Unterweltsdämonen, Boten und Vollstrecker des Jenseits.
Gallu ist Dämon der mesopotamischen Tradition.
Die Gallû gehören zu den ältesten belegten Dämonengestalten Mesopotamiens. Sie stehen der Unterwelt und ihrer Herrin Ereškigal nahe und erscheinen in Mythen wie Ritualtexten als Vollstrecker des Todes. Typisch für sie ist die Entzogenheit: Die Texte betonen, dass sie weder Nahrung noch Trank annehmen, weder Gaben noch Süße kennen. Sie sind nicht verhandelbar.
In der berühmten Erzählung vom Gang Inannas in die Unterwelt sind es die Gallû, die einen Ersatz für die Göttin fordern und Dumuzi in die Unterwelt führen. Diese Szene prägt das Bild bis heute: Gallû sind die Boten, die kommen, wenn die Zeit eines Menschen abgelaufen ist.
Gallu (Akkadisch: gal-lu, „Großer”) sind dämonische Wesen oder Dämonen der Unterwelt in der mesopotamischen Mythologie. Sie sind in Keilschrifttexten von Sumer bis Babylon bezeugt und werden oft als Untergebene der Unterweltsgöttin Ereshkigal oder des Totengotts Nergal beschrieben. Sie personifizieren Krankheit, Pest und den plötzlichen Tod.
Gallû-Belege reichen von frühen sumerischen Mythen (3. Jahrtausend v. Chr.) bis in die neubabylonische und achämenidische Zeit. Kein anderer Dämonentyp ist ähnlich konstant über die mesopotamische Kulturgeschichte dokumentiert.
Mythologische Einordnung
Gallu, einer der Dämonen der Unterwelt, ist ein Wesen, das Ereshkigal, die Königin der Unterwelt, dient. Gallu sind nicht unbedingt böse im moralischen Sinne, sondern eher die Agenten von Ereshkigals Wille, Vollstrecker ihrer Befehle, Fänger von Seelen und Begleiter der Toten in die Unterwelt.
Sie sind gefürchtet, da ihre Ankunft den Tod signalisiert. Gallu können auch als Dämonen der Krankheit und des schnellen Todes verstanden werden, die Menschen von der Obererde holen. Sie repräsentieren die Unweigerlichkeit und Objektivität des Todes.
Gallu sind vor allem in babylonischen und assyrischen Tontafelserien dokumentiert, insbesondere in den Umschreibungen des Unterwelts-Abstiegs (Inanna-Ereshkigal-Zyklus, teilweise parallele Texte auch im Hittitischen). Sie wurden im gesamten Zweistromland von Sumer bis Assyrien gefürchtet und durch Beschwörungen und Apotropaia-Rituale bekämpft.
Die Quellenlage zu Gallu ist fragmentarisch. Primärtexte sind Keilschrift-Mythologeme und Listen aus dem Alten Babylon (c. 1800, 1600 v. Chr.) sowie spätere assyrische Paralleltexte.
Die Assyriologen Bottéro, Wiggermann und Schwemer haben diese Überlieferungen analysiert und in die Kontext der mesopotamischen Dämonologie eingeordnet. Eine sichere Identifikation einzelner Gallu-Typen ist heute schwierig, da die Tafeln oft partiell zerstört sind und Namensvariationen aufweisen.
Sumerisch: gal-lá.
Akkadisch: gallû.
Gebräuchlich als Gruppe: häufig die „sieben Gallû“, ein typisches Vollzahl-Motiv der mesopotamischen Dämonologie.
Die Etymologie ist umstritten; diskutiert werden Bezüge zu Begriffen für „Vollstrecker“ oder „Gewalt“. Wichtiger als die Herleitung ist die feste Rolle: Gallû sind immer Ausführungsorgan, selten eigenständige Figur. Sie erscheinen meist in Gruppen, handeln im Auftrag der Unterwelt und sind namenlos.
Erscheinung
Die Texte beschreiben die Gallû eher durch das, was sie nicht sind. Sie kennen keine Nahrung, keinen Durst, keine Gabe, keine Süße. Wo bildliche Darstellungen fassbar werden, sind sie schemenhaft, schreckenerregend und schwer zu fixieren. Sie gehören damit eher zu den unanschaulichen Dämonen Mesopotamiens.
Verhalten
Gallû kommen, um zu holen. Sie bringen die Seelen der Sterbenden in die Unterwelt, fordern Ersatz, wenn die Ordnung gestört wurde, und vollstrecken Urteile des Totenreichs. Ihre Aktionen sind zielgerichtet und nicht verhandelbar; Gaben oder Beschwörungen wirken nur in engen rituellen Grenzen.
Wirkungsbereich
Der Übergang zwischen Leben und Tod, das Sterbebett, Orte gewaltsamen Todes, rituelle Schwellensituationen. Sie wirken dort, wo eine Entscheidung über Leben oder Tod fällt, oder wo die kosmische Ordnung einen Ersatz verlangt.
Mythologische Herkunft
Die Gallû sind Diener der Unterwelt, besonders Ereškigals. In „Inannas Gang in die Unterwelt“ treten sie als Gruppe auf, die die Göttin in die Unterwelt zwingt und später Dumuzi als Ersatz fordert. Ihre Rolle ist damit strukturell festgelegt: Sie sind das ausgestreckte Werkzeug der Unterwelt im Bereich der Lebenden.
Erscheinung und Symbolik
Gallu werden oft als furchterregende, dunkle Gestalten mit übernatürlichen Merkmalen abgebildet, möglicherweise mit Tierkörpern (Löwe, Stier), glühenden Augen und Krallen oder Klauen. Sie können auch humanoid mit dämonischen Features dargestellt werden, Hörnern, geschwärztem Gesicht, schrecklichem Ausdruck.
Gallu tragen oft Fesseln oder Ketten, da sie die Entführer und Binder sind. Ihr Körper ist dunkel, oft schwarz oder tiefrot gefärbt. Sie bewegen sich schnell und unerwartet. Ihre Präsenz ist kalt und beängstigend.
Die wichtigsten Aspekte der Gallû auf einen Blick. Die Ausführung zu Name, Beschreibung, Abwehr und Parallelen finden Sie in den Kapiteln 2, 3, 5 und 6.
Diener der Unterwelt, besonders Ereškigals. Oft als Gruppe, die „sieben Gallû“, erwähnt. Keine individuellen Gestalten, sondern kollektive Vollstrecker.
Sterbende, Menschen in ritueller Schwellensituation, Tabubrecher, Schuldige, Ersatzpersonen im Austausch für andere (wie Dumuzi für Inanna).
Unklar, bewusst entzogen: „essen keine Nahrung, trinken kein Wasser, kennen keine Süße“. Schemenhaft, schreckenerregend, nicht festgelegt.
Plötzlicher Tod, Seelenraub, schnell verlaufende Krankheit, rituell bedingter Zugriff. Ihr Kommen ist nicht verhandelbar, nur aufschiebbar oder umleitbar.
Beschwörungen mit Aufforderung zur Rückkehr in die Unterwelt, Reinigungsrituale, Substitutionsopfer (Ersatzgestalt, die statt des Menschen mitgenommen wird).
Erinyen und Keres (griechisch), Thanatos (griechisch), Tzitzimime (aztekisch), Boten-des-Todes-Motive in Europa, Sensenmann-Figur im späteren Volksglauben.
Rituale zur Abwehr
Rituale gegen die Gallû zielen nicht auf ihre Vernichtung, sondern auf Aufschub oder Umleitung. Bekannt ist das Prinzip der Substitution: Eine symbolische Ersatzfigur, ein Tier, eine kleine Gestalt aus Teig oder Ton, wird anstelle des Menschen den Gallû „übergeben“. Das Motiv findet seine stärkste mythologische Prägung in „Inannas Gang in die Unterwelt“.
Beschwörungen
Formeln rufen die Gallû an, benennen ihre Herkunft und verweisen sie in die Unterwelt zurück. Häufig wird zugleich eine göttliche Autorität angerufen, deren Auftrag die Umleitung ermöglicht. Die Struktur bleibt in allen mesopotamischen Beschwörungen ähnlich: Identifizieren, Legitimieren, Zurückschicken.
Amulette und Schutzsymbole
Amulette gegen Gallû spezifisch sind nicht der Schwerpunkt; wichtiger sind Reinheitsgebote und kollektive Schutzriten für Haus, Ort oder Stadt. Der Schutz verlässt sich weniger auf ein Objekt, mehr auf rituelle Disziplin und die richtige Beziehung zu den Göttern.
Kult und Verehrung
Gallu wurden nicht direkt verehrt wie Götter, sondern gefürchtet und durch Beschwörungen und Schutzzauber abgewehrt. Schutzamulette gegen Gallu waren häufig, besonders in Häusern, in denen Kranke oder Sterbende lagen.
Magier und Priester führten Schutzrituale durch, um Gallu fernzuhalten. Jedoch beschworen Magier manchmal Gallu in Magie, um Feinde zu schaden oder schnelle Ergebnisse zu erreichen. Gallu wurden mit Angst und Furcht, nicht Verehrung, behandelt.
Griechisch-römische Welt
Keres und Erinyen sind die deutlichsten funktionalen Parallelen. Keres holen die Seelen der Gefallenen, Erinyen rächen Blutschuld. Thanatos als Personifikation des Todes übernimmt ähnliche Boten-Funktionen und wandert motivisch weiter in römische und hellenistische Darstellungen.
Mittelamerika: Die aztekischen Tzitzimime sind nächtliche Dämonen, die in kritischen Momenten des kosmischen Zyklus das Leben der Menschen bedrohen. Ihre Rolle als Vollstrecker eines drohenden kosmischen Endes ähnelt in Aufbau und Funktion dem Gallû-Motiv.
Europa (späteres Volksgut)
Die Sensenmann-Figur des europäischen Mittelalters und der Moderne bündelt das Motiv der unpersönlichen, nicht verhandelbaren Todesabholer-Gestalt. Auch wenn eine direkte Linie nicht nachweisbar ist, zeigt sich das Grundmuster: Ein Bote, der kommt, wenn die Zeit abgelaufen ist.
Der wichtigste literarische Auftritt der Gallu findet sich im sumerischen Mythos von Inannas Gang in die Unterwelt und in dessen Fortsetzung um den Hirtengott Dumuzi. Der Text ist auf Tontafeln überliefert und gehört zu den ausführlich rekonstruierten Werken der sumerischen Literatur.
Die Göttin Inanna steigt in die Unterwelt hinab, das Reich ihrer Schwester Ereschkigal, und wird dort getötet und an einen Pfahl gehängt.
Durch das Eingreifen des Gottes Enki wird sie wiederbelebt, doch die Unterwelt lässt niemanden ohne Ersatz frei. Inanna muss einen Stellvertreter benennen, der an ihrer Stelle hinabsteigt. Begleitet wird sie beim Aufstieg von den Gallu, den Dämonen der Unterwelt.
Der Text beschreibt diese Gallu mit großer Eindringlichkeit. Sie kennen keinen Hunger und keinen Durst, sie essen keine Speise und trinken kein Wasser, sie nehmen keine Opfergaben an und keine Bestechung. Sie kennen keine Familie, keine Kinder, keine Freundschaft.
Sie reißen die Frau aus den Armen des Mannes und das Kind von der Brust der Amme. Damit sind sie das genaue Gegenbild zu einem menschlichen oder göttlichen Gegenüber, mit dem man verhandeln könnte.
Als Ersatz für Inanna wird schließlich ihr Gemahl Dumuzi bestimmt, der nicht um sie getrauert hatte. Die Gallu jagen ihn, er flieht und verwandelt sich, wird aber gestellt und in die Unterwelt geschleppt.
Erst durch das Opfer seiner Schwester Geschtinanna, die einen Teil des Jahres an seiner Stelle eintritt, wird sein Schicksal gemildert. Die Gallu sind in dieser Erzählung die unbestechlichen Vollstrecker der Unterweltordnung.
Außerhalb der erzählenden Literatur erscheinen die Gallu vor allem in den Beschwörungs- und Abwehrtexten Mesopotamiens. Diese Texte, in akkadischer und sumerischer Sprache auf zahlreichen Tafeln überliefert, dienten dem Schutz vor Krankheit, Unglück und dämonischem Angriff.
In der akkadischen Form erscheint der Name als gallu oder in der Verbindung mit anderen Dämonenbezeichnungen. Eine besonders häufige Gruppe sind die Sieben, eine Bande böser Geister, in deren Aufzählungen der Gallu wiederkehrt.
Diese Texte beschreiben, wie die Dämonen durch Tür und Riegel dringen, sich an Wege und Mauern halten und den Menschen befallen, ohne dass er sich wehren kann.
Die Abwehr erfolgte durch Beschwörungspriester, in Mesopotamien aschipu genannt. Sie rezitierten festgelegte Formeln, riefen die großen Götter, besonders Ea, dessen Sohn Marduk und den Feuergott, gegen die Dämonen an und führten begleitende Handlungen aus, etwa das Vorzeigen oder Verbrennen von Ersatzfiguren, das Räuchern und das Bespritzen mit Wasser.
Eine wichtige Rolle spielten in dieser Praxis Schutzfiguren und Amulette. Aus mesopotamischen Häusern sind kleine Tonfigürchen von Schutzwesen bekannt, die unter den Schwellen vergraben wurden, sowie beschriebene Plaketten.
Der Befund zeigt, dass der Gallu für die Menschen kein abstraktes mythisches Wesen war, sondern eine erfahrbare Bedrohung, gegen die es ein ausgearbeitetes rituelles Repertoire gab. Die Texte verbinden so Dämonologie und Heilkunde zu einer Einheit, in der Krankheit und dämonischer Angriff oft dasselbe meinen.
Der Name Gallu wirft sprach- und religionsgeschichtlich mehrere Fragen auf, die in der Assyriologie diskutiert werden. Das Wort ist sumerischen Ursprungs und bezeichnet in den ältesten Belegen einen Unterweltsdämon, einen Diener oder Häscher der Totenwelt. Ins Akkadische wurde es als Lehnwort übernommen.
Die Forschung ordnet den Gallu in das größere System der mesopotamischen niederen Wesen ein. Dieses System kennt eine ganze Reihe von Dämonenbezeichnungen, darunter Utukku, Rabisu, Lilu und weitere, die teils klar abgegrenzte, teils überlappende Bereiche bezeichnen. Der Gallu gehört zur Gruppe der mit der Unterwelt und mit dem gewaltsamen Hinwegschaffen von Menschen verbundenen Wesen.
Eine eigene Frage betrifft das mögliche Nachleben des Wortes. In der späteren aramäischen und in der jüdischen Tradition gibt es Dämonenbezeichnungen, die lautlich an gallu erinnern, und es ist erwogen worden, ob hier eine Überlieferungslinie aus dem mesopotamischen Erbe vorliegt.
Diese Frage ist nicht abschließend geklärt; die Lautähnlichkeit allein ist kein Beweis, und die Übergänge zwischen den Dämonensystemen des Alten Orients sind komplex.
Wichtig für das Verständnis ist, dass die mesopotamische Religion zwischen den großen, benannten und mit Tempeln verehrten Göttern und den niederen Wesen wie dem Gallu deutlich unterschied.
Die Gallu wurden nicht verehrt; sie waren Funktionswesen der kosmischen Ordnung, denen man nicht mit Kult, sondern mit Abwehr begegnete. Diese Unterscheidung prägt das gesamte mesopotamische Verhältnis zum Dämonischen.
Die hier beschriebene Schutzpraxis ist religionswissenschaftliche Einordnung historischer Traditionen. iWell Guard knüpft an diese kulturhistorische Linie tragbarer Schutzobjekte an und stellt eine zeitgenössische Form davon dar. Mehr über den iWell Guard →
Gegen seine Einwirkung nennt die kulturübergreifende Überlieferung diese Schutzmittel:
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