Höchster Gott des germanischen Pantheons, Allvater, Herrscher ueber Ekstase, Dichtung und Weisheit. Odin steht im Zentrum der nordgermanischen Mythologie als oberster Lenker der Götter und Menschen. Im Gegensatz zu den meisten indogermanischen Hochgoettern ist Odin nicht in erster Linie Wettergott oder Kriegsbefehlshaber, sondern Schamane, Magier und Skaelde, der sein Wissen um jeden Preis erworben hat und die Welt nicht ordnet, sondern durchwirkt.
Typ: Hochgottheit, Gott der Ekstase, Weisheit und Dichtung
Pantheon: Germanisch (Asgard)
Funktion: Wahrer der Ekstase und Magie, Vater der Kriegsfaehigkeit und Skaldenkunst, Psychopompos (Todesgott-Aspekt)
Hauptattribute: Speer Gungnir, Raben Hugin und Munin, Woelfe Geri und Freki, Pferd Sleipnir
Hauptkultorte: Uppsala (Schweden), Lejre (Daenemark)
Roemisches Pendant: Mercurius (Interpretatio Romana, Tacitus)
Die Überlieferung zu Odin reicht von der weitgehend verschollenen vorchristlichen Mundueberlieferung ueber die Edda-Sammlungen des 13. Jahrhunderts, Snorri Sturluson’s Prosa-Edda und die Lieder-Edda (8. bis 13. Jh.), bis zu den Beobachtungen roemischer und späterer mittelalterlicher Autoren. Die Edda-Texte sind Aufzeichnungen von Maunditionern, die auf aelteren, moendlich überlieferten Skaldendichtungen basieren. Eine kontinuierliche schriftliche Überlieferung wie im Fall des Zeus existiert nicht; stattdessen haben wir fragmentarische Quellen: Tacitus‘ Germania (ca. 98 n. Chr.), Skalden-Fragmente, Saxo Grammaticus (12. Jh.) und die Edda-Sammlungen.
Verehrt im gesamten germanisch-nordischen Raum: Skandinavien (Norwegen, Schweden, Daenemark), daenische und norwegische Inseln, angelsaechsisches England (wo Woden/Woden Namenspatronen von Woednesday ist) und suedgermanische Gebiete (althochdeutsch Wodan/Wuodan). Die Weite des Verbreitungsraums zeigt sich in der Vielzahl von Stammesnamen mit Woden-Etymologie und in den Wochen- und Monatsnamen (Wodanstag/Mittwoch, altnordisch Odinnstag).
Den Kern bilden die Edda-Sammlungen: die Lieder-Edda (Voluspa, Havamal, Vafthrudnismal) und Snorri Sturluson’s Prosa-Edda (Gylfaginning, Skalddskaparmal). Hinzu kommen Skalden-Fragmente bei späteren Autoren, Tacitus‘ kurze Erwaehnung des Mercurius mit Woden-Gleichsetzung, Saxo Grammaticus‘ Gesta Danorum, Sieversae sowie archaeologische Funde (Opfermoore, Inscriptiones, Votivgaben). Die Chronologie ist problematisch: Die Edda-Aufzeichnungen stammen aus dem 13. Jh., beschreiben aber Überlieferungen aus der vorchristlichen Eisenzeit.
Altnordisch: Óðinn (Nominativ), Genitivus Óðins, Etymologie umstritten, mögliche Wurzeln: protogermanisch *Woðanaz („der Rasenhafte“, von *wod- „Ekstase, Wahnsinn, Lied“) oder Verbindung zu altnordisch óðr (Geist, Dichtung, Ekstase). Althochdeutsch: Wodan, Wuodan, Wuotan, Wuothan. Altsaechsisch: Wuodan. Altenglisch: Woden, Wodan, Namenspate des Mittwochs (Wednesday = „Wodens Day“, analog zu Mardi/Mercredi im Romanischen vom roemischen Mercurius). Niederdeutsch/Plattdeutsch: Wodan, Odin. Roemisches Pendant: Mercurius (interpretatio romana bei Tacitus, trotz kulturfremder Zuordnung). Der Wochentagsname Mittwoch bezieht sich auf die roemische Gleichsetzung (Wodan = Mercurius), nicht auf Mercurius‘ Funktionen direkt. Beinamen und Titel: Allvater, Herr der Skaelden, Speer-Odin, Hang-Gott (Hängir, wegen Selbstopfer am Yggdrasil), Augen-loser, Raben-Gott (Hrafn-Odin), der Wanderer.
Erscheinung
Odin wird in der Literatur und bildlichen Überlieferung als einaeugiger Greis mit langem Bart dargestellt. Er traegt einen weit fließenden blauen oder grauen Mantel und einen breitkrempigen Hut (Huengljaef oder Huengljaefr), der sein fehlendes Auge und sein Antlitz teilweise verbirgt. Er reitete auf dem achtbeinigen Pferd Sleipnir (altnordisch sleipnir „der Gleitende“), das schneller als jedes andere Tier ist und auch zwischen den Welten galoppiert. An seiner Seite trueg er den Speer Gungnir (altnordisch gungnir „der Wibbernde“), der nie sein Ziel verfehlt. Zwei Raben, Hugin und Munin (altnordisch huginn „Gedanke“ und muninn „Erinnerung“), sitzen auf seinen Schultern und fliegen taegliche Ausflüge uebers All der Neun Welten, um ihm alles zu berichten. Zwei Woelfe, Geri und Freki (altnordisch geri „der Gefraessige“ und freki „der Freche“), begleiten ihn, Odin selbst isst selten, sondern lebt von Wein allein (Aesir-Natur).
Odin ist nicht der Schoepfer der Welt, sondern ihr Durchwirker und Veraenderer. Er ist Gott der Ekstase, der kriegerischen Raserei (berserkergang), der schamanischen Trance und der Skaldendichtung. Seine Kennzeichnung ist das Selbstopfer: Er haengte sich selbst neun Nächte lang in den Weltenbaum Yggdrasil, von einer Lanze durchbohrt, um die Runen zu gewinnen, das uralte Schriftsystem und Zaubersystem. Er opferte sein rechtes Auge dem Brunnen Mimirs, um einen Schluck von dessen Weisheit zu trinken. Seine Machtsphare umfasst Dichtung, Krieg (nicht ordnende Herrschaft wie Zeus, sondern ekstative Kampfrausch), Tod und Magie. Im Gegensatz zu Thor (Blitzgott, Ordnungsgott der Bauern) oder Tyr (Rechtsgott der Eidesleistung) repraesentiert Odin die Transgression: Das Uebernatuerliche, das Schamane, die Magie.
Die wichtigsten Aspekte von Odin auf einen Blick. Die Tabelle fasst Herkunft, Funktion, Erscheinung, Verehrung, Symbole und Parallelen zusammen.
Sohn des Riesen Bor und der Riesin Bestla. Bruder von Vili und Ve. Nach der Erschaffung der Welt aus dem Leichnam des Urriesen Ymir gründete er mit seinen Brueder das Reich Asgard, etablierte die Ordnung der Neun Welten und bestimmte Schicksal und Lauf der Dinge. Seine Abstammung ist hybrid: Gott und Riese zugleich, was seine Natur als Transgressions-Figur unterstreicht.
Herr der Ekstase, Dichtung und Magie. Gott der Krieg in seiner ekstative, nicht ordnenden Form. Psychopompos und Herrscher ueber die Schlacht und die Gefallenen, die er nach Walhall abhoelt. Urvater der Skaelden und Runen-Meister. Im Gegensatz zu anderen Hochgoettern nicht primär Ordner, sondern Veraenderer und Transgressor.
Einaeugiger Greis mit langem Bart, breiter blauer oder grauer Mantel, breitkrempiger Hut. Reitet auf Sleipnir (achtbeiniges Pferd). Traegt Gungnir (Zauberspeer). Hugin und Munin (Raben des Gedankens und der Erinnerung) auf den Schultern. Zwei Woelfe, Geri und Freki, als Begleiter.
Hauptkultorte: Uppsala (Schweden, unter Freyr und Freyja), Lejre (Daenemark, Sitz der daenischen Koenigsgeschlechter). Odin wurde in erster Linie von Kriegern, Skaelden und Kuenstlern verehrt, weniger von Bauern und Handwerkern (die eher Thor verehrten). Eidesleistungen, besonders Kriegs-Eide und Skaelden-Eide, wurden in Odins Namen abgelegt. Menschenopfer (Haengung) waren mit Odin-Kult verbunden, Gefangene wurden haengend geopfert, um Odins Segen zu erlangen. Die sogenannten Opfermoore (z. B. in Daenemark und Norddeutschland) enthalten Spuren solcher Praktiken.
Speer Gungnir (der nie sein Ziel verfehlt), Raben Hugin und Munin (Gedanke und Erinnerung), Woelfe Geri und Freki, achtbeiniges Pferd Sleipnir, Runen (besonders Wunjo, Ansuz, Dagaz), der Galgen (wegen des Selbstopfers), das Auge (wegen des Opfers an Mimirs Brunnen).
Mercurius (Rom, Interpretatio Romana), Veles (Slawisch, Magier und Psychopompos), Hermes (Griechenland, Psychopompos und Zauberer, Funktional), Tyr (Germanisch, urspruenglich Hochgott, später durch Odin abgeloest), Loki (Germanisch, trangressiv, Zauberer, aber antagonistisch), Shamanische Hochgoetter in finno-ugrischen und sibirischen Kulturen. Die Verbindung zu roemischen und slawischen Figuren unterstreicht, dass Odin eine sinngemaess universelle nordische Ausformung einer indogermanischen Transgressor-Figur ist, nicht des Ordner-Modells (Zeus, Iuppiter, Dyaus Pita, Perun).
Odin war nicht der Gott der breiten Bevoelkerung oder des haeuslichen Friedens, er war Gott der Krieger, Skaelden und Magier. Im Alltag äußerte sich seine Verehrung weniger im Familien-Opfer als in Schwur-Formeln bei Kriegs- und Ehren-Eiden, in Skalden-Anrufungen vor der Dichtung und in Praktiken der Rausch-Induktion (sei sie kriegerisch oder ritualisch).
Kriegern, besonders Anführern und Elitekriegern (Berserker), galt Odin als Patron. Er verbreitete den berserkergang, einen ekstativ kriegerischen Rausch, in dem der Krieger alle Schmerz- und Todesangst ueberwindet. Seine Verehrung war also praktisch und gefaehrlich: nicht tröstlich wie der Hauskult um Hestia/Vesta, sondern transgressive und machtverleihend. Bei wichtigen Entscheidungen, insbesondere vor Kriegen, vor Seekfahrten oder vor magischen Unternehmungen, waren Opfergaben an Odin üblich, oft in Verbindung mit Thor (Schutz) oder Tyr (Eid-Wahrer).
Auch Kuenstler und Skaelden, das heißt, hochgestellte Dichter und Musiker, verehrten Odin als ihren Schutzherrn. Der Skaelden-Eid war eine Form der Odin-Verehrung: Der Skalde schwor, das Met der Dichtung (den Odin selbst aus Riesen-Hut geraubt hatte) zu verwenden und dadurch die Wahrheit durch Kunstfertigkeit zu offenbaren.
Mercurius, nicht wegen funktionaler Aehnlichkeit (Hermes/Mercurius sind primaer Boten-Götter), sondern wegen der roemischen Gewohnheit der interpretatio romana, Tacitus gleichsetzt Wodan mit Mercurius, wahrscheinlich wegen der gemeinsamen Rolle als Reisegott und wegen des Sprachhandelns (Mercurius = Handels- und Rede-Gott, Odin = Skaelden- und Runen-Gott). Diese Gleichsetzung ist kulturell oberflächlich und zeigt weniger echte Funktions-Verwandtschaft als das Caesar-Schachspiel der roemischen Synkretismusbauern.
Vedische und hinduistische Tradition: Keine direkte Parallele im vedischen Pantheon. Der Gedanke einer Hochgottheit, die durch Selbstopfer Weisheit erwirbt, reminisziert jedoch an schamanische Motive in indo-europaeischen Religionen. Mögliche funktionale Parallelen zu Rudra/Shiva (transgressive Gott, Zauberer, ekstatisch) sind spekulativ.
Slawische Tradition
Veles (Volos), Gott der Magie, der Unterwelt, der Herden und des Wohlstands, teilt mit Odin die transgressive Natur und die Psychopompos-Funktion. Beide sind Magier-Götter, nicht Ordner. Veles ist jedoch primaer mit der Unterwelt und den Toeten, Odin mit der Ekstase und der Dichtung verbunden.
Germanische Parallelen: Tyr (Tiu, Ziu), urspruenglich indogermanischer Hochgott (verwandt mit Zeus, Iuppiter, Dyaus Pita durch die Wurzel *dyeus). Tyr wurde im Laufe der fruehen germanischen Geschichte durch Odin als Hochgott „abgeloest“ oder „ersetzt“, behielt aber die Funktionen des Eid-Gottes und des Rechtswaherers. Diese Abloesung ist kulturhistorisch bedeutsam und zeigt, wie sich die Werteverschiebung einer Gesellschaft in ihrer Gottheit ausdrueckt.
Ein charakteristisches Merkmal von Odin ist sein Bereitschaft, sich selbst zu opfern, um Weisheit und Macht zu erlangen. Nach der Edda hing er neun Nächte am Weltenbaum Yggdrasil, von seinem eigenen Speer durchbohrt, ohne Nahrung und Trank, bis ihm die Runen offenbarten wurden. Er opferte auch sein rechtes Auge dem Brunnen des Riesen Mimir, um einen Schluck des Brunnen-Wassers zu trinken, das Weisheit gewaehrt. Dieses Motiv unterscheidet Odin fundamental von anderen indogermanischen Hochgoettern: Waehrend Zeus, Iuppiter oder Perun Macht durch Sieg oder Ordnung erwerben, erwirbt Odin sie durch Entsagung und Transgression.