Die Rainbow Serpent (engl. „Regenbogenschlange“, in einzelnen Sprachen auch Wanambi, Galeru, Ngalyod, Yurlungur) ist eine der weitestverbreiteten und ältesten Schöpfungsfiguren der australischen Aboriginal-Religionen.
Die Regenbogenschlange ist die zentrale Schöpferin in den australischen Aboriginal-Traditionen.
Die Rainbow Serpent ist in nahezu allen Aboriginal-Sprachgruppen Australiens belegt, mit lokal unterschiedlichen Namen: Ngalyod in Arnhem Land (Kunwinjku), Yurlungur in Yolŋu, Wanambi in der westlichen Wüste, Galeru bei den Yorubareke, Wagyl im Südwesten (Noongar).
Trotz dieser sprachlichen Vielfalt teilen die Vorstellungen gemeinsame Strukturmerkmale: Schlange als Form, Wasser als Element, Regenbogen als Erscheinung, Schöpfungsmacht als Funktion.
Der Begriff „Rainbow Serpent“ wurde 1926 vom Anthropologen A. R. Radcliffe-Brown als wissenschaftliche Sammelbezeichnung eingeführt. Tony Swain hat in A Place for Strangers (Cambridge 1993) gewarnt, diese Sammelbezeichnung nicht mit einer einheitlichen Aboriginal-Gottheit zu verwechseln; vielmehr handelt es sich um eine Familie verwandter, aber lokal eigenständiger Wesen.
Innerhalb der Aboriginal-Tradition ist die Rainbow Serpent eine der ältesten religiösen Vorstellungen Australiens überhaupt.
Felsbilder, die sie zeigen, sind in Arnhem Land auf bis zu 6000 Jahre datiert; einige Forscher (Paul Taçon, Christopher Chippindale) datieren sie sogar bis zu 8000 Jahre zurück, was die Rainbow Serpent zur möglicherweise ältesten kontinuierlich belegten religiösen Figur der Welt macht.
Eine einheitliche Etymologie ist bei der sprachlichen Vielfalt nicht möglich. Die wichtigsten regionalen Namen sind: Ngalyod (Kunwinjku, Arnhem Land West), Almudj (Mayali), Yurlungur (Yolŋu, Arnhem Land East), Wititj (Yolŋu, weibliche Variante), Wanambi (Pitjantjatjara, Western Desert), Galeru (Wuradjeri), Wagyl (Noongar, Westaustralien), Bolung (Jawoyn).
In den Yolŋu-Versionen ist die Rainbow Serpent doppelt: Yurlungur als männlicher Aspekt, Wititj als weiblicher; beide gehören zu den Wagilag-Schwestern-Erzählungen. Diese Geschlechter-Doppelheit ist religionsphänomenologisch wichtig und unterscheidet die Yolŋu-Tradition von vielen anderen Aboriginal-Gruppen.
Howard Morphy hat in Aboriginal Art (Phaidon 1998) die linguistische Vielfalt mit der ikonographischen Vielfalt verbunden: Jede Sprachgruppe hat eigene Darstellungskonventionen, die mit den lokalen Sprachversionen korrespondieren.
Die Rainbow Serpent erscheint in der Aboriginal-Kunst in einer Vielzahl von Formen, die jeweils auf bestimmte regionale Traditionen verweisen. Die häufigste Form ist eine lange, vielfarbige Schlange mit Kopfflossen oder Hörnern; oft sind Krokodil-, Kängruh- oder Vogelelemente eingeflochten. Die Bemalung folgt dem regionalen Stil, etwa dem rarrk-Schraffur in West-Arnhem-Land oder dem Punkt-Stil im Zentralaustralien.
Sie wohnt in tiefen Wasserlöchern (billabongs), die als ihre Aufenthaltsorte gelten und auf den traditionellen Karten genau verzeichnet sind. Solche Wasserlöcher sind heilige Plätze und unterliegen strikten Tabus; sie zu entweihen gilt als Auslöser von Unwettern, Krankheiten oder dem Verlassen des Wasserlochs durch die Schlange.
Die ältesten erhaltenen Darstellungen sind die Felsbilder am Mount Brockman, Cadell, Ubirr und Nourlangie in Kakadu sowie am Wallaroo-Plateau. Paul Taçon und Christopher Chippindale haben diese Bilder in Australian Archaeology (1998) chronologisch eingeordnet.
Die wichtigste Erzählung ist die der Wagilag-Schwestern (Yolŋu, Arnhem Land): Zwei Schwestern wandern auf der Suche nach Nahrung; sie verletzen ein Wasserloch-Tabu, indem sie es kontaminieren; Yurlungur, die Rainbow Serpent, taucht auf, verschlingt sie, würgt sie wieder aus und etabliert dadurch die zentralen Yolŋu-Initiationsriten.
W. Lloyd Warner hat diese Erzählung in A Black Civilization (1937) erstmals systematisch dokumentiert.
In der Kunwinjku-Tradition (West-Arnhem-Land) erzählt man von Ngalyod, der die Landschaft formt, indem sie in der Dreaming-Zeit durch das Gebiet kriecht und mit ihrem Körper Flüsse, Berge und Wasserlöcher hinterlässt. Diese Schöpfungsmythik ist ein klassisches Beispiel der Aboriginal-Topographie: Landschaft als materielles Ergebnis mythischer Bewegung.
Bei den Noongar (Südwest-Westaustralien) erzählt man, wie Wagyl von den Bergen herunterkroch und den Swan River formte, der heute durch Perth fließt. Diese Erzählung ist im Stadt-Aboriginal-Kontext weiterhin lebendig und wird in offiziellen Tourismus-Materialien aufgegriffen.
Die Rainbow Serpent steht im Zentrum mehrerer Initiationskomplexe. Der wichtigste ist der Yolŋu-Wagilag-Komplex, in dem junge Männer in die ersten Geheimnisse der Stammesreligion eingeweiht werden, mit Gesängen, Tänzen und Körperbemalungen, die die Schlangen-Erzählung performativ nachvollziehen. Ronald M. Berndt hat diesen Komplex in Kunapipi (1951) detailliert beschrieben.
In der Kunwinjku-Tradition ist die Rainbow Serpent Teil des mardayin-Komplexes, der hochgeheimen Männerinitiationen. Eintritt in diese Geheimnisse erfolgt graduell über mehrere Lebensjahre.
In der Volkspraxis wird die Rainbow Serpent vor jeder Querung eines Wasserlochs „benachrichtigt“: ein leiser Anruf, ein Streichen von Sand auf die Stirn, manchmal das Werfen einer Hand Steinen ins Wasser. Diese alltägliche Höflichkeit gehört zur kontinuierlich lebendigen Aboriginal-Religion.
Religionswissenschaftlich beschrieben: Apotropäische Praktiken im Rainbow-Serpent-Komplex zielen weniger auf Abwehr von Schaden als auf das Bewahren der Reinheit heiliger Orte. Verboten ist es, in heilige Wasserlöcher zu spucken, Menschenkot oder Müll ins Wasser zu werfen, die Wasserstelle in der falschen Jahreszeit zu nutzen, ohne Erlaubnis der Stammesältesten zu nähern.
Der Bruch dieser Tabus gilt, innerhalb der Tradition, als Auslöser von Stürmen, Überschwemmungen und Krankheiten. Eine bekannte Anekdote: Als 1953 ein Bagger im Auftrag von Perth-Behörden den Swan River begradigen wollte, protestierten die Noongar-Ältesten mit dem Verweis auf Wagyl. Der Plan wurde später aufgegeben.
In der ethnographischen Außenperspektive sind diese Praktiken alltagsstrukturierende Regeln, die ökologische Vorsicht und sozialen Respekt ineinander verschränken. Deborah Bird Rose hat in Dingo Makes Us Human (1992) diese Verschränkung als „Ländlichkeitsreligion“ beschrieben.
Schlangen-Schöpferinnen sind ein religionsphänomenologisch breit belegtes Motiv. Strukturell vergleichbar sind: Quetzalcoatl in Mesoamerika, die Naga-Schlangen in Hinduismus und Buddhismus, die griechische Echidna, die nordische Midgardschlange, die ägyptische Wadjet, die persische Azhi Dahaka. In Polynesien gibt es die Tangaroa-Schlangen-Aspekte.
Trotz dieser breiten Parallelen ist die Rainbow Serpent religionsgeschichtlich einzigartig durch ihr hohes Alter, ihre kontinuierliche Bezeugung (Felsbilder seit dem Holozän) und ihre integrale Verbindung mit der Aboriginal-Topographie. Sie ist kein „Schlangen-Gott unter vielen“, sondern Teil einer spezifischen kontinentalen Religionstradition.
Mircea Eliade hat in Australian Religions (1973) versucht, die Rainbow Serpent in seinen religionsphänomenologischen Rahmen einzuordnen; W. E. H. Stanner hat ihn dafür kritisiert, dass er die spezifische australische Topographie nicht ausreichend würdige.
Die Rainbow Serpent ist heute eine der bekanntesten Aboriginal-Symbole weltweit. Sie erscheint auf Briefmarken, in offiziellen Wappen mehrerer Aboriginal-Organisationen und in der internationalen Kunstvermittlung (Documenta, Australian Pavillon der Biennale Venedig).
Klassische wissenschaftliche Werke: A. R. Radcliffe-Brown: The Rainbow-Serpent Myth of Australia (1926); Ronald M. Berndt & Catherine H. Berndt: The World of the First Australians (1964); Tony Swain: A Place for Strangers (1993); Howard Morphy: Aboriginal Art (1998); Lynne Hume: Ancestral Power (2002).
Eine eigene Forschungsrichtung beschäftigt sich mit der archäologischen Datierung der Rainbow-Serpent-Felsbilder. Paul Taçon und Christopher Chippindale haben dazu seit den 1990er Jahren maßgebliche Arbeiten vorgelegt.
Mehrere Forschungsdebatten umkreisen die Rainbow Serpent. Erstens: Ist sie eine ursprünglich gemeinsame Gestalt oder eine Konvergenz lokal entstandener Schlangenwesen? Tony Swain plädiert für die zweite Lesart und warnt vor der „Pan-Aboriginal-Falle“.
Zweitens: Wie hat sich die Rainbow-Serpent-Vorstellung mit dem Eindringen des Meeres in die heutigen Küstenregionen Australiens (vor ca. 6000-7000 Jahren) verändert? Paul Taçon hat hier eine korrelierte Vorstellungsausbreitung postuliert.
Drittens: Welche Geschlechter-Aspekte hat sie? In vielen Traditionen ist sie männlich, in anderen weiblich, in den Yolŋu doppelt. Diese Variabilität ist religionshistorisch aufschlussreich und Gegenstand zeitgenössischer Genderforschung.
Eine Vertiefung verdient die Verbindung der Rainbow Serpent mit dem Aboriginal-Konzept des Country. Im Aboriginal-Verständnis ist Land nicht passive Materie, sondern ein lebendiger Ko-Akteur mit eigener Geschichte und Verwandtschaft. Die Rainbow Serpent hat in der Dreaming-Zeit das Country geformt, indem sie durch es hindurchkroch und dabei Wasser, Berge und Pflanzen zurückließ.
Deborah Bird Rose hat in Nourishing Terrains (1996) den Begriff Country als zentrale Kategorie der Aboriginal-Religion eingeführt. Country umfasst nicht nur den geographischen Raum, sondern die Gesamtheit der Beziehungen zwischen Menschen, Tieren, Pflanzen, Vorfahren und mythischen Wesen.
Die Rainbow Serpent ist in dieser Logik nicht nur eine Gottheit, sondern ein konstitutiver Teil des Countries selbst. Diese ontologische Verflochtenheit ist religionsphänomenologisch eine eigene Kategorie, die sich nicht ohne weiteres mit westlich-monotheistischen Konzepten erfassen lässt.
Die zeitgenössische Aboriginal-Kunst, die seit den 1970er Jahren auf dem internationalen Kunstmarkt präsent ist, greift die Rainbow Serpent häufig auf. Bekannte Künstler wie Yirawala (Kunwinjku), Crusoe Kuningbal, John Mawurndjul, Mick Kubarkku, Yvonne Koolmatrie und im Westen Wagyl-bezogene Werke von Sandra Hill haben die Rainbow Serpent in moderne Medien (Acryl, Papier-Druck, Skulptur) übertragen.
Howard Morphy hat in Becoming Art (2007) gezeigt, wie der Übergang von ritueller Körper- und Felsbemalung zu marktfähiger Acryl-Malerei die religiöse Funktion der Rainbow-Serpent-Darstellung verändert hat, ohne sie aufzuheben.
Religionssoziologisch ist diese Kunstwerk-Praxis ambivalent: Sie generiert Einkommen für indigene Gemeinschaften und macht die Aboriginal-Religion international sichtbar, transformiert aber auch die ursprünglich geheimen, kontextgebundenen Bilder in handelbare Objekte.
Eine aktuelle Forschungsperspektive verbindet die Rainbow Serpent mit den Klimawandelfolgen für die australischen Aboriginal-Gemeinschaften. Steigende Meeresspiegel bedrohen heilige Küstenstätten in Arnhem Land; Buschbrände gefährden die heiligen Wasserlöcher im Inland.
Indigene Klimaaktivisten und Forscherinnen wie Tyson Yunkaporta (in Sand Talk, 2019) verbinden traditionelle Rainbow-Serpent-Erzählungen mit zeitgenössischen ökologischen Bewegungen. Die Schlange wird hier zur Bezugsfigur einer indigenen Klimakritik, die sich gegen extraktive Industrien stellt.
Religionsphänomenologisch ist diese Wendung interessant: Eine schöpferische Macht wird in ihrer Schutzdimension reaktualisiert, um zeitgenössische Konflikte zu kontextualisieren. Religionswissenschaft, Ökologie und politische Theorie greifen hier ineinander.
Bei der Rainbow-Serpent-Forschung ergeben sich mehrere methodische Probleme. Erstens: Die wichtigsten Quellen stammen aus Anthropologen wie Spencer/Gillen (1899), Warner (1937), Stanner (1966), Berndt (1964), Morphy (1998). Ihre Außenperspektive sollte reflektiert werden, sie haben die Tradition nicht erzeugt, aber sie haben Konsolidierungen herbeigeführt.
Zweitens: Vieles Material ist „restricted“, Geheim-Wissen, das nur in bestimmten Initiationsstufen weitergegeben werden darf. Eine Ethik des Umgangs mit solchem Material ist in der australischen Anthropologie seit den 1970er Jahren etabliert; sie zwingt zu vorsichtiger Quellenarbeit.
Drittens: Die zeitgenössische Aboriginal-Selbstdarstellung, durch indigene Forschende, durch Kunst, durch politische Bewegungen, ist eine eigene Quellenebene. Bücher von Tyson Yunkaporta, Bruce Pascoe, Marcia Langton ergänzen die akademische Außenperspektive.
Wer den Rainbow-Serpent-Komplex in seiner Breite studieren möchte, findet auf der Übersichtsseite Aboriginal-Tradition die wichtigsten Querverweise zu verwandten Figuren wie Wandjina, Baiame und Yhi.
Eine besondere Vertiefung verdient die Geschlechtsambivalenz der Rainbow Serpent. In manchen Traditionen ist sie eindeutig männlich (Ngalyod in der Kunwinjku-Tradition, Yurlungur bei den Yolŋu), in anderen weiblich (Wititj bei den Yolŋu, einige Wagilag-Versionen), in dritten doppelgeschlechtlich oder geschlechterneutral.
Diane Bell hat in Daughters of the Dreaming (1983) die Frauen-Aspekte der Aboriginal-Religion systematisch beschrieben; ihre Arbeit hat die zuvor dominante männliche Aboriginal-Anthropologie um eine wichtige Perspektive erweitert. Im Rainbow-Serpent-Komplex sind die Frauen-Traditionen besonders reich.
Religionsphänomenologisch ist die Geschlechtsambivalenz der Rainbow Serpent ein Lehrbeispiel für die Plastizität indigener Religionen: Eine Figur kann verschiedene Geschlechter annehmen, ohne ihre Identität zu verlieren. Diese Plastizität widerspricht den oft starren Geschlechter-Zuordnungen monotheistischer Religionen.
Im interkulturellen Vergleich gehört die Rainbow Serpent zu einer breiten religionsphänomenologischen Familie von Schlangen-Schöpfern: Quetzalcoatl in Mesoamerika, die Naga in Hinduismus und Buddhismus, die altsumerische Tiamat, Apophis im alten Ägypten, Jormungandr in der nordischen Mythologie. Diese Parallelen sind historisch bemerkenswert.
Mircea Eliade hat in Patterns in Comparative Religion (1949) die universale Bedeutung der „Schlange als Urgrund“ ausgearbeitet. Die Rainbow Serpent ist eines seiner Beispiele; ihre Verbindung mit Wasser, Fruchtbarkeit und Schöpfung passt in das von Eliade beschriebene Muster.
Tony Swain hat allerdings in A Place for Strangers (1993) vor einer zu schnellen Universalisierung gewarnt. Die Rainbow Serpent ist spezifisch australisch in ihrer Topographie und ihrer Verbindung mit dem Konzept des „Country“. Sie sollte nicht einfach als „australische Variante“ eines globalen Schlangen-Archetypus gelesen werden.
Eine besondere Vertiefung verdient die Schöpfungstopographie. In den Kunwinjku-Erzählungen ist die Rainbow Serpent für spezifische Landschaftsformen verantwortlich: Bestimmte Flüsse wie der Liverpool River sind ihre Spuren; bestimmte Wasserlöcher (etwa Ngandjadnga, Ngandalbira) sind ihre Ruheplätze; bestimmte Berggipfel ihre Köpfe. Die topographische Genauigkeit dieser Zuordnungen ist erstaunlich.
Diese ontologische Verflochtenheit unterscheidet die Aboriginal-Religion grundlegend von monotheistischen Religionen, in denen die Welt von einem transzendenten Gott geschaffen ist. In der Aboriginal-Tradition ist die Welt selbst Teil der mythischen Wirklichkeit; die Rainbow Serpent ist in der Landschaft präsent, nicht über ihr.
Eine zentrale methodische Vertiefung verdient die Forschungsethik im Umgang mit Aboriginal-Religion. Seit den 1970er Jahren hat sich eine umfassende Praxis der „informed consent“ etabliert: Wissenschaftliche Veröffentlichungen über Aboriginal-Religion erfolgen in Absprache mit den traditionellen Eigentümern.
Die Australian Institute of Aboriginal and Torres Strait Islander Studies (AIATSIS) hat hierzu Standardpraktiken entwickelt. Sie umfassen: Anonymisierung sensibler Informationen, Vermeidung der Veröffentlichung „restricted knowledge“, Anerkennung indigener Autorschaft, finanzielle Beteiligung der Community.
Für die Rainbow-Serpent-Forschung ist diese Ethik zentral, weil viele Inhalte initiations-bezogen und nicht öffentlich sind. Eine sorgfältige Forschungsethik schützt sowohl die religiöse Substanz als auch das wissenschaftliche Material vor unethischer Verwertung.
Die Bezeichnung Rainbow Serpent ist eine englische Sammelbezeichnung, die erst durch die anthropologische Literatur des 20. Jahrhunderts geprägt wurde. Sie fasst eine Vielzahl regional gebundener Wesen zusammen, die in den Sprachen und Traditionen der Aborigines jeweils eigene Namen tragen.
Im Arnhemland kennt man Ngalyod bei den Kunwinjku und Yingarna als zugehörige weibliche Gestalt, in West-Australien begegnen Wagyl oder Waugal der Noongar, im Norden Queenslands Taipan, und in der zentralaustralischen Wüste finden sich weitere Bezeichnungen.
Der Anthropologe Alfred Radcliffe-Brown führte 1926 in seinem Aufsatz The Rainbow-Serpent Myth of Australia den Sammelbegriff in die Wissenschaft ein und postulierte ein kontinentweit verbreitetes Mythenmotiv.
Spätere Forschung, etwa bei Mircea Eliade und kritischer bei Luise Hercus und Philip Clarke, hat betont, dass diese Vereinheitlichung den lokalen Eigenheiten nicht gerecht wird. Die einzelnen Wesen unterscheiden sich in Geschlecht, Charakter, Wohnort und mythischer Funktion erheblich.
Gemeinsam ist vielen Traditionen die Bindung an Wasserstellen, an die Regenzeit und an das Phänomen des Regenbogens, der als Zeichen für die Anwesenheit oder Bewegung des Wesens gedeutet wird. Doch schon ob die Schlange als schützend, als gefährlich oder als ambivalent gilt, hängt von der jeweiligen Sprachgruppe ab. Wissenschaftlich ist es deshalb präziser, von einem Komplex verwandter, aber eigenständiger Wesen zu sprechen. Wer den Begriff Rainbow Serpent benutzt, sollte stets mitnennen, auf welche regionale Tradition er sich konkret bezieht, da eine pan-australische Gottheit in dieser Form nicht existiert.
In zahlreichen Traditionen des Nordens und Westens gehört die Regenbogenschlange zu den Wesen der Dreaming, der Schöpfungszeit, deren englische Übersetzung als Traumzeit den ursprünglichen Begriff nur unvollkommen wiedergibt.
Die Schlange bewegt sich durch ein zunächst gestaltloses Land und schafft durch ihre Wanderung die Topographie: Flussbetten, Wasserlöcher, Schluchten und Felsformationen entstehen dort, wo ihr Körper sich windet oder ruht.
Für die Noongar im Südwesten Australiens schuf der Wagyl den Verlauf des Swan River und der umliegenden Feuchtgebiete. Bestimmte Felsen und Quellen in der Region Perth gelten bis heute als Orte, an denen der Wagyl ruht oder durch die er sich bewegt, und sind dadurch von hoher Bedeutung für das kulturelle Erbe der Noongar.
Im Arnhemland formt Ngalyod Landschaft, verschlingt aber auch Menschen, die gegen rituelle Regeln verstoßen, und gibt sie verwandelt wieder frei, ein Motiv, das mit Initiationsvorstellungen verknüpft ist.
Diese schöpferische Funktion verbindet die Regenbogenschlange mit der Vorstellung, dass die Wesen der Schöpfungszeit nicht in einer fernen Vergangenheit verschwunden, sondern in den von ihnen geschaffenen Orten weiter präsent sind. Die Landschaft selbst ist Zeugnis und Aufbewahrungsort des Mythos. Felsmalereien im Kakadu-Nationalpark und in Arnhemland, von denen einige mehrere tausend Jahre alt sind, zeigen schlangenartige Wesen, die von der Forschung mit dieser Tradition in Verbindung gebracht werden, auch wenn die genaue Deutung einzelner Bilder umstritten bleibt. Die Schlange ist damit zugleich Schöpferin und fortdauernde Hüterin der Ordnung, deren Verletzung mit Trockenheit, Flut oder dem Versiegen von Wasserstellen beantwortet werden kann.
Die bildliche Überlieferung schlangenartiger Wesen in der australischen Felskunst ist umfangreich, ihre Deutung jedoch methodisch heikel. Im Arnhemland und in der Kimberley-Region finden sich Darstellungen langgestreckter, oft mit Tiermerkmalen kombinierter Wesen, die Forscher seit Frühuntersuchungen mit der Regenbogenschlange identifizieren.
Der Archäologe Paul Taçon und Kollegen schlugen vor, dass eine Bildgruppe mit schlangenartigen Wesen im Zusammenhang mit dem Anstieg des Meeresspiegels nach der letzten Eiszeit entstand, also in einer Zeit erheblicher Umweltveränderung vor mehreren tausend Jahren.
Diese Datierungsvorschläge stützen sich auf Stilabfolgen, Überlagerungen von Malschichten und gelegentlich auf naturwissenschaftliche Verfahren, sind aber mit Unsicherheiten behaftet.
Felskunst lässt sich selten direkt datieren, und die Zuordnung eines Bildes zu einem bestimmten benannten Wesen ist nur dort sicher möglich, wo lebende Traditionsträger die Darstellung bestätigen. Für viele ältere Bilder fehlt diese Verbindung, weil die zugehörigen Überlieferungen durch koloniale Verwerfungen unterbrochen wurden.
Hinzu kommt die ethische Dimension: Felskunststätten sind für die jeweiligen Aborigine-Gemeinschaften heilige Orte, und ihre Interpretation unterliegt kulturellen Zugangsrechten. Forschung erfolgt heute in Australien nur in Zusammenarbeit mit den traditionellen Eigentümern, und manche Bilder dürfen nicht öffentlich abgebildet oder gedeutet werden. Wissenschaftlich folgt daraus eine doppelte Vorsicht: Die Felskunst belegt eine sehr lange Tradition schlangenartiger Schöpferwesen, doch die konkrete Gleichsetzung mit der heute bekannten Regenbogenschlange ist nur für jüngere, durch lebende Überlieferung gestützte Bilder gesichert. Ältere Darstellungen zeigen Kontinuität eines Motivs, ohne dass sich daraus ein durchgehender Mythos rekonstruieren ließe.
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