Padmasambhava, Begründer des tibetischen Buddhismus
In der tibetischen Überlieferung gilt Padmasambhava als der Tantra-Meister, der den Buddhismus dauerhaft in Tibet verankerte und zahlreiche Schutzriten begründete. Padmasambhava («der aus dem Lotus Geborene»), im Tibetischen meist Guru Rinpoche oder Padmakara genannt, gilt als der zentrale Begründer des tibetischen Vajrayana-Buddhismus.
Die Überlieferung verbindet ihn mit der Übertragung des indischen Tantra nach Tibet im späten 8. Jahrhundert. In der ältesten tibetischen Schule, der Nyingma, wird er als «zweiter Buddha» verehrt. Religionsgeschichtlich ist seine historische Greifbarkeit umstritten, das überlieferte Bild ist stark legendarisch überformt.
Inhaltsverzeichnis
Historischer Hintergrund
Die wenigen zeitgenössischen Quellen erwähnen einen indischen oder oddiyana-stämmigen Tantra-Lehrer, der zur Zeit des Königs Trisong Detsen (regierte ca. 755 bis 797) nach Tibet eingeladen wurde.
Oddiyana wird in der heutigen Forschung meist mit dem Swat-Tal im heutigen Pakistan oder mit Odisha in Ostindien identifiziert. Der König brauchte einen Tantriker, weil der indische Klosterlehrer Shantarakshita beim Bau des ersten tibetischen Klosters Samye auf Widerstand der einheimischen Geister gestoßen war.
Padmasambhava soll diese Geister unterworfen und als Schutzgottheiten in das buddhistische System eingebunden haben. Das Gründungsdatum von Samye wird traditionell auf 779 datiert. David Snellgrove und Hugh Richardson («A Cultural History of Tibet», London 1968) halten diesen historischen Kern für plausibel, während sie die zahlreichen mythologischen Ausschmückungen einer späteren Legendenbildung zuschreiben.
Die ausführlichsten Quellen, das Padma Thang Yig (Padma-Chronik) und das Pema Kathang, sind als «Schatztexte» (terma) der Schule der Schatzfinder (tertön) überliefert. Sie wurden vor allem im 14. Jahrhundert von Orgyen Lingpa und im 17. Jahrhundert von weiteren Schatzfindern «aufgedeckt».
Die historische Verlässlichkeit dieser Texte ist begrenzt, ihre religiöse Wirkung war jedoch enorm. Janet Gyatso hat in «Apparitions of the Self» (Princeton 1998) die terma-Tradition als eine eigene Form religiöser Autorisierung untersucht, in der Visionen, Verborgenheit und Wiederauffindung kanonische Funktionen übernehmen.
Die Lotusgeburt
Nach der traditionellen Erzählung wurde Padmasambhava nicht von einer Mutter geboren, sondern erschien als achtjähriges Kind auf einer Lotusblüte mitten im Dhanakosha-See im Land Oddiyana.
König Indrabhuti, der gerade kinderlos auf der Suche nach Edelsteinen war, fand das Kind und nahm es als seinen Sohn an. Diese Erzählung kontrastiert auffallend mit der menschlichen Geburt Shakyamunis und unterstreicht den außerordentlichen Status der Figur.
Religionswissenschaftlich ist das Motiv als typisches Element der tantrischen Hagiographie zu lesen, das die «übernatürliche» Herkunft des Lehrers über die biographische Tatsächlichkeit stellt.
Acht Manifestationen
Die Tradition zählt acht Hauptmanifestationen Padmasambhavas, die seine verschiedenen Tätigkeiten in unterschiedlichen Lebensphasen oder Erleuchtungssituationen verkörpern.
Dazu gehören Guru Padma Gyalpo (der königliche), Guru Loden Chokse (der vollkommen Wissende), Guru Pema Jungne (der Lotus-Geborene), Guru Padmasambhava (Friedensmanifestation), Guru Shakya Senge (Löwe der Shakya, in Mönchsgestalt), Guru Senge Dradok (Donnernder Löwe, im Disput mit Häretikern), Guru Nyima Ozer (Sonnenstrahl, als Yogi auf Friedhöfen), Guru Dorje Drolö (zornvolle Form auf einer fliegenden Tigerin).
Diese Acht sind ein systematisierter Kanon, der die mythologische Vielfalt der Padmasambhava-Vita ordnet.
Die fünf Gefährtinnen
Eine wichtige Rolle in der Padmasambhava-Tradition spielen seine fünf «Weisheitsgefährtinnen» (yum). Die bekanntesten sind Yeshe Tsogyal, eine tibetische Königin, die als seine Hauptschülerin und Geliebte gilt, und Mandarava, eine indische Prinzessin. Yeshe Tsogyal ist die Autorin oder Kompilatorin zahlreicher terma-Texte, die später aufgefunden wurden.
Ihre Vita («Lady of the Lotus-Born») ist erst im 17. Jahrhundert in der heute bekannten Form niedergeschrieben worden. Die Forschung diskutiert, ob es sich um eine historische Person handelt oder um eine religiöse Personifikation.
Janet Gyatso plädiert in «Women in Tibet» (Bloomington 2005) für eine differenzierte Lesung, die Yeshe Tsogyal als historisch wahrscheinlich, aber stark literarisch überformte Gestalt einordnet.
Die Schatztexte (terma)
Padmasambhava soll bei seinem Aufenthalt in Tibet zahlreiche Lehrtexte versteckt haben, die für zukünftige Zeitalter bestimmt waren. Diese «Schätze» (terma) lassen sich in materielle (ter) und mentale (gongter) unterteilen. Die materiellen sind in Höhlen, Felsen, Statuen oder Wasserläufen verborgen und werden in vorbestimmten Lebenszeiten von prädestinierten Schatzfindern (tertön) wiederentdeckt.
Die mentalen sind in einem speziellen «Geisteszustand» eingeprägt, der direkt geschaut werden kann. Diese Konzeption hat es den späteren Generationen erlaubt, neue Lehrtexte als unmittelbar von Padmasambhava stammend zu legitimieren, ohne dass eine textkritische Überprüfung möglich wäre.
Wissenschaftlich ist die terma-Tradition ein Beispiel für eine «offene» religiöse Texttradition, die im Gegensatz zur kanonisch geschlossenen indischen Tantra-Überlieferung steht.
Lehre und Vajrayana-Praxis
Die Lehrinhalte, die der Padmasambhava-Tradition zugeordnet werden, umfassen vor allem die «Großen Vollkommenheit» (Dzogchen), den als höchstes Lehrsystem der Nyingma-Schule geltenden Übertragungszweig. Daneben gehören mehrere höhere Yogatantras zum Padmasambhava-Korpus, etwa das Vajrakilaya-Tantra.
Die praktische Form ist die «Guru-Yoga» (Lama-Yoga), in der die Schüler sich Padmasambhava als Verkörperung aller Buddhas, Bodhisattvas und Lehrer vergegenwärtigen. Das siebensilbige Wurzelmantra «om ah hum vajra guru padma siddhi hum» ist in der gesamten Nyingma-Praxis und auch in den nicht-Nyingma-Schulen Tibets weit verbreitet.
Verbreitung außerhalb Tibets
Padmasambhava wird in den tibetisch geprägten Regionen Bhutans, Sikkims, Ladakhs und der mongolischen Hochebene gleichermaßen verehrt. In Bhutan ist er die zentrale religiöse Figur, das Kloster Taktsang («Tigernest») am steilen Hang des Paro-Tals markiert nach der Tradition den Ort, an dem er auf einer Tigerin meditierte.
Sein achtes Lebensende im «Kupferfarbenen Berg» (Zangdok Palri) gilt als reines Land, das parallel zu Amitabhas Sukhavati existiert und am Ende des Lebens als Wiedergeburtsziel der Praktizierenden gilt.
Religionswissenschaftliche Diskussion
Die Frage, wie viel des überlieferten Bildes auf eine historische Person zurückgeht, ist nicht abschließend zu beantworten. Robert Mayer und Cathy Cantwell haben in mehreren Arbeiten («The Padmasambhava Cycle», Oxford 2013) gezeigt, dass die Verbreitung des Padmasambhava-Kults in einer engen Wechselwirkung mit politischen Umbrüchen in Tibet stand.
In Phasen der Schwächung der Zentralgewalt nahm die Bedeutung Padmasambhavas zu, da er als translokaler Schutzpatron Tibets eine Identität jenseits dynastischer Strukturen stiften konnte. Diese Funktion erklärt mit, warum die Padmasambhava-Tradition gerade in den «dunklen Jahrhunderten» nach dem Zerfall des Yarlung-Reiches im 9. Jahrhundert eine so große Ausdehnung erfuhr.
Quellen und weiterführende Literatur
Primärquellen: Padma Thang Yig (Padma-Chronik), zugeschrieben Orgyen Lingpa; Pema Kathang; Bardo Thödol (Tibetisches Totenbuch, das in seinem Kolophon auf Padmasambhava zurückgeführt wird); Vajrakilaya-Tantra.
Sekundärliteratur: David Snellgrove und Hugh Richardson, «A Cultural History of Tibet», London 1968; David Snellgrove, «Indo-Tibetan Buddhism», London 1987; Janet Gyatso, «Apparitions of the Self», Princeton 1998; Cathy Cantwell und Robert Mayer, «The Padmasambhava Cycle», Oxford 2013; Robert Buswell und Donald Lopez, «Princeton Dictionary of Buddhism», Princeton 2014; Klaus-Josef Notz, «Buddhismus», Stuttgart 2002.