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Horagalles, Donnergott der Sami

Horagalles (auch Hora Galles, Tiermes oder Aijeke) ist der Donner- und Sturmgott im Glauben der Sámi und gilt als eine der mächtigsten Gottheiten ihrer vorchristlichen Religion im Norden Skandinaviens, Finnlands und der russischen Halbinsel Kola. Seine Verehrung ist durch frühneuzeitliche missionarische Quellen dokumentiert, deren Aussagewert quellenkritisch eingeordnet werden muss.

Gott

Inhaltsverzeichnis

Horagalles - Götter aus der Sami-Tradition, historisch-illustrativ

Quellenlage und kritische Einordnung

Die wichtigsten schriftlichen Quellen zur Religion der Donnergott-Verehrer stammen aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Olaus Magnus berichtet in der «Historia de gentibus septentrionalibus» (1555) erstmals umfassend von den Religionspraktiken dieses Volkes, allerdings in stark ethnografisch-distanzierter Form.

Die zentrale Quelle ist Johannes Schefferus «Lapponia» (1673), in der Horagalles namentlich und mit Funktion beschrieben wird. Im 18. Jahrhundert kommen Knud Leem, Lars Levi Læstadius und Johan Nordlander mit detaillierteren Beobachtungen hinzu.

Bei der Interpretation dieser Quellen ist Vorsicht geboten. Håkan Rydving hat in seinen Studien, vor allem in «The End of Drum-Time» (1993), gezeigt, dass die missionarischen Aufzeichnungen die sámische Religion durch eine christliche Brille darstellten und systematisch verzerrten. Begriffe wie «Gott», «Götze» oder «Teufel» wurden ohne Reflexion auf sámische Konzepte angewandt.

Juha Pentikäinen hat in «Sami Mythology» (1999) auf die methodische Schwierigkeit hingewiesen, dass die sámische Religion in ihrer vorchristlichen Form heute nur noch indirekt rekonstruierbar ist. Louise Bäckman und Anna-Leena Siikala haben die Belege systematisch ediert und kritisch kommentiert.

Name und Etymologie

Der Name Horagalles wird als sámische Übernahme aus dem altnordischen «Þórr karl» («alter Thor», «Thor-Mann») erklärt, was eine deutliche Anlehnung an den nordgermanischen Donnergott Thor bedeutet.

Diese Etymologie ist seit dem 19. Jahrhundert die Standardannahme und wurde von Sprachwissenschaftlern wie Lars Levi Læstadius und später von Konrad Nielsen und Pekka Sammallahti bestätigt. In manchen sámischen Dialekten ist auch die Form Hora-Galles oder Hora-Gallis belegt, in nordsámisch Horagálles.

Daneben verwendet die Forschung weitere Namen für vermutlich dieselbe Gottheit: Tiermes, Atjek, Aijeke oder Pajan-Olmai. Diese Namensvielfalt spiegelt zum einen regionale Dialektunterschiede wider, zum anderen die Tatsache, dass die sámische Religion nicht eine einheitliche, dogmatisch fixierte Form hatte, sondern lokal stark variierte.

Håkan Rydving hat darauf hingewiesen, dass die missionarischen Aufzeichnungen oft eine künstliche Homogenisierung vornahmen, die der tatsächlichen religiösen Vielfalt nicht entsprach.

Funktion als Donnergott

Horagalles ist in erster Linie ein Donnergott, der Blitz und Donner kontrolliert und damit Macht über das Wetter ausübt. Er gilt als Beschützer der Menschen vor bösen Geistern, insbesondere vor den Stallo (Riesen) und anderen feindlichen Wesen aus dem sámischen Geisterglauben.

Sein Hammer oder seine Streitaxt ist seine wichtigste Waffe, mit der er die Bösen vertreibt und gegen die Trolle und Riesen kämpft. Diese Funktion und Bewaffnung erklärt die deutliche typologische Verwandtschaft mit dem nordgermanischen Thor.

Anna-Leena Siikala hat in vergleichenden Arbeiten zur finnisch-ugrischen und sámischen Mythologie gezeigt, dass die Donnergott-Vorstellung bei den Sámi durch Kontakte mit den skandinavischen Nachbarn beeinflusst wurde, aber auf älteren eigenständigen Vorstellungen aufbaute.

Auch in der finnischen Tradition (Ukko) und in der ostsibirischen Tradition (Num bei den Nenzen) finden sich Parallelen, die auf einen weiträumigen nordeurasischen Donnergott-Komplex hindeuten.

Trommelsymbolik

Die wichtigste Quelle für die Ikonografie der sámischen Götter sind die sámischen Trommeln («goavddis» oder «gievrie»), die im 17. und 18. Jahrhundert von Missionaren gesammelt und in Museen aufbewahrt wurden.

Auf vielen dieser Trommeln ist eine zentrale Figur dargestellt, die meist mit Hammer oder Beil bewaffnet ist und als Horagalles identifiziert wird. Manchmal ist seine Figur direkt unter dem Sonnen-Symbol (Beaivi) plaziert, was seine hohe Stellung im sámischen Pantheon unterstreicht.

Die Bedeutung dieser Trommelfiguren ist allerdings nicht in allen Fällen eindeutig, weil die Trommeln von den jeweiligen «noaidi» (sámischen Schamanen) für rituelle Zwecke verwendet und durch persönliche Symbole gestaltet wurden.

Ernst Manker und Phebe Fjellström haben in ihren Studien zur sámischen Trommelkunst die Vielfalt der Darstellungen herausgearbeitet. Eine standardisierte Ikonografie für Horagalles gibt es nicht, aber bestimmte Grundzüge (Hammer, Beil, anthropomorphe Gestalt mit erhobener Waffe) tauchen wiederholt auf.

Verehrung und Riten

Über die konkrete Verehrungspraxis berichten die Missionarsquellen wenig Detailliertes. Horagalles erhielt offenbar Opfer in Form von Tieren (vor allem Rentiere), die an besonderen Kultplätzen («sieidi») dargebracht wurden.

Diese Kultplätze waren meist auffällige Felsformationen, große Steine oder besondere Bäume, die als Sitz der Götter galten. Bei Donnerwettern wurden besondere Opfer dargebracht, um Horagalles zu beschwichtigen oder seine Hilfe zu erbitten.

Die schamanische Praxis stand im Mittelpunkt der sámischen Religion. Der noaidi konnte mit Hilfe seiner Trommel und durch ritualisierte Trance-Reisen zu den Göttern Kontakt aufnehmen, einschließlich Horagalles. Diese Praxis ist in den Missionarsquellen oft als «Teufelszauber» dargestellt und wurde im 17. und 18. Jahrhundert systematisch verfolgt.

Håkan Rydving hat in «The End of Drum-Time» dokumentiert, wie die sámischen Trommeln in dieser Zeit verbrannt oder konfisziert wurden, was zu einem massiven Verlust religiöser Kulturgüter führte.

Christianisierung und Verdrängung

Die Christianisierung der Sámi begann im 11. und 12. Jahrhundert mit ersten Missionsversuchen, intensivierte sich im 16. und 17. Jahrhundert massiv und endete im 18. und frühen 19. Jahrhundert mit der weitgehenden Verdrängung der vorchristlichen Religion aus dem öffentlichen Leben.

Håkan Rydving hat die Etappen dieses Prozesses detailliert nachgezeichnet. Die schwedischen, norwegischen, finnischen und russischen staatlich-kirchlichen Behörden setzten Strafen, Trommelkonfiskationen und Zwangstaufen ein, um den traditionellen Glauben zu unterdrücken.

In dieser Verdrängungsphase wurde Horagalles oft mit dem christlichen Teufel oder mit «Satan» identifiziert. Diese Identifikation war Teil der missionarischen Strategie, die alte Religion als dämonisch zu brandmarken.

Verbreitet war auch die Identifikation Horagalles mit dem heiligen Olaf, dem norwegischen Königsheiligen, der wie Horagalles als Bekämpfer von Trollen und Riesen galt und damit als ikonografische Brücke zwischen alter und neuer Religion fungieren konnte.

Forschungslage

Die moderne Erforschung der sámischen Religion begann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und hat sich im 20. und 21. Jahrhundert deutlich differenziert. Wichtige Beiträge stammen von Håkan Rydving, Juha Pentikäinen, Louise Bäckman, Anna-Leena Siikala, Ernst Manker und Phebe Fjellström.

Sie haben gemeinsam ein differenziertes Bild der sámischen Religion erarbeitet, das die Vielfalt regionaler Traditionen, die Verzerrungen durch missionarische Quellen und die Schwierigkeiten der Rekonstruktion berücksichtigt.

Eine zentrale Streitfrage betrifft den Grad der Beeinflussung durch die skandinavische Religion. Während ältere Forschungen Horagalles als reines sámisches Pendant zu Thor sahen, betonen neuere Arbeiten die eigenständige sámische Tradition und sehen die skandinavische Beeinflussung als Schicht über einer älteren sámischen Donnergott-Vorstellung. Diese Position vertritt vor allem Anna-Leena Siikala, die auf finnisch-ugrische Parallelen verweist.

Missionarische Schlüsselquellen des 17. und 18. Jahrhunderts

Die quellenkritisch wichtigste Etappe der Horagalles-Überlieferung liegt im 17. und 18. Jahrhundert, als schwedische und dänisch-norwegische Missionare und Beamte erstmals systematische Aufzeichnungen der sámischen Religion anlegten.

Johannes Schefferus veröffentlichte 1673 in Frankfurt seine «Lapponia», eine im Auftrag des schwedischen Reichskanzlers Magnus Gabriel De la Gardie verfasste Landeskunde, die in einem eigenen Kapitel «De Lapponum Diis» die Götterwelt darstellt und Horagalles (in der Form «Thoragalles») als obersten der unter den «Stoorjunkare» genannten Donner-Götter führt.

Schefferus stützte sich auf Berichte schwedischer Pastoren wie Olaus Petri Niurenius, Samuel Rheen, Olaus Graan und Johannes Tornaeus, deren Manuskripte er teils direkt zitierte. Die «Lapponia» wurde rasch in mehrere europäische Sprachen übersetzt (englisch 1674, deutsch 1675, französisch 1678) und prägte die ethnografische Wahrnehmung der sámischen Religion in Europa für ein Jahrhundert.

Im norwegisch-dänischen Raum entstanden parallel die Manuskripte des Missionars Thomas von Westen (1682 bis 1727), der als «Apostel der Lappen» eine systematische Missionierung in den nordnorwegischen Sámi-Gebieten leitete.

Seine Schüler Isaac Olsen, Hans Skanke (mit dem 1728 fertiggestellten «Epitomes Historiae Missionis Lapponicae Pars Prima»), Jens Kildal und Johan Randulf trugen ein umfangreiches Konvolut handschriftlicher Berichte zusammen, die als «Nærøy-Manuskript» (Randulf) und als «Kildal-Manuskript» bezeichnet werden.

Diese Quellen sind erst im 20. Jahrhundert durch Reidar Th. Christiansen und Karl Bernhard Wiklund vollständig ediert worden. Sie liefern die dichtesten Beschreibungen der konkreten Opferpraxis: Schwarze Ochsen wurden im Frühsommer dem Donnergott geweiht, Birkenrindenzweige in Blitzform an heilige Plätze gehängt, und die «sieidi»-Steine erhielten Fett- und Blutopfer.

Trommelmalerei in der vergleichenden Forschung

Die zentrale ikonografische Quelle für Horagalles sind die mit ihm verbundenen Darstellungen auf den «goavddis»-Trommeln, den Schamanentrommeln der sámischen «noaidi»-Spezialisten. Ernst Manker hat in den beiden monumentalen Bänden «Die lappische Zaubertrommel. Eine ethnologische Monographie» (Stockholm 1938 und 1950) insgesamt etwa siebzig erhaltene Trommeln dokumentiert und ikonografisch katalogisiert.

Auf rund einem Drittel dieser Trommeln ist eine zentrale Figur mit zwei Hämmern (oder Hammer und Stab) erkennbar, die in den Quelleninschriften der Trommeln und in den Kommentaren der konfiszierenden Geistlichen mit Horagalles identifiziert wird. Eine besonders dichte Darstellung findet sich auf der «Bindal-Trommel» (Stockholm, Nordiska Museet) und auf der «Sør-Fron-Trommel» (Oslo, Norsk Folkemuseum).

Håkan Rydving hat in «The End of Drum-Time. Religious Change Among the Lule Saami, 1670s to 1740s» (Uppsala 1995) gezeigt, dass die Trommelmalereien nicht als statisches Pantheon zu lesen sind, sondern als regional variierende, biografisch geprägte Diagramme der einzelnen «noaidi», deren Bildwelt sich in den frühneuzeitlichen Begegnungen mit dem Christentum stark verschob.

Juha Pentikäinen («Shamanism and Northern Ecology», Berlin 1996) und Anna Westman (Sammelband «Sápmi.

Becoming a Nation», Stockholm 2007) haben diese These mit Verweis auf jüngere Trommelexemplare und kontextuelle Berichte aus Inari und Pite-Lappmark erhärtet.

Konsta Kaikkonen hat in seinen Aufsätzen seit 2017 (besonders «Sámi Religious Source Material», 2020) auf die quellenkritischen Verzerrungen hingewiesen, die durch die Konfiskationspraxis der Geistlichen entstanden: viele Trommeln wurden zur «Beichte» beschriftet und so erst durch die Aufzeichner zu einem theologisch geordneten Pantheon zusammengestellt.

Heutige Rezeption

Im 20. und 21. Jahrhundert ist die sámische Identität, einschließlich religiöser Elemente, Gegenstand einer breiten kulturellen Revitalisierung geworden. Die sámischen Sprachen werden gefördert, die traditionelle Trommelkunst wird wieder ausgeübt, und die alten Götter werden zumindest als kulturelles Erbe wieder thematisiert.

Eine offizielle religiöse Wiederbelebung des Horagalles-Kultes hat es nicht gegeben, aber in der zeitgenössischen sámischen Kunst und Literatur erscheint er als Symbol kultureller Eigenständigkeit.

In der finnischen, norwegischen und schwedischen Mehrheitskultur ist Horagalles weniger bekannt als Thor und Odin, gewinnt aber in den letzten Jahrzehnten durch das wachsende Interesse an der sámischen Kultur an Sichtbarkeit.

Museen wie das Siida-Museum in Inari, das Nordnorsk-Vitenskapsmuseum in Tromsø und das Ájtte-Museum in Jokkmokk präsentieren die sámische Religion und ihre Götter einem breiteren Publikum. Diese kulturelle Sichtbarmachung ist Teil einer breiteren postkolonialen Aufarbeitung der historischen Unterdrückung der sámischen Tradition.

Einordnung & Schutz

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