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Yhi, Sonnengöttin der Karraur und Schöpferin des Lebens

Yhi ist die Sonnengöttin der Karraur und mehrerer benachbarter Aboriginal-Gruppen im südöstlichen Australien. Sie gilt als Schöpferin des Lebens, die in der Dreaming-Zeit die Welt durch ihren ersten Sonnenaufgang erweckte.

GöttinAboriginalSonnengöttin

Inhaltsverzeichnis

Yhi - Götter aus der Aboriginal-Tradition, historisch-illustrativ

Einordnung und Kurzprofil

Yhi (auch Yhi-Karraur, Yhi-Bahloo-Cousine) ist die Sonnengöttin in einer Reihe von Aboriginal-Sprachgruppen Südost-Australiens, insbesondere bei den Karraur, in deren Tradition ihre Erzählungen am dichtesten dokumentiert sind. Sie ist mit dem Mondgott Bahloo gepaart und mit dem Hochgott Baiame in eine kosmische Familie eingebunden.

Religionsphänomenologisch ist Yhi besonders interessant, weil sie eines der wenigen explizit weiblichen Hochwesen der Aboriginal-Religionen Australiens ist. In den meisten Aboriginal-Traditionen sind die obersten religiösen Gestalten männlich („All-Fathers“); Yhi bildet hier eine prominente Ausnahme.

Innerhalb der Aboriginal-Tradition hat sie eine kosmogonische Funktion: Sie weckt durch ihren ersten Sonnenaufgang das Leben. Ohne sie bliebe die Welt im präkosmischen Dunkel.

Name und Etymologie

Der Name Yhi ist im Karraur und mehreren benachbarten Sprachen belegt. Die genaue Etymologie ist umstritten; eine traditionelle Herleitung verbindet das Wort mit der Bedeutung „Glanz, Licht“, was zur Sonnen-Funktion passt.

K. Langloh Parker, die im späten 19. Jahrhundert die Karraur-Tradition dokumentierte, hat den Namen in Australian Legendary Tales (1896) und More Australian Legendary Tales (1898) als Yhi standardisiert. Ihre Schreibung hat sich durchgesetzt.

In einigen benachbarten Sprachen heißt die Sonne anders, Wuriupranili in der Tiwi-Tradition (eine weibliche Sonne, die mit einer Fackel über den Himmel wandert), Walu in der Yolngu-Tradition. Yhi und Wuriupranili gehören wahrscheinlich zur gleichen religionsgeschichtlichen Schicht weiblicher Sonnenmächte in Australien.

Beschreibung und Ikonographie

Yhi wird als junge, schöne Frau beschrieben, die in der Dreaming-Zeit zum ersten Mal die Erde berührte und sie durch ihr Lächeln zum Leben erweckte. Wo sie ihren Fuß setzte, entstanden Pflanzen, Bäume und Blumen; wo sie ihren Atem ausstieß, entstanden Tiere; wo sie zuletzt verweilte, entstanden die ersten Menschen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Aboriginal-Traditionen gibt es keine eigenständige Ikonographie der Yhi. Die wenigen bildlichen Darstellungen aus dem 19. Jahrhundert wurden meist von europäischen Illustratoren in Auftrag gegeben (etwa für Parker’s Bücher) und reflektieren mehr europäische als Aboriginal-Bildtraditionen.

Zeitgenössische Aboriginal-Künstler haben die Yhi-Erzählung wieder aufgegriffen und versuchen, eine indigene Bildform zu entwickeln. Diese Versuche sind religionssoziologisch interessant, weil sie eine neue ikonographische Tradition schaffen, die in der ursprünglichen Praxis so nicht existierte.

Mythologische Erzählungen

Die zentrale Yhi-Erzählung beschreibt die Erweckung der Welt: In der präkosmischen Dunkelheit schlief Yhi mit allen anderen Wesen. Auf einen Pfiff (in manchen Versionen von Baiame) erwachte sie und stieg auf.

Mit ihrem ersten Sonnenaufgang erwachte das Leben: Bäume sprossen, Blumen öffneten sich, Tiere kamen aus ihren Verstecken, die ersten Menschen erhoben sich vom Boden.

Eine zweite Erzählung beschreibt Yhis Liebe zum Mondgott Bahloo. Bahloo aber ist scheu und zieht sich immer wieder zurück; deshalb folgt Yhi ihm tagsüber und Bahloo zeigt sich nur nachts. Dieser ätiologische Mythos erklärt das Phänomen, dass Sonne und Mond fast nie gleichzeitig zu sehen sind.

K. Langloh Parker hat in Australian Legendary Tales (1896) und More Australian Legendary Tales (1898) ausführliche Sammlungen Yhi-Erzählungen vorgelegt. Diese Sammlungen sind durch viktorianische Stilelemente überarbeitet, bieten aber die wichtigste literarische Quelle.

Kult und Verehrung

Der Yhi-Kult war im historischen Karraur-Gebiet wahrscheinlich weniger entwickelt als der Baiame-Kult; es gab keine entsprechende Initiationspraxis wie die Bora-Riten. Yhi war eher Gegenstand mythologischer Erzählungen und allgemeiner Anrufung als eines geschlossenen Ritualkomplexes.

Im Alltag wurde Yhi beim ersten Sonnenaufgang begrüßt, ein Brauch, der in mehreren Karraur-Familien dokumentiert ist. Diese tägliche Begrüßung gehörte zur Volksreligion, ohne ein zentrales Ritual zu werden.

Mit der europäischen Kolonisierung Südost-Australiens im 19. Jahrhundert wurde die Karraur-Tradition weitgehend unterbrochen; was wir heute über Yhi wissen, stammt überwiegend aus den Parker-Aufzeichnungen am Ende des 19. Jahrhunderts.

Schutzpraxis und Apotropäisches

Religionswissenschaftlich beschrieben: Es gibt wenige explizit apotropäische Praktiken im Yhi-Komplex. Sie ist eine erweckende, nicht eine abwehrende Macht. Was an Schutzpraxis dokumentiert ist, bezieht sich eher auf die rituelle Begrüßung des Sonnenaufgangs als Ausdruck kosmischer Dankbarkeit.

Eine besondere Schutzfunktion hat Yhi in Bezug auf das Lebenswachstum: Pflanzen, Tiere und Menschen werden „unter ihrem Licht“ gehalten. Eine Sonnenfinsternis galt, innerhalb der Tradition, als „Trauer Yhis“ und wurde mit Sorge betrachtet.

In der ethnographischen Außenperspektive sind diese Praktiken Teil einer breiten Aboriginal-Kosmologie, in der Naturphänomene als Handlungen lebendiger Wesen verstanden werden. Mircea Eliade hat dies in Australian Religions (1973) als „kosmische Religion“ beschrieben.

Parallelen in anderen Kulturen

Weibliche Sonnengottheiten sind religionshistorisch weniger häufig als männliche, aber doch breit belegt: die japanische Amaterasu, die nordgermanische Sól (auch Sunna), die hethitische Sonnengöttin von Arinna, die etruskische Catha. Bei den Aboriginal-Australiern selbst gehört Yhi mit Wuriupranili und Walu zu einer Familie weiblicher Sonnenmächte.

James G. Frazer hat in The Worship of Nature (1926) die zirkumglobalen Sonnen-Kulte verglichen; Yhi wird dort als eine der wenigen weiblichen Sonnengottheiten Australiens behandelt. Religionsphänomenologisch ist die Kombination weibliche Sonne / männlicher Mond ungewöhnlich; in den meisten Kulturen ist es umgekehrt.

Diese Geschlechter-Umkehrung hat verschiedene Erklärungsversuche hervorgerufen. Wilhelm Schmidt deutete sie als Reflex einer matriarchalen Vorzeit; Tony Swain sieht in ihr eher eine spezifisch Aboriginal-Variante, die keine universal-evolutionäre Bedeutung hat.

Heutige Rezeption und Forschung

Die wichtigste Primärquelle für Yhi sind K. Langloh Parkers Sammlungen Australian Legendary Tales (1896) und More Australian Legendary Tales (1898). Diese Bücher waren in der viktorianischen Zeit Bestseller und haben Yhi in der Populärkultur etabliert; sie sind aber durch literarische Bearbeitung verfremdet.

A. W. Howitts The Native Tribes of South-East Australia (1904) ergänzt die Parker-Quellen mit weiteren ethnographischen Details. Mircea Eliade integriert Yhi in Australian Religions (1973) in seine Religionsphänomenologie. Tony Swain reflektiert in A Place for Strangers (1993) die methodischen Probleme der Yhi-Quellenlage.

In der zeitgenössischen Aboriginal-Kunst ist Yhi vergleichsweise wenig präsent, was teils auf die geringe Verankerung der Tradition zurückzuführen ist, teils auf die Vorrang anderer Figuren wie Rainbow Serpent oder Bunjil.

Forschungsdebatten und offene Fragen

Mehrere Forschungsdebatten umkreisen Yhi. Erstens: Wie verlässlich sind K. Langloh Parkers Aufzeichnungen? Parker war eine sehr sensible Beobachterin, aber ihre viktorianische Stilbearbeitung hat die ursprünglichen Erzählungen verändert. Eine kritische Quellenanalyse ist notwendig.

Zweitens: Wie ist das Verhältnis von Yhi zu anderen weiblichen Sonnengottheiten der Aboriginal-Tradition, Wuriupranili (Tiwi), Walu (Yolngu)? Historisch ist diese Familie weiblicher Sonnenmächte ein bemerkenswertes Phänomen.

Drittens: Welche Rolle spielt Yhi in der zeitgenössischen Karraur-Identität? Die Karraur-Sprachgemeinschaft ist heute klein; die Tradition lebt eher in der Forschung als in einer lebendigen Praxis. Die Wiederbelebung der Karraur-Religion ist Gegenstand zeitgenössischer Bemühungen.

Yhi und Geschlechter-Symbolik in der Aboriginal-Religion

Eine vertiefende Studie verdient die Geschlechter-Symbolik der Aboriginal-Religionen, in der Yhi eine besondere Stellung einnimmt. Während die meisten Aboriginal-Hochgottheiten männlich konzipiert sind („All-Fathers“ wie Baiame, Bunjil, Daramulun), sind die Sonnengottheiten und einige Rainbow-Serpent-Aspekte weiblich.

Religionsanthropologisch interessant ist die Beobachtung, dass in den meisten Aboriginal-Gruppen Frauen ein eigenständiges religiöses System pflegen, das von dem der Männer getrennt ist. Catherine Berndt hat in Women’s Changing Ceremonies in Northern Australia (1950) und in späteren Arbeiten diese Frauen-Tradition systematisch beschrieben.

Yhi ist religionshistorisch vielleicht ein Bindeglied zwischen der Männer- und der Frauen-Tradition: Sie ist weiblich, gehört aber in den Hochgott-Komplex, der traditionell Männer-Wissen war. Diese Doppelstellung ist religionssoziologisch ein offenes Forschungsfeld.

K. Langloh Parker und die viktorianische Aboriginal-Rezeption

Eine besondere historische Vertiefung verdient die Rolle K. Langloh Parkers (1855, 1940) in der viktorianischen Aboriginal-Rezeption. Parker lebte als Frau eines Schaffarmers im Karraur-Country in NSW und verbrachte zwei Jahrzehnte mit den lokalen Frauen. Ihre Bücher waren in der viktorianischen Welt bestsellers und haben Aboriginal-Mythologie erstmals in einer breiten westlichen Öffentlichkeit etabliert.

Historisch ambivalent ist ihre Bearbeitung: Sie hat einerseits Tradition gerettet, die sonst verloren gegangen wäre; andererseits hat sie die Erzählungen mit viktorianischem Stil überzogen, was die ursprüngliche Erzählform verfremdet hat.

Marcie Muir hat in My Bush Book (1982) Parkers Biographie und Methode systematisch aufgearbeitet. Diese Studie ist eine wichtige Quelle für die Reflexion der kolonialen Aboriginal-Rezeption.

Methodische Reflexion und Quellen

Bei der Yhi-Forschung ergeben sich mehrere methodische Probleme. Erstens: Die Quellenlage ist dünner als bei anderen Aboriginal-Figuren. K. Langloh Parker ist die wichtigste Quelle, daneben einige Notizen bei Howitt.

Zweitens: Die Karraur-Sprachgemeinschaft ist heute klein; eine lebende Tradition fehlt weitgehend. Was wir wissen, ist daher überwiegend rekonstruiert aus älteren Quellen, nicht aus aktueller Praxis.

Drittens: Die Genderfrage, warum ist die Sonne weiblich?, ist wissenschaftlich anspruchsvoll und sollte nicht voreilig mit „matriarchalen Vorzeiten“ oder anderen evolutionistischen Theorien beantwortet werden. Tony Swains warnender Hinweis ist hier maßgeblich.

Wer den Yhi-Komplex in seiner Breite studieren möchte, findet auf der Übersichtsseite Aboriginal-Tradition die wichtigsten Querverweise zu verwandten Figuren wie Baiame, Bunjil und Rainbow Serpent.

Yhi und Wuriupranili: Weibliche Sonnen Australiens

Eine vertiefende Studie verdient die Familie weiblicher Sonnengottheiten in Australien. Neben Yhi gehören dazu Wuriupranili (Tiwi, Bathurst und Melville Islands), Walu (Yolngu, Arnhem Land) und einige andere regionale Gestalten. Alle sind weiblich und alle bringen das Licht und das Leben.

Bei den Tiwi erzählt man, dass Wuriupranili jeden Morgen mit einer Fackel über den Himmel wandert; abends löscht sie die Fackel und schläft. Eine ähnliche Erzählung gibt es bei den Yolngu für Walu. Diese Familienverwandtschaft ist religionshistorisch auffällig.

Mircea Eliade hat in Australian Religions (1973) die These vertreten, dass diese Familie weiblicher Sonnen eine alte historische Schicht repräsentiert. Diese These ist spekulativ, aber das Material ist religionsphänomenologisch reichhaltig.

K. Langloh Parker und die viktorianische Kolonial-Rezeption

K. Langloh Parker (1855, 1940) war eine sensible Beobachterin der Karraur-Tradition; ihre Bücher Australian Legendary Tales (1896) und More Australian Legendary Tales (1898) haben Yhi in eine breite viktorianische Öffentlichkeit gebracht. Marcie Muirs Biographie My Bush Book (1982) hat ihre Lebensgeschichte und Methode aufgearbeitet.

Religionshistorisch ambivalent: Parkers Bücher haben die Karraur-Tradition gerettet, die sonst verloren gegangen wäre; gleichzeitig haben sie sie viktorianisch überarbeitet und romantisch verfremdet. Eine sorgfältige Quellenkritik trennt heute beide Schichten.

Im weiteren Sinne ist Parker ein Lehrbeispiel für die ambivalente Rolle der kolonialen Ethnographie: Sie hat indigene Tradition bewahrt und gleichzeitig in westliche Bedeutungsumgebungen übersetzt. Diese doppelte Wirkung prägt die Quellenlage der Aboriginal-Religion bis heute.

Yhi und Aboriginal-Schöpfungserzählungen

Eine vergleichende Vertiefung verdient die Stellung Yhis in der breiteren Aboriginal-Schöpfungserzählungs-Familie. Verschiedene Aboriginal-Gruppen haben verschiedene Erst-Erweckungs-Erzählungen: die Sonne, die ersten Vorfahren, die Schöpferschlangen. Yhi ist eine der wenigen explizit weiblichen Erst-Erweckungs-Figuren.

Religionsphänomenologisch interessant ist die strukturelle Ähnlichkeit zur biblischen Genesis-Erzählung („und es ward Licht“) und zu vielen anderen kosmogonischen Mythen. Die Differenz liegt in der Geschlechter-Zuordnung: Während in den meisten patriarchalen Religionen das schöpferische Wort männlich gefasst ist, ist es bei Yhi weiblich.

Diane Bell hat in Daughters of the Dreaming (1983) die Frauen-Aspekte der Aboriginal-Religion systematisch beschrieben. Im Yhi-Komplex sind die Frauen-Traditionen besonders prominent, was sie zur wichtigen Bezugsfigur einer Gender-fokussierten Religionsethnologie macht.

Yhi und Karraur-Sprachrenaissance

Die Karraur-Sprache ist heute stark bedroht; nur noch wenige aktive Sprecher existieren. Seit den 1990er Jahren gibt es Initiativen, die Sprache zu revitalisieren, durch Schulunterricht, Wörterbuchprojekte und kulturelle Festkultur. Yhi spielt in diesen Initiativen eine zentrale Rolle als kulturelle Identifikationsfigur.

Diese Sprachrenaissance ist religionssoziologisch interessant. Sie zeigt, wie eine religiöse Tradition durch Sprachpolitik gestützt werden kann; gleichzeitig zeigt sie, wie fragil die heutige Aboriginal-Sprachvielfalt ist.

Aus wissenschaftlicher Sicht ist die Karraur-Renaissance ein dankbares Forschungsfeld. Sie illustriert die enge Verflochtenheit von Sprache, Religion und Identität, eine Verflochtenheit, die für viele indigene Traditionen weltweit charakteristisch ist.

Yhi und die feministische Religionswissenschaft

Eine besondere Vertiefung verdient die feministische Religionswissenschaft, die Yhi als wichtige Bezugsfigur entdeckt hat. Diane Bell, Catherine Berndt und andere haben gezeigt, dass die Aboriginal-Religion eine breite weibliche Tradition kennt, die in der älteren Forschung oft übersehen wurde.

Yhi ist in dieser Lesart eine der wenigen explizit weiblichen Hochfiguren der Aboriginal-Religion. Sie steht in einer Reihe mit anderen weiblichen Schöpferinnen wie Eingana (in der Murray-Region), Karaween (bei den Kurnai) und einigen Aspekten der Rainbow Serpent.

Religionsanthropologisch ist diese Re-Lektüre Teil eines breiteren Trends, in dem weibliche Gottheiten weltweit neu wertgeschätzt werden. Yhi gehört in diese Bewegung und steht heute im Zentrum einer Gender-fokussierten Aboriginal-Religionsforschung.

Eine Quellenwarnung: Yhi und das Problem der Langloh-Parker-Überlieferung

Die Sonnengöttin Yhi erscheint in zahlreichen populären und auch wissenschaftlichen Darstellungen australischer Mythologie als zentrale Schöpfergestalt, die durch ihr Licht das Leben weckt. So verbreitet diese Darstellung ist, so wichtig ist der Hinweis, dass sie quellengeschichtlich auf einer schmalen und kritisch zu prüfenden Grundlage steht.

Der Name Yhi und die ausführlichen Schöpfungserzählungen, in denen er auftritt, gehen wesentlich auf die Sammlerin Katie Langloh Parker zurück, die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert Erzählungen im Gebiet der Euahlayi im nördlichen New South Wales aufzeichnete.

Ihre Bücher, darunter die Sammlung australischer Legenden und das Werk über die Euahlayi, waren für die europäische Wahrnehmung australischer Mythen prägend.

Parker arbeitete jedoch ohne sichere Sprachkenntnis, war auf Vermittler angewiesen und gab nach eigenem Bekunden die Erzählungen in einer für ein westliches Lesepublikum aufbereiteten Form wieder. Spätere Bearbeitungen ihrer Texte glätteten und literarisierten den Stoff zusätzlich.

Hinzu kommt, dass Yhi in dieser Form vor allem an eine einzelne Sprachgruppe gebunden ist und nicht ohne Weiteres als gesamtaustralische Gottheit verallgemeinert werden darf. Australien ist kein religiöser Einheitsraum, sondern umfasst hunderte eigenständige Sprachgruppen mit je eigenen Überlieferungen.

Die in populären Sammelwerken übliche Praxis, Yhi neben Gestalten aus völlig anderen Regionen als Teil einer einzigen australischen Mythologie zu präsentieren, verwischt diese Vielfalt und entspricht nicht der Quellenlage.

Manche Fachleute haben zudem darauf hingewiesen, dass einzelne Züge der bei Parker erzählten Schöpfung Anklänge an biblische Motive zeigen, was die Frage nach christlichem Einfluss auf die aufgezeichnete Fassung aufwirft, ohne dass sich dies abschließend klären lässt.

Daraus folgt keine Abwertung der Figur, wohl aber eine methodische Vorsicht. Yhi ist wissenschaftlich zu behandeln als eine Gestalt, deren bekannte Gestalt stark durch eine koloniale Sammlerin und durch nachfolgende Bearbeitungen geformt ist.

Aussagen über Yhi sollten den Bezug zur Euahlayi-Überlieferung benennen, den Vermittlungscharakter der Parker-Texte kenntlich machen und auf die Gefahr verzichten, eine lokale Tradition zur pan-australischen Schöpfungsmythologie zu erheben.

Literatur (Auswahl)

  • K. Langloh Parker: Australian Legendary Tales (1896)
  • K. Langloh Parker: More Australian Legendary Tales (1898)
  • A. W. Howitt: The Native Tribes of South-East Australia (1904)
  • Tony Swain: A Place for Strangers (1993)
  • Mircea Eliade: Australian Religions (1973)
  • James G. Frazer: The Worship of Nature (1926)
  • Lynne Hume: Ancestral Power (2002)

Verwandte Schlüsselbegriffe: Yhi Karraur Aboriginal Sonnengöttin Dreaming Bahloo.

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