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Odin, Gott der germanischen Tradition

Höchster Gott des germanischen Pantheons, Allvater, Herrscher über Ekstase, Dichtung und Weisheit. Odin steht im Zentrum der nordgermanischen Mythologie als oberster Lenker der Götter und Menschen.

Im Gegensatz zu den meisten indogermanischen Hochgöttern ist Odin nicht in erster Linie Wettergott oder Kriegsbefehlshaber, sondern Schamane, Magier und Skaelde, der sein Wissen um jeden Preis erworben hat und die Welt nicht ordnet, sondern durchwirkt.

Inhaltsverzeichnis

Odin - Götter aus der Germanisch-Tradition, historisch-illustrativ

Odin

Im Überblick: Odin

Typ: Hochgottheit, Gott der Ekstase, Weisheit und Dichtung
Pantheon: Germanisch (Asgard)
Funktion: Wahrer der Ekstase und Magie, Vater der Kriegsfähigkeit und Skaldenkunst, Psychopompos (Todesgott-Aspekt)
Hauptattribute: Speer Gungnir, Raben Hugin und Munin, Wölfe Geri und Freki, Pferd Sleipnir
Hauptkultorte: Uppsala (Schweden), Lejre (Dänemark)
Römisches Pendant: Mercurius (Interpretatio Romana, Tacitus)

Historische Einordnung

Zeitraum der Texte

Die Überlieferung zu Odin reicht von der weitgehend verschollenen vorchristlichen Mundüberlieferung über die Edda-Sammlungen des 13. Jahrhunderts, Snorri Sturluson’s Prosa-Edda und die Lieder-Edda (8. bis 13. Jh.), bis zu den Beobachtungen römischer und späterer mittelalterlicher Autoren.

Die Edda-Texte sind Aufzeichnungen von Maunditionern, die auf älteren, moendlich überlieferten Skaldendichtungen basieren. Eine kontinuierliche schriftliche Überlieferung wie im Fall des Zeus existiert nicht; stattdessen haben wir fragmentarische Quellen: Tacitus‘ Germania (ca. 98 n. Chr.), Skalden-Fragmente, Saxo Grammaticus (12. Jh.) und die Edda-Sammlungen.

Verbreitungsraum

Verehrt im gesamten germanisch-nordischen Raum: Skandinavien (Norwegen, Schweden, Dänemark), dänische und norwegische Inseln, angelsächsisches England (wo Woden/Woden Namenspatronen von Woednesday ist) und südgermanische Gebiete (althochdeutsch Wodan/Wuodan). Die Weite des Verbreitungsraums zeigt sich in der Vielzahl von Stammesnamen mit Woden-Etymologie und in den Wochen- und Monatsnamen (Wodanstag/Mittwoch, altnordisch Odinnstag).

Quellenlage

Den Kern bilden die Edda-Sammlungen: die Lieder-Edda (Voluspa, Havamal, Vafthrudnismal) und Snorri Sturluson’s Prosa-Edda (Gylfaginning, Skalddskaparmal). Hinzu kommen Skalden-Fragmente bei späteren Autoren, Tacitus‘ kurze Erwähnung des Mercurius mit Woden-Gleichsetzung, Saxo Grammaticus‘ Gesta Danorum, Sieversae sowie archäologische Funde (Opfermoore, Inscriptiones, Votivgaben).

Die Chronologie ist problematisch: Die Edda-Aufzeichnungen stammen aus dem 13. Jh. beschreiben aber Überlieferungen aus der vorchristlichen Eisenzeit.

Name

Altnordisch: Óðinn (Nominativ), Genitivus Óðins, Etymologie umstritten, mögliche Wurzeln: protogermanisch *Woðanaz („der Rasenhafte“, von *wod- „Ekstase, Wahnsinn, Lied“) oder Verbindung zu altnordisch óðr (Geist, Dichtung, Ekstase). Althochdeutsch: Wodan, Wuodan, Wuotan, Wuothan. Altsächsisch: Wuodan. Altenglisch: Woden, Wodan, Namenspate des Mittwochs (Wednesday = „Wodens Day“, analog zu Mardi/Mercredi im Romanischen vom römischen Mercurius).

Niederdeutsch/Plattdeutsch: Wodan, Odin. Römisches Pendant: Mercurius (interpretatio romana bei Tacitus, trotz kulturfremder Zuordnung). Der Wochentagsname Mittwoch bezieht sich auf die römische Gleichsetzung (Wodan = Mercurius), nicht auf Mercurius‘ Funktionen direkt. Beinamen und Titel: Allvater, Herr der Skaelden, Speer-Odin, Hang-Gott (Hängir, wegen Selbstopfer am Yggdrasil), Augen-loser, Raben-Gott (Hrafn-Odin), der Wanderer.

Beschreibung

Erscheinung

Odin wird in der Literatur und bildlichen Überlieferung als einäugiger Greis mit langem Bart dargestellt. Er trägt einen weit fließenden blauen oder grauen Mantel und einen breitkrempigen Hut (Huengljaef oder Huengljaefr), der sein fehlendes Auge und sein Antlitz teilweise verbirgt.

Er reitete auf dem achtbeinigen Pferd Sleipnir (altnordisch sleipnir „der Gleitende“), das schneller als jedes andere Tier ist und auch zwischen den Welten galoppiert.

An seiner Seite trüg er den Speer Gungnir (altnordisch gungnir „der Wibbernde“), der nie sein Ziel verfehlt. Zwei Raben, Hugin und Munin (altnordisch huginn „Gedanke“ und muninn „Erinnerung“), sitzen auf seinen Schultern und fliegen tägliche Ausflüge übers All der Neun Welten, um ihm alles zu berichten.

Zwei Wölfe, Geri und Freki (altnordisch geri „der Gefraessige“ und freki „der Freche“), begleiten ihn, Odin selbst isst selten, sondern lebt von Wein allein (Aesir-Natur).

Wesen und Wirken

Odin ist der Durchwirker und Veränderer der Welt, kein Schöpfer. Er ist Gott der Ekstase, der kriegerischen Raserei (berserkergang), der schamanischen Trance und der Skaldendichtung.

Seine Kennzeichnung ist das Selbstopfer: Er hängte sich selbst neun Nächte lang in den Weltenbaum Yggdrasil, von einer Lanze durchbohrt, um die Runen zu gewinnen, das uralte Schriftsystem und Zaubersystem.

Er opferte sein rechtes Auge dem Brunnen Mimirs, um einen Schluck von dessen Weisheit zu trinken.

Seine Machtsphare umfasst Dichtung, Krieg (als ekstative Kampfrausch anstelle ordnender Herrschaft wie bei Zeus), Tod und Magie. Im Gegensatz zu Thor (Blitzgott, Ordnungsgott der Bauern) oder Tyr (Rechtsgott der Eidesleistung) repräsentiert Odin die Transgression: Das Übernatürliche, das Schamane, die Magie.

Steckbrief: Odin

Die wichtigsten Aspekte von Odin auf einen Blick. Die Tabelle fasst Herkunft, Funktion, Erscheinung, Verehrung, Symbole und Parallelen zusammen.

Ursprung

Sohn des Riesen Bor und der Riesin Bestla. Bruder von Vili und Ve. Nach der Erschaffung der Welt aus dem Leichnam des Urriesen Ymir gründete er mit seinen Brüder das Reich Asgard, etablierte die Ordnung der Neun Welten und bestimmte Schicksal und Lauf der Dinge.

Seine Abstammung ist hybrid: Gott und Riese zugleich, was seine Natur als Transgressionsfigur unterstreicht.

Odins Funktion

Herr der Ekstase, Dichtung und Magie. Gott der Krieg in seiner ekstative, nicht ordnenden Form. Psychopompos und Herrscher über die Schlacht und die Gefallenen, die er nach Walhall abhölt. Urvater der Skaelden und Runen-Meister. Im Gegensatz zu anderen Hochgöttern primär Veränderer und Transgressor statt Ordner.

Form

Einäugiger Greis mit langem Bart, breiter blauer oder grauer Mantel, breitkrempiger Hut. Reitet auf Sleipnir (achtbeiniges Pferd). Trägt Gungnir (Zauberspeer). Hugin und Munin (Raben des Gedankens und der Erinnerung) auf den Schultern. Zwei Wölfe, Geri und Freki, als Begleiter.

Odins Verehrung

Hauptkultorte: Uppsala (Schweden, unter Freyr und Freyja), Lejre (Dänemark, Sitz der dänischen Königsgeschlechter). Odin wurde in erster Linie von Kriegern, Skaelden und Künstlern verehrt, weniger von Bauern und Handwerkern (die eher Thor verehrten).

Eidesleistungen, besonders Kriegs-Eide und Skaelden-Eide, wurden in Odins Namen abgelegt. Menschenopfer (Hängung) waren mit Odin-Kult verbunden, Gefangene wurden hängend geopfert, um Odins Segen zu erlangen. Die sogenannten Opfermoore (z. B. in Dänemark und Norddeutschland) enthalten Spuren solcher Praktiken.

Odins Symbole

Speer Gungnir (der nie sein Ziel verfehlt), Raben Hugin und Munin (Gedanke und Erinnerung), Wölfe Geri und Freki, achtbeiniges Pferd Sleipnir, Runen (besonders Wunjo, Ansuz, Dagaz), der Galgen (wegen des Selbstopfers), das Auge (wegen des Opfers an Mimirs Brunnen).

Vergleichbares

Mercurius (Rom, Interpretatio Romana), Veles (Slawisch, Magier und Psychopompos), Hermes (Griechenland, Psychopompos und Zauberer, Funktional), Tyr (Germanisch, ursprünglich Hochgott, später durch Odin abgelöst), Loki (Germanisch, trangressiv, Zauberer, aber antagonistisch), Shamanische Hochgötter in finno-ugrischen und sibirischen Kulturen.

Die Verbindung zu römischen und slawischen Figuren unterstreicht, dass Odin eine sinngemaess universelle nordische Ausformung einer indogermanischen Transgressor-Figur ist, nicht des Ordner-Modells (Zeus, Iuppiter, Dyaus Pita, Perun).

Verehrung im Alltag

Odin war nicht der Gott der breiten Bevölkerung oder des häuslichen Friedens, er war Gott der Krieger, Skaelden und Magier. Im Alltag äußerte sich seine Verehrung weniger im Familien-Opfer als in Schwurformeln bei Kriegs- und Ehren-Eiden, in Skalden-Anrufungen vor der Dichtung und in Praktiken der Rausch-Induktion (sei sie kriegerisch oder ritualisch).

Kriegern, besonders Anführern und Elitekriegern (Berserker), galt Odin als Patron. Er verbreitete den berserkergang, einen ekstativ kriegerischen Rausch, in dem der Krieger alle Schmerz- und Todesangst überwindet.

Seine Verehrung war also praktisch und gefährlich: transgressive und machtverleihend, anstelle der tröstlichen Art des Hauskults um Hestia/Vesta. Bei wichtigen Entscheidungen, insbesondere vor Kriegen, vor Seekfahrten oder vor magischen Unternehmungen, waren Opfergaben an Odin üblich, oft in Verbindung mit Thor (Schutz) oder Tyr (Eid-Wahrer).

Auch Künstler und Skaelden, das heißt, hochgestellte Dichter und Musiker, verehrten Odin als ihren Schutzherrn. Der Skaelden-Eid war eine Form der Odin-Verehrung: Der Skalde schwor, das Met der Dichtung (den Odin selbst aus Riesen-Hut geraubt hatte) zu verwenden und dadurch die Wahrheit durch Kunstfertigkeit zu offenbaren.

Odin, Parallelen in anderen Kulturen

Römische Tradition

Mercurius, weniger wegen funktionaler Ähnlichkeit (Hermes/Mercurius sind primär Boten-Götter) als wegen der römischen Gewohnheit der interpretatio romana, Tacitus gleichsetzt Wodan mit Mercurius, wahrscheinlich wegen der gemeinsamen Rolle als Reisegott und wegen des Sprachhandelns (Mercurius = Handels- und Rede-Gott, Odin = Skaelden- und Runen-Gott).

Diese Gleichsetzung ist kulturell oberflächlich und zeigt weniger echte Funktionsverwandtschaft als das Caesar-Schachspiel der römischen Synkretismusbauern.

Vedische und hinduistische Tradition: Keine direkte Parallele im vedischen Pantheon. Der Gedanke einer Hochgottheit, die durch Selbstopfer Weisheit erwirbt, reminisziert jedoch an schamanische Motive in indo-europäischen Religionen. Mögliche funktionale Parallelen zu Rudra/Shiva (transgressive Gott, Zauberer, ekstatisch) sind spekulativ.

Slawische Tradition

Veles (Volos), Gott der Magie, der Unterwelt, der Herden und des Wohlstands, teilt mit Odin die transgressive Natur und die Psychopompos-Funktion. Beide sind Magier-Götter, nicht Ordner. Veles ist jedoch primär mit der Unterwelt und den Töten, Odin mit der Ekstase und der Dichtung verbunden.

Germanische Parallelen: Tyr (Tiu, Ziu), ursprünglich indogermanischer Hochgott (verwandt mit Zeus, Iuppiter, Dyaus Pita durch die Wurzel *dyeus).

Tyr wurde im Laufe der frühen germanischen Geschichte durch Odin als Hochgott „abgelöst“ oder „ersetzt“, behielt aber die Funktionen des Eid-Gottes und des Rechtswaherers. Diese Ablösung ist kulturhistorisch bedeutsam und zeigt, wie sich die Werteverschiebung einer Gesellschaft in ihrer Gottheit ausdrückt.

Das Motiv des Selbstopfers

Ein charakteristisches Merkmal von Odin ist sein Bereitschaft, sich selbst zu opfern, um Weisheit und Macht zu erlangen. Nach der Edda hing er neun Nächte am Weltenbaum Yggdrasil, von seinem eigenen Speer durchbohrt, ohne Nahrung und Trank, bis ihm die Runen offenbarten wurden.

Er opferte auch sein rechtes Auge dem Brunnen des Riesen Mimir, um einen Schluck des Brunnen-Wassers zu trinken, das Weisheit gewährt. Dieses Motiv unterscheidet Odin fundamental von anderen indogermanischen Hochgöttern: Während Zeus, Iuppiter oder Perun Macht durch Sieg oder Ordnung erwerben, erwirbt Odin sie durch Entsagung und Transgression.

Der Erwerb der Runen: Odins Selbstopfer am Weltenbaum

Eine der bekanntesten Episoden des Odin-Mythos ist sein Selbstopfer zum Erwerb der Runen, überliefert in den Strophen 138 bis 145 des eddischen Gedichts Hávamál (Sprüche des Hohen). Odin selbst berichtet dort, er habe neun Nächte am windigen Baum gehangen, vom Speer verwundet, sich selbst geweiht, sich selbst gegeben.

Der Baum ist mit hoher Wahrscheinlichkeit die Weltenesche Yggdrasil, deren Name sich als Odins Ross deuten lässt, wobei der Galgen poetisch als das Pferd des Gehängten gilt.

Ohne Brot und ohne Met gereicht, blickte Odin nach unten, ergriff schreiend die Runen und fiel zurück. Im selben Zusammenhang berichtet er, wie er von seinem mütterlichen Verwandten Bölthorn neun mächtige Zauberlieder erhielt und einen Trunk des kostbaren Mets.

Die Religionswissenschaft hat diese Passage intensiv diskutiert. Manche Forscher sehen darin einen alten Initiationsritus, vergleichbar mit schamanischen Praktiken, bei denen der Suchende einen symbolischen Tod durchläuft, um verborgenes Wissen zu erlangen.

Andere betonen den literarischen Charakter des Textes und warnen vor vorschnellen schamanischen Deutungen. Unbestritten ist, dass die Episode Odin als Gott des durch Leiden errungenen Wissens zeichnet, der bereit ist, sich selbst zu opfern, um Macht über Sprache, Zauber und verborgene Zusammenhänge zu gewinnen.

Der Met der Dichtung: Odin als Räuber der Inspiration

Die ausführlichste Erzählung über den Ursprung der Dichtkunst überliefert Snorri Sturluson im Skáldskaparmál, dem zweiten Teil seiner Edda. Sie beginnt mit dem Wesen Kvasir, das aus dem Speichel der versöhnten Asen und Wanen entstand und alle Fragen beantworten konnte.

Zwei Zwerge erschlugen Kvasir und mischten sein Blut mit Honig zu einem Met, der jedem, der davon trank, Dichtkunst und Weisheit verlieh.

Über mehrere Stationen gelangte dieser Met in den Besitz des Riesen Suttung, der ihn im Berg Hnitbjörg von seiner Tochter Gunnlöd bewachen ließ. Odin machte sich unter dem Decknamen Bölverk auf, um den Met zu erlangen.

Er bohrte sich mit Hilfe des Bohrers Rati durch den Fels, verwandelte sich in eine Schlange, kroch hindurch und verbrachte drei Nächte bei Gunnlöd, die ihm im Gegenzug drei Schlucke gewährte. Mit drei Zügen leerte Odin alle drei Behälter, verwandelte sich in einen Adler und floh nach Asgard, wo er den Met in Gefäße spie.

Diese Erzählung erklärt zugleich, warum Dichtung im Altnordischen als Odins Beute oder Kvasirs Blut umschrieben werden kann. Forscher haben auf strukturelle Ähnlichkeiten mit dem indischen Soma-Mythos hingewiesen, in dem ein göttlicher Rauschtrank ebenfalls geraubt und ein Adler zum Träger wird.

Ob hier ein gemeinsames indogermanisches Erbe vorliegt, bleibt umstritten, doch die Parallele ist auffällig genug, um in der vergleichenden Mythologie immer wieder behandelt zu werden.

Wodan in den festländischen Quellen und der Lange Bart

Odin ist aus den isländischen Quellen des Hochmittelalters bekannt und zusätzlich unter dem festlandgermanischen Namen Wodan oder Woden aus deutlich älteren Zeugnissen.

Der römische Geschichtsschreiber Tacitus erwähnt in der Germania um 98 n. Chr. einen Gott, den die Germanen am höchsten verehrten und den er mit Mercurius gleichsetzt, was die Forschung überwiegend auf Wodan bezieht.

Aus dem 8. Jahrhundert stammt der Zweite Merseburger Zauberspruch, einer der wenigen erhaltenen heidnischen Texte in althochdeutscher Sprache, in dem Wodan einen verrenkten Pferdefuß durch Besprechung heilt.

Der langobardische Geschichtsschreiber Paulus Diaconus überliefert die Erzählung, wie Wodan den Langobarden zu ihrem Namen verhalf, indem seine Frau Frea die Frauen des Stammes mit über das Gesicht gekämmtem Haar an den Ort stellte, wo Wodan beim Erwachen blicken würde, sodass er sie als Langbärtige ansprach.

Der Name selbst, urgermanisch etwa Wōdanaz, hängt mit einem Wortfeld zusammen, das Wut, Raserei und Ekstase bezeichnet, gotisch wods für besessen. Adam von Bremen formulierte im 11. Jahrhundert die berühmte Glosse Wodan, id est furor, Wodan, das heißt Raserei.

Diese sprachliche Verankerung zeigt, dass der ekstatische, rasende Zug Odins kein spätes literarisches Konstrukt ist, sondern tief in der Vorstellung vom Gott angelegt war. Der englische Wochentag Wednesday und das deutsche Wuotanstag bewahren den Namen bis heute.

Odin und die Wilde Jagd: Nachleben in der Volksüberlieferung

Nach der Christianisierung lebte Odin in volkstümlichen Vorstellungen weiter, statt vollständig zu verschwinden, besonders im Motiv der Wilden Jagd. In weiten Teilen des germanischsprachigen Raums kannte die Volksüberlieferung einen nächtlichen Geisterzug, der besonders in der dunklen Jahreszeit durch die Lüfte raste, angeführt von einer dämonischen Gestalt.

In Skandinavien und Teilen Norddeutschlands wurde dieser Anführer mancherorts mit Odin oder einem davon abgeleiteten Namen identifiziert. Jacob Grimm sammelte im 19. Jahrhundert in seiner Deutschen Mythologie zahlreiche solcher Belege und sah darin ein Fortleben des heidnischen Sturmgottes.

Die neuere Forschung ist vorsichtiger: Die Wilde Jagd ist ein komplexes Bündel volkskundlicher Vorstellungen, in das verschiedene Figuren eingingen, und nicht jede regionale Ausprägung lässt sich direkt auf Odin zurückführen.

Dennoch passt das Motiv gut zu Odins Wesen. Er ist der Gott der gefallenen Krieger, der Anführer einer Schar von Toten, der durch die Luft reitet auf seinem achtbeinigen Ross Sleipnir. Der ekstatische, sturmhafte Charakter, der schon im Namen angelegt ist, findet im rasenden Geisterheer eine nachchristliche Form.

In der Romantik und später in Richard Wagners Ring des Nibelungen wurde Odin als Wotan zu einer zentralen Kulturfigur, was seine Rezeption bis in die moderne Fantasyliteratur und Populärkultur prägte und zugleich vielfach von der historischen Überlieferung löste.

Die vielen Namen Odins und ihre Bedeutung

Wenige Gottheiten der Weltreligionsgeschichte tragen so viele Beinamen wie Odin. Das eddische Gedicht Grímnismál und das Gylfaginning Snorris überliefern über 150 verschiedene Bezeichnungen, und die skaldische Dichtung kennt noch weitere.

Diese Namensfülle ist weit mehr als poetischer Schmuck. Sie ist Ausdruck einer theologischen Vorstellung: Odin nimmt unterschiedliche Gestalten und Rollen an, und jeder Name benennt einen Aspekt seines Wesens.

Viele Beinamen verweisen auf sein Äußeres und seine Verkleidungen. Hárbarðr (Graubart), Síðhöttr (Breithut), Grímnir (der Maskierte) bezeichnen ihn als wandernden, verhüllten Gott, der einäugig auftritt, weil er sein Auge für einen Trunk aus Mímirs Brunnen gab. Andere Namen betreffen seine Funktionen: Valföðr (Vater der Gefallenen), Sigföðr (Vater des Sieges), Galdrsföðr (Vater der Zaubergesänge).

Wieder andere knüpfen an konkrete Mythen an. Bölverkr (Übeltäter) ist der Deckname beim Raub des Dichtermets, Báleygr (Flammenauge) verweist auf seinen Blick. Die Forschung deutet diese Namensvielfalt als Spiegel von Odins Charakter als Gott der Verwandlung, der List und des verborgenen Wissens.

Anders als ein Gott mit klar umrissenem Zuständigkeitsbereich ist Odin schwer fassbar, und die Namen sind das sprachliche Mittel, mit dem die altnordische Überlieferung diese Vielschichtigkeit ausdrückte. Für die skaldische Dichtkunst lieferten sie zugleich ein unerschöpfliches Reservoir an Umschreibungen.

Odin im Kult: Menschenopfer und die Frage der archäologischen Spuren

Die literarischen Quellen verbinden Odin wiederholt mit Menschenopfern, besonders mit der Tötung durch Erhängen und Speerstich. Diese Form spiegelt sein eigenes Selbstopfer am Baum wider; der Geopferte stirbt gewissermaßen den Tod des Gottes.

Adam von Bremen beschreibt im 11. Jahrhundert das große Opferfest am Tempel von Uppsala, bei dem Menschen und Tiere in einem heiligen Hain aufgehängt worden seien.

Die literarische Überlieferung kennt mehrere Erzählungen, in denen Könige Odin geweiht und durch Erhängen oder Speer geopfert werden, etwa in der Ynglinga saga und in den Sagas. Wie zuverlässig diese Berichte den tatsächlichen Kult wiedergeben, ist umstritten, da sie aus christlicher Zeit stammen und teils polemische Absichten verfolgen.

Die Archäologie liefert ein differenziertes Bild. Moorleichen aus der Eisenzeit, etwa aus Norddeutschland und Dänemark, zeigen Spuren von Erhängen oder Erwürgen und werden teils als Opfer gedeutet, doch eine eindeutige Zuordnung zu einem bestimmten Gott ist methodisch nicht möglich.

Funde von Waffen und Speeren in Mooren und an Opferplätzen passen zu Odins Verbindung mit dem Speer Gungnir und mit dem Brauch, dem Gott die feindliche Heerschar durch einen Speerwurf zu weihen.

Insgesamt bestätigen die archäologischen Befunde, dass es im germanischen Raum Menschen- und Waffenopfer gab, ohne dass sich der Anteil Odins daran exakt beziffern ließe.

Die Forschung arbeitet hier mit Wahrscheinlichkeiten, nicht mit Gewissheiten.

Weiterführende Verlinkungen

  • [Tyr, Germanisch](/tyr/)
  • [Thor, Germanisch](/thor/)
  • [Freyja, Germanisch](/freyja/)
  • [Mercurius, Rom](/mercurius/)
  • [Veles, Slawisch](/veles/)
  • [Hochgottheiten, Unterkategorie](/hochgottheiten/)
  • [Götter, Klassenübersicht](/götter/)

Forschungsliteratur

Einordnung & Schutz

IIISTUFE
Der Schutz-Kompass ordnet dieses Wesen der Einwirkungsstufe III zu – Belastende Einwirkung.

Gegen seine Einwirkung nennt die kulturübergreifende Überlieferung diese Schutzmittel:

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