Hexen-Vampirin der römischen Nacht, blutsaugender Nachtvogel und Urform späterer Vampir- und Hexenfiguren.
Striga (lat. strix, Plural striges) ist eines der folgenreichsten Motive der römischen Dämonologie. Ursprünglich als nächtlicher Raubvogel verstanden, eine dämonische Eule oder ein vogelartiges Hybridwesen, das Neugeborene und Schwangere angreift. Sie saugt Blut, tauscht Säuglinge gegen Stroh aus, dringt durch Fenster und Schlüssellöcher in Häuser ein.
Zugleich verschmilzt die Striga früh mit der Vorstellung der Hexe: eine Frau, die sich nachts in einen Vogel verwandelt.
Diese Doppelnatur, Tier und Frau, wirkt durch die gesamte Antike, wird im Mittelalter zur Grundlage der Hexenvorstellung und zum Ursprung des Vampirmotivs. Das slawische Wort strzyga und rumänisch strigoi gehen direkt auf die lateinische Strix zurück.
Typ: Nächtlicher Vogeldämon, später auch Hexe
Herkunft: Römischer Volksglaube, wahrscheinlich auf griechische Vorläufer (Strix) zurückgehend
Texte: Ovid (Fasti VI), Petronius, Apuleius, Plinius
Zeitraum: Republik bis Spätantike, mittelalterliche und frühneuzeitliche Rezeption
Verbreitung: Italien, Imperium, slawische und balkanische Volkstraditionen
Abwehr: Weißdorn, Bulla-Amulett, Rituale an der Schwelle, Salzspuren
Erste Belege in der Republik, ausführlich bei Ovid (Fasti VI) für das Jahr 6 n. Chr. Plinius, Petronius, Apuleius führen die Figur aus. Im Mittelalter entwickelt sich daraus die Hexen- und Vampirvorstellung, im slawischen Raum der strzyga bzw. strigoi.
Mythologische Einordnung
Striga ist in römischer und später europäischer Überlieferung ein Nachtdämon oder Hexe, die Blut trinkt und Leichen ausgräbt. In osteuropäischen Traditionen ist sie Ursprung des Vampire-Mythos. Strigae sind Formwandlerinnen, nachts unterwegs. Sie sind nicht unbedingt tot, sondern verdammt.
Italischer Kulturraum als Ursprung; durch das Imperium in allen Provinzen verankert. Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit starke Präsenz im slawischen Raum, im Balkan, in Rumänien. Die Strigoi-Tradition wirkt bis in moderne Vampirliteratur.
Literarisch: Ovid, Plinius (Naturalis Historia), Petronius, Apuleius, patristische Autoren. Volkskundlich dicht in slawisch-balkanischen Traditionen. In mittelalterlichen Hexenverfolgungsdokumenten häufig.
Lateinisch: strix (Singular), striges (Plural), später striga.
Slawisch: strzyga (polnisch), strigoi (rumänisch).
Griechisch: στρίγξ (strinx), Nachtvogel.
Der Name meint ursprünglich einen nächtlichen Vogel, vermutlich eine Ohreule oder eine ähnliche Eulenart. Volksetymologisch wurde das Kreischen („stridere“) als Ursprung gedeutet. Aus dem Tiernamen entsteht der Mythos, aus dem Mythos die mittelalterliche Hexe, in Italien strega.
Erscheinung
Tiergestalt: großer Nachtvogel, eulenartig, mit gekrümmten Klauen und scharfem Schnabel. In der Hexenform: alte Frau, die sich nachts in den Vogel verwandelt. Mischformen werden berichtet, Frau mit Vogelflügeln, Vogel mit menschlichem Gesicht.
Verhalten
Die Striga fliegt nachts, dringt in Häuser ein (durch Fenster, Kamine, Schlüssellöcher), sucht Säuglinge und Schwangere, saugt ihnen das Blut aus oder entwendet das Kind und ersetzt es durch Stroh oder ein Puppenbündel.
Wirkungsbereich
Nacht, Schlafraum, Wochenbett. Besonders gefährlich in den ersten Tagen nach der Geburt, solange das Kind noch „nicht eingebunden“ in die Gemeinschaft ist.
Mythologische Herkunft
Keine klar formulierte mythische Genealogie. Ovid erzählt eine Urszene, in der die Amme Krane die Strix mit Weißdorn von einem Säugling verjagt, eine ätiologische Erzählung, die den Abwehrritus legitimiert. In slawischer Tradition entsteht die Striga aus einem Menschen mit zwei Herzen oder zwei Seelen.
Erscheinung und Symbolik
Strigae werden beschrieben als hideous alte Frauen mit Vogelmerkmalen, riesenhaften Brüsten. Sie können menschliche Form annehmen. Eulen und Nachtschatten begleiten sie. Blut und Leichenschändung sind ihr Drang. Eine Aura von Alter, Hunger und Verdammnis geht aus.
Die wichtigsten Aspekte der Striga auf einen Blick. Die Ausführung zu Name, Beschreibung, Abwehr und Parallelen finden Sie in den Kapiteln 2, 3, 5 und 6.
Aus römischem Volksglauben, mit griechischen Vorläufern. Später verschmelzend mit der Hexenvorstellung, eine Frau, die sich in einen Vogel verwandelt.
Vor allem Säuglinge und Kleinkinder, sekundär Wöchnerinnen. In den späteren Hexen-Diskursen erweitert sich das Opfer-Spektrum auf die ganze Bevölkerung, Krankheit, Vieh-Sterben, Wetter-Schaden werden der Striga zugeschrieben.
Großer Nachtvogel (eulenartig) oder alte Frau, die sich verwandelt. Mischformen: Frau mit Vogelflügeln, gekrümmte Klauen, blutige Schnauze.
Blutsaugen, Kinderraub, Austausch gegen Stroh. Langsame Auszehrung des Säuglings, oft erst nach Tagen oder Wochen bemerkt.
Weißdornzweige an Fenstern und Türen, Salz auf den Schwellen, brennende Lampen im Schlafraum. Bulla-Amulett für das Kind. Ovid schildert den Weißdorn-Ritus der Amme Krane.
Rituale zur Abwehr
Ovid beschreibt den Ritus der Amme Krane: Sie klopft den Türpfosten mit einem Weißdornzweig ab, besprenkelt die Wohnung mit Wasser, legt Innereien eines jungen Schweins auf eine Schüssel und ruft die Striga an, sich stattdessen darauf zu stürzen. Danach ist das Kind geschützt.
Beschwörungen
Kurze volkstümliche Formeln an der Schwelle, besonders nachts. In Defixionen wird die Striga als Angriffswerkzeug gegen Feinde genannt. Im späteren slawischen Raum entstehen lange Schutzformeln gegen Strigoi.
Amulette und Schutzsymbole
Bulla-Amulett für römische Kinder, mit magischen Beigaben gefüllt. Salz, Weißdorn, Lorbeer, Knoblauch. Spätere slawische Traditionen ergänzen um Kreuze, Heiligenbilder und spezielle Beerdigungsrituale für Strigoi-Verdächtige.
Kult und Verehrung
Strigae werden nicht verehrt, sondern abgewehrt. Eisen unter dem Bett, rote Fäden und Knoblauch waren verbreitet. Gräber wurden bewacht. Priester und Magier konnten sie bannen. In manchen Kulturen wurde versucht, respektvoll zu behandeln.
Vorbilder und Verwandte: Mesopotamische Lilītu und jüdische Lilith, die Kindermord-Dämonin als weitverbreitetes Motiv des Alten Orients. Griechische Lamia und Empusa als literarisch verwandte Figuren.
Mittelalter
Die mittelalterliche Hexe erbt viele Strix-Merkmale: nächtlicher Flug, Verwandlung, Angriff auf Säuglinge. Das italienische strega („Hexe“) stammt direkt von Strix.
Moderne Vampirfigur
Der rumänische strigoi ist der unmittelbare Vorläufer der modernen Vampirfigur. Bram Stokers Dracula und seine Nachfolger tragen Strix-Elemente in sich, besonders das Eindringen durch Fenster, den Biss am Hals und die Blutauszehrung.
Die striga oder strix ist eine der wenigen römischen Unheilsgestalten, für die mehrere unabhängige antike Quellen vorliegen. Die ausführlichste Schilderung gibt Ovid in den Fasti, dem Festkalender, im Eintrag zu den Ereignissen des Juni.
Dort beschreibt er die striges als nächtliche Vögel mit großem Kopf, starren Augen, Krummschnabel und grauen Federn, die in der Dunkelheit fliegen und nach Säuglingen suchen, deren Eingeweide oder Blut sie aussaugen.
Ovid erzählt im Anschluss von der Bedrohung des kleinen Königssohns Proca und von der Abwehr durch die Göttin Carna oder Cardea, die mit Arbutuszweig und einem Schweineopfer den Vogel vertreibt.
Petronius lässt im Satyricon die Figur des Trimalchio und seine Gäste von den strigae erzählen: In einer Episode wird der Leichnam eines Knaben von Hexen vertauscht und durch ein Strohbündel ersetzt, ein Mann, der sie stören will, wird übel zugerichtet.
Hier sind die strigae bereits weibliche Zauberinnen, nicht bloß Vögel. Plinius der Ältere erwähnt die strix in der Naturalis historia im zoologischen Zusammenhang und bemerkt, dass über sie die Sage gehe, sie gäben den Säuglingen die Brust mit ihrer Milch, äußert sich aber skeptisch über die Existenz des Vogels.
Diese Quellen zeigen die Figur in der entscheidenden Schwebe zwischen Tier und Mensch, zwischen Naturkunde und Spuk. Bereits in der Antike war unklar, ob die strix ein realer Nachtvogel mit unheimlichem Ruf, ein Dämon oder eine Frau ist, die sich in einen Vogel verwandelt.
Diese Ambivalenz ist kein Mangel der Überlieferung, sondern ihr Kern: Die Römer selbst diskutierten den Status des Wesens.
Die Doppeldeutigkeit der strix hat eine lange Forschungsgeschichte. Sprachlich ist strix zunächst ein Vogelname, verwandt mit griechisch strinx, und bezeichnet wahrscheinlich eine Eulenart; der unheimliche, kreischende Ruf nachtaktiver Eulen gilt als Ausgangspunkt der Vorstellung. Aus dem realen Nachtvogel mit seinem als grausig empfundenen Schrei wurde ein Unglücksvogel, dann ein blutsaugendes Dämonenwesen.
Parallel dazu verschob sich die Bedeutung in Richtung Mensch. In der lateinischen Literatur der Kaiserzeit und besonders in der spätantiken und mittelalterlichen Überlieferung meint striga immer häufiger eine zaubermächtige Frau, die nachts ausfährt, um Schaden zu stiften.
Die Vorstellung, dass solche Frauen sich verwandeln oder ihren Geist aussenden können, verbindet beide Stränge: Die Hexe nimmt die Gestalt oder die Eigenschaften des Vogels an.
Diese Entwicklung lässt sich nicht als einfache Linie beschreiben. In den Quellen koexistieren der reine Tierglaube, die dämonologische Deutung und die menschliche Hexe nebeneinander, oft im selben Text.
Die Forschung, etwa die Arbeiten zur römischen Volksreligion und zur Vorgeschichte des europäischen Hexenglaubens, sieht in der striga daher einen wichtigen Knotenpunkt: An ihr lässt sich studieren, wie aus einem Tieromen über mehrere Jahrhunderte die Vorstellung der schädigenden Zauberin wuchs.
Das mittelalterliche Latein verwendet striga und strix dann oft synonym für „Hexe“, und in mehreren romanischen Sprachen lebt das Wort in genau dieser Bedeutung fort.
Eine eigene Spur führt die striga in die frühmittelalterliche Rechtsgeschichte. In mehreren der sogenannten Volksrechte, der aufgezeichneten Stammesrechte des frühen Mittelalters, taucht das Wort auf.
Besonders bekannt ist die Bestimmung in der Lex Salica, dem Recht der Franken, die eine Geldstrafe für denjenigen festsetzt, der einen anderen fälschlich als stria beschimpft oder ihm vorwirft, einen Menschen „gefressen“ zu haben. Die Lex Salica ahndet also nicht die Hexerei selbst, sondern die unbegründete Beschuldigung.
Noch aufschlussreicher ist eine Bestimmung, die mit dem langobardischen König Rothari verbunden ist: Sein Edikt aus dem siebten Jahrhundert verbietet ausdrücklich, eine Magd oder freie Frau als striga zu töten, und erklärt, ein Christ dürfe nicht glauben, dass eine Frau einen Menschen von innen her aufzehren könne.
Hier wendet sich die weltliche Gesetzgebung gegen den Volksglauben und schützt die Beschuldigten.
Diese Rechtszeugnisse sind für die Forschung von hohem Wert, weil sie zeigen, dass der Glaube an menschenfressende Hexen im frühen Mittelalter lebendig und folgenreich war, lange vor den großen Hexenverfolgungen der Frühen Neuzeit. Zugleich belegen sie eine offizielle, teils kirchlich gestützte Skepsis gegenüber diesem Glauben.
Der berühmte Canon episcopi, ein kirchenrechtlicher Text, ordnete den Glauben an nächtliche Ausfahrten der Frauen als Täuschung ein. Die Linie von der römischen strix über die Volksrechte bis zu diesen kirchlichen Stellungnahmen ist eine der wichtigsten Vorgeschichten des späteren Hexenbildes.
Das Wort striga hat in den Sprachen Südosteuropas eine bemerkenswert lange Nachgeschichte. Im Rumänischen entwickelte sich daraus strigă und vor allem strigoi, eine Bezeichnung für einen wiederkehrenden Toten oder einen lebenden Menschen mit schädlicher übernatürlicher Kraft.
Der strigoi der rumänischen Volksüberlieferung ist eine komplexe Gestalt: Es gibt den strigoi viu, den lebenden, und den strigoi mort, den toten, der aus dem Grab zurückkehrt, das Vieh und die Verwandten heimsucht und ihnen die Lebenskraft entzieht.
Diese Tradition wurde im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert von Volkskundlern dokumentiert und ist später in die internationale Vampirforschung eingegangen. Der strigoi gehört zu den ostmitteleuropäischen Wiedergänger-Vorstellungen, die das westliche Vampirbild mitgeprägt haben, auch wenn die volkstümliche Gestalt weit vielschichtiger ist als die literarische.
Sprachlich verwandte Begriffe finden sich im weiteren Balkanraum, was auf eine alte gemeinsame Schicht hindeutet. Religionswissenschaftlich interessant ist, dass sich an dieser Wortgeschichte ein langer Bedeutungswandel ablesen lässt: vom römischen Nachtvogel über die mittelalterliche Hexe zum neuzeitlichen Wiedergänger.
Das Wort blieb stabil, während die Vorstellung sich an die jeweiligen Ängste und Erklärungsbedürfnisse anpasste. Wer die striga der Antike und den strigoi der rumänischen Dörfer nebeneinanderlegt, sieht keine identische Figur, aber eine durchgehende Linie der Übertragung. Verwandte Vorstellungen vom blutsaugenden Toten finden sich auch im slawischen Raum, etwa beim Upir.
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