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Tangaroa - Maori-Gott des Meeres, der Fische und der maritimen Ordnung

Tangaroa ist in der Religion der Maori der Atua des Meeres, der Fische, der Reptilien und aller maritimen Wesen. Er gilt als einer der großen Söhne von Ranginui und Papatuanuku und steht im Mythos in einem dauerhaften Konflikt mit seinem Bruder Tane Mahuta.

Diese Darstellung beschreibt seine Stellung im polynesischen Pantheon, seine ikonografischen Ausprägungen und seine bis heute wirksame rituelle Rolle in Aotearoa.

GottPolynesien / MaoriMeeresgottheit

Inhaltsverzeichnis

Tangaroa - Götter aus der Polynesisch-maori-Tradition, historisch-illustrativ

Tangaroa ist der Maori-Gott des Meeres und Hüter der maritimen Ordnung.

Tangaroa, der Maori-Meeresgott, herrscht über alle Wesen des Ozeans und steht in zentraler Stellung im Pantheon Polynesiens.

Einordnung im polynesischen Pantheon

Tangaroa gehört in nahezu allen polynesischen Mythologien zu den höchsten Atua. In Tahiti tritt er als Ta’aroa sogar als Hochgott und Schöpfer auf, der aus seinem eigenen Körper die Welt formt; in der Maori-Tradition Aotearoas ist er ein Sohn von Ranginui und Papatuanuku, ebenbürtig mit Tane Mahuta, Tu Matauenga und Rongo.

Margaret Orbell verweist in ihrer Enzyklopädie auf diese unterschiedliche Hierarchisierung als Schlüsselbeobachtung: Religionswissenschaftlich zeigt sich, dass die polynesische Mythentradition ein gemeinsames Vorratsbecken an Figuren und Motiven besitzt, aus dem regionale Theologien jeweils unterschiedliche Pantheons komponierten. In Aotearoa ist Tangaroa primär Meeresherr; in Tahiti ist er Weltschöpfer.

Diese Spannung ist zentral für das Verständnis polynesischer Religionsgeschichte, wie sie Patrick Kirch in On the Road of the Winds (2000) anhand archäologischer und linguistischer Daten rekonstruiert. Ein zweiter Befund: In manchen Maori-Stammestraditionen ist Tangaroa weniger ‚Bruder‘ als ‚Vater einer Linie‘ – eine Whakapapa-Variante, die in Iwi der Ostküste häufig ist.

Name und Etymologie

Der Name Tangaroa wird in den polynesischen Sprachen als Ta’aroa (Tahiti), Kanaloa (Hawai’i), Tagaloa (Samoa), Tangaloa (Tonga) wiedergegeben. Bruce Biggs leitet das proto-polynesische *Ta(n)galoa als gemeinsame Wurzel ab. Eine sichere etymologische Bedeutung ist nicht rekonstruiert; Vorschläge reichen von ‚der Erlangende‘, ‚der Ausgestreckte‘ bis zu ‚der Stehende‘.

Die Vielfalt der Schreibungen ist linguistisch dokumentiert: Wo im Maori das harte ‚k‘ aus dem proto-polynesischen *k entsteht, gibt es im Hawaiianischen einen Lautwechsel zu ‚. Die enge Verwandtschaft macht Tangaroa zu einer der am besten belegten panpolynesischen Gottheiten.

Sein Pendant Kanaloa auf Hawai’i ist sprachlich und mythologisch enger Bruder, wenngleich Kanaloa als einer der vier Hochgötter im hawaiianischen System eine stärker institutionalisierte Stellung einnimmt.

Beinamen Tangaroas in der Maori-Tradition sind Tangaroa-whakamau-tai (‚Tangaroa, der die Flut anhält‘), Tangaroa-pukanohi-nui (‚Tangaroa mit großen Augen‘) und Tangaroa-i-te-rupetu (mit Bezug auf die Sturmsee). Auch der Name Tangaroa selbst hat in einigen Iwi den Beinamen ‚whaiao‘, der ihn als Lichtbringer der See kennzeichnet.

Beschreibung und Ikonografie

Tangaroa wird in der Maori-Tradition bildhaft mit Fischschuppen, Reptilienhaut und maritimen Symbolen verknüpft. Schnitzereien an Kanus (waka), an Bug- und Heckpfosten zeigen oft seine zoologische Domäne: Fische, Hai, Wale, Tintenfisch, Eidechsen. Da Reptilien in Aotearoa als Tuatara und Eidechsen sehr selten und mit Tapu belegt sind, gelten sie als besondere Manifestationen Tangaroas.

In Tahiti zeigt eine berühmte Schnitzfigur (heute im British Museum) Tangaroa als ‚Schöpfer‘ mit kleinen Göttern und Menschen, die aus seinem Körper hervorgehen. Diese Ikonografie ist in Aotearoa nicht überliefert. Roger Neich diskutiert die Differenz als religionsregionalen Kontrast. Die Maori-Variante bleibt symbolisch-abstrakt und vermeidet die hyperreale Statuarik der östlichen polynesischen Inselwelt.

Das Meer selbst ist die unmittelbarste sichtbare Manifestation Tangaroas. Jede Welle, jede Strömung gilt als Ausdruck seines mana. Insbesondere die Atlantikküste Aotearoas und die Cookstraße, mit ihren starken Strömungen, gelten als Orte, an denen sein Wesen unmittelbar erfahrbar wird.

Auch der Felsen Whakaari (White Island), ein aktiver Vulkan, wird in einigen Iwi als Manifestation Tangaroas in seiner zerstörerischen Seite gedeutet.

Mythologische Erzählungen: Konflikt mit Tane

Eine der bekanntesten Erzählungen handelt von Tangaroas dauerhaftem Konflikt mit Tane Mahuta. Nach der Trennung von Himmel und Erde flohen einige Kinder Tangaroas, darunter Reptilien, in die Wälder, anstatt mit ihm ins Meer zu gehen. Tane nahm sie auf.

Aus Rache lässt Tangaroa seit damals das Meer das Holz der Kanus zersetzen und die Küsten erodieren. Tane antwortet, indem er aus seinen Bäumen Boote, Netze und Speere fertigt, mit denen die Menschen Tangaroas Kinder fangen.

Diese Erzählung ist religionswissenschaftlich aufschlussreich, weil sie kosmische Konflikte zur Erklärung alltäglicher Naturphänomene nutzt. Reidar Solsvik (Polynesian Religion in Context, 2008) ordnet sie in die typische polynesische Bruderkonflikt-Mythik ein. Sie strukturiert zudem das ökologische Bewusstsein: Wald und Meer stehen in Wechselwirkung, der Mensch nutzt beide, muss aber beide ehren.

Eine zweite Erzählung berichtet, wie Tangaroa mit seinem Bruder Tawhirimatea (Sturmgott) zunächst Verbündet ist, sich dann aber zurückzieht, als die Stürme zu zerstörerisch werden. Diese Bruchstellen im Kosmos bilden in der Maori-Theologie ein Netz von Beziehungen, das nicht statisch, sondern dynamisch ist.

Margaret Orbell weist darauf hin, dass solche Erzählungen nicht nur Naturphänomene erklären, sondern auch eine Anweisung zur richtigen Lebensweise enthalten. Wer beide Reiche – Wald und Meer – respektiert, kann den dauerhaften Konflikt der Atua nicht auflösen, aber die Folgen abmildern. Dieses ethische Element ist ein durchgängiger Zug der Maori-Theologie.

Tangaroa als Ahnherr der Fischer

Fischen ist in der Maori-Welt eine zutiefst religiöse Tätigkeit. Tangaroa gilt als Ahnherr aller Fischer. Vor dem Auslaufen eines Bootes wurden Karakia an ihn gesprochen, bestimmte Bereiche des Meeres galten als tapu, die Reinheit des Fischers musste gewahrt sein. Elsdon Best beschreibt in Fishing Methods and Devices of the Maori (1929) die rituellen Vorschriften detailliert.

Wer den ersten Fisch des Tages fing, gab ihn oft als Erstlingsopfer (mata-ika) zurück ins Meer oder legte ihn auf einen Tuahu (Altar). Manche Iwi praktizieren bis heute solche Erstlingsrückgaben. Auch das Reinigen der Netze ist Teil des Tangaroa-Bezugs. Wissenschaftlich entspricht dieses Verhalten dem global verbreiteten Prinzip der Erstlingsgabe als Anerkennung der Göttlichkeit.

Anne Salmond zeigt in The Trial of the Cannibal Dog (2003) anhand früher Begegnungen zwischen Maori und Europäern, wie die Tangaroa-Bezüge im 18. Jahrhundert auch in interkulturellen Kontaktritualen wirksam waren: Fisch wurde als Symbol des Friedens und der Gastfreundschaft ausgetauscht, immer mit impliziter Anerkennung Tangaroas als Geber.

Das Konzept der mata-ika-Rückgabe entspricht religionsphänomenologisch der Erstlingsgabe in vielen Agrarreligionen. Es markiert die Grenze zwischen menschlichem Anspruch und göttlichem Geben. Ohne diese Anerkennung kann der Mensch nicht legitim aus dem Reich Tangaroas schöpfen. Diese Logik ist in Kraft, ohne dass sie explizit theologisiert werden muss.

Kult und Rituale

Anders als das tahitianische Marae-System kannte Aotearoa keine großen, dauerhaften Steintempel für Tangaroa. Die Kultorte waren primär küstennahe Tuahu, oft Steingruppierungen oder bestimmte Felsen. Heute ist die Karakia an Tangaroa Teil vieler öffentlicher Anlässe, etwa wenn ein neues Kanu zu Wasser gelassen wird oder eine Schwimmgruppe das Meer betritt.

Bei Maori-Schwimmsportlern, Surfern und Tauchern ist ein Pre-event-Karakia an Tangaroa nicht ungewöhnlich. Diese Praxis wurde durch Hirini Mead und das Te Puni Kokiri-Ministerium dokumentiert. Im Bildungswesen gibt es Lehrpfade, in denen Schüler über Tangaroa und maritimes Wissen lernen.

Das Anlegen von Rahui (zeitlich begrenzten Schutzgebieten) im Meer geschieht oft im Namen Tangaroas. Wenn Fischbestände bedroht sind, kann der zuständige Hapu ein Rahui ausrufen und das Meer in diesem Bereich für eine bestimmte Zeit unter Tapu stellen. Diese Praxis ist im Treaty-of-Waitangi-Rahmen rechtlich anerkannt und wird in Zusammenarbeit mit dem Department of Conservation umgesetzt.

Auch der Mondkalender spielt eine zentrale Rolle: Bestimmte Mondphasen werden Tangaroa zugeordnet, an denen das Fischen besonders ergiebig sein soll. Die maramataka-Renaissance der letzten Jahrzehnte hat diese Bezüge wieder ins Bewusstsein geruckt. Hapu wie Ngati Awa und Ngati Porou organisieren maramataka-Lehrgänge, die diese Tangaroa-Bezüge systematisch vermitteln.

Schutztraditionen und apotropäische Bezüge

Schutzpraktiken im Bereich Tangaroas konzentrieren sich auf Reinheit beim Betreten des Meeres, auf Rückgabegesten und auf das Anfertigen von Schutzobjekten (taonga) aus maritimen Materialien.

Pounamu-Anhänger in Form eines Fischhakens (hei matau) sind heute weltweit bekannt; sie gelten als Schutz für Reisende, insbesondere über Wasser. Mead beschreibt diese Objekte als kulturelle Verdichtung der Tangaroa-Bezogenheit, nicht als Amulette im magischen Sinn.

Bei Unglückfällen auf See – Ertrinken, Bootskollision – greift die Maori-Tradition auf Tangihanga (Trauerzeremonien) zurück, in denen Tangaroa ausdrücklich angesprochen wird, um den Toten heimzuführen. Diese Praxis ist bis heute lebendig. Auch in der Suche-Praxis nach Ertrunkenen, in der Maori-Familien oft sehr eigenständig mit Whakapapa-Gebeten Hinweise auf Stellen suchen, ist Tangaroa Bezugspunkt.

Schutzpraxis für Reisende über das Meer schließt auch das Tragen bestimmter Federn oder Pounamu-Anhänger ein. Eine Karakia vor dem Einsteigen ins Flugzeug oder ins Boot ist in einigen Familien Standard. Wissenschaftlich ist dies eine Modernisierung der Praxis, die das Grundprinzip – rituelle Anerkennung Tangaroas vor dem Betreten seines Bereichs – beibehält.

Parallelen in anderen Kulturen

Religionsvergleichend lässt sich Tangaroa mit Poseidon der griechischen Tradition, Neptun der römischen, Njörd der nordischen oder Varuna der vedischen Tradition vergleichen. Alle Figuren personifizieren das Meer als ambivalente Macht: Quelle des Lebens, zugleich des Schreckens.

Wichtig ist allerdings die Differenz: Tangaroa ist nicht primär ‚Sturmgott‘, sondern Inhaber der Fische und maritimen Lebewesen. Sturm und Wind sind in der Maori-Theologie Tawhirimatea zugeordnet, einem weiteren Bruder.

Innerhalb Polynesiens sind die Parallelen besonders eng. Beckwith (Hawaiian Mythology, 1940) stellt detailliert die Entsprechungen zu Kanaloa dar. In Samoa gilt Tagaloa als Hochgott und Weltschöpfer, eine Theologie, die in einigen Punkten der tahitianischen entspricht. Diese Vielfalt zeigt die kreative Eigenständigkeit der einzelnen Inselkulturen bei einem gemeinsamen mythischen Erbe.

Die Phänomenologie des Wassergottes als ambivalente Macht zwischen Nahrung und Tod ist universal. Eliade beschreibt diesen Typus in Patterns in Comparative Religion (1958). Innerhalb solcher universalen Strukturen hat jede Kultur ihre eigene narrative und rituelle Ausprägung. Die polynesische Ausprägung ist durch die maritime Geografie und die jahrhundertelange Seefahrtskultur besonders intensiv ausdifferenziert.

Die ethische Rahmung des Krieges, wie sie im Tu-Komplex sichtbar wird, ist ein wichtiger Beitrag zur globalen Religionsphilosophie. Sie zeigt, dass Krieg nicht zwingend mit unethischer Brutalität einhergehen muss, sondern in ritualisierter, gemeinschaftlich kontrollierter Form gestaltet werden kann.

Heutige Rezeption und Bedeutung

Tangaroa ist in der heutigen Maori-Kultur eine sehr lebendige Figur. Die Maori-Sprachwoche thematisiert ihn regelmäßig. Im traditionellen Mondkalender (maramataka) sind drei aufeinanderfolgende Nächte als Tangaroa-Nächte bekannt – Tangaroa-a-mua, Tangaroa-a-roto und Tangaroa-kiokio. An diesen Nächten gilt das Fischen als besonders ertragreich.

Im öffentlichen Diskurs Aotearoas spielt Tangaroa eine Rolle in ökologischen Debatten über Überfischung, Plastikverschmutzung und Klimawandel. Verbände wie Te Ohu Kaimoana verbinden Fischereipolitik mit kulturellen und religiösen Bezügen. Eine vertiefte Einordnung in die polynesisch-maorische Religion insgesamt zeigt, wie Tangaroa als kosmologischer Referenzpunkt zwischen Religion, Recht und Ökologie wirkt.

Auch in der zeitgenössischen Maori-Literatur (Patricia Grace, Witi Ihimaera) ist Tangaroa eine wiederkehrende Bezugsfigur. Der bekannte Roman The Whale Rider (1987) erzählt eine Tangaroa-bezogene Geschichte, in der ein Mädchen einer Iwi-Tradition als Whale Rider die Verbindung zum Meeresgott trägt.

Auch in der internationalen Wahrnehmung ist Tangaroa präsent: durch Pazifik-Voyaging-Initiativen wie Hokule’a (Hawai’i) und Te Aurere (Aotearoa), die traditionelle Navigation wieder aufleben lassen und Tangaroa-Karakia in ihre Praxis integrieren.

Das Maori Battalion hat einen besonderen Erinnerungsort bei El Alamein, Crete und in Italien; Tu-Karakia werden bei Erinnerungsfeiern jährlich gesprochen. Auch in jüngsten politischen Debatten um Foreshore and Seabed, Trans-Pacific Partnership und Vertragsrechte ist Tu als Symbol des standfesten Verteidigens präsent.

Forschung und Quellen

Die wichtigsten Quellen zu Tangaroa sind die Aufzeichnungen Te Rangikahekes (19. Jh.), die Sammlung Sir George Greys, Elsdon Best’s ethnografische Werke (1900-1930er Jahre), Margaret Orbells Enzyklopädie sowie die kritischen Arbeiten Anne Salmonds.

Aus archäologischer Sicht bietet Patrick Kirch eine wichtige Einordnung. Eine kritische Reflexion der kolonialen Verzerrungen früher Quellen findet sich bei Judith Binney und James Belich.

Die wissenschaftliche Forschung steht in einem Dialog mit Maori-internen Wissenstraditionen, die heute durch wananga, Universitäten und Hapu-Trusts vermittelt werden. Diese Doppelperspektive – akademisch und tradition-intern – ist Methode-Standard im Feld. Forschungen von Tipene O’Regan (Ngai Tahu) und Pou Temara verbinden Maori-Wissenstradition mit akademischer Rigorosität.

Ein wichtiger jüngerer Beitrag ist Hirini Mead und Neil Grove’s Nga Pepeha a nga Tipuna (2001), das überlieferte Sprichwörter und Karakia in zweisprachiger Edition verfügbar macht und damit Forschung wie tradition-interne Verwendung gleichermaßen unterstützt.

Tangaroa bleibt eine zentrale Bezugsgestalt zwischen den disziplinären Feldern: Maori Studies, Religionswissenschaft, Anthropologie, Linguistik, Ökologie und Recht. Diese Interdisziplinarität ist methodisch herausfordernd, gibt aber Anstoß zu neuen Forschungsansätzen, die das polynesische Religionssystem in seiner Gesamtheit fassen wollen, ohne in koloniale Vereinfachungen zurückzufallen. Die jüngeren Maori-Forschungsinitiativen wie Te Tumu Herenga setzen hier wichtige Impulse.

Aktuelle Forschung verbindet zunehmend ethnografische Tiefe mit interdisziplinärem Anschluss an Religionspsychologie, Trauma-Forschung und Performance Studies. Tu Matauenga ist damit ein lebendiger Bezugspunkt der wissenschaftlichen Maori-Forschung des 21. Jahrhunderts.

Eine weitere Dimension Tus ist sein Bezug zur Erkenntnis-Praxis. Da Matauenga ‚Wissen‘ bedeutet, ist Tu auch Patron des Lernens, das durch konzentrierte, ausdauernde Anstrengung erworben wird.

In manchen Maori-Traditionen wird vor wichtigen Prüfungen oder Lernsequenzen ein Tu-Karakia gesprochen. Dies zeigt, dass die Trennung von Kriegs- und Wissensgott in der westlichen Theologie in der Maori-Tradition nicht existiert: Beides sind Ausdrucksformen derselben Tu-Energie der konzentrierten Selbstbehauptung.

Tangaroa in den verschiedenen polynesischen Regionen

Tangaroa ist eine der wenigen Gottheiten, deren Name über fast den gesamten polynesischen Sprachraum verbreitet ist, doch seine Stellung unterscheidet sich von Inselgruppe zu Inselgruppe erheblich. In Neuseeland erscheint er bei den Māori als Tangaroa, einer der Söhne der Urpaare Ranginui und Papatūānuku, zuständig für das Meer und seine Bewohner.

Auf den Gesellschaftsinseln dagegen, etwa in der tahitianischen Überlieferung, trägt er als Taʻaroa eine weitaus zentralere Rolle als Schöpfer, der die Welt aus seiner Muschelschale heraus hervorbringt.

Auf Hawaiʻi erscheint er als Kanaloa, dort jedoch nicht als oberster Schöpfer, sondern oft als Gefährte des Gottes Kāne und mit dem Meer und teils mit der Unterwelt verbunden.

In Samoa und Tonga wiederum ist Tangaloa eine Himmelsgottheit, von der vornehme Genealogien abgeleitet werden. Diese Verschiebungen sind kein Zeichen von Verwirrung der Überlieferung, sondern Ergebnis langer eigenständiger Entwicklung der einzelnen Gesellschaften nach der Besiedlung des Pazifiks.

Die Quellen für diese regionale Vielfalt stammen überwiegend aus dem 19. Jahrhundert: aus Aufzeichnungen von Missionaren wie John Williams, aus den Sammlungen von Kolonialbeamten und aus den Arbeiten einheimischer Gewährsleute.

Sie sind durch die jeweilige Kontaktsituation gefärbt, besonders dort, wo die Mission die alten Kulte bereits verdrängt hatte, als die Aufzeichnungen entstanden. Eine einheitliche Tangaroa-Theologie für ganz Polynesien lässt sich daraus nicht gewinnen. Die regionale Bindung an konkrete Inselgruppen muss bei jeder Aussage mitgenannt werden.

Taʻaroa und die Erschaffung der Welt aus der Muschel

Die ausführlichste Schöpfungserzählung um Tangaroa stammt von den Gesellschaftsinseln und wurde unter anderem von dem Missionar John Orsmond gesammelt, dessen Materialien später seine Enkelin Teuira Henry in dem Werk über das alte Tahiti zusammenstellte.

In dieser Fassung trägt der Gott den Namen Taʻaroa und existiert am Anfang allein, eingeschlossen in einer Muschelschale, die als rumia bezeichnet wird, inmitten einer endlosen Dunkelheit und Leere.

Taʻaroa zerbricht schließlich die Schale und schlüpft heraus. Aus dem oberen Teil der Muschel formt er den Himmel, aus dem unteren den Felsgrund und die Erde.

Dann erschafft er die Welt weiter aus seinem eigenen Körper: Seine Wirbelsäule wird zu einem Gebirgszug, seine Rippen zu Bergrücken, sein Fleisch zur Erde, seine Federn und sein Haar zu Bäumen und Sträuchern, seine Eingeweide zu Wolken, sein Blut zum Rot des Himmels bei Sonnenauf- und untergang.

Schließlich ruft er andere Götter ins Dasein, unter ihnen den Handwerksgott Tāne.

Diese Erzählung verbindet zwei Motive: die Welt im verschlossenen Behälter, die durch einen Aufbruch entsteht, und den kosmischen Körper, dessen Teile zu Bestandteilen der Welt werden.

Das Muschelmotiv ist auf den Gesellschaftsinseln besonders ausgeprägt und unterscheidet diese Tradition deutlich von der neuseeländischen, in der das Auseinanderdrücken von Himmel und Erde im Mittelpunkt steht. Die Henry-Edition ist eine wichtige, aber späte und redaktionell bearbeitete Quelle, deren Verhältnis zu den ursprünglichen mündlichen Fassungen nicht in jedem Detail sicher zu bestimmen ist.

Literatur (Auswahl)

  • Margaret Orbell: The Illustrated Encyclopedia of Maori Myth and Legend (1995)
  • Elsdon Best: Fishing Methods and Devices of the Maori (1929)
  • Patrick Kirch: On the Road of the Winds (2000)
  • Martha Beckwith: Hawaiian Mythology (1940)
  • Anne Salmond: Tears of Rangi (2017)
  • Sir George Grey: Polynesian Mythology (1854)

Der Kult des Tangaroa galt der Meeresfahrt, dem Fischfang und der Wahrung kosmischer Ordnung: Vor Auslegen der Netze und vor langen Kanu-Reisen wurden Gebete und Erstlingsgaben dargebracht, um seinen Schutz zu sichern.

In der Maori-Kosmogonie steht Tangaroa zudem für die Trennung von Wasser und Land; sein Kult ordnet die menschliche Tätigkeit am Meer in die größere Ordnung der Atua-Geschwister ein.

Verwandte Schlüsselbegriffe: Tangaroa Maori Meeresgott Fischerei maramataka hei matau Tagaloa Kanaloa.

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