Simbi, Loa der Quellen und Magie im Vodou
Die Simbi sind Wassergeister und Schlangen-Loa des Vodou, die an Quellen, Flüssen und Sümpfen wirken und das Wissen der Magie hüten. Simbi (auch Sim’bi, Simbi Dlo, Simbi Andezo) bezeichnet in der haitianischen Tradition eine Familie von Schlangen- und Wassergeistern, die mit Süßwasser, Flüssen, Seen und Quellen verbunden sind.
Sie gehört zur Petwo-Familie, der jüngeren und heißblütigeren Strömung dieser Tradition, und ist deutlich vom Rada-Loa Damballa unterschieden, obwohl auch dieser eine Schlangengestalt ist. Die Simbi werden als Heiler, Magier und Hüter der verborgenen Wasser-Mysterien verehrt.
Inhaltsverzeichnis
Wurzeln im Kongo-Kult
Die Wurzeln der Simbi liegen anders als die meisten haitianischen Loa nicht im Yoruba- oder Fon-Bereich, sondern im Bakongo-Glauben des heutigen Demokratischen Republik Kongo und Angola.
In der Bakongo-Tradition bezeichnen die «Bisimbi» (Singular: simbi) eine Klasse von Wassergeistern, die in Flüssen, Seen und unterirdischen Wasseradern leben. Sie gelten als Hüter besonderer Kräfte und werden von «nganga», traditionellen Heilern und Priestern, in Heilritualen angerufen.
Robert Farris Thompson hat in «Flash of the Spirit» (1983) die Bakongo-Herkunft der Simbi-Verehrung systematisch aufgearbeitet und gezeigt, dass mit der Sklavendeportation aus dem Kongo-Becken im 17. und 18. Jahrhundert auch diese Tradition in die Karibik gelangte.
In Haiti vermischte sie sich mit anderen afrikanischen und mit kreolischen Traditionen, behielt aber ihre charakteristische Verbindung zum Süßwasser und zur magischen Heilkunst.
Funktion und Manifestationen
Die Simbi werden in mehreren Manifestationen verehrt. Simbi Dlo («Simbi des Wassers») ist die Hauptmanifestation und wird an Flüssen und Quellen angerufen. Simbi Andezo («Simbi der zwei Wasser») markiert den Ort, an dem Süßwasser und Salzwasser zusammenfließen, und gilt als Vermittler zwischen verschiedenen Welten.
Simbi Makaya ist die magisch-medizinische Form, die von «bokors» (magischen Spezialisten) zur Ausübung ihrer Kunst angerufen wird. Simbi Yandezo ist eine weibliche Form, die mit Heilung von Frauen und mit Geburtsbegleitung verbunden ist.
Alfred Métraux hat in «Le vaudou haïtien» die Vielfalt der Simbi-Manifestationen dokumentiert und auf ihre häufig differenzierte Anrufung in unterschiedlichen rituellen Kontexten hingewiesen.
Maya Deren hat in «Divine Horsemen» die Simbi als «Gewächs des Wassers» beschrieben, deren Erscheinen oft mit dem Geräusch fließenden Wassers, mit Wassersymbolik und mit kühlen, glatten Bewegungen einhergeht, wenn sie einen Pferd-Gläubigen reiten.
Symbolik und Attribute
Die zentralen Symbole der Simbi sind die Schlange, das Wasser, der Halbmond und die Farben Grün und Blau, in manchen Traditionen auch Schwarz.
Anders als bei Damballa, dessen Schlangenform ruhig und väterlich erscheint, ist die Simbi-Schlange beweglich, gefährlich und mit magischer Macht aufgeladen. In den «vèvè», den rituellen Bodenzeichnungen, erscheinen Simbi-Schlangen oft im Wasser, in Spiralen oder in Verbindung mit Halbmond und Sternen.
Die bevorzugten Opfergaben sind frisches Süßwasser, Milch, weißer Reis, Fische und kleine Wasserlebewesen. In manchen Riten werden die Opfer in den Fluss oder in eine Quelle eingebracht.
Die Anrufung erfolgt oft an konkreten Wasserplätzen, an denen die Simbi nach lokaler Tradition wohnen. Diese geografische Verortung unterscheidet die Simbi von vielen anderen Loa, die unabhängig vom konkreten Ort verehrt werden können.
Simbi als Magie- und Heilgeister
Die Simbi haben eine besondere Beziehung zur magischen Heilkunst. Bokors und magische Spezialisten suchen ihre Hilfe, wenn sie schwierige Heilungen oder besondere Kräfte benötigen.
In der haitianischen Volksmedizin gibt es zahlreiche Heilrezepte, die unter Anrufung der Simbi an Flüssen zubereitet werden. Diese «medsin fey» (Blätter-Medizin) und andere traditionelle Heilformen sind in der haitianischen Landbevölkerung weit verbreitet und werden von Generation zu Generation weitergegeben.
Karen McCarthy Brown hat in «Mama Lola» die Heilfunktion der Simbi in der städtischen Diaspora-Praxis dokumentiert. Die von ihr beschriebene Priesterin verwendet Simbi-Riten bei chronischen Krankheiten, bei Heilungsblockaden und bei der Reinigung von negativer Energie. Diese Heilfunktion ist in der haitianischen Praxis stark verbreitet und gehört zu den am häufigsten gesuchten Diensten.
Verbindung zu Kindern und Kinderschutz
Eine besondere Funktion der Simbi besteht in der Begleitung von Kindern. In manchen haitianischen Familien werden Kinder, die als spirituell besonders empfindlich gelten, unter den Schutz eines Simbi-Geistes gestellt.
Diese «Simbi-Kinder» tragen oft Talismane oder kleine Schmuckstücke, die ihre Verbindung zum Schutzgeist markieren. Sie werden bei Krankheit oder Bedrohung an Flüssen oder Quellen gewaschen, in der Erwartung, dass der Simbi ihnen Heilung bringt.
Diese Verbindung von Simbi und Kindheit ist auch im Kongo belegt und gilt als eine der direktesten Kontinuitäten zwischen der afrikanischen und der karibischen Form. Die Annahme, dass bestimmte Geister besonders Kinder schützen, ist in vielen religiösen Traditionen verbreitet, hat aber in der haitianischen Tradition eine spezifische Ausprägung, die mit der Wasser-Symbolik verbunden ist.
Synkretistische Identifikation
Im katholisch-vodou-synkretistischen System werden die verschiedenen Simbi-Manifestationen mit unterschiedlichen katholischen Heiligen identifiziert. Simbi Dlo wird oft mit den «Heiligen Drei Königen» verbunden, weil diese in der katholischen Ikonografie häufig mit Wasser und Reise verbunden sind.
Simbi Andezo wird mit Sankt Andreas identifiziert, der als Fischer und Patron der Seeleute verehrt wird. Simbi Makaya wird mit Sankt Marko verbunden.
Diese Identifikationen sind regional unterschiedlich und folgen lokalen ikonografischen Konventionen. Leslie Desmangles hat in seinen Studien gezeigt, dass die Simbi-Identifikationen weniger fest etabliert sind als bei den Hauptgestalten Damballa oder Ogou, was möglicherweise daran liegt, dass die Simbi in der allgemeinen Hierarchie dieser Tradition weniger zentral sind und daher weniger ikonografische Stabilisierung erfahren haben.
Simbi und die Petwo-Familie
Die Simbi gehören zur Petwo-Familie dieser Tradition, die als jüngere und kreolisch geprägte Strömung gilt. Anders als die Rada-Familie, die ihre Wurzeln direkt in Fon- und Yoruba-Traditionen hat, ist die Petwo-Familie in der Karibik entstanden, möglicherweise im Kontext der Sklaverei-Erfahrung und der Revolution.
Die Petwo-Loa gelten als heißblütiger, aggressiver und magisch-mächtiger als die Rada-Loa, was sich auch in der Musik und in den Riten niederschlägt.
Joan Dayan hat in «Haiti, History, and the Gods» die Petwo-Familie als spezifische Antwort der versklavten Bevölkerung auf die Erfahrung der Sklaverei beschrieben. Die Aggressivität der Petwo-Loa entspricht der Notwendigkeit, gegen ein gewalttätiges System Widerstand zu leisten.
Die Simbi haben in dieser Familie eine vermittelnde Rolle: Sie sind nicht so kriegerisch wie andere Petwo-Loa, aber deutlich mächtiger und magischer als die Rada-Familie.
Forschung und Gegenwart
Die Erforschung der Simbi ist Teil der breiteren Forschung zu dieser Tradition und stützt sich auf die Arbeiten von Maya Deren, Alfred Métraux, Karen McCarthy Brown, Leslie Desmangles, Joan Dayan und Robert Farris Thompson. Spezifische Studien zur Bakongo-Herkunft und zur Kontinuität der Wassergeister-Tradition sind in den Arbeiten von Wyatt MacGaffey und John Janzen vorgelegt worden.
Sie haben gezeigt, dass die Bakongo-Tradition der Bisimbi nicht nur in Haiti, sondern auch in anderen afrikanisch-amerikanischen Religionen (in Kuba in den Reglas de Congo, in Brasilien in einigen Candomblé-Linien) erhalten geblieben ist.
In der haitianischen Diaspora wird die Simbi-Verehrung in städtischen Kontexten unter veränderten Bedingungen weitergeführt. In Brooklyn und Miami nutzen Praktizierende dieser Tradition oft Aquarien, Springbrunnen oder Sammeltrinkbrunnen, um die Simbi-Geister anzurufen.
Diese Anpassungen zeigen die Flexibilität der Tradition, die ihre theologische Substanz auch unter veränderten geografischen Bedingungen bewahrt. Die Simbi bleiben damit eine lebendige Tradition, die afrikanische Wurzeln, karibische Geschichte und transnationale Gegenwart in sich vereint.
Bisimbi im Bakongo-Kontext
Die Bakongo-Tradition kennt mehrere Klassen von «bakulu» (Ahnen) und Geistern, unter denen die Bisimbi eine eigene Kategorie bilden.
Wyatt MacGaffey hat in «Religion and Society in Central Africa: The BaKongo of Lower Zaire» (Chicago 1986) und in «Kongo Political Culture» (Bloomington 2000) gezeigt, dass die Bisimbi als Wasser-Bewohner und als Erstbewohner des Landes vor der Ankunft der menschlichen Vorfahren gelten.
Sie sind keine verstorbenen Ahnen, sondern Geistwesen einer eigenen Ordnung, die mit besonderen Plätzen verbunden sind: Quellen, Wasserlöchern, Stromschnellen und «makulu»-Stellen, also bestimmten Felsen im Wasser. John Janzen hat in «Lemba, 1650-1930: A Drum of Affliction in Africa and the New World» (New York 1982) die transatlantische Übertragung dokumentiert.
Im Königreich Kongo, vor allem in der Mbanza Kongo-Region und in den Häfen Mpinda, Soyo und Loango, wurden die Bisimbi in Riten der Lemba-Bruderschaft angerufen, einer Heilbewegung, die zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert über den gesamten Süd-Kongo verbreitet war.
Die Lemba-Bruderschaft starb in Afrika im frühen 20. Jahrhundert aus, ihre Wassergeister-Traditionen überlebten aber in der Karibik. Janzen hat die haitianischen Simbi-Riten als direkten Nachfahren dieser Lemba-Tradition gedeutet, eine These, die in der Forschung zu dieser Tradition breit aufgenommen wurde und die Petwo-Familie als kongolesisches Substrat der haitianischen Tradition bestätigt.
Simbi Makaya und die Sanpwèl-Bruderschaften
Die Simbi Makaya-Manifestation hat eine besondere Stellung in den «sanpwèl»-Bruderschaften (auch «sanpoèl», «sans poil», übersetzt etwa «Haarlose»), den geheimen Vereinigungen der haitianischen Landbevölkerung, die ländliche Schutz-, Justiz- und Heilfunktionen ausüben.
Wade Davis hat in «Passage of Darkness: The Ethnobiology of the Haitian Zombie» (Chapel Hill 1988), der ethnographisch fundierten Folgearbeit zu «The Serpent and the Rainbow» (1985), die sanpwèl-Bruderschaften beschrieben. Sie sind keine «schwarze Magie»-Zirkel der Hollywood-Klischees, sondern lokale Selbsthilfeorganisationen, die in einer schwachen Staatlichkeit traditionelle Streitschlichtung und Heilarbeit anbieten.
Simbi Makaya wird in den sanpwèl-Initiationen angerufen und gilt als der Schutzpatron jener «bokors», die in der Doppelrolle als Heiler und als Akteur juristischer Volksgerechtigkeit auftreten. Diese Doppelrolle ist in der haitianischen Tradition theologisch verankert: Heilen und Strafen sind verschiedene Seiten der gleichen magischen Kompetenz.
Karen Richman hat in «Migration and Vodou» (Gainesville 2005) die soziale Funktion der sanpwèl in den ländlichen Gemeinden Haitis und in der transnationalen Migrationspraxis dokumentiert. Sie zeigt, dass die Simbi-Makaya-Verehrung auch in den migrantischen Communitys in Florida und in der Dominikanischen Republik fortlebt, allerdings in stark transformierten Formen.
Wasserorte und sakrale Geographie
Die Verehrung der Simbi ist räumlich an konkrete Wasserorte gebunden. Der wichtigste Wallfahrtsort ist «Sodo» (Saut-d’Eau) im Departement Mirebalais, ein Wasserfall, an dem alljährlich Mitte Juli das Fest der Jungfrau vom Berge Karmel («Vierge du Mont-Carmel») mit gleichzeitiger Anrufung der Loa Erzulie Freda und der Simbi-Wassergeister stattfindet.
Tausende Pilger reisen aus ganz Haiti und aus der Diaspora an, baden im Wasserfall und führen Heilriten durch. Karen Richman und Elizabeth McAlister haben das Saut-d’Eau-Fest ausführlich beschrieben. Es illustriert die Verschmelzung katholischer Marienverehrung mit der Wassergeister-Verehrung dieser Tradition zu einer eigenständigen religiösen Praxis.
Neben Saut-d’Eau gibt es lokale Simbi-Plätze an unzähligen Quellen, Bachübergängen und Wasserlöchern auf der haitianischen Halbinsel. Diese «pwen» («Punkte») werden von lokalen Houngans und Mambos identifiziert und in die Hounfor-Praxis eingebunden.
Donald Cosentino hat in «Sacred Arts of Haitian Vodou» (Los Angeles 1995) eine Übersicht über die wichtigsten lokalen Wasserorte und ihre ikonografischen Konventionen vorgelegt. Die sakrale Geographie der Simbi-Verehrung stellt damit eine Karte der haitianischen Wassergeographie aus religiöser Perspektive dar, die mit der zivilen Geographie des Landes nur partiell deckungsgleich ist.





