um, dort galt der Nasnas als jagdbar und essbar, und die Erzählung von den schwatzhaften Nasnas im Baum zeigt, wie sie sich durch ihr Reden selbst verraten. Der Mensch ist hier nicht nur Opfer, sondern auch Jäger.
Halbe Wesen: der Shiqq und die Monopoden
Der Nasnas ist eine niedere, körperliche Djinn-Klasse. Die verbreitetste Herkunftserklärung macht ihn zum Nachkommen eines Menschen und eines Shiqq, der selbst ein halber Dämon ist; alternativ gilt er als gestrafter Rest des Stammes Ad. Unter den Wüstengefahren steht er neben dem Ghaddar und dem Dulhath, und übergreifend gehört er in die Welt der Jinn, deren körperlichste Randgestalt er ist.
Häufige Fragen zum Nasnas
Was ist ein Nasnas?
Ein der Länge nach halbierter Wüstendämon mit einem Arm, einem Bein und einem halben Gesicht, der auf einem Bein hüpft und Reisende in den Einöden bedroht.
Hat das Wort noch eine Bedeutung?
Ja. Nasnas bezeichnet zoologisch auch eine Affenart, weshalb al-Damiri ihn in seinem Tierlexikon führt. Diese Doppelbedeutung ist für das Verständnis wesentlich.
Wie entsteht der Nasnas?
Nach der verbreitetsten Erklärung als Nachkomme eines Menschen und eines Shiqq, der selbst ein halber Dämon ist; alternativ gilt er als gestrafter Rest des Stammes Ad.
Weiterführende Verlinkungen
Weiterlesen:
- Islam – alle Wesen der islamischen Glaubenswelt
- Shiqq – der halbe Dämon, der als sein Vater gilt
- Ghaddar, Dulhath – weitere Wüstendämonen der Reisewege
- Eisen, Amulett, Weihwasser – überlieferte Schutzmittel
- Schutz-Kompass – Schutzmittel im Überblick
Literatur (Auswahl)
Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.
Als Halbmensch-Dämon und Monopode verkörpert der Nasnas die halbierte Ordnung der Einöde: ein Wesen, dem buchstäblich die Hälfte fehlt, und das gerade darin seine unheimliche Vollständigkeit hat.





