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Marassa, heilige Zwillinge des Vodou

Marassa (auch Marasa, Marasa Dossou, Marasa Twa) sind im haitianischen Vodou die heiligen Zwillings-Loa und gehören zu den ältesten und am tiefsten verankerten Geistern des Pantheons. Anders als die meisten Loa, die als einzelne Persönlichkeiten erscheinen, treten die Marassa stets als Paar oder als Dreier-Gruppe auf.

Sie werden vor jeder größeren Zeremonie angerufen und gelten als Vermittler zwischen den Menschen und den anderen Loa. Ihre Verehrung verweist auf eine sehr alte westafrikanische Tradition der Zwillingsheiligung.

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Inhaltsverzeichnis

Marassa - Götter aus der Vodou-Tradition, historisch-illustrativ

Westafrikanische Wurzeln

Die Verehrung der Marassa hat ihre Wurzeln in mehreren westafrikanischen Traditionen. Bei den Yoruba werden Zwillinge als Ibeji verehrt, eine der zentralen Orisha-Manifestationen mit eigenen Riten und Bildwerken.

Bei den Fon im heutigen Benin gilt die Geburt von Zwillingen ebenfalls als heiliges Ereignis, das besondere rituelle Aufmerksamkeit erfordert. Die hohe Zwillingsrate in Westafrika, insbesondere im Yoruba-Land, das eine der höchsten Zwillingsgeburtenraten weltweit aufweist, hat diese religiöse Spezialisierung möglicherweise mitbedingt.

Alfred Métraux hat in «Le vaudou haïtien» die Verbindung zwischen der westafrikanischen Zwillings-Verehrung und den haitianischen Marassa gezogen und gezeigt, dass die Grundstruktur (die Verehrung von Zwillings-Geistern als heiligem Paar) in der Karibik erhalten geblieben ist, während die konkrete Form sich karibisch umgeformt hat.

Karen McCarthy Brown hat in «Mama Lola» die familiäre und alltägliche Praxis der Marassa-Verehrung dokumentiert und gezeigt, dass die Geister vor allem in Haushalten mit Zwillingen eine zentrale Rolle spielen.

Marassa als Kindergeister

Die Marassa erscheinen in der Vodou-Praxis als Kinder oder als jugendliche Geister. Wenn sie einen Pferd-Gläubigen reiten, verhält sich dieser kindlich, fordert Süßigkeiten, spielt mit Spielzeug und spricht in einer hohen, manchmal lispelnden Stimme.

Diese kindliche Manifestation unterscheidet sie deutlich von den erwachsenen Loa der anderen Familien und schafft eine besondere emotionale Nähe zu den Anwesenden.

Maya Deren hat in «Divine Horsemen» die kindliche Erscheinung der Marassa als theologische Aussage beschrieben: Sie repräsentieren das Geheimnis der Kindheit, des unschuldigen Wissens und der ungespaltenen Wahrnehmung.

Die Marassa wissen Dinge, die Erwachsene nicht wissen, gerade weil sie die Welt noch nicht in die Kategorien der Erwachsenenlogik geordnet haben. Diese epistemische Privilegierung des Kindlichen ist ein Aspekt der Vodou-Theologie, der wenig erforscht ist, aber in der religiösen Praxis eine wichtige Rolle spielt.

Marassa Dossou und Marassa Twa

Innerhalb der Marassa-Tradition werden zwei Hauptformen unterschieden: Marassa Dossou und Marassa Twa. Marassa Dossou bezeichnet das Paar mit einem nachgeborenen Geschwister, das den Geist eines verstorbenen Zwillings repräsentiert.

Im traditionellen westafrikanischen Verständnis gilt das nach Zwillingen geborene Kind als spirituell verbunden mit den Zwillingen, oft als deren «Vollendung». In Haiti wird diese Vorstellung beibehalten und prägt die Familien, in denen Zwillinge geboren werden.

Marassa Twa («Drei Marassa») bezeichnet eine Dreier-Konfiguration aus zwei Zwillingen und einem Begleitgeist, der oft mit dem höchsten Loa Damballa verbunden wird oder als kosmischer Dritter erscheint.

Diese dreigliedrige Struktur erinnert strukturell an die christliche Trinität und wurde von Vodou-Praktizierenden gelegentlich mit dem Vater-Sohn-Heiliger-Geist-Schema verglichen, ohne dass eine theologische Identität bestünde. Leslie Desmangles hat diese Parallele als Beispiel für die «doppelte Religiosität» des Vodou behandelt.

Anrufungs- und Ritualpraxis

Die Marassa werden vor jeder größeren Vodou-Zeremonie angerufen, oft direkt nach Papa Legba, dem Loa der Wege und der Öffnung.

Ihre Anrufung gilt als notwendige Vorbereitung für alle weiteren Anrufungen, weil die Marassa die kosmische Balance herstellen und das rituelle Geschehen unter ihren Schutz stellen. Die Vernachlässigung der Marassa kann nach Vodou-Verständnis zur Eifersucht der Geister und zu Störungen des Rituals führen.

Die Opfergaben für die Marassa bestehen vor allem aus Süßigkeiten, Kuchen, Bananen, Spielzeug und kleinen Gegenständen, die Kindern Freude bereiten.

Eine traditionelle Form ist die «table des Marassa», ein kleiner Tisch mit Speisen und Geschenken, der vor der Hauptzeremonie aufgebaut wird. Die Marassa werden in einer eigenen Liedfolge angerufen, die im Trommelrhythmus deutlich vom Erwachsenenrhythmus der anderen Loa unterscheidet.

Familiäre Praxis bei Zwillingsgeburten

In haitianischen Familien, in denen Zwillinge geboren werden, ist die Verehrung der Marassa besonders intensiv. Die Eltern führen lebenslang spezielle Riten durch, um die spirituelle Verbindung zwischen den irdischen Zwillingen und den Marassa-Geistern zu pflegen.

Diese Riten umfassen jährliche Opfer, das Aufstellen eines kleinen Altars im Haus, das Tragen bestimmter Schmuckstücke und die Befolgung spezifischer Verhaltensregeln gegenüber den Zwillingen.

Wenn einer der Zwillinge stirbt, wird der überlebende mit besonderer Vorsicht behandelt, weil er nach Vodou-Verständnis nun gleichzeitig die Seele des Verstorbenen mitträgt.

Karen McCarthy Brown hat in «Mama Lola» diese komplexen familiären Riten dokumentiert und gezeigt, wie die Marassa-Tradition die familiäre Identität über Generationen prägt. In transnationalen haitianischen Familien wird die Tradition auch in den USA und in Kanada fortgeführt.

Synkretistische Identifikation

Im katholisch-vodou-synkretistischen System werden die Marassa mit den heiligen Zwillingen Kosmas und Damian identifiziert, die in der katholischen Tradition als Heiler verehrt werden.

Diese Identifikation funktioniert gut, weil Kosmas und Damian (3. Jahrhundert) als Bruderpaar verehrt werden und beide mit Heilkunst verbunden sind. In den katholischen Kirchen Haitis sind ihre Festtage (26. September) mit Vodou-Riten der Marassa verbunden.

Eine zweite Identifikationslinie führt zu den Heiligen Anianus und Julian oder zu den «Heiligen Drei Königen», besonders wenn die Marassa Twa in ihrer dreigliedrigen Form verehrt werden. Diese alternative Identifikation zeigt die Flexibilität der synkretistischen Praxis: Je nach Kontext und nach lokaler Tradition können unterschiedliche katholische Heiligenpaare oder -gruppen als visuelle Anker dienen.

Theologische Bedeutung

Die Marassa verkörpern in der Vodou-Theologie das Prinzip der Paarung und der kosmischen Verdoppelung. In zahlreichen Vodou-Texten werden sie als die «kosmischen Zwillinge» beschrieben, deren Verbindung das fundamentale Muster der Realität ausmacht.

Maya Deren hat diese Idee als zentral für das Vodou-Weltbild herausgearbeitet: Alles in der Welt erscheint in Paaren, von den Geschlechtern über die Tag-Nacht-Folge bis zu den polaren Aspekten der Loa selbst.

Diese Paar-Theologie verbindet die Marassa mit Damballa und Ayida Wedo, die ebenfalls als kosmisches Paar verehrt werden. Im Unterschied zu diesen erwachsenen Paargottheiten repräsentieren die Marassa jedoch die kindliche, vorgeschlechtliche Form der Paarung, die noch keine sexuelle, sondern eine geschwisterliche Verbindung darstellt.

Joan Dayan hat in «Haiti, History, and the Gods» diese theologische Differenzierung herausgearbeitet und gezeigt, wie sie sich auf die Vodou-Konzeption der Person und der Beziehung niederschlägt.

Marassa in der Diaspora und in der Forschung

In der haitianischen Diaspora, vor allem in den USA und in Kanada, wird die Marassa-Verehrung weitergeführt. Karen McCarthy Brown hat dokumentiert, wie haitianische Eltern in Brooklyn und Miami die Marassa-Tradition trotz der städtischen Lebensbedingungen fortführen, oft unter Adaption an die neuen kulturellen Gegebenheiten.

Spielzeug, das in den USA verfügbar ist, wird zum Marassa-Opfer; lokale Bäckereien liefern die rituell notwendigen Kuchen.

Die wissenschaftliche Forschung zur Marassa-Verehrung ist weniger umfangreich als zu den prominenten Loa wie Damballa, Ogou oder den Gede. Wichtige Beiträge stammen von Maya Deren, Alfred Métraux, Karen McCarthy Brown und Claudine Michel.

Eine systematische vergleichende Studie zur Zwillings-Verehrung in Westafrika und in der karibischen Diaspora liegt noch nicht vor. Sandra Barnes und Henry Drewal haben in ihren Arbeiten zur Yoruba-Ibeji-Tradition wichtige Vergleichsmaterialien bereitgestellt, die für eine zukünftige umfassende Studie zur Marassa-Tradition genutzt werden können.

Die Yoruba-Ibeji-Tradition als Hintergrund

Der westafrikanische Hintergrund der Marassa ist am detailliertesten am Beispiel der Yoruba-Ibeji rekonstruierbar. Bei den Yoruba werden Zwillinge als heilige Personen begriffen, deren Geburt eine besondere rituelle Beziehung der Familie zum Orisha-Ibeji erfordert.

Stirbt einer der Zwillinge im Säuglingsalter, lässt die Familie eine «ere ibeji»-Holzfigur schnitzen, die das verstorbene Kind repräsentiert und in der Familienpraxis weitergeführt wird: gewaschen, gefüttert, gepflegt, mit kleinen Schmuckstücken versehen.

Marilyn Houlberg hat in «Notes on Egungun Masquerades among the Oyo Yoruba» (African Arts 1978) und in mehreren Aufsätzen für «Sacred Arts of Haitian Vodou» (Cosentino 1995) die Tradition systematisch dokumentiert.

Robert Farris Thompson hat in «Flash of the Spirit» (New York 1983) die These vertreten, dass die transatlantische Übertragung der Zwillingsverehrung in mehreren Wellen erfolgte und dass die haitianische Marassa-Tradition eine Mischung aus Yoruba-Ibeji- und Fon-Hohovi-Substraten darstellt.

Die Hohovi sind die Zwillinge bei den Fon, die ähnliche rituelle Aufmerksamkeit erhalten wie die Ibeji bei den Yoruba. Die haitianische Form integriert beide Substrate und ergänzt sie um spezifisch kreolische Elemente, vor allem um die kindlich-burleske Manifestation in den Vodou-Zeremonien.

Mange-Marasa: Das Marassa-Mahl

Das wichtigste eigenständige Ritual für die Marassa ist das «mange-marasa» («Marassa-Mahl»), das in regelmäßigen Abständen in Hounfor mit Marassa-Bindung gefeiert wird. Dabei wird ein Tisch mit kleinen Schalen aufgebaut, in jeder Schale die gleichen Speisen in dreifacher Ausführung: drei verschiedene Süßigkeiten, drei Tassen heißer Schokolade, drei Bananen, drei Stückchen Maiskuchen.

Auch ein Kreuz aus Kerzen wird auf den Boden gestellt, mit drei Kerzen für die drei Marassa-Gruppen (Marassa Ginen, Marassa Kongo, Marassa Kreyol). Kleine Kinder aus der Gemeinde werden zum gemeinsamen Essen eingeladen, da die Marassa durch die Kinder essen.

Karen McCarthy Brown hat in «Mama Lola» ein konkretes mange-marasa in Brooklyn beschrieben, mit Notizen zur Vorbereitung, zu den Speisen und zur Reaktion der Kinder. Sie zeigt, wie das Ritual familiäre und gemeinschaftliche Bindungen stärkt und gleichzeitig die theologische Aussage transportiert, dass die Marassa durch das Kindersein der Kinder hindurch wirken.

Claudine Michel hat in mehreren Aufsätzen zur Bedeutung der Marassa für die Erziehung haitianischer Kinder geschrieben und gezeigt, dass die Ritualpraxis eine pädagogische Funktion mit erfüllt.

Die drei Marassa-Nationen

In der entwickelten Vodou-Theologie werden die Marassa nicht nur als Paar oder Dreier-Gruppe verstanden, sondern in drei «Nationen» («nasyon») aufgegliedert, die die drei großen Herkunftstraditionen des haitianischen Vodou widerspiegeln: Marassa Ginen (afrikanisch-westafrikanisches Substrat), Marassa Kongo (kongolesisches Substrat) und Marassa Kreyol (in Haiti entstanden).

Jede dieser Nationen hat eigene Lieder, eigene Trommelrhythmen und eigene Lieblingsfarben. Die Marassa Ginen werden in Weiß verehrt, die Marassa Kongo in Rot und Blau, die Marassa Kreyol in regenbogenfarbenen Tüchern.

Donald Cosentino hat in «Sacred Arts of Haitian Vodou» (Los Angeles 1995) die ikonografische Dreiteilung dokumentiert. Die Aufgliederung verdeutlicht, wie das Vodou seine eigene Herkunftsgeschichte ritualisiert: Die drei Nationen sind nicht nur ethnisch-historisch gemeint, sondern theologisch, als Repräsentation der drei großen «Wege» («chemen»), auf denen die Loa in Haiti angekommen sind.

Joan Dayan hat in «Haiti, History, and the Gods» die kulturhistorische Bedeutung dieser Aufgliederung herausgearbeitet und sie als kollektive Selbstreflexion der haitianischen Religiosität gedeutet.

Quellen und Literatur

Sekundärliteratur:

  • Alfred Métraux, «Le vaudou haïtien» (Paris 1958).
  • Karen McCarthy Brown, «Mama Lola» (Berkeley 1991), besonders die Kapitel zur familiären Marassa-Praxis.
  • Claudine Michel, «Aspects éducatifs et moraux du vodou haïtien» (Port-au-Prince 1995).
  • Zu Yoruba-Ibeji: Marilyn Houlberg, «Ibeji Images of the Yoruba», in «African Arts» 7 (1973), und Beiträge in Cosentino (Hg.) 1995.
  • Robert Farris Thompson, «Flash of the Spirit» (New York 1983).
  • Henry John Drewal, «Yoruba: Nine Centuries of African Art and Thought» (New York 1989).
  • Babatunde Lawal, «The Gelede Spectacle: Art, Gender, and Social Harmony in an African Culture» (Seattle 1996).

Zur Fon-Hohovi-Tradition: Melville J. Herskovits, «Dahomey» (New York 1938); Suzanne Preston Blier, «African Vodun» (Chicago 1995).

Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.