Lakshmi, hinduistische Göttin des Glücks und Wohlstands
Lakshmi ist die hinduistische Göttin des Glücks und des Wohlstands und gilt als Gemahlin Vishnus und Sinnbild der Fülle. Lakshmi (Sanskrit Laksmi) ist im Hinduismus die Göttin des Wohlstands, des Glückes, der Schönheit und der Fruchtbarkeit. Sie ist die Gemahlin Vishnus und gilt als seine ständige Begleiterin.
In der hinduistischen Volksreligion wird Lakshmi als Spenderin materieller und spiritüller Fülle verehrt. Ihr jährliches Fest Diwali, die Lichternacht, gehört zu den größten religiösen Feiern Indiens. Religionswissenschaftlich gilt Lakshmi als eine der wenigen vedischen Göttinnen, die in ungebrochener Tradition vom Rig Veda bis in die Gegenwart verehrt wird.
Inhaltsverzeichnis
Mythos und Herkunft
Im Rig Veda (etwa 1500-1200 vor Christus) erscheint Lakshmi noch nicht als ausgearbeitete Göttin, sondern als abstraktes Prinzip des Glückes und der Verheißung. Im Sri Sukta (Anhang zum Rig Veda) wird sie erstmals als personifizierte Göttin angerufen.
Hier heißt es: «Bringe mir die Göttin Lakshmi, goldfarben, mit goldenem Schmuck, schöngestaltet, leuchtend wie der Mond.» Diese frühe Hymne ist die Grundlage der späteren Lakshmi-Theologie.
Die zentrale mythische Erzählung über Lakshmis Ursprung ist das Quirlen des Milchozeans (Samudra Manthana), das im Mahabharata (Adi Parva 18) und in mehreren Puranas, vor allem im Vishnu Purana (Buch 1, Kapitel 9) und im Bhagavata Purana (Buch 8, Kapitel 8), erzählt wird.
Götter und Dämonen quirlen gemeinsam den Urozean mit dem Berg Mandara als Quirl und der Schlange Vasuki als Seil.
Aus dem Quirlen entstehen viele kostbare Wesen und Dinge, darunter die Sonne, der Mond, der Wunscherfüllungsbaum, die Wunschkuh und schließlich Lakshmi selbst. Sie steigt auf einer Lotusblüte aus den Wellen, in Schönheit strahlend, und wählt Vishnu zum Gemahl.
Diese Geburt aus dem Urozean ist eines der bekanntesten Mythologeme des Hinduismus.
Wendy Doniger hat in «Hindu Myths» (1975) und «The Origins of Evil in Hindu Mythology» (1976) die kosmologische Bedeutung des Quirlens analysiert: es ist eine Schöpfung durch Vermischung gegensätzlicher Kräfte (Götter und Dämonen, Aufstieg und Abstieg, Licht und Dunkelheit), und Lakshmi tritt als Frucht dieser kosmologischen Spannung hervor.
Die mythische Erzählung vom Quirlen des Milchozeans (Samudra Manthana) gehört zu den ikonographisch präsentesten Episoden der hinduistischen Mythologie. Sie ist in vielen Tempelreliefs des Subkontinents und Südostasiens dargestellt, darunter die berühmten Reliefs des Angkor Wat (Kambodscha, 12. Jahrhundert), die die gesamte Szene auf einer Wandlänge von über 50 Metern entfalten.
Diese ikonographische Verbreitung zeigt die fundamentale Bedeutung des Mythos für die hinduistische und hinduisierte Kultur.
Die theologische Interpretation der Geburt Lakshmis aus dem Urozean hat im Sri-Vaishnavismus eine eigene Spezifik entwickelt. Ramanuja (11./12. Jh.) und Vedanta Desika (14. Jh.) haben Lakshmi als ewig in Vishnu existierende Shakti konzipiert, die nicht erst beim Quirlen entstand, sondern beim Quirlen sichtbar wurde.
Diese Lehre der ewig vorhandenen, aber zeitweise verborgenen Göttin steht im Kontrast zur volksreligiösen Sicht, die Lakshmi als realen kosmischen Geburtsprozess versteht. Beide Sichten köxistieren im modernen Hinduismus und reflektieren die Komplexität der hinduistischen Theologie.
Symbole und Attribute
Lakshmis hervorstechendes Attribut ist die Lotusblume. Sie sitzt auf einem voll erblüten Lotos, hält in zwei Händen Lotosblüten, und ihr Beiname ist Padma («Lotus») oder Kamala («Lotus»).
Der Lotos symbolisiert spiritülle Reinheit, die aus dem Schlamm der materiellen Welt aufsteigt, ohne von ihm verschmutzt zu werden. Dieses Bild gehört zu den stärksten visüllen Identifikatoren der hinduistischen Ikonographie.
Sie wird typischerweise mit vier Armen dargestellt. Zwei Hände halten Lotosblüten, eine dritte gibt Segen (varada-mudra), die vierte streut Goldmünzen aus. Diese Münzen-Ikonographie verstärkt ihren Charakter als Spenderin materieller Fülle. Sie trägt rotes Gewand, oft mit Goldfaden bestickt, und reichen Schmuck.
Ihre Begleiter sind weiße Elefanten, die Wasser über sie ausgiessen. Dieses Motiv des Gaja-Lakshmi (Lakshmi mit Elefanten) ist eine der ältesten Darstellungsformen, bereits auf den Reliefs von Bharhut und Sanchi (1. Jahrhundert vor Christus) und in der Mauryadynastie greifbar. Die Elefanten symbolisieren königliche Macht und Regen, beides Bedingungen für Wohlstand.
Ihre Reittiere oder Begleittiere sind die Eule (Ulukam) und der Elefant. Die Eule wird vor allem in Bengalen mit Lakshmi assoziiert. Diese Verbindung ist ungewöhnlich, weil die Eule sonst in vielen Kulturen als Unglückssymbol gilt. David Kinsley hat in «Hindu Goddesses» (1986) gezeigt, dass die Eule für Lakshmi die Wachsamkeit über den Reichtum symbolisiert.
Kult und Verehrung
Lakshmis Hauptfest ist Diwali (Sanskrit Dipavali, «Lichternacht»), das im Oktober oder November gefeiert wird. Häuser werden mit Öl-Lampen geschmückt, um Lakshmi anzulocken, die nur in helle und saubere Haüsern eintreten soll.
Familien führen in dieser Nacht Lakshmi-Puja durch, oft begleitet von Buchhaltern, die ihre Geschäftsbücher dem Segen der Göttin übergeben. In Westindien beginnt das Geschäftsjahr an Diwali.
Der wichtigste Vishnu-Lakshmi-Tempel ist der Sri Venkateshwara Tempel in Tirumala (Andhra Pradesh, Südindien). Er gilt als der pilgerreichste Tempel der Welt, mit etwa 50.000 bis 100.000 Pilgern täglich.
Hier wird Vishnu als Venkateshwara und Lakshmi als Padmavati verehrt. Auch der Lakshminarayan-Tempel in Delhi (erbaut 1933-1939) und der Mahalaxmi-Tempel in Mumbai gehören zu den wichtigsten Zentren.
Im südindischen Sri-Vaishnavismus, einer im 11. und 12. Jahrhundert von Ramanuja systematisch ausgebauten Tradition, ist Lakshmi nicht nur Vishnus Gemahlin, sondern Vermittlerin (Purushakara) zwischen Mensch und Gott. Die Schriften der Alvars (südindische Vishnu-Bhakti-Dichter, 6.-9. Jahrhundert) richten viele Hymnen direkt an Sri (Lakshmi) als Brückengestalt. Diese Lakshmi-Theologie hat eine eigene Schule innerhalb des Vishnuismus begründet.
Volkstümliche Lakshmi-Verehrung schließt die Verehrung der «Acht Lakshmis» (Ashta-Lakshmi) ein. Diese acht Manifestationen verkörpern verschiedene Aspekte des Wohlstands: Adi-Lakshmi (ursprüglicher Wohlstand), Dhana-Lakshmi (Geldreichtum), Dhanya-Lakshmi (Getreidereichtum), Gaja-Lakshmi (Tier-und Königsreichtum), Santana-Lakshmi (Kinderreichtum), Vira-Lakshmi (Heldenreichtum), Vijaya-Lakshmi (Siegesreichtum) und Vidya-Lakshmi (Bildungsreichtum).
Wichtige Mythen
Der Hauptmythos ist die Geburt aus dem Milchozean (siehe Mythos und Herkunft oben). Eine wichtige Variante dieser Geburtserzählung überliefert das Vishnu Purana (1.9). Hier wird Lakshmi als Tochter des Weisen Bhrigu und seiner Frau Khyati eingeführt.
Sie inkarniert sich aus dem Urozean, nachdem sie zuvor durch den Fluch des Weisen Durvasa die Welt verlassen hatte. Diese narrative Doppelung (zweimal geboren) erklärt die unterschiedlichen Traditionen.
Ein zweiter zentraler Mythos sind ihre Avatare als Gemahlinnen der Vishnu-Inkarnationen. Im Ramayana ist sie Sita, die Gemahlin Ramas, geboren aus einer Ackerfurche. Im Mahabharata ist sie Rukmini, die Hauptgemahlin Krishnas.
In anderen Avatara-Erzählungen erscheint sie als Padma (bei Vishnus Vamana-Avatar), als Dharani (bei Parashurama) und in weiteren Formen. Diese genealogische Verflechtung mit jeder Vishnu-Inkarnation unterstreicht die unauslöschliche Verbindung beider Gottheiten.
Ein dritter Mythos ist Lakshmis Abkehr von Indra. Im Vishnu Purana (1.9) verlässt Lakshmi den Himmel, weil Indra arrogant geworden ist. Die Welt verarmt. Die Götter quirlen den Milchozean, um sie zurückzugewinnen. Diese Geschichte hat moralisch-paränetische Funktion: Wohlstand ist eine Gabe, die Demut voraussetzt; Hochmut treibt Lakshmi fort.
Ein vierter, in der Sri-Vaishnava-Tradition zentraler Mythos ist das Doshasringaranama: Lakshmi verteidigt vor Vishnu die sündigen Menschen und vermittelt zwischen Gnade und Gerechtigkeit. Diese theologische Rolle ist in den Schriften Ramanujas und Vedanta Desikas (14. Jahrhundert) systematisch ausgebaut.
Lakshmis Avatar-Inkarnationen als Gemahlinnen der Vishnu-Inkarnationen sind in der vergleichenden Hindu-Mythologie ein einzigartiges Phänomen. In keiner anderen Götter-Göttin-Konstellation des Hinduismus ist die genealogische Korrespondenz so vollständig. Sita bei Rama, Rukmini bei Krishna, Padma bei Vamana, Dharani bei Parashurama, überall begleitet Lakshmi ihren Mann durch alle Inkarnationen.
Religionsgeschichtlich ist diese Korrespondenz ein Reflex der theologischen Überzeugung, dass Vishnu nicht ohne seine Shakti denkbar ist. In den Sri-Vaishnava-Schriften, vor allem in Ramanujas «Vedarthasangraha» und Vedanta Desikas «Sri Stuti», wird diese Theologie ausgearbeitet.
Lakshmi ist nicht nur Vishnus Gattin, sondern seine wesentliche Selbstausprägung. Ohne sie ist Vishnu sava, leblos; ohne ihn ist sie ungeordnet. Diese komplementäre Theologie hat im Mittelalter eigene Schulen begründet, darunter die Vadakalai- und Tenkalai-Strömungen des Sri-Vaishnavismus, die sich bis heute lebendig ausprägen.
Beziehungen im Pantheon
Lakshmis Hauptbeziehung ist die zu Vishnu. In allen Vishnu-Avataren ist sie seine Gemahlin: Sita bei Rama, Rukmini bei Krishna, Padma bei Vamana, Dharani bei Parashurama. Diese Avatara-Kette ist in der Vishnu-Bhakti-Tradition zentral und in zahlreichen Tempelreliefs dargestellt.
Ihre Schwester (in einigen Traditionen) ist Alakshmi, die Personifizierung des Unglückes und der Armut. Auch Alakshmi wurde aus dem Milchozean geboren, vor Lakshmi.
Sie wird auf einem Esel reitend, mit verfallenem Aussehen und ungünstigen Attributen dargestellt. Die Verehrung Lakshmis impliziert die Abwehr Alakshmis. An Diwali wird vor dem Hauseingang eine Lampe entzündet, um Lakshmi anzulocken und Alakshmi fernzuhalten.
Ihre Beziehungen zu anderen Göttinnen sind komplex. Saraswati (Bildung) und Parvati (Macht) bilden mit Lakshmi (Wohlstand) eine triadische Konstellation, in der die drei wichtigsten Aspekte des Lebens repräsentiert sind. Diese Triade wird in der Tantra-Tradition oft als Manifestation der einen großen Göttin (Mahadevi) gelesen.
Rezeption und Wirkung
In der klassischen Sanskrit-Literatur wird Lakshmi in zahlreichen Kavyas (Kunstdichtungen) und Mahakavyas (Heldenepen) besungen. Kalidasa (vermutlich 4. oder 5. Jahrhundert) widmet ihr Strophen in mehreren Werken. Die Bhakti-Literatur des Mittelalters, vor allem die Werke der Alvars und Annamacharya (15. Jh.), gibt Lakshmi eine zentrale Stellung in der Liturgie.
In der bildenden Kunst Indiens ist Lakshmi vom 1. Jahrhundert vor Christus bis in die Gegenwart eine der häufigsten Götterdarstellungen. Die Mauryazeit (4.-2. Jahrhundert vor Christus) zeigt Gaja-Lakshmi-Reliefs, die Guptazeit (4.-6. Jahrhundert) bringt die klassische Lotosform hervor.
In der Pallava- und Chola-Bronze-Kunst Südindiens erscheint Lakshmi neben Vishnu auf der Schlange Adisesha. Diese Ikonographie wurde durch Moghul-Hof-Kunst und durch die Bazaar-Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts weiterentwickelt.
In der modernen indischen Gesellschaft ist Lakshmi allgegenwärtig. Sie schmückt Geldscheine, Kalender und Geschäftsbücher. Indische Fraün werden oft Lakshmi genannt, was direkt auf den Wunsch nach Wohlstand verweist. Banken und Versicherungen in Indien tragen den Namen Lakshmi oder einen ihrer Aspekte (Mahalakshmi, Padmavati).
Im Westen wurde Lakshmi durch die Indologie des 19. und 20. Jahrhunderts bekannt. Heinrich Zimmer widmete ihr in «Myths and Symbols in Indian Art and Civilization» (1946) einen ausführlichen Abschnitt. In der heutigen interkulturellen Spiritualität wird sie oft als universelles Symbol der Fülle interpretiert.
Religionswissenschaftliche Einordnung
David Kinsley hat in «Hindu Goddesses» (1986) Lakshmi als Paradigma der wohlwollenden Göttin (saumya) eingeordnet, im Gegensatz zu kriegerischen Göttinnen wie Durga oder Kali. Ihre Charaktermerkmale sind Sanftheit, Schönheit, Spende. Diese Klassifikation hat sich in der Forschung weitgehend durchgesetzt.
Religionssoziologisch ist Lakshmi ein Schlüsselbeispiel für die Beziehung zwischen religiösem Kult und wirtschaftlichem Verhalten. Max Weber hat in «Hinduismus und Buddhismus» (1916-17) die hinduistische Wirtschaftsethik analysiert, ohne Lakshmi spezifisch zu behandeln. Spätere Forscher wie C. J. Fuller in «The Camphor Flame» (1992) haben die Verbindung zwischen Lakshmi-Verehrung und kaufmännischen Werten in Indien präzise dokumentiert.
Im theologischen Kontext gilt Lakshmi in der Sri-Vaishnava-Tradition als ewige Gemahlin Vishnus, köwig (sahacharee). Sie ist Shakti (Kraft) und Aishvarya (Herrschaft) Vishnus, ohne sie ist Vishnu nicht denkbar.
Diese theologische Lehre wurde von Ramanuja in der «Vedarthasangraha» (12. Jh.) und von Vedanta Desika in der «Sri Stuti» (14. Jh.) systematisch entfaltet. Klaus Klostermaier hat in «A Survey of Hinduism» (3. Aufl. 2007) diese Theologie verständlich dargestellt.
Die religionssoziologische Stellung Lakshmis ist im Hinduismus einzigartig. Sie verbindet höchste theologische Würdigung mit umfassender volksreligiöser Präsenz. Geschäftsleute beten zu ihr bei Eröffnungen, Bankiers segnen Geschäfte mit ihrem Namen, Hochzeitspaare laden sie als Schutzgöttin ein. Diese Allgegenwart in der Wirtschaft hat die Forschung dazu geführt, Lakshmi als eine Göttin der hinduistischen Mittelschicht zu charakterisieren.
C. J. Fuller hat in «The Camphor Flame» (1992) die enge Verbindung zwischen Lakshmi-Verehrung und kaufmännischer Identität in Südindien untersucht. Banken, Versicherungen und Handelsunternehmen tragen Lakshmi-Namen, was im 20. und 21. Jahrhundert zu einer regelrechten kommerziellen Ikonisierung der Göttin geführt hat.
Im Tantrismus erscheint Lakshmi in eigenen Formen. Die Lakshmi-Tantras (etwa Lakshmi Tantra, 9.-13. Jh.) gehören zur Pancharatra-Schule des Vishnuismus und entwickeln eine komplexe Lakshmi-Theologie, in der die Göttin als kosmische Bewegungskraft Vishnus konzipiert wird.
Diese Texte sind in der westlichen Forschung erst durch Vasudha Narayanan und Sanjukta Gupta in den 1980er und 1990er Jahren systematisch zugänglich gemacht worden. Sie zeigen, dass die Lakshmi-Theologie keine einfache Frau-Vishnu-Hilfsgestalt, sondern eine eigenständige metaphysische Konstruktion ist.





