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Saivo - Heilige Berg- und Seenwelt der Sami und Wohnstätte der Schamanen-Helfer

Saivo, geschrieben auch Sájvva oder Saaivo, ist in der vorchristlichen samischen Religion eine besondere Geisterwelt, die in bestimmten Bergen und unter den Seen lokalisiert wird. Hier wohnen die Saivo-Geister, die als persönliche Hilfsgeister der Schamanen fungieren. Religionswissenschaftlich gehört Saivo zu den eigenartigsten Konfigurationen der samischen Theologie.

GeistSamiHeilige Welt und Geister-Wohnstätte

Inhaltsverzeichnis

Saivo - Geister aus der Sami-Tradition, historisch-illustrativ

Saivo ist im samischen Glauben die Wohnstätte der Schamanen-Helfer, in heiligen Bergen und Seen.

Einordnung und Kurzprofil

Saivo ist topographische und religiöse Doppelbestimmung zugleich: ein heiliger Ort in der Landschaft (heilige Berge, heilige Seen) und eine Welt der Geister, die in diesen Orten wohnen. Diese Doppelbestimmung ist religionsphänomenologisch eigenständig und unterscheidet Saivo von rein topographischen oder rein theologischen Konzepten.

Die Saivo-Geister sind die wichtigsten persönlichen Hilfsgeister der samischen Schamanen (Noaidi). Jeder Schamane hatte einen oder mehrere Saivo-Helfer, die ihm in der Trance zur Seite standen. Diese Hilfsgeister konnten verschiedene Gestalten annehmen: Tier, Mensch, Mischwesen.

Religionswissenschaftlich ist Saivo eine eigenständige Konfiguration, die der Inuit-Tornarssuk-Vorstellung strukturell ähnelt, sich aber in der topographischen Verankerung unterscheidet. Diese Verankerung ist religionsphänomenologisch ein eigenes Phänomen und macht Saivo zu einem besonders interessanten Forschungsgegenstand.

Die heilige Berg- und Seenwelt Saivo ist in der jüngeren Forschung mit erweiterten Zugängen behandelt worden, die ethnographische Genauigkeit, sprachliche Quellenkritik und vergleichende Perspektive zusammenführen. Samische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind heute selbst an dieser Arbeit beteiligt und korrigieren ältere westliche Zuschreibungen, die zum Teil koloniale Prägungen trugen.

Mit seiner Doppelnatur aus heiligem Ort und Geisterwelt fügt sich Saivo in das Muster einer zirkumpolaren religiösen Topographie ein, das über weite Räume hinweg wiederkehrt. Dass diese Struktur über tausende Kilometer hinweg stabil bleibt, gilt der vergleichenden Religionswissenschaft als einer ihrer auffälligsten Befunde und bleibt Gegenstand laufender Diskussion.

Name und Etymologie

Der Name Saivo ist sprachlich nicht abschließend geklärt. Eine Hypothese verbindet ihn mit altnordischem für Meer oder See, was zur Wassersymbolik passt. Eine andere Hypothese sieht eine eigenständige uralische Wurzel mit Bedeutung heilig oder verborgen.

Etymologisch ist die Verwandtschaft mit dem finnischen säivö diskutiert worden, das ähnliche heilige Orte bezeichnet. Diese Verbindung ist religionsphänomenologisch produktiv und verweist auf eine alte finno-ugrische Schicht.

Dialektale Varianten sind Saivve im südsamischen, Sájvva im umesamischen, Sáivvu im nordsamischen Sprachgebrauch. Diese Vielfalt entspricht der allgemeinen dialektalen Differenzierung des Samischen.

Religionssoziologisch ist zu fragen, welche Funktion Saivo in der sozialen Ordnung der traditionellen samischen Gemeinschaft erfüllte. Da die Saivo-Geister als persönliche Helfer der Noaidi-Schamanen die rituelle Praxis trugen, war die religiöse Struktur eng mit dem gesellschaftlichen Leben verflochten.

Diese Verbindung bildet ein eigenes religionsanthropologisches Forschungsfeld, das vor allem Håkan Rydving und Konsta Kaikkonen systematisch untersucht haben.

Hinzu kommt die heutige Bedeutung Saivos für die samische Identitätspolitik. Im Zuge der Sámi-Selbstverwaltung und der völkerrechtlichen Anerkennung indigener Rechte gewinnen die heiligen Orte und ihre Geisterwelt erneut an Sichtbarkeit. Das Zusammenspiel von Religionsforschung und politischer Anerkennung ist dabei ein eigenständiger Untersuchungsbereich, der in den letzten Jahren mit erhöhter Aufmerksamkeit bearbeitet wird.

Topographie der Saivo-Orte

Saivo-Orte sind in der samischen Landschaft konkret verortet. Bestimmte Berge, bestimmte Seen, bestimmte Felsformationen werden als Saivo identifiziert. Diese Orte sind Adressen für Opfergaben und Anrufungen.

Charakteristisch ist die Vorstellung einer umgekehrten Welt unter dem Saivo-Berg oder dem Saivo-See. Während die Sami auf der Oberfläche leben, leben die Saivo-Geister in einer gespiegelten Welt darunter. Diese Spiegel-Vorstellung ist religionsphänomenologisch ein eigenes Phänomen.

Konkrete Saivo-Orte sind ethnographisch dokumentiert. Sie liegen in den traditionellen samischen Wohngebieten und sind oft mit besonderen visuellen Merkmalen versehen, etwa auffälligen Felsformationen, ungewöhnlichen Seen oder Bergen mit besonderer Form.

Die Saivo-Geister als Hilfsgeister

Die Saivo-Geister sind die persönlichen Hilfsgeister der Schamanen. Sie können in verschiedenen Gestalten erscheinen: Saivo-Lodde als Vogel-Geist, Saivo-Guelie als Fisch-Geist, Saivo-Sarvva als Rentier-Geist, Saivo-Olmmái als Mensch-Geist.

Jeder Schamane hatte einen oder mehrere persönliche Saivo-Geister, die ihm beim Beginn seiner schamanischen Berufung zugefallen waren. Diese Hilfsgeister waren mit dem Schamanen für sein ganzes Leben verbunden und konnten an die nachfolgende Generation weitergegeben werden.

Wissenschaftlich ist diese Hilfsgeister-Konstellation strukturell mit der Inuit-Tornait-Vorstellung verwandt (siehe Tornarssuk). Die strukturelle Übereinstimmung ist religionsphänomenologisch ein eigener Befund und verweist auf zirkumpolare schamanische Universalien.

Schamanische Praxis mit Saivo

Die Noaidi-Praxis war eng mit Saivo verbunden. Bei jeder Trance-Reise rief der Schamane seine Saivo-Helfer an, die ihm den Weg in die Anderswelt zeigten. Die Trance wurde durch Trommel und Joik induziert.

Die Saivo-Helfer konnten dem Schamanen bei verschiedenen Aufgaben zur Seite stehen: Heilung von Krankheiten, Wettervorhersage, Suche nach verlorenen Tieren, Kontakt mit den Toten in Jabmiidaibmu. Diese Vielfalt der Funktionen ist religionsphänomenologisch typisch.

Konkrete Berichte schamanischer Reisen sind in den Quellen Schefferus‘, Leems und Læstadius‘ detailliert dokumentiert. Diese Berichte sind religionsethnologisch zentral für die Erschließung der samischen schamanischen Praxis.

Saivo und die Verstorbenen

In manchen Quellen wird Saivo nicht nur als Geisterwelt, sondern auch als Aufenthaltsort bestimmter Verstorbener beschrieben. Die Vorfahren der Schamanen, also die früheren Noaidi, wohnen in Saivo und werden ihre Nachfolger als Hilfsgeister.

Diese Vorstellung verbindet Saivo mit Jabmiidaibmu in einer Doppelung der Totenwelten. Während Jabmiidaibmu für die gewöhnlichen Verstorbenen zuständig ist, ist Saivo eine spezielle Stätte für die Vorfahren der religiös Begabten.

Wissenschaftlich ist diese Doppelung der Totenwelten eine eigenständige Konfiguration. Sie unterscheidet die samische Tradition von Traditionen mit einer einzigen Totenwelt und ist religionsphänomenologisch elaboriert.

Saivo-Tabus und Opferpraxis

Die Saivo-Orte waren von zahlreichen Tabus umgeben. Wer einen Saivo-Berg besuchte, musste rituell rein sein, durfte bestimmte Worte nicht sprechen und musste Opfergaben mitbringen. Verstöße gegen die Saivo-Tabus konnten Krankheit, Jagdunglück oder Tod zur Folge haben.

Opfergaben an den Saivo-Orten bestanden meist aus Rentierhörnern, Knochen, Stoffstücken oder kleinen geschnitzten Figuren. Diese Praxis ist archäologisch teilweise belegbar, weil an einigen Saivo-Orten Opferreste gefunden wurden.

Die Erhaltung dieser Opferpraxis ist wissenschaftlich aufschlussreich. Sie erlaubt eine archäologische Verifikation der ethnographischen Aufzeichnungen und macht die Saivo-Religion zu einem besonders gut belegbaren Forschungsgegenstand.

Vergleich mit anderen Geisterwelten

Saivo gehört zur Klasse der topographisch verankerten Geisterwelten, die in zahlreichen indigenen Religionen vertreten sind. Strukturell vergleichbar sind die finnische Tuonela mit ihrer topographischen Verortung, die nenetzischen heiligen Berge und die nordamerikanischen Manido-Heimaten.

Die Spezifik Saivos liegt in der Doppelbestimmung als topographischer Ort und als Wohnstätte persönlicher Hilfsgeister. Diese Doppelbestimmung ist religionsphänomenologisch eigenständig und unterscheidet Saivo von rein topographischen oder rein theologischen Konfigurationen.

Innerhalb der finno-ugrischen Tradition ist Saivo verwandt mit der finnischen säivö-Vorstellung. Die strukturelle Verwandtschaft verweist auf eine alte gemeinsame Schicht. Diese Schicht ist religionshistorisch gut dokumentiert.

Forschung und heutiger Stand

Die Forschung zu Saivo ist breit aufgestellt. Håkan Rydving, Juha Pentikäinen, Anna Lia Berthelsen und Konsta Kaikkonen haben die Saivo-Theologie systematisch erforscht. Archäologische Arbeiten an Saivo-Orten ergänzen die ethnographische Quellenlage.

In der zeitgenössischen samischen Kulturrevitalisierung ist Saivo eine bedeutsame Figur. Die heiligen Berge und Seen werden heute als Teil des samischen Kulturerbes geschützt, was religionspolitisch ein wichtiger Erfolg ist.

Wissenschaftlich ist die Saivo-Aufarbeitung ein produktives Forschungsfeld. Konkrete Forschungsdesiderate bestehen in der archäologischen Erschließung weiterer Saivo-Orte und in der genauen religionsphänomenologischen Differenzierung der Saivo-Geister.

Lexikon-Querverweise

Saivo verbindet sich mit Jabmiidaibmu, Beaivi, Mánnu, Ráhka, Stallo, Sara-Akka, Uksakka, Juksakka und Madderakka. Der Kulturhub Sami-Tradition rahmt die heiligen Berg-Welten. Strukturähnliche Hilfsgeister-Wohnstätten finden sich in der Inuit-Lemmata-Reihe bei Tornarssuk.

Saivo als Ort und als Wesensbereich: zur Bedeutung des Begriffs

Der samische Begriff saivo (in regionalen Varianten auch saiva, sáiva) bezeichnet weniger ein einzelnes Wesen als einen ganzen Bereich der jenseitigen Welt. In den Quellen erscheint Saivo als eine Sphäre, die mit bestimmten heiligen Seen, Bergen und Plätzen der Landschaft verbunden war.

Charakteristisch ist die Vorstellung von Seen mit doppeltem Boden: Unter dem sichtbaren Gewässer liege ein zweiter, in dem eine eigene Welt mit eigenen Fischen und Wesen existiere.

Mit Saivo verknüpft war die Vorstellung, dass dort die saivo-Wesen lebten, zu denen Hilfsgeister der noaidi, der samischen rituellen Spezialisten, gerechnet wurden. Diese Geister konnten Tiergestalt annehmen, etwa als saivo-Fisch, saivo-Vogel oder saivo-Rentier, und unterstützten den noaidi bei seinen Reisen in die jenseitigen Bereiche.

Zugleich galt Saivo in manchen Überlieferungen als ein Aufenthaltsort der Toten oder bestimmter Ahnen, sodass der Begriff einen Raum bezeichnet, in dem sich Geisterwelt und Totenwelt berühren.

Die genaue Abgrenzung von Saivo gegenüber anderen jenseitigen Bereichen der samischen Kosmologie ist in den Quellen nicht einheitlich. Neben Saivo werden auch eine Unterwelt unter der Erde und himmlische Sphären erwähnt, und die Berichte widersprechen sich teilweise.

Das liegt einerseits an der regionalen Vielfalt der samischen Religion über ein riesiges Siedlungsgebiet hinweg, andererseits an der bruchstückhaften und durch christliche Beobachter gefilterten Überlieferung. Festhalten lässt sich, dass Saivo ein zentraler, aber begrifflich unscharfer Bestandteil der samischen Vorstellung von einer mehrschichtigen Welt war. Verwandte Konzepte heiliger Orte kennen auch andere nordeurasische Kulturen.

Saivo-Geister und schamanische Praxis: eine durch die Mission verzerrte Überlieferung

Die Verbindung von Saivo mit der Praxis der noaidi macht den Begriff für die Religionsforschung wichtig, zugleich aber besonders quellenkritisch heikel.

Fast alles, was über die saivo-Hilfsgeister bekannt ist, stammt aus dem Schrifttum christlicher Missionare des 17. und 18. Jahrhunderts, die den noaidi und seine Trommel als Werkzeuge des Teufels betrachteten. Berichte über saivo-Geister entstanden also im Kontext der aktiven Bekämpfung der einheimischen Religion.

Diese Entstehungssituation hat die Überlieferung in mehrfacher Hinsicht geprägt. Erstens wurden die saivo-Geister von den Beobachtern dämonisiert und in ein christliches Schema von Pakt und Besessenheit gepresst.

Zweitens interessierten sich die Aufzeichner vor allem für das Spektakuläre, etwa für die Trance des noaidi, während die alltäglichen Bezüge von Saivo zur Landschaft und zur Jagd weniger Beachtung fanden. Drittens stammen viele Angaben aus Verhörsituationen, etwa im Zusammenhang mit Prozessen gegen samische rituelle Spezialisten, was die Verlässlichkeit weiter mindert.

Die neuere Forschung, unter anderem die Arbeiten von Håkan Rydving und anderer Skandinavistinnen und Religionswissenschaftler, betont deshalb, dass das überlieferte Bild der saivo-Geister nicht als unmittelbares Abbild samischer Vorstellungen gelesen werden darf. Manche Einzelheiten dürften missionarische Konstruktion sein, andere immerhin den Kern einer einheimischen Tradition treffen.

Als relativ gut gesichert gilt die Grundvorstellung von Saivo als einem geisterbewohnten jenseitigen Bereich, der mit konkreten heiligen Orten in der Landschaft verknüpft war. Die Einzelheiten der saivo-Geister und ihrer Rolle in der noaidi-Praxis bleiben hingegen mit erheblicher Unsicherheit behaftet.

Literatur (Auswahl)

  • Johannes Schefferus: Lapponia (Frankfurt 1673)
  • Knud Leem: Beskrivelse over Finmarkens Lapper (Kopenhagen 1767)
  • Lars Levi Læstadius: Fragmenter i lappska mythologien (Manuskript ca. 1840)
  • Håkan Rydving: The End of Drum-Time (Uppsala 1993)
  • Juha Pentikäinen: Saamelaiset (Helsinki 1995)
  • Konsta Kaikkonen: Sami Pre-Christian Religion (Helsinki 2020)

Saivo gilt in der älteren samischen Überlieferung als heilige geisterheimat innerhalb der Berge und Seen, in der die Ahnen und schamanischen Helfertiere wohnen und vom Noaidi auf Trommelreisen aufgesucht werden.

Verwandte Schlüsselbegriffe: Saivo Sájvva Saaivo Sami Heilige Welt Geister-Wohnstätte Noaidi Hilfsgeister.

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