Nachzehrer ist Dämon der germanischen Überlieferung.
Er kaut im Grab und zieht seine Verwandten mit in den Tod. Die Tradition kennt ihn als Leichentücher kauende Tote im Grab.
Der Nachzehrer ist ein zehrender Untoter der norddeutschen und slawisch beeinflussten Überlieferung. Im Grab benagt er sein Leichentuch und den eigenen Körper und zehrt dabei aus der Ferne die Lebenskraft seiner Verwandten aus, die daran erkranken und sterben. Er verlässt das Grab in der Regel nicht.
Belegt ist der Glaube in Norddeutschland, Schlesien, Bayern und bei den Kaschuben. Als Auslöser galt im Volksglauben, wenn der Name des Toten nicht aus der Grabkleidung entfernt oder ihm eigene Besitztümer mit ins Grab gegeben wurden.
Typ: Zehrender Untoter, der im eigenen Grab an Tuch und Leib nagt
Herkunft: Norddeutscher, slawisch beeinflusster Wiedergänger-Glaube
Texte: frühneuzeitlich bei Michael Ranft, lexikalisch im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens
Zeitraum: frühneuzeitlich bis heute
Erscheinung: unverwester Leichnam mit offenen Augen, rotem Mund und benagtem Leichentuch
Der Begriff ist erst im 19. Jahrhundert belegt, der zugrunde liegende Glaube jedoch mehrere Jahrhunderte älter; frühneuzeitlich behandelte ihn Michael Ranft 1725 in einer eigenen Schrift.
Norddeutschland, Schlesien und Bayern sowie bei den Kaschuben; die Überlieferung zeigt deutlich slawischen Einfluss auf norddeutschem Grund.
Gut: Zentral ist Michael Ranfts frühneuzeitliche Schrift, dazu die Erfassung im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens und bei Claude Lecouteux.
Deutsch: Der Name bedeutet der nach dem Tod Zehrende; die Nebenform Nachtzehrer entspricht Nacht-Zehrer. Beide Formen benennen dasselbe Kernbild: einen Toten, der nach dem eigenen Tod weiterzehrt.
Erscheinung
Bei der Exhumierung zeigt sich der Nachzehrer als weicher, unverwester Leichnam mit offenen Augen oder offenem Mund und roten Lippen, teils mit dem Daumen der einen Hand in der anderen gehalten. Das Kernbild ist das Benagen von Leichentuch und eigenem Körper, das die durch Verwesungsgase lebendig wirkende Leiche mit dem Sterben der Lebenden verbindet.
Wirkung
Solange der Tote im Grab kaut und schmatzt, erkranken und sterben seine Verwandten an Auszehrung, oft im Zusammenhang mit einer Seuche wie der Pest, wobei eine Epidemie nicht zwingend ist. Anders als der klassische Vampir verlässt der Nachzehrer sein Grab in der Regel nicht, seine Wirkung reicht aus der Ferne.
Die wichtigsten Aspekte des zehrenden Toten auf einen Blick.
Norddeutscher, slawisch beeinflusster Wiedergänger-Glaube, frühneuzeitlich erstmals gelehrt untersucht.
Die eigenen Verwandten und die Dorfgemeinschaft, die durch seine Fernwirkung an Auszehrung erkranken.
Unverweste Leiche im Grab mit offenen Augen und rotem Mund, die am Leichentuch und den eigenen Gliedern nagt.
Vorwissenschaftliche Erklärung des Sterbens ganzer Familien, oft im Zusammenhang mit Seuchen wie der Pest.
Münze, Stein oder Erde im Mund gegen das Kauen, der entfernte Name aus der Grabkleidung, notfalls die Enthauptung.
Verwandt mit dem Doppelsauger, seiner kindlichen Sonderform, und dem Wiedergänger als Oberbegriff. Als unblutiger Zehrer nahe am Strigoi und am nordischen Gjenganger.
Der Name Nachzehrer bezeichnet den nach dem Tod Zehrenden; die Nebenform Nachtzehrer, Nacht-Zehrer, ist ebenso gebräuchlich. Der Begriff selbst ist im heutigen Sinn erst im 19. Jahrhundert belegt, doch der zugrunde liegende Glaube ist deutlich älter und reicht in die Frühe Neuzeit zurück.
Zentraler Beleg ist Michael Ranfts Schrift De masticatione mortuorum in tumulis von 1725, 1728 erweitert, in der er der Frage nachgeht, ob Tote im Grab tatsächlich kauen, und dabei rationalistisch nach natürlichen Erklärungen sucht. Als Auslöser des Nachzehrens galt im Volksglauben, wenn der Name des Toten nicht aus der Grabkleidung entfernt oder ihm eigene Besitztümer mit ins Grab gegeben wurden.
Der Nachzehrer ist fester Bestandteil der Vampir- und Untoten-Rezeption und wird bei Claude Lecouteux als Typus des Leichentuchfressers behandelt. In heutiger Folklore-Literatur und Populärkultur erscheint er als eine der grotesken europäischen Untoten-Gestalten.
Religionswissenschaftlich ist der Nachzehrer Ausdruck von Totenfurcht und Wiedergänger-Glaube und eine vorwissenschaftliche Erklärung von Seuchen, in der das Sterben ganzer Familien als Werk eines zehrenden Toten gedeutet wird. Er gilt als eine der mitteleuropäischen Vorstufen des Vampirs.
Quellenfest sind mehrere Abwehrmittel: Man legte dem Toten eine Münze, einen Stein oder ein Tuch beziehungsweise einen Erdklumpen in den Mund, damit er nicht weiterkauen konnte, und entfernte seinen Namen aus der Grabkleidung. Bei akutem Verdacht öffnete man das Grab erneut, trennte den Kopf ab oder füllte den Mund mit Erde. Diese Riten zielen allesamt darauf, das Kauen und damit seine Fernwirkung auf die Lebenden zu unterbinden. Im Haus der bedrohten Familie ergänzten der Schutz der Schwelle gegen den heimkehrenden Toten sowie Eisen und Salz als altbekannte Abwehrmittel gegen Wiedergänger diesen Schutz.
Der Nachzehrer ist eng verwandt mit dem Doppelsauger, seiner kindlichen Sonderform, und zählt zum Kreis der Wiedergänger. Als unblutiger Zehrer steht er dem Strigoi als frühe Vorstufe nahe und ist im nordischen Raum mit dem Gjenganger verwandt.
Verlässt der Nachzehrer sein Grab?
Nein, im Regelfall wirkt er aus dem Grab heraus, anders als der klassische, umherziehende Vampir.
Trinkt er Blut?
Nein, er zehrt Lebenskraft; das Kauen an Leichentuch und eigenem Körper ist sein Kernmerkmal, nicht der Blutraub.
Warum legte man ihm eine Münze in den Mund?
Als Beschäftigungsmagie: Der Tote sollte an der Münze oder einem Stein nagen und nicht mehr schmatzen, damit seine Fernwirkung auf die Verwandten endet.
Empfohlene interne Links:
Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.
Als Nachtzehrer und Leichentuchfresser bleibt der Nachzehrer eine der eindringlichsten Gestalten der Totenfurcht: ein Toter, der im eigenen Grab nagt und dabei aus der Ferne seine Familie in den Tod zieht.
Gegen seine Einwirkung nennt die kulturübergreifende Überlieferung diese Schutzmittel:
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