iWell Guard

Milarepa, tibetischer Yogi und Heiliger

Milarepa ist ein tibetischer Yogi und Heiliger, dessen Lebensweg von schwerer Verfehlung bis zur Erleuchtung als Vorbild gilt. Milarepa (tibetisch Mila Repa, «der baumwollgekleidete Mila», ca. 1052 bis 1135) ist einer der bekanntesten Yogis der tibetischen Religionsgeschichte.

Im Gegensatz zu Padmasambhava handelt es sich bei ihm um eine historisch greifbare Person, deren Biographie zugleich religionsgeschichtlich stark stilisiert wurde. Er gilt als zentraler Lehrer der Kagyü-Schule, seine Verse (mgur) zählen zu den meistgelesenen Texten der tibetischen religiösen Literatur.

Inhaltsverzeichnis

Milarepa - Götter aus der Buddhismus-Tradition, historisch-illustrativ

Biographische Quellen

Die ausführlichste Lebensbeschreibung ist das «Nampar Tharpa» (vollständiger Befreiungstitel), kurz «Mila Tharpa», verfasst von Tsangnyön Heruka (1452 bis 1507), einem Yogi und Schriftsteller, der Milarepa als idealisierte Yogi-Gestalt für seine Reformbewegung der späten Kagyü neu darstellte.

Diese Vita ist literarisch außerordentlich gelungen und in mehrere westliche Sprachen übersetzt, sie ist aber etwa dreihundertfünfzig Jahre nach Milarepas Tod entstanden und stützt sich auf ältere mündliche und schriftliche Traditionen, die zum Teil verloren sind.

Andrew Quintman hat in «The Yogin and the Madman» (New York 2014) die textgeschichtliche Entwicklung der Milarepa-Vita rekonstruiert und gezeigt, dass es mindestens drei ältere Versionen gab, von denen einige nur in Fragmenten erhalten sind.

Das «Hunderttausend Lieder» (Mila Gurbum), ebenfalls von Tsangnyön Heruka kompiliert, sammelt die Verse, die Milarepa in unterschiedlichen Lehrsituationen seinen Schülern und Bittstellern improvisiert haben soll. Diese Sammlung ist die zweite zentrale Milarepa-Quelle; ihre einzelnen Lieder sind sehr verschieden datiert und reflektieren wahrscheinlich eine über mehrere Jahrhunderte gewachsene Tradition.

Jugend und Schwarze Magie

Nach der Vita wurde Milarepa als Sohn eines wohlhabenden Großgrundbesitzers in Kya Ngatsa im Westen Tibets geboren. Sein Vater starb früh, woraufhin der Onkel und die Tante das Vermögen an sich rissen und die Familie versklavten.

Auf Drängen der Mutter erlernte Milarepa schwarze Magie und tötete durch ein Hagelritual fünfunddreißig Verwandte des Onkels sowie deren Reichtum vernichtende Ernten.

Das schlechte Karma dieser Tat trieb ihn später zur Suche nach religiöser Befreiung. Diese Erzählung ist religionsphänomenologisch wichtig: sie führt einen Heiligen ein, der nicht von Anfang an heilig ist, sondern aus tiefer Schuld zur Erleuchtung kommt.

Donald Lopez («Religions of Tibet in Practice», Princeton 1997) liest dieses Element als Spiegelung tantrischer Lehren, die den «Weg der Befleckung» (kleshamarga) als Möglichkeit der Befreiung anerkennen.

Marpa als Lehrer

Milarepa fand seinen Lehrer in Marpa Chökyi Lodrö (1012 bis 1097), einem tibetischen Übersetzer, der mehrere Reisen nach Indien unternommen hatte und dort von Naropa unterwiesen worden war.

Marpa unterwarf Milarepa über viele Jahre einer extremen Bewährungsprobe: er ließ ihn allein zahlreiche Türme aus Steinen errichten, jeweils mit der Anweisung, sie wieder abzureißen, sobald sie fertig waren.

Der heute noch erhaltene Sekhar-Guthok-Turm im südtibetischen Lhodrak gilt traditionell als das endgültige Bauwerk, das Milarepa nicht mehr abreißen musste. Die Bewährung diente nach der Vita dazu, das schlechte Karma der Hagelmagie zu reinigen, bevor Milarepa die höheren tantrischen Einweihungen empfangen konnte.

Nach Abschluss der Bewährung erhielt er die volle Übertragung der Mahamudra-Lehre und der Sechs Yogas Naropas, darunter die innere Hitze (tummo), den klaren Lichtkörper (ödsal) und den Traum-Yoga (milam). Diese Übertragungen bilden den Kern der Kagyü-Lehre und werden bis heute in ungebrochener Linie weitergegeben.

Höhleneremiten-Leben

Nach der Lehrzeit zog sich Milarepa in die Höhlen des Himalaya zurück, vor allem in die Region um den Lapchi-Gebirgsstock, der zwischen Tibet und Nepal liegt.

Die Vita schildert ihn jahrzehntelang in entlegenen Bergeinsiedeleien, oft fast nackt, ernährt durch wilde Brennessel, die seinen Körper grünlich verfärbt haben soll. Er entwickelte die innere Hitze so weit, dass er bei Schneestürmen nur mit einem Baumwolltuch (repa) bekleidet auskam, daher der Beiname Repa.

Diese Praxis ist auch außerhalb der hagiographischen Erzählung in der tibetischen Yogi-Tradition belegt; im 20. Jahrhundert hat Alexandra David-Néel sie ethnographisch dokumentiert, neuere physiologische Studien an Tummo-Praktizierenden in Ladakh und Nepal haben Erwärmungseffekte messbar gemacht.

Religionswissenschaftlich relevant ist, dass die Verbindung von extremer Askese und körperlicher Hitzeerzeugung im Vajrayana ein systematisch in den Tantras beschriebener Übungsweg ist.

Lieder und Lehrform

Milarepa lehrte nicht in Form von kanonischen Vorträgen oder durch Bücher, sondern improvisierte spontane Verse in der gerade gegebenen Situation. Ein Jäger, eine zweifelnde Schülerin, eine Gruppe von Banditen, alle wurden ihrem jeweiligen Bewusstseinsstand entsprechend angesprochen. Die «Hunderttausend Lieder» sind die schriftliche Sammlung dieser Improvisationen.

Sie stehen in der Tradition der indischen Doha- und Caryagiti-Literatur, die schon im indischen Vajrayana eine wichtige Rolle spielte. Im Tibet des 11. Jahrhunderts war die Form der gesungenen Lehrrede eine effektive Methode, Lehrinhalte auch an analphabetische Hörer zu vermitteln.

Roger Jackson hat in «Tantric Treasures» (Oxford 2004) die Anschlussfähigkeit der tibetischen mgur-Tradition an die indischen Vorbilder im Einzelnen dargestellt.

Schüler und Nachfolge

Milarepa hatte zwei Hauptschüler, Gampopa Sönam Rinchen (1079 bis 1153) und Rechungpa (1085 bis 1161). Gampopa, ein ehemaliger Mediziner und Mönch der Kadam-Schule, integrierte die tantrische Yogipraxis Milarepas in einen monastischen Rahmen und begründete damit die klösterliche Linie der Kagyü-Schulen.

Rechungpa bewahrte die nicht-monastische Yogi-Tradition. Aus Gampopas Schülern gingen die «vier großen» und «acht kleinen» Kagyü-Untertraditionen hervor, darunter die Karma-Kagyü mit der berühmten Karmapa-Inkarnationslinie. Damit wurde Milarepas individuelle Bewährungs- und Erleuchtungserfahrung zur Grundlage einer großen institutionellen Schule.

Religionswissenschaftliche Einordnung

Andrew Quintman zeigt, dass die Milarepa-Vita ein Modell des «Erleuchteten aus tiefer Schuld» etabliert hat, das in der späteren tibetischen Religionsgeschichte vielfach wiederholt wurde.

Im Gegensatz zur theravadischen Heiligenvorstellung, in der Reinheit und Verdienst von Anfang an angelegt sind, betont die Milarepa-Tradition, dass auch schwere moralische Verfehlungen durch tantrische Praxis im selben Leben gereinigt werden können.

Das ist religionsphänomenologisch eine zentrale Aussage des Vajrayana, sie unterscheidet ihn von älteren buddhistischen Schulen, in denen mehrere Existenzen für eine vollständige Reinigung als nötig galten.

Rezeption im Westen

Die erste europäische Übersetzung der Milarepa-Vita stammt von Jacques Bacot (Paris 1925), die erste englische von Walter Yeeling Evans-Wentz (Oxford 1928). Letztere ist für ihre theosophische Färbung bekannt und in der wissenschaftlichen Tibetologie heute überholt. Lobsang Lhalungpa hat 1977 eine philologisch verlässliche englische Übersetzung vorgelegt.

Im 20. Jahrhundert wurde Milarepa neben Padmasambhava zur prominentesten tibetischen Figur in westlichen Buddhismus-Rezeption. Seine biographische Greifbarkeit, die Mischung aus moralischer Verfehlung und Heiligung, sowie die schlichten, oft naturpoetischen Lieder haben ihm eine eigenständige Wirkung jenseits der streng tantrischen Übertragungslinie gegeben.

Quellen und weiterführende Literatur

Primärquellen: Tsangnyön Heruka, «Mila Tharpa» (Vita Milarepas), 15. Jahrhundert; «Mila Gurbum» (Hunderttausend Lieder Milarepas), 15. Jahrhundert.

Sekundärliteratur: Andrew Quintman, «The Yogin and the Madman.

Reading the Biographical Corpus of Tibet’s Great Saint Milarepa», New York 2014; Donald Lopez, «Religions of Tibet in Practice», Princeton 1997; David Snellgrove, «Indo-Tibetan Buddhism», London 1987; Roger Jackson, «Tantric Treasures», Oxford 2004; Lobsang Lhalungpa, «The Life of Milarepa», New York 1977; Robert Buswell und Donald Lopez, «Princeton Dictionary of Buddhism», Princeton 2014.

Mahamudra und Dzogchen

Die Lehre, die Milarepa von Marpa erhielt und an seine Schüler weitergab, gehört zur Mahamudra-Tradition («Großes Siegel»). Sie zielt auf die direkte, nicht-konzeptuelle Erkenntnis der Natur des Geistes ab. Die Mahamudra ist von der Dzogchen-Tradition («Große Vollkommenheit») der Nyingma-Schule strukturell ähnlich, aber methodisch unterschiedlich.

Während Dzogchen mit der ursprünglichen Reinheit des Geistes als Ausgangspunkt arbeitet, geht die Mahamudra schrittweise von der konzeptuellen Erkenntnis zur direkten Schau über.

David Jackson hat in «Enlightenment by a Single Means» (Wien 1994) die historische Auseinandersetzung zwischen der Sakya-Auffassung der Mahamudra und der Kagyü-Auffassung dokumentiert. Diese Debatte ist tibetisch-philosophisch eine der wichtigsten des 13. bis 15. Jahrhunderts und betrifft direkt die Auslegung der Milarepa-Lehre.

Die sechs Yogas Naropas

Neben der Mahamudra ist die Übertragung der «sechs Yogas Naropas» die zweite Hauptlinie der Kagyü-Praxis, die auf Milarepa zurückgeht.

Diese sechs Yogas umfassen die innere Hitze (tummo), den klaren Lichtkörper (ödsal), den Traum-Yoga (milam), den Bardo-Yoga (Zwischenzustands-Yoga), die Bewusstseinsübertragung (phowa) und die illusorische Körperpraxis (gyulü). Sie bilden ein systematisches Übungsprogramm, das auf den indischen Yogi Naropa zurückgeht und über Marpa an Milarepa weitergegeben wurde.

Die innere Hitze, mit der Milarepa berühmt wurde, ist davon die erste und in vielerlei Hinsicht grundlegende Praxis. Glenn Mullin hat in «The Six Yogas of Naropa» (Ithaca 1996) den Praxiskorpus übersetzt und kommentiert.

Die ethnographische Forschung an heutigen Tummo-Praktizierenden, insbesondere die Arbeiten von Herbert Benson an der Harvard Medical School in den 1980er Jahren, hat physiologisch messbare Hauttemperaturerhöhungen dokumentiert, ohne dass damit die religiösen Ansprüche der Tradition bestätigt oder widerlegt wären.

Milarepas Höhlen als Pilgerorte

Die Höhlen, in denen Milarepa nach der Tradition meditierte, sind bis heute Pilgerorte. Besonders prominent sind die Höhle von Drakar Taso («Weißer Felsen Pferdezahn»), die Lapchi-Höhlen an der Grenze zwischen Tibet und Nepal, die Chuwar-Höhlen in der Region von Nyalam, und die Kyirong-Höhlen, ebenfalls an der nepalesischen Grenze.

Die Pilgerwege zu diesen Orten waren bis zur chinesischen Annexion Tibets eine wichtige Achse buddhistischer Spiritualität.

Heute sind sie teilweise wieder zugänglich, der Pilgerverkehr ist durch politische Restriktionen aber begrenzt. In Nepal sind die Lapchi-Region und der Mount Kailash (von Tibet aus erreichbar) zentrale Pilgerziele auch der Milarepa-Verehrung. Toni Huber hat in «The Cult of Pure Crystal Mountain» (New York 1999) die Geographie des tibetischen Pilgerwesens detailliert dokumentiert.

Milarepa in der modernen Rezeption

Im 20. Jahrhundert wurde Milarepa zu einer der prominentesten tibetischen Gestalten in der westlichen Buddhismus-Rezeption.

Lama Anagarika Govinda widmete ihm in «The Way of the White Clouds» (London 1966) ausführliche Passagen, in denen die Verbindung von Asketenleben und mystischer Erkenntnis als zentrale tibetische Errungenschaft dargestellt wird. Die Übersetzung Lobsang Lhalungpas (1977) führte zu einer breiten westlichen Rezeption.

Der tibetische Film «Milarepa» (2006) des Lehrers Neten Chokling brachte die Geschichte erstmals einem internationalen Kinopublikum. Im westlichen tibetischen Buddhismus, besonders in den Kagyü-Linien, ist Milarepa ein zentraler Identifikationsfiguren der Praktizierenden, in deren Vita die Verbindung von ethischer Verfehlung, Bewährung und Erleuchtung als Modell für den eigenen Weg gelesen wird.

Milarepa und die Naturpoesie

Eine eigene literarische Linie der Milarepa-Lieder bilden seine Naturgedichte. Sie beschreiben das Leben in den Bergeinsiedeleien, die Wahrnehmung der Jahreszeiten, der Tiere, der Felsen, des Schnees und des Windes. Diese Gedichte stehen in einer Tradition tibetischer Asketenpoesie, die ähnlich wie die japanische Zen-Poesie eine direkte, ungekünstelte Natursprache entwickelt.

Sie wurden von westlichen Literaten wie Gary Snyder und Allen Ginsberg rezipiert und haben so eine breitere Wirkung als nur in der streng religiösen Tradition entfaltet. Per Sørensen hat in «Divinity Secularized.

An Inquiry into the Nature and Form of the Songs Ascribed to the Sixth Dalai Lama» (Wien 1990) die strukturellen Verbindungen zwischen Milarepas Liedern und der späteren tibetischen weltlichen Liebespoesie nachgezeichnet.

Tsangnyon Heruka und die Standardvita

Die heute kanonische Lebensbeschreibung Milarepas (Mi la ras pa’i rnam thar) wurde im Jahr 1488 von Tsangnyon Heruka (1452 bis 1507) verfasst.

Tsangnyon, selbst ein exzentrischer Yogi der «Verrückten Heiligen»-Tradition, schöpfte aus früheren Quellen, formte sie aber zu einem geschlossenen literarischen Werk mit klarem Aufbau: Vorgeschichte und Geburt, Jugend und Magie, Marpa und die Prüfungen, Befreiungsweg, Lehrjahre, Sterben.

Andrew Quintman («The Yogin and the Madman», New York 2014) hat die Quellengeschichte der Milarepa-Vita detailliert rekonstruiert. Er zeigt, dass mindestens neun ältere Vita-Schichten existieren, von denen die früheste auf Gampopa (1079 bis 1153), den unmittelbaren Schüler Milarepas, zurückgeht.

Tsangnyons Version ist literarisch derart erfolgreich, dass sie die älteren Quellen praktisch verdrängte. Sie ist zum Maßstab tibetischer Hagiographie geworden und prägt bis heute das populäre Milarepa-Bild.

Die 100.000 Lieder als literarisches Werk

Die Sammlung «Mila Grubum» (100.000 Lieder Milarepas) wurde ebenfalls von Tsangnyon Heruka in literarischer Form gefasst, enthält aber älteres Material. Sie umfasst etwa 130 Episoden, in denen Milarepa in poetischen Versen («mgur») Belehrungen erteilt, Schüler prüft oder das Volksgespräch sucht. Die Mgur sind eine eigene tibetische Literaturgattung, die religiöse Spiritualität mit Volksdichtung verbindet.

Garma C.C. Chang («The Hundred Thousand Songs of Milarepa», New York 1962) hat eine vollständige englische Übersetzung vorgelegt. Die Lieder sind metrisch unterschiedlich strukturiert und folgen einem Wechsel zwischen Lehrgegenstand und persönlicher Erinnerung. Sie sind sowohl religiöses Praxis-Material als auch Volksliteratur, was ihre breite Wirkung erklärt.

Milarepas Höhlen und Pilgerorte

Die wichtigsten Höhlen, in denen Milarepa der Tradition nach meditierte, sind Drakar Taso bei Nyalam in Süd-Tibet, Chubar bei Kyirong, Lapchi am tibetisch-nepalesischen Grenzgebiet sowie die Höhlen am Berg Kailash. Lapchi und Kailash sind heute aufgrund der Pandemie und der chinesischen Reiserestriktionen schwer zugänglich, Drakar Taso wurde nach 1980 als Klosterruine teilweise wiederaufgebaut.

Toni Huber («The Cult of Pure Crystal Mountain», New York 1999) hat die Pilgerortpraxis um Tsari, einem weiteren Milarepa-Schauplatz, ethnographisch dokumentiert und gezeigt, wie die Pilgerorte als räumliche Verlängerung der Hagiographie funktionieren.

Die Verbindung von Vita-Text und Pilgerort ist ein klassisches Phänomen der religiösen Geographie und Milarepa zählt zu den am stärksten räumlich verankerten tibetischen Heiligen.

Die Kagyü-Linie und ihre vier großen Untergliederungen

Milarepa steht in der Hauptlinie der Kagyü-Schule (bka‘ brgyud, «Übertragungslinie der mündlichen Belehrungen»). Diese Linie wurde durch Marpa Lotsawa von Indien nach Tibet gebracht. Nach Milarepas Hauptschüler Gampopa spaltete sich die Kagyü in vier große und acht kleine Unterlinien. Die vier großen sind Karma Kagyü (mit den Karmapas), Tselpa Kagyü, Baram Kagyü und Phagdru Kagyü.

Aus der Phagdru-Linie wiederum gingen die Drikung Kagyü, Drugpa Kagyü und Taglung Kagyü hervor. Die Drukpa-Linie ist die Staatsschule Bhutans. Karenina Kollmar-Paulenz («Geschichte der Mongolen», München 2005) und Matthew Kapstein («The Tibetans», Oxford 2006) haben die schulgeschichtliche Entwicklung jeweils im Kontext der politischen Geschichte Tibets dargestellt.

Die Mahamudra-Lehre Milarepas

Milarepa praktizierte und übermittelte die Mahamudra-Lehre («Großes Siegel»), die zur höchsten Stufe der Anuttarayoga-Tantra-Praxis zählt. Die Mahamudra-Übertragung kam durch Maitripa und Naropa zu Marpa und dann zu Milarepa.

Im Unterschied zur Dzogchen-Lehre der Nyingma-Schule, mit der die Mahamudra philosophisch eng verwandt ist, betont die Mahamudra-Praxis den graduellen Aufstieg über Shamatha (geistige Ruhe) und Vipashyana (Einsicht) zur direkten Erkenntnis der Natur des Geistes.

Die «Vier Yogas der Mahamudra», die einpunktige Sammlung, das Nicht-Konstruieren, der eine Geschmack und die nicht-meditative Verwirklichung, gelten als zentrale Stufenfolge. David Jackson («Enlightenment by a Single Means», Wien 1994) hat die Mahamudra-Tradition im Vergleich zur Lam-Rim-Tradition der Gelugs umfassend untersucht.

Milarepa in der modernen Literatur und Kunst

Milarepa hat eine breite Wirkungsgeschichte in westlicher Literatur und Bildender Kunst entfaltet. Eric Frechette übertrug 1968 die «Hundert Tausend Gesänge» ins Französische. Lobsang Lhalungpa lieferte 1977 eine viel beachtete englische Übersetzung der Vita. Der bhutanesische Filmregisseur Neten Chokling drehte 2006 einen zweiteiligen Film «Milarepa», der die Jugend und den Befreiungsweg darstellt.

Der schweizerische Maler Aldo Walker und der amerikanische Buddhistenkünstler Robert Beer haben Milarepa-Bildnisse geschaffen, die sich an den traditionellen tibetischen Vorlagen orientieren. Die moderne tibetische Diaspora hat Milarepa zur Identifikationsfigur einer Spiritualität gemacht, die zwischen monastischer Disziplin und yogischer Eigenständigkeit vermittelt.

Häufig gestellte Fragen

War Milarepa eine historische Person? Ja. Seine Lebensdaten werden allgemein auf etwa 1052 bis 1135 datiert, wobei einzelne Aspekte umstritten sind. Andrew Quintman hat in «The Yogin and the Madman» die historische Verlässlichkeit der Quellenlage detailliert untersucht.

Was sind die «sechs Yogas Naropas»? Ein Programm tantrischer Yogapraxis, das die innere Hitze, den klaren Lichtkörper, den Traum-Yoga, den Bardo-Yoga, die Bewusstseinsübertragung und die illusorische Körperpraxis umfasst. Sie sind die zentrale Praxis-Linie der Kagyü-Schulen.

Warum war Milarepa grünlich? Nach der Vita ernährte er sich jahrzehntelang fast ausschließlich von wilder Brennessel, was seinen Körper verfärbt haben soll. Ob dies historisch genau so geschah, ist ungewiss; das Motiv unterstreicht in jedem Fall seine extreme Askese.

Wer waren Milarepas wichtigste Schüler? Gampopa Sönam Rinchen (1079 bis 1153), der die monastische Linie der Kagyü-Schulen begründete, und Rechungpa (1085 bis 1161), der die nicht-monastische Yogi-Tradition fortführte.