Tarhunna, in keilschriftlichen Texten meist D U oder Tarḫunna geschrieben, ist der oberste Wettergott des hethitischen Reiches im zweiten vorchristlichen Jahrtausend. Als Gewitter- und Sturmgott regiert er den Himmel über Anatolien, schützt den Großkönig in der Schlacht und steht im Zentrum zahlreicher Staatsverträge, die seine Eide besiegeln.
Tarhunna gehört zum innersten Kreis des hethitischen Staatspantheons und tritt in Texten aus den Archiven von Ḫattuša (heute Boğazkale) als oberster männlicher Reichsgott auf. Volkert Haas hat in seiner Geschichte der hethitischen Religion (1994) gezeigt, dass Tarhunna seit der althethitischen Periode des 17. und 16. Jahrhunderts v. Chr. kontinuierlich nachweisbar ist und bis zum Untergang des Reiches um 1180 v. Chr. die zentrale Wettergottheit blieb. Sein Wirkungsbereich ist breit: Gewitter, Regen, Schlachtgewalt, Königsschutz, Vertragseid und Fruchtbarkeit der Felder.
Innerhalb der hethitischen Tradition nimmt er eine ähnliche Position ein wie Teshub im hurritischen Pantheon, mit dem er im Reichskult der Großkönige zunehmend identifiziert wurde. Trevor Bryce nennt diese Verschmelzung in The Kingdom of the Hittites (2005) eine der wichtigsten religionsgeschichtlichen Bewegungen der späten Bronzezeit Anatoliens. Tarhunna erscheint in lokalen Varianten, etwa als Wettergott von Nerik, von Aleppo, von Ziplanda oder von Ḫattuša, und führt jeweils eigene Kultstätten, Festkalender und priesterliche Hierarchien.
Religionswissenschaftlich gehört Tarhunna zum verbreiteten Typus des indogermanischen Wettergottes, der von der Spitze eines hohen Berges oder vom Wolkensitz aus regiert. Parallelen finden sich bei Indra, Zeus und dem germanischen Donar; Tarhunna unterscheidet sich von diesen aber durch die starke vertragsrechtliche und juristische Komponente, die ihn als Garant der Eide auszeichnet. Die hethitische Theologie hat den Wettergott in einzigartiger Dichte mit dem Königtum verflochten: Der Großkönig ist ‚Sohn‘ oder ‚Lieblings-Diener‘ Tarhunnas, und seine Legitimität hängt vom göttlichen Wohlwollen ab.
Der Name Tarhunna leitet sich von der indogermanischen Wurzel *terh₂- ‚überqueren, überwinden, stark sein‘ ab. Calvert Watkins hat in How to Kill a Dragon (1995) ausführlich gezeigt, dass die Wurzel im Hethitischen das Verb tarḫ- ’siegen, bezwingen‘ ergab. Tarhunna ist also wörtlich der ‚Sieger‘ oder ‚Bezwinger‘, ein sprechender Name, der seinen mythologischen Hauptkampf gegen die Schlange Illuyanka programmatisch vorwegnimmt. Die Namensbildung mit dem Element -na ist im Anatolischen produktiv und bildet Götternamen aus Verbalstämmen.
In den Keilschrifttexten wird der Name fast immer mit dem sumerischen Logogramm DU (lies: Iškur/Adad) oder DIM geschrieben, gefolgt von hethitischen phonetischen Komplementen wie -aš, -un, -ni. Eine seltene phonetische Schreibung Tar-ḫu-na-aš findet sich in althethitischen Festritualen. Im Luwischen erscheint die Form Tarḫunt, im Palaischen Tarḫunna. Die Variation der Form ist eine wichtige sprachgeschichtliche Spur und wird in den Arbeiten von H. Craig Melchert (Anatolian Historical Phonology, 1994) detailliert diskutiert.
Hieroglyphen-Luwische Inschriften der späten und nachhethitischen Periode in Karkamiš, Maraş und Tabal zeigen einen stehenden Gott mit Beil und Blitzbündel; das Logogramm DEUS.TONITRUS bezeichnet ihn unmittelbar als ‚Donnergott‘. Im akkadischen Götterlistenmaterial wird er mit Adad identifiziert, der seinerseits dem westsemitischen Hadad entspricht; diese Identifikationskette zeigt die durchgängige Wahrnehmung Tarhunnas als ‚der Wettergott‘ schlechthin im altorientalischen Kontext.
Bildlich erscheint Tarhunna als bärtiger Mann in kurzem, gegürteten Schurz, eine spitze Kappe mit Hörnern auf dem Kopf, in der einen Hand eine dreizackige Blitzgabel, in der anderen eine Streitaxt. Diese Ikonographie ist auf den Felsreliefs von Yazılıkaya, dem großen Bildheiligtum bei Ḫattuša, kanonisch festgehalten. Kurt Bittel beschrieb in Die Hethiter (1976) Tarhunna in der Hauptkammer A des Heiligtums als Anführer der männlichen Götterprozession.
Charakteristisch ist sein Reittier oder vielmehr sein Gespann: Tarhunna fährt einen Wagen, der von zwei Stieren namens Šeri (‚Tag‘) und Ḫurri (‚Nacht‘) gezogen wird. Diese Stiergespann-Ikonographie ist ein direkter Hinweis auf den hurritischen Einfluss; sie verbindet Tarhunna eng mit Teshub. Der Stier selbst ist sein heiliges Tier und wird im Kult geopfert; in zahlreichen Reliefs steht ein Stier neben dem Wettergott oder trägt ihn auf dem Rücken. Die Bronzefigurine eines schreitenden Tarhunna aus Tarsus zeigt den Gott mit erhobener Axt und ist eines der bekanntesten Einzelobjekte der hethitischen Kleinkunst.
Daneben sind Felsreliefs bekannt, auf denen Tarhunna den Königsschutz übernimmt: In Yazılıkaya umarmt der Wettergott von Ḫattuša den Großkönig Tudḫaliya IV. und stellt ihn so unter göttlichen Schutz. Die Bildformel der Götterumarmung wird in der Forschung als ‚tutelary gesture‘ bezeichnet und ist ein Kennzeichen königlicher Legitimation. In Karkamiš, Aleppo und anderen späthethitischen Sites bleibt die Tarhunna-Ikonographie bis ins 8. Jahrhundert v. Chr. präsent, häufig in Verbindung mit dem geflügelten Sonnenscheibe-Symbol des Königtums.
Die wichtigste Tarhunna-Erzählung ist der Mythos vom Drachenkampf gegen Illuyanka, eine ungeheure Schlange. Der Text liegt in zwei Versionen aus dem althethitischen purulli-Frühlingsfest vor (CTH 321) und ist von Gary Beckman in Hittite Myths (1998) ediert. In der ersten Version wird Tarhunna von Illuyanka besiegt und verliert sein Herz und seine Augen; erst die List der Göttin Inara und des Sterblichen Ḫupašiya führt zur Vernichtung des Drachen. Inara veranstaltet ein Fest, lädt Illuyanka ein, lässt ihn betrunken und satt werden, dann fesselt Ḫupašiya die Schlange mit einem Seil, und Tarhunna kann sie töten.
In der zweiten Version zeugt Tarhunna mit einer sterblichen Frau einen Sohn, der wider Erwarten zu Illuyankas Schwiegersohn wird und seinem Vater die geraubten Organe zurückbringt. Der Sohn fordert daraufhin von seinem Vater, ihn zu töten, weil er die Loyalität zu beiden Seiten nicht aufrechterhalten kann. Tarhunna erfüllt diese tragische Bitte und gewinnt seine Macht zurück.
Das Motiv des Wettergott-Drachenkampfes ist religionsgeschichtlich eines der ältesten indogermanischen Erzählmuster. Watkins zeigte, dass die Formel ‚der Held erschlug den Drachen‘ (Indogermanisch *gwhen- h₃egwhim) in fast allen indogermanischen Sprachen erhalten ist. Bei Tarhunna wird sie zum Saisonmythos: Der Sieg über den Drachen markiert den Wechsel von der toten Winterzeit zum fruchtbaren Frühjahr. Weitere Erzählungen, in denen Tarhunna auftritt, sind der Telipinu–Mythos, in dem Tarhunna seinen verschwundenen Sohn sucht, sowie der Ullikummi-Zyklus, in dem er als Teshub gegen den Steinriesen kämpft. In allen drei Erzählungen erscheint Tarhunna nicht als unfehlbar; er ist verletzlich, kann verlieren, braucht Bündnispartner und Klugheit.
Tarhunnas Kult war über das gesamte hethitische Reichsgebiet verteilt. Sein wichtigstes Heiligtum lag in Nerik, einer nordanatolischen Stadt, die zeitweise an die feindlichen Kaškäer verloren ging und deren Wiedergewinnung ein religionspolitischer Imperativ wurde. Der Wettergott von Nerik war eine eigenständige lokale Hypostase und Adressat zahlreicher Gebete des Großkönigs Muršili II. (etwa CTH 376). Eine zweite Hauptverehrungsstätte war Aleppo (Ḫalab), bereits seit altsyrischer Zeit Sitz eines bedeutenden Wettergottes; nach dessen Integration in das hethitische Pantheon wurde sein lokaler Tempel in Ḫattuša nachgebaut.
Das purulli-Frühjahrsfest war das jährliche Hauptfest Tarhunnas. Volkert Haas hat dessen Ablauf rekonstruiert: Festprozession, rituelle Wiederholung des Drachenkampfs, Opfer von Stieren, Bewirtung der Götter mit Brot, Bier und Wein. Im Reichstempel von Ḫattuša wurden täglich Opfer dargebracht; die Hethiter führten umfangreiche Tempelinventare, in denen Kultgeräte, Kleider und Statuetten verzeichnet sind. Eine ausführliche Studie zu diesen Inventaren liegt mit Jared Millers Royal Hittite Instructions (2013) vor.
Im Staatsvertragsrecht ist Tarhunna der oberste Eidgott. Verträge zwischen hethitischen Königen und Vasallenherrschern beginnen regelmäßig mit einer langen Götterliste, an deren Spitze ‚der Wettergott des Himmels‘ steht. Verletzt eine Partei den Eid, soll Tarhunna sie ‚zerschmettern wie einen Tonkrug‘, wie in den Verträgen mit Aziru von Amurru oder mit Šattiwaza von Mittani belegt ist. Die priesterliche Organisation seines Kults umfasste mehrere Klassen: SANGA-Priester für den täglichen Dienst, LÚAZU-Beschwörer für Sonderrituale und SAL ŠU.GI-Priesterinnen (‚Alte Frauen‘) für apotropäische und Heilungsrituale.
Im hethitischen Alltag wurde Tarhunna häufig zur Abwehr von Wetterschäden, Dürren und feindlichen Einfällen angerufen. Erhalten sind zahlreiche Gebete (hethitisch arkuwar) an den Wettergott von Ḫatti, etwa die Pestgebete Muršilis II. (CTH 378), in denen der König um die Beendigung einer großen Seuche bittet. Religionswissenschaftlich sind diese Texte bedeutsam, weil sie eine differenzierte theologische Argumentation enthalten: Der König argumentiert mit dem Gott, weist auf eigene Sühnehandlungen hin und mahnt die Götter, ihre Diener nicht völlig zu verlassen.
Apotropäische Riten verwendeten häufig die Symbole Tarhunnas: das Beil und den dreizackigen Blitz. Auf Siegeln und Amuletten erscheint der schreitende Wettergott mit erhobener Waffe als Schutzbild. Bei Bauopfern wurden Bronzefigurinen mit der Tarhunna-Ikonographie in den Fundamenten von Tempeln und Palästen deponiert; das Hattuša-Areal hat eine größere Anzahl solcher Statuetten geliefert. Volkert Haas hat in Materia Magica et Medica Hethitica (2003) gezeigt, dass Donnerwerkzeuge (Steinbeile, vermutlich neolithische Funde, die als Donnerkeile interpretiert wurden) in Häusern aufbewahrt wurden, um Blitzschutz zu gewährleisten.
Aus religionswissenschaftlicher Perspektive interessant ist die enge Verbindung zwischen Reichsherrschaft und Schutzversprechen: Tarhunna garantiert nicht primär dem Einzelnen, sondern dem König und durch ihn dem Volk Schutz vor Chaos und Feinden. Die individuelle Schutzanrufung ist im hethitischen Material seltener als in Mesopotamien oder Ugarit dokumentiert, aber in Texten der ‚Alten Frauen‘ (ḪAR.ḪAR) durchaus präsent. Der iWell-Guard betrachtet Tarhunna als historisch-religionsgeschichtliche Figur und nicht als gegenwärtigen Schutzadressaten.
Tarhunna gehört zum großen Typus des indogermanischen Wettergottes und ist eng verwandt mit dem hurritischen Teshub, dem westsemitischen Hadad und mit Indra. Beim Drachenkampf-Motiv lassen sich Parallelen zu Indras Sieg über Vrtra im Rigveda, Zeus‘ Kampf gegen Typhon und Thors Kampf gegen die Midgardschlange ziehen. Daniel Schwemer hat in Die Wettergottgestalten Mesopotamiens und Nordsyriens (2001) eine umfassende vergleichende Untersuchung dieser Tradition vorgelegt; das Werk ist bis heute Standardreferenz.
Im phönizischen Pantheon entspricht der Gott Baal-Hadad in Funktion und Drachenkampf-Mythos sehr genau dem Tarhunna-Profil. Auch hier kämpft der Wettergott gegen das chaotische Wasser, hier Yam, dem Tarhunna-Antagonisten Illuyanka strukturell entsprechend. Diese Parallelen sind kein Zufall, sondern Ergebnis intensiven kulturellen Austauschs in der Spätbronzezeit zwischen Anatolien, Nordsyrien und der Levante.
Religionsgeschichtlich beruht die Verbreitung des Drachenkampfmotivs auf einem indogermanischen Erbe sowie auf nordwestsemitischen Sturmgott-Traditionen; die hethitische Variante ist eine besonders gut dokumentierte Mischform. Auch das luwische und palaische Material verzeichnet eigenständige Wettergott-Traditionen, die mit Tarhunna teils identifiziert, teils unterschieden werden. Mary Bachvarova hat in From Hittite to Homer (2016) die Vermittlung dieser anatolischen Wettergott-Mythen ins griechische Erzählmaterial detailliert nachgezeichnet und dabei besonders auf den Typhon-Mythos verwiesen, der strukturelle Übernahmen aus dem anatolisch-syrischen Raum aufweist.
Die moderne hethitologische Forschung beginnt mit der Entzifferung der hethitischen Keilschrift durch Bedřich Hrozný 1915. Seitdem sind die Texte zu Tarhunna in zahlreichen Editionen erschienen, vor allem in der Reihe Keilschrifttexte aus Boghazköy (KBo) und Keilschrifturkunden aus Boghazköy (KUB). Volkert Haas, Trevor Bryce, Daniel Schwemer und Gary Beckman gehören zu den wichtigsten Autoritäten des 20. und frühen 21. Jahrhunderts. Itamar Singer hat in Hittite Prayers (SBL 2002) die wichtigsten Gebete an Tarhunna übersetzt und kommentiert.
In der populären Rezeption ist Tarhunna weniger bekannt als seine indogermanischen Verwandten Thor oder Zeus. Im türkischen Kulturraum erlebt er seit den späten zwanzigsten Jahren des 21. Jahrhunderts eine bescheidene Rückkehr durch die Vermarktung von Yazılıkaya und Boğazkale als UNESCO-Welterbe. Eine spirituelle Wiederbelebung im neuheidnischen Sinne ist im Gegensatz zur germanischen Mythologie kaum zu beobachten.
Religionswissenschaftlich ist Tarhunna heute vor allem als Studienobjekt vergleichender Mythologie und altorientalischer Religionsgeschichte präsent. Aktuelle Forschungsschwerpunkte liegen auf der Untersuchung lokaler Hypostasen (Wettergott von Nerik, Aleppo, Ziplanda), auf der Beziehung zwischen Tarhunna und Teshub sowie auf der hieroglyphen-luwischen Tradition der späthethitischen Eisenzeit. Der iWell-Guard verzeichnet Tarhunna in diesem historisch-philologischen Rahmen.
Die folgenden Werke sind die wichtigsten Standardreferenzen für Tarhunna und das hethitische Wettergott-Pantheon und werden auch in der weiteren Lexikonarbeit zitiert.
Eine besonders aufschlussreiche Quellengruppe für Tarhunna sind die hethitischen Staatsverträge. Wenn ein hethitischer Großkönig mit einem Vasallen oder einem fremden Herrscher einen Vertrag schloss, wurde dieser durch eine lange Liste von Göttern beider Seiten beglaubigt, die als Zeugen und als Garanten des Vertrags angerufen wurden. In diesen Götterlisten steht der Wettergott regelmäßig an erster oder vorderster Stelle.
Die Verträge nennen oft eine ganze Reihe von Wettergöttern verschiedener Orte: den Wettergott des Himmels, den Wettergott von Hatti, den Wettergott von Nerik, den Wettergott von Zippalanda und viele weitere lokale Erscheinungsformen. Diese Aufzählung zeigt, dass Tarhunna nicht als eine einzige, zentral organisierte Gestalt gedacht wurde, sondern als ein Gott, der an jedem bedeutenden Kultort eine eigene, lokal verankerte Präsenz besaß.
Die Fluchformeln am Ende der Verträge sind besonders eindrücklich. Wer den Vertrag bricht, soll vom Wettergott und den übrigen Göttern vernichtet werden, mitsamt seinem Land, seinen Nachkommen und seinem Besitz. Der Wettergott erscheint hier als Hüter des Eides und der zwischenstaatlichen Ordnung. Der berühmte Vertrag zwischen Hattusili III. und Ramses II. von Ägypten, von dem sowohl eine hethitische als auch eine ägyptische Fassung erhalten ist, ruft auf hethitischer Seite ausdrücklich den Wettergott an. Diese Verträge sind damit eine erstrangige Quelle dafür, welche überragende Rolle Tarhunna in der politischen und rechtlichen Ordnung des hethitischen Reiches spielte.
Unter den vielen lokalen Wettergöttern des hethitischen Reiches kommt dem Wettergott von Nerik eine besondere Bedeutung zu. Nerik war eine alte Kultstadt im Norden des hethitischen Kerngebiets, die zeitweise von den Kaskäern, einem feindlichen Bergvolk, besetzt war. Der Verlust und die spätere Rückgewinnung von Nerik beschäftigten die hethitischen Könige über Generationen, und der Kult des dortigen Wettergottes war eng mit dieser Geschichte verflochten.
Hattusili III. berichtet in seinem autobiographischen Text, dem sogenannten Apologie, ausführlich von seiner Verbindung zu Nerik und zu dessen Wettergott. Er stellt sich als denjenigen dar, der die Stadt und ihren Kult wiederherstellte. Der Wettergott von Nerik war damit nicht nur eine religiöse, sondern auch eine hochpolitische Größe, an dessen Verehrung sich die Legitimität eines Herrschers bemaß.
Hier zeigt sich ein grundsätzliches Problem im Umgang mit Tarhunna. Die hethitischen Texte unterscheiden sorgfältig zwischen den verschiedenen lokalen Wettergöttern, behandeln sie aber zugleich als Erscheinungsformen desselben göttlichen Wirkungsbereichs. Ob ein antiker Hethiter den Wettergott von Nerik und den Wettergott von Zippalanda als zwei Götter oder als zwei Aspekte eines Gottes verstand, lässt sich aus den Quellen nicht eindeutig beantworten. Die Forschung spricht von lokalen Manifestationen und betont, dass die moderne Frage nach der Identität der Gottheit den antiken Texten teilweise fremd ist. Der Befund von Nerik ist deshalb so wichtig, weil er besonders gut dokumentiert ist und zeigt, wie eng lokaler Kult, Reichsgeschichte und Königsideologie zusammenhingen.
Der hethitische Tarhunna hatte eine eng verwandte Entsprechung bei den Luwiern, einem ebenfalls indogermanischsprachigen Volk Anatoliens, deren Wettergott Tarhunt hieß. Anders als das Hethitische, das nach dem Untergang des hethitischen Großreichs um 1180 vor unserer Zeitrechnung verschwand, lebte das Luwische weiter, und mit ihm der Kult des Tarhunt.
In den sogenannten späthethitischen oder neo-hethitischen Kleinkönigtümern, die nach dem Zusammenbruch des Großreichs in Südostanatolien und Nordsyrien bestanden, ist Tarhunt eine zentrale Gottheit. Er erscheint in luwischen Hieroglypheninschriften und auf zahlreichen Reliefs, etwa aus Karkemisch, Malatya und anderen Fürstentümern. Diese Inschriften, abgefasst in der luwischen Hieroglyphenschrift, wurden im Lauf des 20. Jahrhunderts entziffert, wobei Arbeiten von Emmanuel Laroche, John David Hawkins und anderen grundlegend waren.
In den Reliefs dieser Zeit erscheint Tarhunt häufig auf einem Stier oder einem von Stieren gezogenen Wagen, mit Beil und Blitzbündel. Diese Ikonographie steht in der Tradition des alten anatolischen Wettergottes, zeigt aber auch Einflüsse aus dem syrischen Raum. Sprachlich ist der Name Tarhunt mit dem hethitischen Verb für siegen oder mächtig sein verbunden, sodass der Gottesname etwa der Siegreiche oder der Mächtige bedeutet. Über das Luwische und über anatolische Personennamen lässt sich die Wettergott-Bezeichnung sogar bis in die griechisch-römische Zeit Kleinasiens verfolgen. Tarhunna und Tarhunt sind damit ein Beispiel dafür, wie eine Gottheit den Untergang des Reiches, das ihren Hauptkult getragen hatte, um Jahrhunderte überdauern konnte.
Als Wettergott und reichsherr garantierte Tarhunna in der hethitischen Königsideologie Regen, Sieg und Vertragstreue, wie Staatsverträge und Felsreliefs in Hattuša bezeugen.
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