Khepri, ägyptischer Skarabäusgott der Morgensonne
Khepri ist ein ägyptischer Skarabäusgott, der die aufgehende Morgensonne und die tägliche Erneuerung des Lebens verkörpert. Khepri ist im altägyptischen Pantheon der Skarabäus-Sonnengott, der den ersten Aufgang der Sonne am Morgen verkörpert.
Sein Name leitet sich vom Verb «kheper» ab, das «werden, entstehen, sich verwandeln» bedeutet und im Mittelpunkt der ägyptischen Vorstellung vom kosmischen Werdeprozess steht.
Khepri ist «der Werdende» schlechthin: derjenige, der aus sich selbst entsteht, der täglich am östlichen Horizont neu geboren wird, der sich aus eigener Kraft verwandelt. Sein Symboltier ist der Skarabäus, jener mistwälzende Käfer der Gattung Scarabaeus sacer, dessen Lebenszyklus die Ägypter zu einer eindrucksvollen kosmischen Analogie inspirierte.
Im Sonnenzyklus bildet Khepri zusammen mit Re (der mittäglichen Sonne) und Atum (der abendlichen Sonne) die Dreiergestalt des Sonnenlaufs, eine Lesart, die besonders im Neuen Reich und in der Spätzeit theologisch ausgearbeitet wurde.
Inhaltsverzeichnis
Mythos und Stammbaum
Khepri ist ein Gott ohne klare Genealogie. Anders als die olympischen Götter Griechenlands, deren Stammbaum minutiös aufgezählt wird, gehört Khepri zur Kategorie der selbst-existierenden, ungezeugten Götter. In den Pyramidentexten (Spruch 587) wird er als der «aus eigener Kraft Entstandene» bezeichnet, der kein Vater und keine Mutter hat.
Diese ungewöhnliche genealogische Stellung verbindet ihn mit Atum, mit dem er in vielen theologischen Konstellationen identifiziert wird. Die ältesten Belege zeigen Khepri bereits im Alten Reich, und seine Bedeutung wächst im Mittleren und Neuen Reich kontinuierlich.
In der heliopolitischen Theologie ist Khepri eine Manifestation des Atum-Re, also derselbe Gott in seiner morgendlichen Erscheinungsform. Die ägyptische Theologie verstand das Verhältnis der drei Sonnengötter (Khepri, Re, Atum) nicht als Verwandtschaft im genealogischen Sinn, sondern als drei Aspekte derselben kosmischen Wesenheit.
Im Pharaonentum erscheint Khepri besonders bei den Krönungstheologien als Schutzgott der königlichen Geburt; sein Name wird zudem in zahlreichen königlichen Vornamen verwendet, etwa Men-kheper-Re (Thutmosis III.), Neb-kheper-Re (Tutanchamun), Aa-kheper-Re (Thutmosis II.), bei denen das Element «kheper» eine zentrale theologische Bedeutung trägt.
Eine besondere mythische Erzählung ist die nächtliche Sonnenfahrt. Nachdem Atum als alter Sonnengreis am Abend in die Unterwelt hinabsteigt, durchquert er die zwölf Stunden der Nacht im Sonnenschiff.
In der zwölften Nachtstunde, kurz vor dem Morgen, verwandelt sich der greise Atum in den jugendlichen Khepri, der aus der Schale des Skarabäus hervorbricht und als die aufgehende Morgensonne neu geboren wird.
Diese Verwandlung wird in den «Pforten-Büchern» und im «Buch von dem, was in der Unterwelt ist» (Amduat) ausführlich beschrieben und bildet das theologische Herzstück der ägyptischen Sonnentheologie.
In der späteren Tradition werden Khepri zahlreiche Familienverbindungen zugeschrieben, je nach lokaler Theologie. In einigen Texten ist seine Gemahlin die «Methyer»-Kuh, die Personifikation des Urgewässers in seinem himmlischen Aspekt.
Eigene Kinder sind nicht überliefert; die menschliche Schöpfung wird in der heliopolitischen Theologie Atum, nicht Khepri zugeschrieben. Khepri ist also weniger ein Familiengott als eine kosmische Funktion, die in der ägyptischen Religion eigenständige Würde gewinnt.
Symbole, Ikonografie und Attribute
Khepri wird auf zwei Arten dargestellt: einerseits als vollständiger Skarabäus, andererseits als Mann mit Skarabäuskopf.
Die letzte Darstellung ist in der ägyptischen Bildkunst eine der eigenartigsten überhaupt, weil sie ein Insekt als Kopfersatz nimmt, was anatomisch ungewöhnlich aussieht; doch die theologische Klarheit, die mit der Skarabäuskopfdarstellung erreicht wird, hat in der ägyptischen Bildtradition feste Geltung gewonnen.
Auf den Tempelwänden des Neuen Reichs und der Spätzeit wird Khepri in der menschlich-skarabäuskopfigen Form regelmäßig in den Götterversammlungen dargestellt.
Sein heiliges Tier ist der Skarabäus, der Mistkäfer der Gattung Scarabaeus sacer. Die Ägypter beobachteten, dass der Käfer eine Kugel aus Dung formt, sie vor sich her rollt und in einer Höhle vergräbt, in die er die Eier legt; aus der vergrabenen Kugel scheinen die jungen Käfer von selbst hervorzukommen.
Diese Verhaltensweise wurde zur kosmischen Analogie: Wie der Skarabäus die Kugel vor sich her rollt, so rollt Khepri die Sonnenscheibe über den Himmel; wie die jungen Käfer aus der Kugel hervorzubrechen scheinen, so entstehen alle Lebewesen aus dem schöpferischen Werdeprinzip.
Aelian (De natura animalium X, 15) hat diese Beobachtungen mit Verwunderung über die ägyptische Religiosität verbunden.
Skarabäusamulette gehören zu den häufigsten Funden der ägyptischen Archäologie. Aus allen Epochen vom Mittleren Reich bis zur römischen Zeit sind zahllose Exemplare erhalten, in Größen von wenigen Millimetern bis zu mehreren Zentimetern. Auf der flachen Unterseite tragen sie Inschriften: königliche Namen, Götterformeln, Schutzsprüche, magische Zeichen.
Sie wurden als Amulette getragen, als Siegel verwendet, in die Mumienbinden eingelegt und in Gräber als Beigabe gegeben.
Der berühmte «Herzskarabäus», ein größerer Skarabäus, der auf der Brust des Verstorbenen angebracht wurde, trug den Spruch 30B des Totenbuchs, der das Herz vor dem Totengericht schützen sollte. Das Beispiel des Herzskarabäus zeigt die enge Verbindung von Khepri-Symbolik und Vorstellungen vom Jenseits.
In Karnak steht der berühmte «Skarabäus des Amenophis III.», ein etwa 1,9 Meter langer Granit-Skarabäus, der am «Heiligen See» aufgestellt ist. Er ist die größte erhaltene Skarabäus-Plastik der ägyptischen Kunst und gilt als plastisches Modell-Beispiel für die theologische Würde Khepris.
Die Bildwerke der Mortuartempel zeigen Khepri häufig in der Sonnenbarke, manchmal mit erhobenen Armen, manchmal die Sonnenscheibe vor sich her rollend.
Bei den Decken-Darstellungen der ramessidischen Königsgräber im Tal der Könige wird die nächtliche Sonnenfahrt mit besonderer Detailgenauigkeit visualisiert; Khepri erscheint dort als der jugendliche Skarabäus, der in der letzten Nachtstunde aus der Wandlung des Atum hervorkommt.
Kult und Verehrung
Khepri hatte keinen eigenständigen Haupttempel im Sinne der großen Tempelanlagen für Amun, Re oder Ptah. Sein Kult war in den allgemeinen Sonnen-Tempeln integriert, vor allem im großen Tempel von Heliopolis, in den Sonnen-Heiligtümern der Pyramidenfelder (Abu Gurob mit dem Sonnen-Tempel des Niuserre, fünfte Dynastie) und in den Mortuartempeln der Pharaonen.
Die rituelle Anrufung Khepris erfolgte im Morgengrauen, wenn die Sonnenpriester die Götterstatuen «aufweckten» und die Tagesopfer einleiteten. Das Sonnen-Ritual von Karnak, von dem zahlreiche Papyri (besonders der Berliner Papyrus 3055) erhalten sind, beginnt mit einer Anrufung Khepris als Skarabäus des östlichen Horizontes.
Eine besondere Stellung hatte Khepri im sogenannten «Skarabäus–Kult» der Spätzeit. In Heliopolis, Karnak und auf zahlreichen anderen Tempelgeländen wurden Skarabäen gehalten, gepflegt und nach dem Tod mumifiziert.
In Saqqara und Tuna el-Gebel sind Friedhöfe für mumifizierte Skarabäen archäologisch nachgewiesen; sie bilden ein Pendant zu den Krokodil-, Falken- und Ibis-Friedhöfen anderer Tier-Kulte. Allerdings handelte es sich nicht um lebende Skarabäen, die im Tempel gehalten wurden, sondern um getrocknete Käferleiber, die als Amulette oder Weihgeschenke dargebracht wurden.
Im täglichen Sonnen-Ritual des Tempels wurden Khepri-Hymnen gesungen, die das morgendliche Auftauchen der Sonne aus dem nächtlichen Urgewässer feierten.
Eine besonders eindrucksvolle Hymne ist der «Hymnus an den auf-gehenden Sonnengott», erhalten im Papyrus Boulaq 17 (Theben, 18. Dynastie), in dem Khepri als «derjenige, der aus sich selbst geworden ist» und «vor dem nichts war» angerufen wird.
Die theologische Tiefe dieser Hymnen zeigt, dass Khepri nicht bloß ein Naturphänomen-Gott war, sondern Träger einer hochrangigen kosmologischen Konzeption.
Bei der Königsbestattung spielte Khepri eine eigene Rolle. Auf den Sarkophag-Deckeln und in den Königsgräbern des Tals der Könige ist Khepri als Symbol der Wiederauferstehung allgegenwärtig.
Das Herzskarabäus-Ritual (Totenbuch Spruch 30B) verband den Verstorbenen mit Khepri: «Mein Herz ist meine Mutter, mein Herz ist meine Mutter, mein Herz ist mein Werden auf Erden»; der Vers spielt mit der Bedeutung von «kheper» (werden) und stellt das Herz des Toten unter Khepris Schutz.
In den Pyramidentexten und Sargtexten erscheint Khepri häufig in Sprüchen, die den Aufstieg des Verstorbenen zum Himmel und seine Verwandlung in eine Sterngestalt thematisieren.
Wichtige Heiligtümer und Tempel
Da Khepri keine eigenen Haupttempel hatte, ist seine Verehrung an Kult-Orte gebunden, die anderen Hauptgöttern geweiht waren. In Heliopolis spielte Khepri im Atum-Re-Tempel eine wichtige Rolle, doch ein eigenständiger Khepri-Schrein ist nicht belegt.
Im großen Sonnen-Tempel von Niuserre in Abu Gurob (5. Dynastie) ist das theologische Programm auf den Sonnenzyklus mit besonderer Berücksichtigung Khepris ausgerichtet; das Heiligtum ist heute in Ruinen, doch die Architektur lässt sich rekonstruieren: Eine große Plattform mit einem Obelisken-ähnlichen Benben-Stein in der Mitte, vor dem ein Alabaster-Altar mit den Opferaltären für die Sonnenfahrt stand.
In Karnak ist Khepri an mehreren Stellen prominent. Der bereits erwähnte Granit-Skarabäus des Amenophis III. am Heiligen See ist die berühmteste Khepri-Plastik überhaupt.
Auf den Wänden des Hypostyls und in den seitlichen Kapellen wird Khepri regelmäßig in den theologischen Bildprogrammen dargestellt. In Luxor und in den Mortuartempeln der Westthebanischen Nekropole (Ramesseum, Medinet Habu, Sety-I-Tempel) hat Khepri einen festen Platz in den Sonnen-Bildreihen.
Im Tal der Könige sind die Königsgräber mit dem «Amduat» und mit den «Pforten-Büchern» dekoriert, in denen Khepri zentral auftritt.
Besonders eindrucksvoll ist das Grab Sethos‘ I. (KV 17), in dem die nächtliche Sonnenfahrt mit allen ihren Verwandlungsphasen dargestellt ist; in der zwölften Nachtstunde erscheint Khepri als der jugendliche Skarabäus, der die Sonnenscheibe zum Morgen-Horizont hochstößt. Ähnliche Bildprogramme finden sich in den Gräbern Ramses‘ II., Ramses‘ IV. und Sethos‘ II.
Skarabäus–Tempel im strikten Sinn gab es nicht, aber Khepri-Kultnischen sind in zahlreichen kleineren Heiligtümern belegt. In Bubastis (Tell Basta) im Delta gab es eine Khepri-Kapelle neben dem Bastet-Tempel; in Mendes (Tell el-Rub’a) eine Khepri-Verehrung mit dem heiligen Widder von Mendes verbunden; in Edfu eine Khepri-Reihe im Hauptprogramm der Tempelwände.
Im Hibis-Tempel der Oase Charga zeigt die theologische Bilderschrift Khepri als Teil der kosmischen Götterversammlung. In der ptolemäisch-römischen Spätzeit wurde der Khepri-Kult im Tempel von Esna und in den kleineren Tempeln von Tod und Hermonthis weiter gepflegt.
Mythen-Erzählungen
Die zentrale Khepri-Erzählung ist die tägliche Sonnenfahrt. Am Abend steigt die alte Sonne Atum in die nächtliche Unterwelt hinab. Während zwölf Nachtstunden durchquert die Sonnenbarke die zwölf Pforten oder Räume der Unterwelt; dort begegnet sie Apophis, der Schlange des Chaos, die täglich besiegt wird.
In der zwölften Nachtstunde, kurz vor dem Morgen, wird die alte Sonne im Urgewässer Nun gebadet, wovon eine Verwandlung in den jugendlichen Khepri ausgeht. Aus dieser «Wiedergeburt» tritt die Sonne als neuer junger Gott in den Morgenhimmel ein.
In den Pyramidentexten und Sargtexten wird der verstorbene König oder die verstorbene Person mit Khepri identifiziert. Der Tote durchläuft die zwölf Nachtstunden parallel zur Sonne und wird mit ihr zusammen am Morgen neu geboren.
Diese Identifikation ist eines der ältesten Modelle der Auferstehungs-Theologie und prägt die ägyptische Vorstellung vom Jenseits bis in die Spätzeit. Das Skarabäus–Amulett, das den Verstorbenen auf der Brust mitgegeben wurde, war die materielle Garantie dieser Identifikation.
Eine weitere Erzählung verbindet Khepri mit der Selbsterzeugung. In einer theologischen Reflexion, die im Hibis-Tempel und in den Esna-Hymnen ausführlich behandelt wird, erklärt Khepri: «Ich bin der, der aus sich selbst geworden ist. Ich war im Urgewässer, ich entstand aus mir selbst, ich habe meinen Namen ausgesprochen, und durch diesen Namen wurde ich».
Diese Aussage ist religionsgeschichtlich bedeutsam, weil sie die Vorstellung der schöpferischen Sprache (das «Wort») in einer Form ausdrückt, die mit dem griechischen Logos-Konzept strukturell verwandt ist. Die Selbst-Aussprache des göttlichen Namens als Schöpfungsakt ist eines der intellektuellen Höhepunkte der ägyptischen Theologie.
Im Mythos vom Sonnenauge wird Khepri auch eine sekundäre Rolle zugewiesen. Das Auge des Re (oder Atum) hatte sich in die nubische Wüste zurückgezogen; Thoth wurde gesandt, es zurückzubringen.
Bei der Rückkehr fand das Auge, dass es durch ein neues Auge ersetzt worden war, und wurde wütend; durch eine theologische Verschmelzung wurde es als Uräusschlange an die Stirn des Sonnengottes gesetzt. Khepri ist in dieser Episode der morgendliche Aspekt des Sonnengottes, der das Auge schützt und mit ihm den Tagesweg vollzieht.
Beziehungen im Pantheon
Khepri ist mit Re und Atum durch das Konzept der Sonnenverwandlung verbunden. Diese drei sind nicht drei verschiedene Götter, sondern drei Aspekte derselben Sonne in den verschiedenen Tageszeiten. Khepri ist die aufgehende Morgensonne, Re die mittägliche Sonne in der Höhe, Atum die untergehende Abendsonne.
Diese «Sonnen-Triadik» ist religionsgeschichtlich einzigartig in ihrer Klarheit; sie macht die kosmische Funktion des Sonnenlaufs zur theologischen Hauptsache und stellt die Vielheit der Aspekte über die Einheit des Sonnengottes.
Mit Atum besteht eine besonders enge Beziehung, weil beide das Konzept der Selbst-Hervorbringung teilen. Khepri ist gewissermaßen der jugendliche Atum, der aus dem nächtlichen Urgewässer neu geboren wird.
Diese Doppelung wird in den theologischen Hymnen ausdrücklich behandelt; Khepri und Atum stehen am Anfang und am Ende des Sonnenlaufs, und beide sind durch das Konzept des «kheper» (Werden) miteinander verbunden.
Mit den Königen des Pharaonentums hat Khepri eine besondere Beziehung. Der Königsname wird häufig mit dem Element «kheper» versehen, was den König zum Träger des kosmischen Werdeprinzips macht. Bei der Krönung wird der neue Pharao mit Khepri verbunden; bei seinem Tod tritt er in den Sonnenkreislauf ein und wird mit Khepri zur morgendlichen Wiedergeburt.
Mit Thoth, dem Gott der Schrift und des Wissens, hat Khepri eine theologische Verbindung über das Konzept der schöpferischen Sprache; Thoth ist derjenige, der die Götternamen «sagt», Khepri derjenige, der durch das «Sagen seines Namens» entsteht.
Rezeption
In der griechisch-römischen Antike galt Khepri als der ägyptische Sonnengott schlechthin; die Identifikation mit Helios und Apollon war geläufig. Plutarch («De Iside et Osiride» 10, 73 und 74) behandelt Khepri ausführlich und gibt eine theologische Deutung des Skarabäus-Symbols: Der Skarabäus habe nur männliches Geschlecht, weshalb er Sinnbild der Selbstgeburt sei.
Diese Lesart war in der antiken Naturkunde verbreitet und prägte die Symbolik der Skarabäus-Amulette in der späten Antike. Die ägyptischen Skarabäen wurden weit im Mittelmeerraum gehandelt; in phönizischen, etruskischen und griechischen Gräbern sind sie als Importgut nachgewiesen.
Im hermetischen Schrifttum der Spätantike ist Khepri unter dem Namen «Kheper» oder «Chnoubis» als Aspekt des kosmischen Bewusstseins behandelt. Die magischen Papyri (Papyri Graecae Magicae) enthalten zahlreiche Khepri-Anrufungen, die zumeist für Schutz- und Heilungszwecke verwendet wurden.
Das Skarabäus–Symbol wurde in die christlich-koptische Symbolik nicht übernommen, blieb aber in der antiken Naturkunde (Plinius, Aelian) als bemerkenswerte tierische Eigenheit präsent.
Die moderne Wiederentdeckung Khepris beginnt mit den Veröffentlichungen Champollions zu den Sonnen-Hymnen.
Im neunzehnten Jahrhundert behandelten Heinrich Brugsch und Adolf Erman die Sonnen-Theologie; im zwanzigsten Jahrhundert haben Erik Hornung («Conceptions of God», «Das Buch der Anbetung des Re»), Jan Assmann («Sonnenhymnen in thebanischen Gräbern», «Re und Amun») und James P. Allen («Genesis in Egypt») die theologische Tiefe der ägyptischen Sonnenreligion und damit auch Khepri systematisch dargestellt.
In der modernen Esoterik und Popkultur ist Khepri-Symbolik präsent in Schmuck und in der allgemeinen «ägyptisch»-Ästhetik; das Skarabäus–Amulett ist zum Standardelement esoterischer Symbolik geworden, oft ohne dass die theologische Tiefe des ursprünglichen Khepri-Konzepts berücksichtigt würde.
Religionswissenschaftliche Einordnung
Khepri gehört zu den «Werde-Göttern», die einen kosmischen Prozess der Verwandlung verkörpern. Religionshistorisch ist seine Stellung bemerkenswert: Während die meisten Schöpfergötter die Schöpfung in einem einzigen Anfangsakt vollziehen, repräsentiert Khepri die fortdauernde, sich täglich erneuernde Schöpfung.
Diese Vorstellung einer «kontinuierlichen Schöpfung» (creatio continua) ist in der religiösen Geschichte ein eigener Topos, der sich in der vedischen Vorstellung des Ṛta, in der griechischen Phusis-Lehre und (mit anderem Akzent) in der christlichen Theologie der erhaltenden Schöpfung wiederfindet.
Im religionsvergleichenden Kontext ist die Skarabäus-Symbolik einzigartig. Das Tier, das in vielen Kulturen als Schmutzkäfer geringgeachtet wurde, gewinnt in Ägypten eine kosmische Würde durch die Beobachtung seines Verhaltens: das Wälzen der Kugel, das scheinbare Selbstentstehen der jungen Käfer.
Diese Aufmerksamkeit für ein vermeintlich niedriges Wesen, dem die Ägypter eine theologisch hochrangige Bedeutung zuschrieben, ist Ausdruck eines religiösen Blicks, der das Heilige in allen kosmischen Erscheinungen sehen kann. Jan Assmann hat in «Ägypten» diese Eigenart der ägyptischen Religion als «kosmotheistisch» bezeichnet: Das Heilige ist in der Welt selbst und ihren Naturphänomenen sichtbar.
Erik Hornung hat in «Conceptions of God» die «Identifikation» des Verstorbenen mit Khepri als eines der zentralen Modelle der ägyptischen Auferstehungs-Theologie identifiziert. Diese Lesart bereitet die christliche Vorstellung der Wiederauferstehung vor, ohne dass eine direkte Beeinflussung angenommen werden müsste; die strukturelle Verwandtschaft ist jedoch erkennbar.
James P. Allen hat in «Genesis in Egypt» die theologische Verbindung von Khepri und Atum als Modell einer ägyptischen «Schöpfungseschatologie» dargestellt, in der Anfang und Ende des Sonnenlaufs einander entsprechen.
Quellen
Pyramidentexte, besonders Spruch 587 und 600. Sargtexte und Totenbuch, besonders Spruch 17 und 30B (Herzskarabäus). «Amduat» und «Pforten-Bücher» aus den Königsgräbern im Tal der Könige, Edition Hornung. Sonnenhymnen, besonders Papyrus Boulaq 17 (Theben, 18. Dynastie), Edition Adolf Erman.
- Plutarch, «De Iside et Osiride» 10, 73 und 74.
- Aelian, «De natura animalium» X, 15.
- Henri Frankfort, «Kingship and the Gods», Chicago 1948.
- Erik Hornung, «Der Eine und die Vielen», Darmstadt 1971.
- Erik Hornung, «Das Buch der Anbetung des Re im Westen», Genf 1975.
- Jan Assmann, «Sonnenhymnen in thebanischen Gräbern», Mainz 1983.
- James P.
- Allen, «Genesis in Egypt.
The Philosophy of Ancient Egyptian Creation Accounts», New Haven 1988.





