Vrykolakas und der Ruf an der nächtlichen Tür
Von Ralf Ittermann · zuletzt geprüft am
Vrykolakas ist ein Dämon der neugriechischen Überlieferung.
Der aufgeblähte Leichnam, der nachts an Türen klopft und ruft. Der Steckbrief widmet sich dem Ruf an der nächtlichen Tür. Vrykolakas ist der griechische Untote, und der Eintrag zeigt, welche Vorstellungen vom Weiterleben der Toten dahinterstehen.
Vrykolakas ist im neugriechischen Volksglauben der untote Wiedergänger schlechthin: ein aufgeblähter, unverwester Leichnam, der nachts aus dem Grab steigt, an Türen klopft und Namen ruft. Wer als Erster antwortet, stirbt, so die Regel, weshalb man in gefährdeten Häusern nie sofort öffnete.
Anders als der westeuropäische Vampir trinkt der Vrykolakas nur selten Blut. Als griechischer Untoter verbreitet er vor allem Krankheit und Tod im Dorf, und seine Entstehung wird eng mit der kirchlichen Exkommunikation verknüpft: Ein von der Kirche ausgeschlossener Leichnam, so die orthodoxe Vorstellung, verwese nicht und werde zum Vrykolakas.
Typ: Aufgeblähter, unverwester Wiedergänger-Leichnam
Herkunft: Neugriechische Überlieferung, verbreitet auf den griechischen Inseln
Texte: Gut belegt, unter anderem durch den Reisebericht Tourneforts von 1717
Zeitraum: Breit bezeugt ab dem 17. und 18. Jahrhundert
Erscheinung: praller, dunkel geröteter Leichnam mit langen Nägeln
Überlieferungskontext
Zeitraum der Texte
Breit belegt ab dem 17. und 18. Jahrhundert in der neugriechischen Überlieferung, mit dem Reisebericht Tourneforts als frühem Schlüsselzeugnis.
Verbreitungsraum
Griechenland, besonders die griechischen Inseln, sowie der balkanisch-orthodoxe Raum insgesamt.
Quellenlage
Gut: Reiseberichte wie der von Joseph Pitton de Tournefort von 1717 sowie die klassischen Studien von Summers, Barber und Perkowski.
Name und Varianten
Griechisch: Der Name Vrykolakas leitet sich vom slawischen vukodlak ab, Wolfsfell oder Werwolf, einem ursprünglichen Werwolf-Wort, das im Griechischen die Bedeutung des wiederkehrenden Untoten annahm.
Gestalt und Wirken
Erscheinung
Der Vrykolakas erscheint als praller, unverwester Leichnam mit dunkel-purpurroter Haut, glänzenden Augen und langen Nägeln. Die ausbleibende Verwesung galt als Beweis seines unheiligen Zustands.
Wirkung
Er verbreitet Krankheit und Tod, plagt Familien und erdrückt Schlafende, seltener trinkt er Blut wie der westeuropäische Vampir. Gefürchtet ist sein nächtlicher Ruf an der Tür: Wer beim ersten Klopfen antwortet, stirbt, weshalb die Regel galt, nie sofort zu öffnen.
Steckbrief: Vrykolakas
Die wichtigsten Aspekte des griechischen Untoten auf einen Blick.
Neugriechischer, orthodox geprägter Wiedergängerglaube, eng verbunden mit der Vorstellung von Exkommunikation und schlechtem Tod.
Die gesamte Dorfgemeinschaft und die eigene Familie: Der Vrykolakas bedroht nicht nur Einzelne, sondern verbreitet Seuchen im ganzen Ort.
Aufgeblähter, dunkel geröteter Leichnam mit glänzenden Augen und langen Nägeln, äußerlich unverwest.
Seuchenbringer: Sein nächtlicher Ruf an der Tür und sein Umgehen verbreiten Krankheit und Tod im Dorf.
Exhumierung und Untersuchung des Verdächtigen, kirchliche Absolution durch einen Priester, im Notfall die Verbrennung des Leichnams.
Exkommunikation und der unverweste Leichnam
Der Name Vrykolakas leitet sich vom slawischen vukodlak ab, Wolfsfell oder Werwolf, einem ursprünglichen Werwolf-Wort, das im Griechischen die Bedeutung des wiederkehrenden Untoten annahm. Als Ursachen der Verwandlung galten ein gottloser Lebenswandel, die Exkommunikation durch die Kirche, die Bestattung in ungeweihter Erde oder der Verzehr von Fleisch eines von einem Wolf gerissenen Schafs.
Zentral ist die orthodoxe Vorstellung, ein exkommunizierter Leichnam verwese nicht und werde zum Vrykolakas. Ein Schlüsselbeleg ist der Reisebericht des Naturforschers Joseph Pitton de Tournefort, der Anfang 1701 auf Mykonos eine Exhumierung schilderte, bei der die Inselbewohner einen Verdächtigen als Vrykolakas identifizierten.
Einer der ältesten Vampirfälle Europas
Der Vrykolakas ist einer der ältesten dokumentierten Vampirfälle Europas, überliefert im Tournefort-Bericht. Über die balkanische Vampirwelle floss er in das westliche Vampirbild ein; die Wortverwandtschaft mit dem slawischen vukodlak wird in der Dracula-Forschung als Beleg für die Verschmelzung von Werwolf- und Vampirglauben zitiert.
Religionswissenschaftlich ist der Vrykolakas ein Musterfall des schlechten Todes und des unruhigen Toten. Die orthodoxe Exkommunikations-Lehre gibt ihm eine kirchlich-institutionelle Rahmung, die ihn vom rein bäuerlichen Volksglauben abhebt: Die Kirche selbst kann den Toten binden oder lösen.
Exhumierung, Absolution und das Wachskreuz
Quellenfest sind die Exhumierung und Untersuchung des Verdächtigen sowie die korrekte kirchliche Absolution durch einen Priester, die den exkommunizierten Toten löst. Half das nicht, legte man ein Wachskreuz und eine Tonscherbe mit der Inschrift Jesus Christus siegt auf den Leichnam oder griff zur Pfählung. Auf den Inseln, wo eine Umbettung in ungeweihte Erde nicht möglich war, wurde der Leichnam als letztes Mittel verbrannt. Daneben galten, wie andernorts im orthodoxen Balkanraum, Weihwasser als Zeichen der kirchlichen Lösung, Salz an der Schwelle und Zweige der Eberesche am Eingang als weitere Schutzmittel gegen den umgehenden Toten.
Vom Werwolf-Wort zum Wiedergänger-Verwandten
Der Vrykolakas ist über den Namen direkt mit dem südslawischen Vukodlak verwandt und steht neben den rumänischen Untoten Strigoi und Moroi sowie dem westslawischen Upiór. Als unruhiger Toter ist er zudem mit dem germanischen Nachzehrer und dem nordischen Gjenganger vergleichbar.
Häufige Fragen zum Vrykolakas
Ist der Vrykolakas ein Vampir oder ein Werwolf?
Sprachlich stammt sein Name vom Werwolf-Wort vukodlak ab, funktional ist er jedoch ein untoter Wiedergänger vom Vampirtyp. Als griechischer Vampir verbindet er damit zwei Vorstellungen in einem Namen.
Trinkt er Blut?
Nicht zwingend. Er verbreitet vor allem Krankheit und Tod, klopft an Türen, ruft Namen und erdrückt Schlafende; das Blutsaugen ist nur eine seltenere Nebenform.
Wie wird man ihn los?
Durch Exhumierung, die korrekte kirchliche Absolution und im Notfall das Verbrennen des Leichnams, wie es der Tournefort-Bericht von Mykonos schildert.
Weiterführende Verlinkungen
Literatur (Auswahl)
Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.
Als griechischer Untoter und griechischer Vampir zugleich bleibt der Vrykolakas vor allem eines: der Tote, der ruft, bevor er tötet, und dessen Bann erst die Kirche selbst wieder lösen kann.





