Gula, babylonische Göttin der Heilkunst
Gula ist die babylonische Göttin der Heilkunst und wird als Hundeherrin dargestellt, deren Tier als Sinnbild der Genesung gilt. Gula ist die wichtigste Heilgöttin der altmesopotamischen Religion. Sie wird vor allem in altbabylonischer und neuassyrischer Zeit verehrt und galt als Patronin der Heilkunst, der Ärzte und der Geburtshelferinnen.
Ihr Attribut ist der Hund, ein Tier, das in der altmesopotamischen Vorstellung sowohl mit Heilung als auch mit der Schwelle zwischen Leben und Tod verbunden war. Ihre wichtigsten Tempel standen in Isin, Nippur und Babylon.
Inhaltsverzeichnis
Mythos und Herkunft
Gula ist die spätere und größere Form mehrerer älterer Heilgöttinnen, vor allem von Ninisina, Bau und Ninkarrak, die in den altsumerischen Stadtstaaten Isin, Lagasch und Sippar verehrt wurden. Ninisina, die «Herrin von Isin», ist die wichtigste Vorläuferin.
Schon in den königlichen Inschriften der Isin-Dynastie um 2000 v. Chr. tritt sie als oberste Heilgöttin und Stadtgöttin auf. In der altbabylonischen Periode verschmolzen ihre Funktionen und Eigenschaften zu der einheitlichen Gestalt Gulas.
Ihr Name Gula bedeutet auf akkadisch «die Große». Inschriften nennen sie azugallu, also «große Ärztin». Sie ist Tochter des Anu, des Himmelsgottes, oder in anderen Traditionen Tochter Enlils. Ihr Gemahl ist Ninurta, der Krieger- und Pfluggott, mit dem sie zu einem komplementären Paar verbunden ist: er für die kriegerische Eroberung, sie für die heilende Wiederherstellung.
Ihre wichtigsten Heiligtümer lagen in Isin, einer Stadt im südlichen Mesopotamien, und in Nippur, der religiösen Zentralstadt. In Babylon errichtete man ihr in der altbabylonischen Periode den Tempel E-galmah. In Sippar war sie in der Gestalt Ninkarraks heimisch. Diese geographische Streuung zeigt die überregionale Bedeutung der Göttin.
Eine bekannte Hymne auf Gula, die «Bullussa-rabi-Hymne», stammt aus mittelbabylonischer Zeit und bietet eine umfassende Selbstdarstellung der Göttin. Sie beschreibt sich als Ärztin, Krankenpflegerin, Hebamme und zugleich als gerechte Richterin. Die Hymne ist religionsgeschichtlich wichtig, weil sie die zentralen Funktionen der Göttin in literarisch hochstehender Form zusammenfasst.
Symbole und Attribute
Gulas wichtigstes Attribut ist der Hund. Auf Kudurru-Grenzsteinen und Reliefs sitzt ein Hund neben ihrem Thron oder zu ihren Füßen.
Der Hund verband in der altmesopotamischen Vorstellung Heilung und Tod: sein Speichel galt als heilkräftig, was archäologisch durch Hundeknochen in Heiligtümern und durch Heilungstexte belegt ist, die über den Speichel des Hundes Beschwörungsformeln aussprechen. Gleichzeitig waren Hunde Begleiter der Unterweltsgottheit und konnten als Begleiter der Toten gedacht werden.
Ein weiteres Attribut ist die Lanzette oder der medizinische Stab. In manchen Bildern hält sie ein Instrument, das an chirurgische Werkzeuge erinnert. Auf Siegelabdrücken erscheint sie häufig vor einer kranken Person, der sie heilbringend zugewandt ist.
Auf vielen Kudurru-Steinen tritt das Symbol des sitzenden Hundes neben anderen astralen oder kosmischen Zeichen auf. Damit war Gula in der theologischen Geographie der Grenzsteine ein integraler Bestandteil.
Die Hundesymbolik blieb dabei das verbindliche Zeichen, das sie unverwechselbar machte. Archäologische Funde aus Isin haben die rituelle Bedeutung des Hundes in ihrem Kult bestätigt, da dort Hundeknochen in besonderer Anordnung gefunden wurden.
Tempelreliefs zeigen Gula manchmal mit Stern oder Halbmond als Hinweis auf die astrale Dimension ihrer Verehrung. Die Verbindung zwischen Heilung, Sterndeutung und Beschwörung war im altmesopotamischen Denken eng, und Gula stand als Heilgöttin zugleich im astralen Wissensbestand.
Kult und Verehrung
Der Hauptkult Gulas lag in Isin, im südlichen Mesopotamien. Das Heiligtum E-gal-mah war Versammlungsort für Ärzte, Geburtshelferinnen und Patienten. Tonweihegaben in Form kranker Körperteile, vergleichbar mit den Voto-Gaben in suditalischen Heilkulten, sind dort in großer Zahl gefunden worden.
Sie geben einen direkten Einblick in die Praxis: Pilger weihten ihr Modelle kranker Augen, Glieder oder Bauchteile in der Hoffnung auf Heilung.
In Nippur war ihr Tempel das E-mah, in dem das Kollegium der Ärzte sich versammelte.
Ein neuassyrisches Geläufiges Wort für Arzt, asu, leitet sich von ihrer Funktion ab. In Sippar wurde sie unter dem Namen Ninkarrak verehrt, in Babylon im E-galmah. In Borsippa, der Schwesterstadt Babylons, war sie als Begleitgöttin Nabus, des Gottes der Schrift, integriert.
Ihr Kult war besonders bei Frauen und Ärzten beliebt. Beschwörungstexte aus altbabylonischer und neuassyrischer Zeit rufen sie bei Geburten, bei Fieber, bei Schlangenbiss und bei psychischen Störungen an. Die Beschwörungssammlungen der königlichen Bibliothek Aschurbanipals enthalten zahlreiche Texte, in denen Gula gemeinsam mit Marduk, Ea und Shamash als Heilgottheit angerufen wird.
Die Beschwörungspraxis beim Krankenbett des Patienten umfasste oft mehrere Stufen. Zunächst rief der asipu, der Beschwörungspriester, Gula in formelhafter Weise an. Danach folgten konkrete Anweisungen, oft mit Krautmischungen oder rituellen Handlungen wie dem Überstreichen mit einem Wollfaden, der dann verbrannt wurde, um die Krankheit symbolisch zu vernichten.
Diese Praxis, oft in Verbindung mit dem Hund als rituellem Tier, ist in Hunderten von Tontafeln dokumentiert.
In neuassyrischer Zeit nahm die staatliche Verehrung Gulas zu. Aschurbanipal ließ ihre Texte abschreiben und in seine Bibliothek aufnehmen. Auch königliche Frauen brachten ihr persönliche Weihegaben dar, was die Verbindung der Göttin mit Geburt und Mutterschaft unterstreicht.
Wichtige Mythen
Gula tritt in den narrativen Texten weniger als Inanna oder Marduk auf. Ihr wichtigster Text ist die «Bullussa-rabi-Hymne», eine große Selbstdarstellung der Göttin in 200 Zeilen.
Sie nennt sich darin Tochter Anus, Gemahlin Ninurtas, Ärztin der großen Götter, Hebamme der Völker und gerechte Beschützerin der Schwachen. Die Hymne ist religionsgeschichtlich bemerkenswert, weil sie die theologische Konsolidierung der vielen Heilgöttinnen unter Gulas Namen abschließt.
Im Anzu-Mythos tritt Gula nicht direkt auf, doch in späteren Versionen wird sie nach dem Sieg Ninurtas mit ihm zusammen genannt und nimmt am Triumphfest teil. Diese Verbindung integriert sie in das kosmische Heldenepos und gibt ihr eine narrative Verbindung zum Anzu-Mythos.
Eine kleine Erzählung berichtet von Gulas Hund, der eines Tages krank wurde. Die Göttin selbst musste ihm helfen und nutzte dabei mehrere ihrer Heilkräuter.
Aus diesem Schmerz, so heißt es, wuchs ihre Fähigkeit zur Heilung, weil sie das Leiden zuerst am eigenen Tier erlebt hatte. Diese Erzählung, in einigen Fragmenten erhalten, gibt der Göttin einen empathischen Charakter, der sie von rein juristisch-strafenden Gottheiten unterscheidet.
Beziehungen im Pantheon
Gula ist mit Ninurta verheiratet, der Krieger- und Pfluggott ist. Beide bilden ein komplementäres Paar, in dem die kriegerische Erschütterung und die heilende Wiederherstellung verschränkt sind. Mit Damu, einem jüngeren Heilgott und ihrem Sohn, hat sie eine enge familiäre Beziehung. Damu wird oft als Nachfolger Gulas in der Heilfunktion gedeutet.
Mit Ninisina, Bau und Ninkarrak ist sie kultisch verschmolzen, was den theologischen Konsolidierungsprozess der altbabylonischen Zeit zeigt. Mit Marduk, dem Reichsgott Babylons, steht sie in einem Verhältnis kultischer Kooperation: in den medizinischen Beschwörungen werden beide oft gemeinsam angerufen, weil Marduk in der babylonischen Theologie eine zunehmend zentrale Rolle einnahm und Heilfunktionen mitueberlagerte.
Im weiteren Pantheon hat Gula Beziehungen zu Shamash, dem Sonnengott und Gott des Rechts, sowie zu Ea, dem Gott der Weisheit. Die Verbindung mit Ea ist besonders eng, weil dieser als kosmischer Lehrer der Heilkunst gilt und Gula als sein irdisches Pendant fungiert.
Gula ist in der theologischen Liste An gleichgesetzt mit Ninkarrak, einer Heilgottin Akkads, die in den Hammurabi-Stele-Fluchformeln als Adressatin medizinischer Strafen genannt wird.
Ihr Gemahl ist Pabilsag, ein Krieger- und Heilgott, der in der spätbabylonischen Astronomie mit dem Sternbild Schütze identifiziert wird. Diese Verbindung von Heilgottin und Krieger ist eine für Mesopotamien typische Konstellation, in der Schutz und Aggressivität im selben Götterpaar vereint sind.
Ein interessanter Sonderfall ist die Identifikation Gula-Ishtar in einigen spätbabylonischen Hymnen, die die beiden Göttinnen als Aspekte einer einzigen weiblichen Macht zu fassen suchen. Diese Verschmelzung ist umstritten und gilt als Spezialfall der späten theologischen Spekulation, die unter dem Einfluss der zunehmenden Marduk-Monolatrie auch die weiblichen Hauptgöttinnen vereinheitlichen wollte.
Rezeption und Wirkung
Gulas Kult endete mit dem Untergang der babylonischen Hochkultur in der seleukidischen Periode. Doch ihre Heiltexte wurden weiter abgeschrieben und in den Bibliotheken der hellenistischen Welt aufbewahrt. Sumerologische Studien des 19. und 20. Jahrhunderts haben sie als zentrale Figur der mesopotamischen Medizingeschichte rekonstruiert.
In der modernen Medizingeschichte wird Gula als eine der frühesten dokumentierten Schutzgöttinnen der Heilkunst gewürdigt. Die Reliefs aus Isin sind in vielen Lehrbüchern zur Medizingeschichte abgebildet. In der Religionsgeschichte des Hundes erscheint sie als wichtige Belegfigur für die Doppelfunktion des Hundes als Heil- und Toten-Begleiter.
In der populären Kultur taucht Gula heute selten auf, doch in Texten zur altorientalischen Medizin und in Studien zur Geschichte der Geburtshilfe ist sie eine zentrale Referenzfigur. Die Verbindung zwischen ihrer Hundesymbolik und späteren Heilgöttern mit Hund (etwa Asklepios mit Schlange und Hund in der griechischen Welt) wird in der vergleichenden Religionsforschung diskutiert.
Im hellenistischen Mesopotamien wurde Gula mit Hekate identifiziert, der griechischen Göttin der Magie und der Hunde. Diese Identifikation ist epigraphisch in Seleukidenzeitlichen Inschriften aus Uruk belegt, vor allem auf einer bilingualen Stele des 3. Jahrhunderts v. Chr. Die Gemeinsamkeit liegt im Hundattribut und in der nachtaktiven Heilfunktion.
Walter Burkert hat in «Babylon, Memphis, Persepolis» die religionshistorische Linie von Gula über Hekate zur späteren Diana skizziert.
In der Geschichte der Medizin gilt Gula als die fruheste namentlich genannte Heilgottin, die einer eigenen Profession patroniert. Ihre Verehrung ist die Wurzel des späteren Asklepios-Hippokrates-Komplexes, was Vivian Nutton in «Ancient Medicine» (2004) im Detail dargelegt hat.
Heutige medizinhistorische Forschung sieht die Gula-Tradition als wichtiges Element der Vor-Geschichte der griechischen Heilkunst, mit konkreten Spuren in Pharmakologie und Diagnostik.
Religionswissenschaftliche Einordnung
Thorkild Jacobsen ordnet Gula in den Kreis der großen weiblichen Schutzgottheiten ein, deren Funktion sich in der altbabylonischen Periode auf Heilung und Geburt konzentrierte. Er sieht in ihrer Verschmelzung mit Ninisina einen typischen Konsolidierungsprozess, in dem mehrere Stadtgöttinnen in eine reichsweit gültige Figur zusammenflossen.
Jean Bottéro betont die soziale Funktion ihres Kultes. Gula war die Patronin einer ganzen Berufsgruppe, der asu und asipu, also der medizinisch-rituellen Spezialisten. Die Verbindung dieser Berufsgruppe mit dem Tempel war eine wichtige strukturelle Komponente der altmesopotamischen Gesellschaft.
Stefan Maul hat in seinen Studien zur Wahrsagekunst und Magie die enge Verzahnung von Gula-Kult und Beschwörungspraxis dokumentiert. Walther Sallaberger und Andrew George haben den Tempelkult in Isin und Nippur archäologisch und textlich rekonstruiert.
Wilfred Lambert hat die «Bullussa-rabi-Hymne» kritisch ediert und kommentiert. Die Forschung sieht in Gula einen der wichtigsten Schlüssel zum Verständnis der altmesopotamischen Medizin und Religion.
Gula-Hymnus von Bullussa-rabi
Der bedeutendste literarische Text zur Göttin ist der große Gula-Hymnus von Bullussa-rabi, einer namentlich bekannten Schreiberin aus der mittelbabylonischen Zeit, vermutlich aus dem 12. Jahrhundert v. Chr. Der 200 Zeilen umfassende Text ist in mehreren Exemplaren überliefert, die wichtigsten Tafeln stammen aus den Bibliotheken von Assur, Niniveh und Babylon.
Erstmals ediert wurde der Hymnus 1967 von Wilfred G. Lambert in den Orientalia 36, mit umfassendem Kommentar und Übersetzung. Der Text ist im Stil einer Selbstprädikation verfasst, in der Gula in der ersten Person über ihre Eigenschaften, Kräfte und Heilfunktionen spricht.
Bullussa-rabi präsentiert die Göttin in einer enzyklopädischen Aufzählung ihrer Namen und Funktionen. Sie ist Belet-ili, die Herrin der Götter, Nintinugga, Bauu und Ninisinna, die in unterschiedlichen Städten Sumers verehrt wurden.
Diese Konkatenation regionaler Göttinnen unter einem dominanten Namen ist ein Beispiel der mesopotamischen synkretistischen Theologie, in der lokale Kulte unter einem Hauptnamen vereinigt wurden. Der Hymnus ist religioesgeschichtlich besonders wichtig, weil er die theologische Integration zahlreicher Heilgottinnen zu einem einzigen Gulafigur überliefert.
Inhaltlich beschreibt der Hymnus Gulas Tatigkeit als Ärztin. Sie ist «die große Ärztin, die die Klage in Freude wendet», sie «beruhigt die Wunde, indem sie sie verbindet», sie «lässt den Toten ins Leben zurückkehren».
Die letzte Wendung ist hyperbolisch, aber zeigt den Umfang der zugeschriebenen Heilkraft. Eine besondere Stelle ist die Aufzählung der Heilkraueter, deren genaue botanische Identifikation der modernen Forschung Schwierigkeiten bereitet. Stefan Maul hat diese Pharmakopoeie in seinen Studien zur babylonischen Heilkunst kommentiert.
Isin und Tempelarchäologie
Das Hauptzentrum des Gula-Kults war Isin, eine Stadt am unteren Euphrat, deren Tempel der Göttin den Namen E-gal-mah, der «große erhabene Palast», trug.
Die Stadt erlebte ihre Blütezeit im 20. und 19. Jahrhundert v. Chr. unter der Isin-Dynastie, deren Könige sich «Vom Hause der Ninisinna» (also Gula) erwählt nannten. Die Bauinschriften Lipit-Ischtars und Enlil-bani dokumentieren umfangreiche Stiftungen, darunter Tempelrenovierungen, Statuenweihen und Heilraumeinrichtungen.
Die deutsche Ausgrabung Isin unter Barthel Hrouda zwischen 1973 und 1989 hat den E-gal-mah weitgehend freigelegt. Im Tempelhof fand sich ein Brunnen, in den nach Heilung Hundefiguren als Votivgaben geworfen wurden.
Die Ausgräber bargen mehrere hundert Terrakottahunde, die über die Jahrhunderte ins Wasser gelegt worden waren. Diese ungewohnliche Quellengattung bestätigt die im Hymnus erwähnte Hundesymbolik der Göttin und gibt Einblick in die Volksfrommigkeit der Heilsuchenden.
Ein zweites großes Heiligtum stand in Nippur und ein drittes in Babylon, wo Gula in der spätbabylonischen Zeit zur staatstheologisch zentralen Heilgottin wurde. Die Tempelinschriften Nebukadnezars II. nennen sie als Stifterin der Genesung des Königs nach einer schweren Krankheit.
Auch in der Stadt Aschur in Assyrien gab es ein E-gal-mah, das von Sennacherib und Assurbanipal renoviert wurde. Diese überregionale Präsenz macht Gula zu einer der gesamtmesopotamischen Hauptgötter, vergleichbar in der Wirkung mit Ishtar oder Marduk.
Hund als Attribut und votive Praxis
Der Hund ist das wichtigste Attribut Gulas, was im Pantheon Mesopotamiens singulär ist. Andere Götter haben Stiere, Löwen oder Drachen, aber nur Gula hat den Hund als Tierbegleiter.
Auf den meisten Kudurru-Reliefs der mittelbabylonischen Zeit, vor allem auf dem Kudurru Meli-Shipaks (12. Jahrhundert v. Chr.), erscheint sie thronend mit einem sitzenden Hund zu ihren Füßen. Diese Bildtradition ist auch auf den Glasur-Backsteinen Nebukadnezars II. in Babylon belegt.
Historisch ist die Hundesymbolik vielschichtig. Hunde sind in Mesopotamien einerseits unrein und gefürchtet, andererseits Bewacher der Schwelle. In der Heilkunde ist der Hund vermutlich das gnostische Heiltier, dessen Speichel und Wundlecken in volkstümlicher Medizin als wundheilend galt.
Beate Pongratz-Leisten hat in ihren Studien zur babylonischen Religion auf die Doppeldeutigkeit des Hundes hingewiesen, der als rein und unrein zugleich verstanden wurde. Auch Karen Radner hat in mehreren Aufsätzen die Wechselwirkung von Heilritus und Hundverehrung untersucht.
Die votive Praxis umfasste neben den Tonhunden auch Modelle von kranken Körperteilen. In Tempelgrabungen wurden Lehmnachbildungen von Händen, Füßen, Augen und Genitalien gefunden, die Patienten als Bittgaben dargebracht haben.
Diese Praxis hat unmittelbare Parallelen in späteren griechischen Asklepios-Tempeln, vor allem in Epidaurus, wo Tonglieder von Geheilten zurückgelassen wurden. Eine direkte religionshistorische Kontinuität ist diskutiert, aber nicht eindeutig nachzuweisen.
Quellen und weiterführende Literatur
Antike Quellen: «Bullussa-rabi-Hymne» auf Gula, medizinische und Beschwörungstexte aus altbabylonischer und neuassyrischer Zeit, Inschriften aus Isin, Nippur und Sippar, Hymnen auf Ninisina und Ninkarrak, Anzu-Mythos in den Spätfassungen.
- Jean Bottéro, «Mesopotamia: Writing, Reasoning, and the Gods», Chicago 1992.
- Markham Geller, «Ancient Babylonian Medicine», Oxford 2010.
Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.





