Sennentuntschi, die Rache der einsamen Alphütte
Von Ralf Ittermann · zuletzt geprüft am
Das Sennentuntschi ist ein Dämon der alpinen Tradition.
Die belebte Sennenpuppe, die ihre Schöpfer bestraft.
Das Sennentuntschi ist eine Sagengestalt der Schweizer Alpen: eine von einsamen Hirten aus Stroh, Holz und Stoff gefertigte Frauenpuppe, die kurz vor Ende der Alpsaison lebendig wird. Was als Zeitvertreib während der einsamen Alpsaison begann, endet in den meisten Fassungen mit blutiger Vergeltung an denen, die sie geschaffen und misshandelt haben.
Das Sagenmotiv reicht über den gesamten deutschsprachigen Alpenraum: von den Berner Alpen über Uri und Graubünden bis ins St. Galler Oberland, nach Vorarlberg, Tirol und Kärnten. Ein einzelnes erhaltenes Objekt, eine 1978 im Bündner Calancatal erworbene Holzpuppe, wird seit 1986 im Rätischen Museum Chur verwahrt.
Typ: Belebte Sennenpuppe, Rachegestalt der Alpsagen
Herkunft: mündlich überliefert, volkskundlich seit dem 19. Jahrhundert erfasst
Texte: regionale Sagensammlungen des 19. Jahrhunderts
Zeitraum: über den Sommer der Alpsaison, kulminierend am Tag der Alpabfahrt
Erscheinung: aus Holz, Stroh und Kleidung gefertigte weibliche Puppe, die lebendig wird
Überlieferungskontext
Zeitraum der Texte
Das Sagenmotiv ist mündlich überliefert und wurde volkskundlich seit dem 19. Jahrhundert erfasst, unter anderem in den Sagensammlungen von Lütolf und Rochholz.
Verbreitungsraum
Verbreitet ist die Sage in den Berner Alpen, in Uri, Graubünden und im St. Galler Oberland sowie in Vorarlberg, Tirol und Kärnten, mit weiteren Varianten im Oberwallis, in der Steiermark und in Oberbayern.
Quellenlage
Die Quellenlage stützt sich auf regionale Sagensammlungen des 19. Jahrhunderts sowie auf ein einzelnes erhaltenes Objekt im Rätischen Museum Chur, dessen ursprünglicher Zweck laut Museumsleitung nicht gesichert ist.
Name und Varianten
Bezeichnung: Der Name setzt sich aus Senn, dem Ausdruck für den Alphirten, und Tuntschi, der im Sagentext gebräuchlichen Bezeichnung für die Puppe selbst, zusammen. Fundorte u. a. Weissenboden (Schächental) und Urserental.
Erscheinung und Verhalten
Erscheinung
Das Tuntschi entsteht aus den einfachsten Materialien der Alphütte: Holz, Stroh, Stoffreste und alte Kleidung geben ihm eine grob menschliche, weibliche Form. Diese Herkunft aus Arbeitsmaterial macht die Verwandlung in ein handelndes Wesen besonders eindringlich.
Wirkung
Nach ihrer Belebung bei einer Art Taufzeremonie zur Alpabfahrt verhält sich das Tuntschi zunehmend eigenständig: Es beansprucht Nahrung und Aufmerksamkeit und ordnet sich den Sennen nicht mehr unter. Bei der Alpabfahrt verlangt es der Sage nach, dass einer der Männer bei ihm zurückbleibt; dieser Meistersenn wird getötet, in vielen Fassungen auf besonders grausame Weise.
Steckbrief: Sennentuntschi
Die wichtigsten Aspekte der Rachegestalt auf einen Blick.
Sagenmotiv des gesamten deutschsprachigen Alpenraums, von der Schweiz bis nach Tirol und Kärnten, volkskundlich seit dem 19. Jahrhundert dokumentiert.
Einsame Sennen auf abgelegenen Alpen während der monatelangen Alpsaison ohne menschliche Gesellschaft.
Aus Holz, Stroh und Kleidung gefertigte weibliche Puppe: Kopf aus Holz auf einer Mistgabel, gelbe Bänder als Haar, Strohballen als Brüste.
Rache an den Sennen, die die Puppe geschaffen und misshandelt haben; Tötung des zurückbleibenden Meistersenns bei der Alpabfahrt.
Kein eigenes Abwehrmittel überliefert; die zentrale Regel ist der Verzicht auf die Puppenherstellung selbst, mancherorts ergänzt durch geistlichen Segen.
Der Golem der jüdischen Tradition als künstlich belebte, sich der Kontrolle entziehende Gestalt.
Vom Zeitvertreib zur Rachesage
Das Sagenmotiv ist im gesamten deutschsprachigen Alpenraum verbreitet, von den Berner Alpen über Uri, Graubünden und das St. Galler Oberland bis nach Liechtenstein, Vorarlberg, Tirol und Kärnten, mit weiteren Varianten im Oberwallis, in der Steiermark und in Oberbayern. Feste Fundorte der Erzählung sind unter anderem der Weissenboden unterhalb des Kinzigpasses im Schächental und das Urserental.
In der Kernhandlung fertigen einsame Sennen aus Langeweile während des einsamen Alpsommers eine Puppe: den Kopf aus einem Stück Holz auf einer Mistgabel, mit Augen, Nase und rotem Mund bemalt, gelbe Bänder als Haar, Strohballen als Brüste. Die Puppe wird wie eine Person behandelt, zum Tanz geführt, an den Tisch gesetzt und in der Hütte zu Bett gelegt. Bei einer Art Taufzeremonie zur Alpabfahrt, in der die Puppe mit Jauche übergossen wird, öffnet sie der Sage nach die Augen und beginnt zu handeln.
Nachwirkung und Einordnung
Das Motiv wurde im 20. und 21. Jahrhundert mehrfach künstlerisch verarbeitet: Hansjörg Schneiders Dialektstück von 1972 löste nach seiner Fernsehausstrahlung 1981 eine Anzeige wegen Gotteslästerung aus, Jost Meier vertonte den Stoff als Oper, und Michael Steiners Spielfilm Sennentuntschi von 2010 brachte die Sage einem breiten Publikum nahe. Auch Marie Luise Kaschnitz griff das Motiv 1966 in der Erzählung Der Tunsch literarisch auf.
Religionswissenschaftlich lässt sich das Sennentuntschi als Sühnesage lesen: Die Strafe, die den geschundenen Senn trifft, wird in der Forschung als religiöse Zutat gedeutet, die den Frevel der Schöpfung und den Umgang mit der Puppe im Nachhinein büßen soll. Zugleich spiegelt die Erzählung die reale Isolation der Alphirten während der Sommermonate wider. Als einziges erhaltenes Objekt dieser Art gilt eine kleine Holzpuppe im Rätischen Museum Chur; wofür sie tatsächlich diente, ist nach Angaben der Museumsleitung nicht gesichert. Die Nähe zum antiken Pygmalion-Motiv der belebten Statue wird in der Forschung diskutiert, ohne dass eine direkte Ableitung belegbar wäre.
Verzicht als einzige überlieferte Schutzform
Anders als bei vielen anderen Sagengestalten kennt die Überlieferung zum Sennentuntschi kaum eigene Abwehrmittel, da die Gefahr aus dem eigenen Handeln der Sennen erwächst und nicht von außen kommt. Die wichtigste überlieferte Regel ist daher der Verzicht selbst: keine Puppe aus Menschengestalt zu formen und sie nicht wie eine lebendige Person zu behandeln. In einigen Fassungen wird berichtet, dass ein rechtzeitig herbeigeholter Geistlicher oder ein kirchlicher Segen das Unheil noch hätte abwenden können, was die Sage in die Nähe allgemeiner Bußvorstellungen rückt.
Der Golem und verwandte Alpwesen
Eine strukturelle Parallele bietet der Golem der jüdischen Tradition, eine aus Lehm geformte, künstlich belebte Gestalt, die sich der Kontrolle ihres Schöpfers entzieht. Beide Erzählungen verhandeln die Angst vor einem selbst geschaffenen Wesen, das sich gegen seinen Urheber wendet, wenn auch der Golem meist als dienendes, das Tuntschi dagegen von Beginn an als misshandeltes Geschöpf gedacht wird. In der alpinen Sagenwelt stehen ihm die Salige Frau und die Fänggen als weitere weibliche Naturwesen zur Seite, während der Kasermandl und der Venedigermandl als männliche Almgeister die Sagenlandschaft der Alp ergänzen.
Häufige Fragen zum Sennentuntschi
Gibt es das Sennentuntschi wirklich?
Im Rätischen Museum Chur wird eine kleine, 1978 im Bündner Calancatal erworbene Holzpuppe verwahrt, die als einziges bekanntes reales Objekt dieser Art gilt. Wofür sie ursprünglich diente, ist nach Aussage der Museumsleitung nicht gesichert.
Warum wird die Puppe zur Frau geformt?
Die Sage spiegelt die monatelange Abgeschiedenheit der Sennen auf der Alp und das Fehlen weiblicher Gesellschaft während der Sommersaison. Die Belebung der Puppe und ihre spätere Rache lassen sich als erzählerische Verarbeitung dieser Isolation lesen.
Ist die Sage in allen Regionen gleich?
Nein, die Grundstruktur aus Puppe, Belebung und Rache bleibt erhalten, doch Details wie Ort, Namen und Ausgang unterscheiden sich zwischen den Talschaften. Gemeinsam ist den meisten Fassungen das Ende der Alpsaison als Zeitpunkt der Wendung.
Weiterführende Verlinkungen
Weiterlesen:
- Alpenraum – alle Wesen der alpinen Sagenwelt
- Golem, Salige Frau – verwandte belebte und weibliche Sagenwesen
- Kasermandl, Venedigermandl – weitere Almgeister der Region
- Weihwasser, Schutzsäckchen, Hausschutz – überlieferte Schutzmittel
- Schutz-Kompass – Schutzmittel im Überblick
Literatur (Auswahl)
Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.
Als Sennentuntschi-Alpsage erzählt diese Geschichte von einer belebten Sennenpuppe aus der Schweiz, die zu einer der eindrücklichsten Warnsagen des Alpenraums wurde: kein äußerer Dämon sucht die Alphütte heim, sondern ein Geschöpf, das die einsamen Sennen selbst geschaffen haben.




