Kel Essuf, die Leute der Leere
Von Ralf Ittermann · zuletzt geprüft am
Die Kel Essuf sind Geister der Überlieferung der Tuareg.
Die Geister der Wildnis, die als Krankheit angreifen. Der Steckbrief verortet die Kel Essuf in der Einöde der Tuareg-Überlieferung als Ursache von Krankheit.
Kel Essuf sind die Geister der Wildnis und Einsamkeit im Volksglauben der Tuareg, wörtlich die Leute der Leere. Sie greifen Menschen als Krankheit an; wer besessen ist, gilt idiomatisch als in der Leere befindlich.
Das öffentliche Heilritual gegen ihre Besessenheit ist das Trommelfest tende n goumaten, dessen Verse ausschließlich Frauen erlernen. Die Fachliteratur behandelt die Kel Essuf als nicht-koranische Geister, die unter der Islamisierung fortbestehen.
Typ: Geister der Wildnis und Einsamkeit, Besessenheitsgeister
Herkunft: Volksglaube der Tuareg, nicht-koranisch
Texte: Ethnografien des 20. Jahrhunderts, Rasmussen und Nicolaisen
Zeitraum: ethnografisch dokumentiert im 20. Jahrhundert
Erscheinung: unsichtbar und formlos
Überlieferungskontext
Zeitraum der Texte
Tuareg-Volksglaube, ethnografisch dokumentiert im 20. Jahrhundert, vor allem durch Nicolaisen und Rasmussen.
Verbreitungsraum
Zentrale und südliche Sahara: Belegschwerpunkte sind der Aïr in Niger und der Ahaggar in Algerien.
Quellenlage
Gut belegt: die Ethnografien von Rasmussen und Nicolaisen dokumentieren Glaube, Krankheit und Heilritual im Detail.
Name und Varianten
Tamascheq: Kel Essuf ist ein Kompositum aus Kel, Leute von, und essuf, das zugleich Wildnis, Einsamkeit und Sehnsucht bedeutet: die Leute der Wildnis oder Leere. Wer besessen ist, gilt idiomatisch als in der Leere befindlich.
Wesen und Wirkung
Erscheinung
Die Kel Essuf sind weitgehend unsichtbar und formlos. Sie sind an öde Orte, Dunkelheit und das Alleinsein in der Weite gebunden, vermehren sich, haben eine eigene Sprache und sind mit Nacht, Einsamkeit und Wahnsinn assoziiert.
Wirkung
Sie greifen Menschen als Krankheit an und werden eifersüchtig auf Glückliche und auf Menschen in Übergangsphasen. Die typische Besessenheits-Krankheit heißt tamazai, ist depressionsähnlich und spricht auf Koran-Heilungen nicht an, weshalb sie das öffentliche Heilritual erfordert. Gewöhnlich greifen die Kel Essuf Erwachsene an; der Frauenbezug liegt vor allem bei den Ritualträgerinnen.
Steckbrief: Kel Essuf
Die wichtigsten Aspekte der Geister der Leere auf einen Blick.
Nicht-koranische Geister des Tuareg-Volksglaubens, die unter der Islamisierung fortbestehen; belegt im Aïr und im Ahaggar.
Erwachsene, besonders Glückliche und Menschen in Übergangsphasen, auf die die Geister eifersüchtig werden; die Krankheit tamazai ist ihr Angriff.
Unsichtbar und formlos, gebunden an öde Orte, Dunkelheit und das Alleinsein in der Weite; mit eigener Sprache und eigener Vermehrung.
Personifikation der Wildnis und Einsamkeit: Sie greifen als Krankheit an und markieren die Leere jenseits von Lager und Gemeinschaft.
Das Trommel-Heilritual tende n goumaten mit Frauenchor und Kopftanz; dazu Amulette, ein kleiner Spiegel und ein Kupferring, parallel Koranverse der Marabouts.
Die Eljinen der Tuareg-Kosmologie, aus dem arabischen Djinn; typologisch die musikalischen Besessenheits-Heilkulte Zar, Bori und Stambali.
Essuf: Wildnis, Einsamkeit und Sehnsucht
Der Name ist ein Tamascheq-Kompositum aus Kel, Leute von, und essuf, das zugleich Wildnis, Einsamkeit und Sehnsucht bedeutet: die Leute der Wildnis oder Leere. Dieses Bedeutungsfeld prägt auch die Sprache der Besessenheit, denn wer besessen ist, gilt idiomatisch als in der Leere befindlich.
Belegschwerpunkte sind der Aïr in Niger und der Ahaggar in Algerien. Die Fachliteratur behandelt die Kel Essuf als nicht-koranische Geister, die unter der Islamisierung fortbestehen: Sie gehören einer älteren Schicht der Tuareg-Kosmologie an und stehen dort neben den Eljinen, deren Name aus dem arabischen Djinn stammt.
Vom Geisterglauben zum Wüstenblues
Das Wort assouf, essuf, ist zum Schlüsselbegriff der Tuareg-Gitarrenmusik geworden, des Wüstenblues, bei Tinariwen und der Band Kel Assouf. Diese Musik thematisiert primär Exil und Sehnsucht, nicht die Geister-Dämonologie im engeren Sinn.
Religionswissenschaftlich sind die Kel Essuf nicht-koranische Geister der Wildnis. Drei Klarstellungen: Gut belegt sind das Bedeutungsfeld essuf, die Krankheit tamazai und das tende n goumaten mit Frauenchor. Vorsichtig zu formulieren sind der Frauen-Fokus und die pauschale Eisen-Apotropäik. Und das Ritual ist je nach Kontext Exorzismus oder Mediumschaft, nicht nur Verhandlung.
Das Heilritual tende n goumaten
Die Schmiede-Kaste der inaden stellt die Ritualtrommler der Besessenheitszeremonien. Das zentrale Heilritual ist tende n goumaten, ein öffentliches Trommel- und Besessenheits-Heilritual mit einer Mörsertrommel und Versen, die ausschließlich Frauen erlernen; im Zentrum steht die Kopftanz-Performance der Besessenen. Zusätzlich dienen Amulette, ein kleiner Spiegel und ein Kupferring dem Schutz, während Marabouts parallel mit Koranversen heilen.
Eljinen, Zar und Hamadsha: verwandte Kulte
In der Tuareg-Kosmologie stehen die Kel Essuf neben den Eljinen, deren Name aus dem arabischen Djinn stammt. Der tende-Komplex gehört typologisch in die Familie der musikalischen Besessenheits-Heilkulte wie Zar, Bori und Stambali. Verwandt ist die marokkanische Aïsha Qandisha im Hamadsha-Kult, die ebenfalls durch Trance-Rituale besänftigt wird.
Häufige Fragen zu den Kel Essuf
Was sind Kel Essuf?
Die Tuareg-Geister der Wildnis und Einsamkeit, wörtlich die Leute der Leere. Sie greifen Menschen als Krankheit an.
Wie heilt man ihre Besessenheit?
Durch das öffentliche Trommel-Heilritual tende n goumaten mit Frauenchor und Kopftanz, denn die Krankheit tamazai spricht auf Koran-Heilungen nicht an.
Sind sie islamisch?
Nein, sie sind nicht-koranische Geister, die unter der Islamisierung fortbestehen und einer älteren Schicht der Tuareg-Kosmologie angehören.
Weiterführende Verlinkungen
Weiterlesen:
- Aïsha Qandisha – die marokkanische Geistpatronin des Hamadsha-Kults
- Jinn – die arabischen Feuergeschöpfe hinter den Eljinen
- Jann, Hatif – weitere Geister der Wüstenüberlieferung
- Amulett, Eisen, Räuchern – überlieferte Schutzmittel
- Schutz-Kompass – Schutzmittel im Überblick
Literatur (Auswahl)
Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.
Als Tuareg-Geister der Wildnis und als Geister der Leere verkörpern die Kel Essuf die Erfahrung der Sahara selbst: die Einsamkeit der Weite, die als Krankheit in den Menschen eindringt und im Trommelfest der Gemeinschaft geheilt wird.





