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Jabmiidaibmu - Totenland und unterirdisches Reich der Verstorbenen in der samischen Tradition

Jabmiidaibmu, geschrieben auch Jamiaibmu, Jábme-aibmu oder Jamijmo, ist das Totenland der vorchristlichen samischen Religion. Es liegt unter der Erde und beherbergt die Verstorbenen. Religionswissenschaftlich gehört es zur weiten Klasse der unterirdischen Totenwelten in zirkumpolaren und nordeuropäischen Mythologien.

Toten-GeisterSamiTotenland und Unterwelt

Inhaltsverzeichnis

Jabmiidaibmu - Geister aus der Sami-Tradition, historisch-illustrativ

Einordnung und Kurzprofil

Jabmiidaibmu ist die unterirdische Totenwelt der samischen Tradition. Sie wird in den Quellen als kalter, schattenhafter Ort beschrieben, an dem die Verstorbenen weiterleben, ohne jedoch in der gleichen Form wie auf der Erde zu existieren.

Der Begriff setzt sich zusammen aus jábmi für Toter und áibmu für Welt oder Bereich. Jabmiidaibmu heißt also wörtlich Welt der Toten oder Totenbereich. Die Etymologie ist sprachlich klar und religionswissenschaftlich gut belegt.

Wissenschaftlich gehört Jabmiidaibmu zur weiten Klasse der unterirdischen Totenwelten, die in zahlreichen Religionen vertreten sind. Strukturell vergleichbar sind die Inuit-Adlivun (siehe Anguta), die griechische Unterwelt Hades, die altnordische Helheim und das mesopotamische Kurnugia.

Auch die Totenwelt Jabmiidaibmu ist in der jüngeren Forschung mit erweiterten Methoden untersucht worden, die ethnographische Genauigkeit, sprachliche Quellenkritik und vergleichenden Blick verbinden. Die samische Wissensgemeinschaft ist heute selbst Teil dieser Forschung und prüft ältere westliche Deutungen des Totenreichs kritisch nach, soweit sie von kolonialen Denkmustern gefärbt waren.

Als unterirdisches Reich der Verstorbenen fügt sich Jabmiidaibmu in das Muster einer zirkumpolaren religiösen Topographie ein, das über weite Räume hinweg wiederkehrt. Dass diese Struktur über tausende Kilometer hinweg ihre Grundzüge bewahrt, gehört zu den bemerkenswertesten Befunden der vergleichenden Religionswissenschaft und wird bis heute weiter diskutiert.

Name und Etymologie

Der Name Jabmiidaibmu ist eine sprachlich transparente Komposition. Jábmi oder jámet bedeutet im Samischen Toter, gestorben, dahingeschieden. Áibmu oder aibmu bedeutet Welt, Bereich, Sphäre. Die Komposition ist im Samischen produktiv und gehört zur Standardterminologie.

Etymologisch ist die Wurzel jábmi mit dem finnischen jämä für Rest oder Letztes verwandt und gehört zur finno-ugrischen Grundwortschicht. Die religionshistorische Tiefe dieser Wurzel ist erheblich und verweist auf eine alte Schicht der Totenkonzeption.

Dialektale Varianten sind Jamijmo im südsamischen, Jamiaibmu im umesamischen, Jábme-aibmu im nordsamischen Sprachgebrauch. Diese Vielfalt entspricht der allgemeinen dialektalen Differenzierung.

Ergänzend lässt sich religionssoziologisch fragen, welche Funktion die Vorstellung von Jabmiidaibmu in der sozialen Ordnung der traditionellen samischen Gemeinschaft erfüllte, etwa im Umgang mit Tod, Trauer und der Beziehung zu den Verstorbenen.

Religiöse Vorstellung und gesellschaftliche Praxis waren auch hier nicht getrennt, sondern eng verflochten. Diese Verflechtung bildet ein eigenes religionsanthropologisches Forschungsfeld, das insbesondere Håkan Rydving und Konsta Kaikkonen systematisch untersucht haben.

Eine weitere Dimension betrifft die heutige Bedeutung des Totenlandes für die samische Identitätspolitik. Mit der Sámi-Selbstverwaltung und der völkerrechtlichen Anerkennung indigener Rechte erhalten die überlieferten religiösen Vorstellungen wieder mehr Sichtbarkeit. Wie sich Religionsforschung und politische Anerkennung dabei verschränken, bildet ein eigenes Feld, dem die Wissenschaft in den letzten Jahren mehr Aufmerksamkeit widmet.

Topographie und Beschreibung

Jabmiidaibmu liegt unter der Erde und ist nicht direkt zugänglich. Die Verstorbenen werden nach dem Tod dorthin geleitet, und nur Schamanen können in Trance dorthin reisen, um die Toten zu sehen oder zu befragen.

In den Quellen, vor allem bei Schefferus, Leem und Læstadius, wird Jabmiidaibmu als kalter, dunkler, schattenhafter Ort beschrieben. Die Verstorbenen leben dort in einer schwächeren Form weiter, oft als Spiegelbild ihrer irdischen Existenz, aber mit gedämpfter Vitalität.

Religionsphänomenologisch ist diese Vorstellung kein moralisches Strafgericht im christlichen Sinn. Jabmiidaibmu ist nicht Hölle, sondern Totenwelt, die alle Verstorbenen aufnimmt, unabhängig von ihrem Lebenswandel. Diese ethik-ferne Konzeption ist religionsphänomenologisch ein eigenes Phänomen.

Der Weg in die Totenwelt

Der Weg in die Totenwelt ist in den samischen Quellen detailliert beschrieben. Die Seele des Verstorbenen geht durch eine eisige Tundra, überquert einen Fluss oder einen Berg und tritt schließlich durch eine Spalte unter der Erde in Jabmiidaibmu ein.

An diesem Übergang stehen verschiedene Wächter oder Hüter, die die Seele prüfen. In manchen Quellen ist die Hüterin eine Akka-Gestalt, in anderen ein männlicher Geist. Diese Hüter-Vorstellung ist religionsphänomenologisch typisch für Totenwelt-Übergänge.

Schamanen, die in Trance nach Jabmiidaibmu reisten, mussten diesen Weg ebenfalls zurücklegen. Konkrete Beschreibungen der schamanischen Reise nach Jabmiidaibmu sind in den Quellen detailliert, etwa bei Schefferus, der einen langen Bericht eines Noaidi über seine Trance-Reise nach Jabmiidaibmu wiedergibt.

Die Toten in Jabmiidaibmu

Die Toten leben in Jabmiidaibmu in einer Form, die ihrer irdischen Existenz spiegelt, aber gedämpft ist. Sie haben ihre Werkzeuge, ihre Familien, ihre Rentierherden, aber alles in schwächerer Form als auf der Erde.

Diese Vorstellung ist religionsphänomenologisch ein eigenes Phänomen und unterscheidet die samische Totentheologie von Traditionen, in denen die Toten in eine völlig andere Existenzform übergehen. Bei den Sami bleibt die Identität des Verstorbenen erhalten, nur die Intensität wird reduziert.

Wissenschaftlich entspricht dies einer Spiegel-Theologie der Totenwelt, die in vielen indigenen Religionen belegt ist. Die strukturelle Übereinstimmung mit anderen Traditionen ist religionsphänomenologisch ein eigener Befund.

Bestattungsrituale und Kontakt mit den Toten

Die samischen Bestattungsrituale waren eng auf Jabmiidaibmu bezogen. Der Verstorbene wurde mit Werkzeugen, Schmuck und manchmal mit getöteten Rentieren bestattet, die er in der Totenwelt brauchen würde. Diese Beigaben-Praxis ist religionsethnologisch detailliert dokumentiert.

Der Kontakt mit den Toten war über die Schamanen möglich. Bei Krisen, Krankheit oder Familienangelegenheiten konnte ein Noaidi nach Jabmiidaibmu reisen und die Toten befragen. Diese Praxis war religionsethnologisch ein zentraler Bestandteil der samischen Religion.

Die Toten konnten auch von sich aus in Erscheinung treten, vor allem als Träume oder als Geister, die in besonderen Momenten sichtbar wurden. Diese Vorstellung ist religionsphänomenologisch ein eigenes Phänomen und in vielen indigenen Religionen verbreitet.

Jabmiidaibmu im zirkumpolaren Vergleich

Jabmiidaibmu gehört zur weiten Klasse der unterirdischen Totenwelten, die in zirkumpolaren und nordeuropäischen Religionen verbreitet sind. Strukturell vergleichbar sind die Inuit-Adlivun (gehütet von Anguta), die altnordische Helheim (gehütet von Hel), die finnische Tuonela (gehütet von Tuonen) und die nenetzische Ngo‘-jelba.

Die Spezifik Jabmiidaibmus liegt in der detaillierten topographischen Beschreibung und in der elaborierten schamanischen Reisepraxis. Diese Tiefe der Tradition ist religionsphänomenologisch eigenständig und macht die samische Totentheologie zu einem gut erschließbaren Fall.

Innerhalb der finno-ugrischen Tradition ist die Tuonela-Vorstellung der Finnen die nächste Parallele. Die strukturelle Verwandtschaft ist erheblich und historisch gut dokumentiert. Diese Verwandtschaft verweist auf eine alte gemeinsame Schicht.

Mission und Verdrängung

Die christliche Mission hat Jabmiidaibmu teilweise mit Hölle, teilweise mit Fegefeuer, teilweise mit Limbus christlich umgedeutet. Diese Umdeutung führte zu erheblichen theologischen Verwirrungen, weil die ethik-ferne samische Konzeption nicht ohne Weiteres in das christliche moralische Schema passte.

Die rituelle Praxis der Bestattung wurde durch die Mission stark verändert. Beigaben wurden verboten, schamanische Reisen in die Totenwelt kriminalisiert. Reste der Tradition haben sich in der Familienpraxis und in oral tradierten Erzählungen erhalten.

Wissenschaftlich ist diese Mission-Geschichte ein eigenes Forschungsfeld. Die postkoloniale Aufarbeitung der samischen Totentheologie hat in den letzten Jahrzehnten erhebliche Fortschritte gemacht und korrigiert die ältere missionarisch geprägte Darstellung.

Forschung und heutiger Stand

Die Forschung zu Jabmiidaibmu ist breit. Håkan Rydving, Juha Pentikäinen, Anna Lia Berthelsen und Konsta Kaikkonen haben die Totentheologie systematisch erforscht und die spezifisch samische Konfiguration herausgearbeitet.

In der zeitgenössischen samischen Kultur ist Jabmiidaibmu in Joik-Texten, in samischer Literatur und in der bildenden Kunst präsent. Schriftsteller wie Nils-Aslak Valkeapää haben die Totenwelt-Vorstellung produktiv aufgegriffen.

Die wissenschaftliche Aufarbeitung Jabmiidaibmus ist im Gange. Konkrete Forschungslücken bestehen in der genauen Beziehung zwischen Jabmiidaibmu und Saivo als zweiter unterirdischer Welt der samischen Tradition. Diese Doppelung der Unterwelt ist religionsphänomenologisch eigenständig.

Lexikon-Querverweise

Jabmiidaibmu verbindet sich mit Saivo, Beaivi, Mánnu, Ráhka, Stallo, Sara-Akka, Uksakka, Juksakka und Madderakka. Der Kulturhub Sami-Tradition rahmt die Totentheologie. Strukturähnliche Totenwelten finden sich in der Inuit-Lemmata-Reihe bei Anguta und Adlivun.

Quellenlage: missionarische und volkskundliche Aufzeichnung

Über Jabmiidaibmu, die Herrin des samischen Totenreichs Jábmiidáibmu, ist kein einziger von Sami selbst verfasster vorchristlicher Text erhalten. Alles Wissen stammt aus zweiter Hand: aus den Aufzeichnungen lutherischer Missionare des 17. und frühen 18. Jahrhunderts und aus späteren volkskundlichen Sammlungen.

Die wichtigsten frühen Zeugen sind die dänisch-norwegischen Missionsberichte, insbesondere die Manuskripte im Umkreis von Thomas von Westens Missionscollegium, sowie die Arbeiten von Isaac Olsen und Jens Kildal.

Diese Quellen sind doppelt gefiltert. Erstens stammen sie von Menschen, die die samische Religion bekämpften und sie als Aberglauben oder Teufelsdienst beschrieben. Zweitens wurden viele Namen und Begriffe nach Gehör verschriftlicht, ohne einheitliche Orthographie, weshalb die Form des Namens stark schwankt.

Religionswissenschaftler wie Håkan Rydving haben darauf hingewiesen, dass die scheinbar systematischen Götterlisten der Missionare teilweise selbst Konstruktionen sind, die samische Vorstellungen in ein vertrautes Schema pressten.

Hinzu kommt die regionale Vielfalt. Die samische Kultur erstreckt sich über Norwegen, Schweden, Finnland und die Kola-Halbinsel mit mehreren eigenständigen Sprachen.

Eine Gestalt, die in südsamischen Quellen erscheint, muss nicht in nordsamischen oder skoltsamischen Überlieferungen dieselbe Rolle gehabt haben. Aussagen über Jabmiidaibmu sollten darum immer mit der Frage verbunden werden, aus welcher Region und welcher Aufzeichnungsschicht sie stammen.

Jábmiidáibmu als Ort: das Totenreich unter der Erde

In den überlieferten Vorstellungen ist Jábmiidáibmu zunächst ein Ort, ein unter der Erde gedachtes Reich der Toten, und erst in zweiter Linie eine personifizierte Herrin dieses Reiches.

Das samische Wort enthält den Stamm für „die Toten“ (jábmek) und ein Element für „Welt“ oder „Bereich“. Die Toten lebten dort nach den Aufzeichnungen ein Dasein, das dem irdischen ähnelte, mit umgekehrten oder gespiegelten Zügen.

Die Beziehung zwischen Lebenden und dem Totenreich war nicht endgültig getrennt. Mehrere Quellen berichten, dass der noaidi, der samische Ritualspezialist, in Trance hinab zu den Toten reisen konnte, um Verhandlungen zu führen, etwa bei Krankheit.

Krankheit wurde teilweise so gedeutet, dass die Toten einen Lebenden zu sich riefen. Der noaidi versuchte dann, eine Ersatzgabe anzubieten, häufig ein Tier.

In diesem Zusammenhang erscheint die personifizierte Herrin. Sie ist die Instanz, mit der verhandelt wird, die Gaben annimmt oder ablehnt. Anders als der christliche Tod ist sie nicht eindeutig bedrohlich oder strafend gezeichnet; sie verwaltet einen Bereich, dem jeder Mensch zufällt, und bleibt in den knappen Quellen blass.

Diese Blässe ist kein Mangel der Gestalt, sondern Folge der Überlieferung: Die Missionare interessierten sich für das, was sie als Götzendienst verurteilen konnten, nicht für die feinen Züge einer Jenseitsherrin.

Literatur (Auswahl)

  • Johannes Schefferus: Lapponia (Frankfurt 1673)
  • Knud Leem: Beskrivelse over Finmarkens Lapper (Kopenhagen 1767)
  • Lars Levi Læstadius: Fragmenter i lappska mythologien (Manuskript ca. 1840)
  • Håkan Rydving: The End of Drum-Time (Uppsala 1993)
  • Juha Pentikäinen: Saamelaiset (Helsinki 1995)
  • Konsta Kaikkonen: Sami Pre-Christian Religion (Helsinki 2020)

Verwandte Schlüsselbegriffe: Jabmiidaibmu Jamiaibmu Jábme-aibmu Sami Totenland Unterwelt Noaidi Bestattungsrituale.

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