Turms ist in der etruskischen Religion der Bote der Götter und Begleiter der Toten in die Unterwelt. Er entspricht funktional dem griechischen Hermes und dem römischen Mercurius. Diese Darstellung beschreibt seine religionswissenschaftliche Stellung, seine ikonografischen Merkmale und seine Rolle im etruskischen Eschatologie-System.
Turms gehört zu den prominenten Göttern des etruskischen Pantheons. Er ist Bote zwischen den Göttern und zwischen den Welten – der Lebenden und der Toten. In dieser Funktion entspricht er weitgehend dem griechischen Hermes Psychopompos.
Larissa Bonfante und Nancy Thomson de Grummond haben Turms in ihren Werken zur etruskischen Religion behandelt. Er ist in der etruskischen Bildkunst eine häufige Figur, oft auf Spiegeln mit Beischrift dargestellt.
Der Götterbote Turms gehört einer Religion an, die für die Religionswissenschaft deshalb so aufschlussreich ist, weil sie zwischen der griechisch-mediterranen und der italisch-römischen Überlieferungswelt vermittelt. Wesentliche Forschungsbeiträge stammen von Massimo Pallottino, Jacques Heurgon, Sybille Haynes, Mauro Cristofani und Giovanni Colonna, deren Arbeiten das Bild einer eigenständigen religiösen Tradition geschärft haben.
Die etruskische Theologie kannte ein klar gegliedertes Pantheon mit abgestuften Rängen und genau verteilten Aufgaben; Turms war darin als Bote zwischen den Göttern und zwischen den Welten fest verankert. Wo ältere Studien dieses System als rätselhaft oder fremdartig darstellten, erkennt man heute eine eigenständige Spielart mediterraner Religion.
In der Religionsgeschichte Italiens nahmen die Etrusker eine vermittelnde Position zwischen griechischen Einflüssen und der entstehenden römischen Religion ein. Diese Mittlerrolle, die sich gleichsam in der Botenfunktion des Turms spiegelt, ist religionswissenschaftlich besonders interessant.
Die religionsethnologische Forschung der vergangenen Jahrzehnte betrachtet die etruskische Religion als ein in sich geschlossenes, religionsphänomenologisch eigenständiges System. An die Stelle der älteren Lesart, die sie als bloße Ableitung der griechischen Religion verstand, ist eine deutlich differenziertere Sicht getreten, von der auch das Verständnis des Turms profitiert.
Der Name Turms ist auf zahlreichen etruskischen Spiegeln und Inschriften belegt. Eine sichere etymologische Bedeutung ist nicht rekonstruiert. Helmut Rix‘ Editio Minor dokumentiert die epigrafischen Belege.
Turms erscheint auch unter dem Beinamen Turms Aitas (‚Turms des Aita‘), was ihn ausdrücklich als Begleiter des Unterweltsgottes Aita kennzeichnet. Diese Verbindung ist wissenschaftlich wichtig: Sie zeigt seine Doppelfunktion als Götterbote und Totengeleiter.
Das Etruskische steht sprachlich für sich; es gilt als isoliert oder wird hypothetisch einer tyrsenischen Familie zugeordnet, der womöglich auch das Lemnische und das Rätische angehören. An der Entzifferung der Texte arbeitet die Forschung seit dem 19. Jahrhundert, abgeschlossen ist sie nicht, was auch die Deutung des Namens Turms betrifft.
Die maßgebliche epigrafische Sammlung des etruskischen Sprachkorpus ist Helmut Rix‘ Editio Minor; in ihr sind auch die Belege für den Namen Turms dokumentiert. Ergänzt wird sie heute durch den Thesaurus Linguae Etruscae und die Online-Datenbank ETP, das Etruscan Texts Project.
Schon in der Antike gingen die Ansichten über die Herkunft der Etrusker auseinander: Herodot leitete sie aus Lydien her, Dionysios von Halikarnass sah in ihnen ein einheimisches italisches Volk. Religionshistorisch ist die Frage relevant, weil von ihr abhängt, ob die etruskische Religion Bezüge zu kleinasiatischen Kulten aufweist.
Sprachwissenschaft und Epigrafik arbeiten heute eng zusammen. Die digitale Edition etruskischer Texte, das Etruscan Texts Project (ETP), erleichtert vergleichende Untersuchungen erheblich, etwa zu Theonymen wie Turms. Wegweisende Beiträge dazu haben Marie-Laurence Haack und Vincent Jolivet vorgelegt.
Turms wird in der etruskischen Kunst als jünglicher Mann dargestellt, oft mit Reisehut (Petasos), Flügelschuhen und Caduceus (Heroldstab). Diese Ikonografie ist von der griechischen Hermes-Tradition übernommen. Berühmt sind etruskische Bronzefigurchen Turms‘, die in mehreren Sammlungen weltweit erhalten sind.
Auf etruskischen Spiegeln (4./3. Jh. v. Chr.) erscheint Turms in zahlreichen mythologischen Szenen – oft als Begleiter sterbender oder transferierter Helden, manchmal auch als Botschafter zwischen Göttern.
Religionsphänomenologisch ist die Bildkunst der Etrusker außerordentlich ergiebig und zugleich die Hauptquelle unseres Wissens, gerade auch für die zahlreichen Darstellungen des Turms. Spiegel, Vasen, Grabmalereien und Bronzen tragen den Großteil des Materials. Larissa Bonfante hat in ihren Studien betont, dass diese Bildsprache eine selbstständige Tradition und nicht bloß abgeleitet ist.
Eine erstrangige Quelle zur Religion und Eschatologie der Etrusker ist die Grabmalerei, erhalten vor allem in Tarquinia, Cerveteri und Vulci. Ihre Bilder zeigen Gelage, mythologische Episoden sowie Tanz und Musik; das Jenseits, in das Turms als Totengeleiter führt, erscheint dabei als Weiterführung des irdischen Lebens.
Die etruskische Ikonografie bevorzugt vielfigurige Kompositionen, erzählerische Anspielungen und symbolisch verdichtete Bildaussagen; auch Turms tritt häufig in solchen Szenen auf. Die Erschließung dieser Bildersprache ist Aufgabe der etruskischen Religionsikonografie.
Kennzeichnend für die etruskische Bildkunst ist eine dichte erzählerische Schichtung. Schon ein einzelner Spiegel oder eine Vase kann mehrere mythologische Bezüge zugleich enthalten, etwa wenn Turms neben weiteren Gestalten erscheint. Diese Verdichtung verlangt von der Forschung eine sorgfältige Analyse des Bildkontexts.
In seiner Funktion als Bote der Götter überbringt Turms Nachrichten zwischen den Olympiern, zwischen Göttern und Menschen, und zwischen Lebenden und Toten. Auf etruskischen Spiegeln ist er häufig in Szenen dargestellt, in denen Götter miteinander kommunizieren – Turms steht dabei als Vermittler dazwischen.
Diese Funktion ist im Hermes-Tradition gut bekannt und wurde von den Etruskern wahrscheinlich aus dem griechischen Mythenkreis adaptiert. Allerdings haben die Etrusker eigene Akzente gesetzt, insbesondere durch die Verbindung mit der Unterwelt.
Die Mythologie der Etrusker ist, anders als die griechische oder römische, nicht in ausformulierten Erzähltexten überliefert. Mythen rund um Turms müssen aus Bilddarstellungen, Inschriften und der griechisch-römischen Sekundärüberlieferung erschlossen werden. Diese mittelbare Quellenlage verlangt besondere methodische Umsicht.
Das Verhältnis von etruskischer und griechischer Mythologie ist vielschichtig. Die Etrusker übernahmen einerseits zahlreiche griechische Stoffe, etwa um Achilleus, Odysseus und Ödipus, gaben ihnen andererseits eigene Deutungen und Schwerpunkte. Wie diese Aneignung im Einzelnen verlief, etwa bei der Übernahme der Hermes-Züge auf Turms, untersucht die Forschung intensiv.
Ein typisches Merkmal der etruskischen Theologie ist der Götterrat, der consensus deorum. Der Hochgott Tinia handelt nicht allein, sondern berät sich mit den übrigen Göttern, und Turms vermittelt als Bote zwischen ihnen. Religionsphänomenologisch stellt dieses Gremium eine Besonderheit dar.
Eine geschlossene Erzähltradition hat die etruskische Mythologie nicht hinterlassen; sie muss aus Bildszenen, Inschriften und Sekundärquellen zusammengesetzt werden, was sorgfältige Deutung verlangt. Da Turms vor allem auf Spiegeln erscheint, bewährt sich dabei besonders das Zusammenführen von etruskischer Beischrift, griechischem Bildvorbild und kontextueller Lesung der jeweiligen Szene.
Turms‘ wichtigste eschatologische Funktion ist die Begleitung der Toten in die Unterwelt. Auf etruskischen Sarkophagen und Grabmalereien (Tarquinia, Vulci) ist er häufig zusammen mit anderen Totengeleitern wie Charun und Vanth dargestellt.
Die etruskische Eschatologie ist wissenschaftlich besonders interessant, weil sie eine ausgeprägte Vorstellung der Unterwelt (etruskisch teilweise calusna) bietet. Turms ist Teil dieser Vorstellung. Jean-Rene Jannot hat in Religion in Ancient Etruria die Eschatologie systematisch behandelt.
Den religiösen Hintergrund des Turms bildet die Disciplina Etrusca, jenes Wahrsagesystem der Etrusker, das drei Sparten kennt: die Eingeweideschau (haruspicina), die Blitzdeutung (fulguratio) und die Vogelschau (auspicia). Die Etrusker gaben es an die Römer weiter, wo es bis ins 4. Jahrhundert n. Chr. lebendige Praxis blieb. Cicero und Seneca haben es ausführlich beschrieben.
Getragen wurde das überlieferte Wissen, in dem auch eine Gestalt wie Turms verankert ist, von spezialisierten Priesterschulen, in denen die Disciplina Etrusca von Generation zu Generation weitergereicht wurde.
Als ihre wichtigen Schriften gelten die Libri Rituales, die Libri Haruspicini und die Libri Fulgurales. Erhalten sind diese Texte nicht; aus Zitaten bei Cicero, Festus und Macrobius lassen sie sich jedoch teilweise rekonstruieren.
Das etruskische Kultwesen war stark an die jeweilige Stadt gebunden. Jedes der großen Zentren, also Tarquinia, Caere, Vulci, Veji, Clusium, Volsinii, Cortona, Perugia, Arezzo, Volterra, Populonia und Roselle, hatte eigene Hauptkulte und religiöse Besonderheiten.
Der Rang der Religiosität, in der Turms seinen Platz hat, zeigt sich an der Disciplina Etrusca: Als kohärentes religiös-divinatorisches System zählt sie zu den am weitesten entwickelten Wahrsagepraktiken der antiken Welt. Die Römer übernahmen sie systematisch, und ihre Ausübung reichte bis in die späte Antike. Historisch verdient diese Kontinuität Beachtung.
Turms wurde in eigenen Tempeln verehrt, allerdings nicht in der gleichen Prominenz wie Tinia, Uni oder Menrva. Sein Kult war eher praktisch-pragmatisch orientiert: Reisende, Händler und Gesandte beriefen sich auf ihn, bei Beerdigungen wurde er angerufen, um den Toten sicher in die Unterwelt zu geleiten.
Eine ausgeprägte Praxis ist die Beigabe kleiner Turms-Figurchen in Gräbern. Sie sollen den Toten den Weg weisen. Solche Figurchen sind in zahlreichen etruskischen Gräbern gefunden worden.
Auch die Bauten, in denen Gottheiten wie Turms verehrt wurden, tragen eine eigene Handschrift. Den etruskischen Tempel kennzeichnet der Tuscanus-Stil mit einer eigenständigen Säulenordnung, die Vitruv in De Architectura schildert. Im Grundriss treten die Cella und eine breite Frontalhalle stark hervor, worin sich diese Bauten deutlich von griechischen Vorbildern abheben.
Häufig waren die Tempel der Kultwelt, der auch Turms angehört, monumental angelegt. Ein Beispiel ist der Iuppiter-Tempel auf dem Capitolium in Rom, den etruskische Architekten und Künstler errichteten, allen voran Vulca aus Veji. Er gilt als architektonisches Zeugnis etruskischer Religiosität im frühen Rom.
Für Turms als Götterboten ist der überregionale Kultrahmen aufschlussreich, in dem er verehrt wurde: Am Fanum Voltumnae bei Volsinii kam die etruskische Liga der zwölf Städte alljährlich zu einer religiösen und zugleich politischen Versammlung zusammen. Voltumna fungierte dabei als Bundesgott des Staatenbundes und besaß eine religiöse Bedeutung, die über die einzelnen Stadtkulte hinausgriff.
Turms wurde in Schutzkontexten primär von Reisenden, Händlern, Boten und Wahrsagern angerufen. Wer eine Reise antrat, sprach Karakia (Gebete) an Turms; Händler bezogen ihn als Schutzpatron in ihre Geschäftspraktiken ein. Auch in Wahrsage-Kontexten – insbesondere bei Vogelschau und Traumdeutung – hatte Turms eine Rolle.
Apotropäische Praktiken im Turms-Bereich umfassten das Tragen von Turms-Figurchen, das Aufstellen von Turms-Hermai an Haus- und Stadteingängen und das Anrufen vor wichtigen Verhandlungen. Diese Praxis ist von der griechischen Hermes-Tradition übernommen.
Das etruskische Schutzbrauchtum verfügt über zahlreiche abwehrende Zeichen: Phallusamulette, Gorgoneion-Bilder, Augensymbole, Bullae und bestimmte Formeln. Die Bildsprache dieser apotropäischen Symbole hat Larissa Bonfante in ihrem ab 1980 erschienenen Werk Etruscan Mirrors erschlossen.
Wie andere Gestalten des etruskischen Pantheons steht auch Turms in einem Umfeld, das von abwehrenden Zeichen durchzogen war. Das Auge des Tinia, Phallusamulette und Gorgoneia fanden sich an Tempeln und Gräbern ebenso wie an Hausschreinen und persönlichem Gerät. Über die etruskische Kultur hinaus wirkte diese Praxis im römischen und im weiteren mediterranen Volksglauben fort.
Wer sich dem Wirkungsbereich des Turms nähert, trifft auf eine Religiosität, deren Schutzhandeln eng an die Disciplina Etrusca gebunden war. Eine Stadtgründung, ein Kriegszug oder ein Hausbau wurde nicht ohne vorherige divinatorische Befragung des Götterwillens begonnen.
Turms entspricht funktional dem griechischen Hermes und dem römischen Mercurius. Die Verbindung ist sowohl typologisch als auch historisch eng: Die etruskische Turms-Tradition geht direkt auf die griechische Hermes-Tradition zurück. Allerdings haben die Etrusker eigenständige Akzente gesetzt, insbesondere in der Eschatologie.
Religionsvergleichend lässt sich Turms mit anderen Götterboten verbinden: Anubis (ägyptisch, Totengeleiter), Hermes (griechisch), Mercurius (römisch), Wotan/Odin in seiner Funktion als Totenführer (germanisch). Die Idee des Götterboten als Vermittler zwischen Welten ist religionsphänomenologisch universal.
Durch die interpretatio Romana erhielten etruskische Gottheiten römische Namen: Tinia wurde zu Iupiter, Uni zu Iuno, Menrva zu Minerva. Solche Gleichsetzungen erfassten meist nur ausgewählte Züge, nicht die ganze Gestalt. Die Forschung der letzten fünfzig Jahre arbeitet heraus, welche etruskischen Eigenheiten dabei bewahrt blieben, etwa beim Botengott Turms im Verhältnis zu Hermes und Mercurius.
Dass Turms als Götterbote dem griechischen Hermes und dem römischen Mercurius nahesteht, verweist auf eine weiträumige Verflechtung: Die etruskische Religion zeigt zahlreiche Berührungen mit anatolischen, phönizischen und nahöstlichen Traditionen. Die phönizische Vermittlung ist durch die Pyrgi-Tafeln belegt. Diese transmediterrane Vernetzung gehört seit einigen Jahrzehnten zu den wichtigen Forschungsfeldern.
Im religionsvergleichenden Blick gehört der etruskische Kult zur weiteren mediterranen Religionsfamilie und steht in Beziehung zu Griechenland, Phönizien, Ägypten, Anatolien und Latium. Diese Einbindung, in die auch die Botengestalt des Turms gehört, bildet ein bedeutendes Forschungsfeld.
Die Turms-Forschung ist in den letzten 30 Jahren durch die systematische Auswertung etruskischer Spiegel (Corpus Speculorum Etruscorum, CSE) erheblich vorangekommen. Larissa Bonfante hat in mehreren Spiegel-Editionen die Turms-Bilder erschlossen.
Die Forschung untersucht intensiv das Verhältnis zwischen griechischer Hermes-Tradition und etruskischer Turms-Eigenständigkeit. Wo sind direkte Adaptionen, wo etruskische Eigenprägungen? Diese Frage ist Gegenstand aktueller Diskussion.
Auch Gestalten wie Turms werden heute im Rahmen einer international betriebenen Erforschung der etruskischen Religion behandelt. Als wichtige Zentren gelten die Universitäten Florenz, Rom Sapienza, Pisa, Tübingen und Princeton. Jährlich befassen sich mehrere internationale Kongresse mit Einzelaspekten dieses Gebiets.
Internationale Projekte zur etruskischen Religion greifen heute auf digitale Verfahren zurück: dreidimensionale Scans von Tempeln und Gräbern, Datenbanken für Inschriften und Bildquellen sowie GIS-Analysen der Siedlungsstruktur. Solche Methoden erschließen neue Einsichten, auch zu den Spiegeln, auf denen Turms dargestellt ist.
Was die Forschung über die etruskische Religion und ihre Gottheiten, darunter Turms, erarbeitet, gelangt über Ausstellungen an die Öffentlichkeit, etwa im Vatikanischen Museum, im Museo Nazionale Etrusco di Villa Giulia und im Boston Museum of Fine Arts, daneben über zahlreiche Publikationen.
Die wichtigsten Quellen zur Turms-Forschung sind die etruskischen Spiegel (insbesondere mit Beischrift), die Grabmalereien, die Sarkophage und die Inschriften. Das Corpus Speculorum Etruscorum (mehrere Bände) ist die wichtigste Sammlung der Spiegelbilder.
Eine vertiefte Einordnung in die etruskische Religionsgeschichte insgesamt zeigt, wie Turms im Beziehungsgefüge mit den Olympiern und mit den Unterweltsgöttern Aita, Charun und Vanth zu verstehen ist. Diese Vernetzung ist wissenschaftlich essentiell.
Die Quellenbasis zur etruskischen Religion ist uneinheitlich: epigrafische Zeugnisse, gesammelt in Helmut Rix‘ Editio Minor, archäologische Funde, Bildquellen und Sekundärliteratur. Wer Turms angemessen erfassen will, muss diese Vielfalt fächerübergreifend auswerten; die jüngere Forschung verbindet dazu Philologie, Archäologie, Religionswissenschaft und Anthropologie systematisch.
Eine sachgerechte Quellenkritik verlangt, dass man sowohl die etruskischen Originalzeugnisse als auch die griechisch-römische Sekundärüberlieferung kennt. Dieser doppelte Zugang ist anspruchsvoll, für eine tragfähige religionshistorische Rekonstruktion des Turms aber unverzichtbar.
Eine gründliche historische Einordnung des Turms setzt voraus, dass man die epigrafischen, archäologischen und literarischen Quellen ebenso überblickt wie die Ansätze der modernen Religionswissenschaft. Diese vielschichtige Auseinandersetzung gilt in der Forschung als Standard.
Ein zentrales Dokument zur etruskischen Götterordnung ist die sogenannte Bronzeleber von Piacenza, ein 1877 in Norditalien gefundenes Bronzemodell einer Schafsleber, das in Felder eingeteilt und mit Götternamen in etruskischer Schrift beschriftet ist.
Es diente vermutlich als Lehr- oder Anschauungsmittel der etruskischen Eingeweideschau, der haruspicina. Auf dem Rand des Modells sind sechzehn Felder angeordnet, im Inneren weitere.
Auf diesem Objekt erscheint auch Turms. Seine Platzierung erlaubt Rückschlüsse darauf, in welchem Bereich des etruskischen Himmels die Priester ihn verorteten und mit welchen anderen Gottheiten er benachbart gedacht wurde.
Die Bronzeleber ist damit eine seltene Quelle, die nicht aus römischer oder griechischer Sekundärüberlieferung stammt, sondern unmittelbar aus der etruskischen Kultpraxis, der sogenannten etrusca disciplina.
Die Lesung und Deutung der Leber ist allerdings schwierig. Das Etruskische ist zwar lesbar, aber nur teilweise verständlich, weil es keine eng verwandte Sprache gibt. Forscher wie Massimo Pallottino, Ambros Josef Pfiffig und später Nancy de Grummond haben zur Einordnung beigetragen, ohne dass alle Felder und ihre theologische Logik geklärt wären. Turms steht damit exemplarisch für ein Grundproblem der Etruskologie: Wir kennen seinen Namen und seine Position im Ritualsystem, aber die ihn umgebende Lehre bleibt fragmentarisch.
Anders als der griechische Hermes, dessen breite literarische Überlieferung ihn als Götterboten, Schalk und Erfinder zeigt, ist Turms für uns fast ausschließlich Bild.
Eine seiner deutlichsten Rollen ist die des Seelengeleiters, des psychopompos, der die Verstorbenen in die Unterwelt führt. Diese Funktion tritt vor allem in der etruskischen Grabmalerei und auf Aschenkisten der späteren etruskischen Zeit hervor.
In Wandmalereien etruskischer Kammergräber, etwa im Umfeld von Tarquinia und in den großen Nekropolen, erscheint eine Gestalt mit Reisehut und Stab, die einen Toten an der Hand nimmt oder ihm vorangeht.
Häufig wird diese Gestalt mit Turms identifiziert, teils mit einer Beischrift, teils nur über die Ikonographie. Manchmal trägt er den Beinamen, der ihn ausdrücklich als Unterweltsgeleiter kennzeichnet, in der Forschung oft als Turms Aitas gelesen, also Turms im Umkreis des Unterweltsgottes Aita.
Diese starke Betonung der Totengeleit-Funktion ist ein gutes Beispiel dafür, dass die interpretatio in die Irre führen kann. Würde man Turms einfach als „etruskischen Hermes“ abtun, übersähe man, dass die etruskische Kunst gerade den jenseitsbezogenen Aspekt in den Vordergrund rückt, während die diebische, listige Seite des griechischen Hermes kaum greifbar ist. Ob das an der Quellenlage liegt, die in Etrurien stark durch Gräber bestimmt ist, oder an einer wirklich anderen Gewichtung der Gottheit, ist eine offene Forschungsfrage. Zur Methodik der etruskischen Religion siehe auch den Eintrag zur etruskischen Mythologie.
Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.
Turms ist der etruskische Götterbote und wird in den antiken Quellen wie auch in der Forschung regelmäßig als interpretatio-Figur behandelt: Er erscheint als unmittelbares Pendant zum griechischen Hermes und zum römischen Mercurius.
Auf Bronzespiegeln des vierten und dritten Jahrhunderts vor unserer Zeit trägt er Flügelschuhe und Heroldsstab und übernimmt vergleichbare Funktionen, etwa die Geleitung der Verstorbenen. Die Zuordnung als Pendant zeigt, wie eng die etruskische Götterwelt mit den griechisch-römischen Vorstellungen verflochten war.
Der etruskische Mythos weist Turms als Götterboten und Seelenführer aus, dessen Funktion sich eng mit dem griechischen Hermes deckt; bildlich greifbar wird er auf Bronzespiegeln des fünften und vierten vorchristlichen Jahrhunderts.
Verwandte Schlüsselbegriffe: Turms Etrusker Götterbote Caduceus Hermes Mercurius Totengeleiter Aita.
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